Maria – einmal anders (Blog 31)

Mit der Jungfrau Maria hatte ich schon immer meine Schwierigkeiten. Abgesehen von der wundersamen Geburtsgeschichte über deren Realitätsgehalt an anderer Stelle zu schreiben wäre ist eigentlich nur halbweg sicher, dass der „historische“ Jesus zu seiner Mutter ein eher distanziertes Verhältnis hatte (siehe Matthäus 12 Vers 46-50). Es ist wohl auch so, dass bei der Mission (zum Beispiel der Germanen) die Figur der Maria als eine Art „trojanisches Pferd“ des Christentums missbraucht wurde. Auf diese Gestalt ließen sich beispielsweise Fruchtbarkeitsgöttinnen der Vorgängerreligionen projizieren. In der katholischen Kirche hat sie mittlerweile den Status einer Halbgöttin.

Aber es gibt auch eine andere Maria – die mir wesentlich besser gefällt. Lukas schildert in in seinem Evangelium einen Besuch der schwangeren Maria bei ihrer Verwandten Elisabeth. Maria antwortet auf die Begrüßung Elisabeths (Du darfst dich freuen, denn du hast geglaubt…) mit dem sogenannten „Lobgesang der Maria“ (Lukas 1 Vers 46-55). Man achte auf die zweite Strophe:

Ich preise den Herrn
und juble vor Freude
über Gott, meinen Retter!
Ich bin nur eine einfache Frau,
ein unbedeutendes Geschöpf vor ihm,
und doch hat er sich mir zugewandt!
Von nun an wird man mich glücklich preisen
in allen kommenden Generationen;
denn Gott hat Großes an mir getan,
er, der mächtig und heilig ist.
Sein Erbarmen hört niemals auf;
er schenkt es allen die ihn ehren,
über viele Generationen hin.

Nun hebt er seinen gewaltigen Arm
und fegt die Stolzen weg samt ihren Plänen.
Nun stürzt er die Mächtigen vom Thron
und richtet die Unterdrückten auf.
Den Hungernden gibt er reichlich zu essen
und schickt die Reichen mit leeren Händen fort.
Unseren Vorfahren hat er zugesagt,
Israel Güte und Treue zu erweisen.
So hat er es Abraham versprochen
und seinen Nachkommen für alle Zeiten.
Nun hat er sich daran erinnert
und nimmt sich seines Volkes an.

Eine Maria , die soziale Gerechtigkeit fordert ? Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat in diesem Text ein revolutionäres Lied gesehen – und möglicherweise hat Lukas hier ein Kampflied aus der Makkabäerzeit verwendet und es an dieser Stelle passend verwendet. Mit historischen Geschehnissen und der „historischen Maria“ hat all das wenig zu tun. Das gilt aber auch für den Marienkult der katholischen Kirche. Zur Frau eines Zimmermanns passt dieses Lied allemal besser als ein „Ave Maria“.

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Als Quelle wurde neben den biblischen Texten verwendet: „Die Bibel verstehen“ von Norbert Scholl, Wissenschaftliche Buchgesllschaft 2004, ISBN 3-534-18105-0
www.wbg-darmstadt.de

Mein nächster Blog wird am kommenden Donnerstag (19.05.2005) möglichst um 16.15 uhr veröffentlicht

5 Gedanken zu „Maria – einmal anders (Blog 31)“

  1. Bei Maria finde ich am interessantesten, wie hoch sie verehrt wird, all diese Marienerscheinungen und ihre Heiligtümer und wie die Menschen sie anbeten. Nachweislich hat die Kirche stets ihre heiligen Orte auf bereits vorhandenen heiligen Orten errichtet. Die große Mutter scheint hier sehr präsent zu sein.
    Ich frage mich bis heute, warum nie jemand Jesus gesehen haben will oder Gott oder Johannes. Nein, immer nur Maria.
    Und das an allen Orten der Erde.
    Und dann die Jungfrau von Guadalupe- wer will dafür noch eine rationale Erklärung finden? Der Umhang und all das….

    Auch wenn Dan Browns Buch viele Fehler enthält, ich bin ihm dankbar, daß er gewisse Dinge ins Erinnerungsfeld der Menschheit zurück geholt hat.

    1. Nun ist das Christentum bis heute ja eine von Männern dominierte Religion; man kann sagen: Auf eine übertriebene, ungute Weise von Männern dominierte Religion. Die Marienverehrung füllt da sicher ein Vakuum. Sie ersetzt sicher auch teilweise die Göttinnen der Naturreligionen.

      1. Sehr richtig! Schade, daß sie so unflexibel ist, ein religiöses cross-over fände ich persönlich gar nicht so schlecht.
        Aber wer kann denn heute noch mit so einem „strafenden Vater-Gott“ was anfangen? Wer braucht das noch?

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