George Best und Reinhard Libuda (Blog 78)

Heute morgen las ich in der Zeitung, dass zur Beerdigung von George Best in Belfast 500.000 Menschen erwartet werden und sofort musste ich an Reinhard Libuda denken. Beide spielten Fussball. Beide hatten grosse Beerdigungen(Wobei Libudas Beerdigung doch einige Nummern kleiner ausfiel). Gab es sonst noch Gemeinsamkeiten? Sehr viele!

Beide hatten ihre beste Zeit als aktive Fussballspieler zwischen 1965 und 1973. Beide machten keine grosse Karriere in ihrer jeweiligen Nationalmannschaft. Beide waren keine Teamplayer. Beide waren starken Formschwankungen unterworfen. In ihren guten Spielen gelang ihnen alles in anderen wirkten sie wie abwesend. Beide kamen nach ihrer aktiven Zeit mit dem Leben nicht mehr klar. Beiden war letztendlich nicht zu helfen (George Best nicht mit einer neuen Leber, Reinhard Libuda nicht mit wirtschaftlicher Unterstützung). Beide wurden nicht alt.

George Best habe ich nur sehr vage wahrgenommen. Mit dem Weltempfänger meines Vaters war ich seinerzeit auf der Suche nach englischen Sendern – um gute Popmusik zu hören. Dabei geriet man auch schon mal an die Übertragung eines Fussballspiels. Ich erinnere mich auch ungenau an ein Fernsehportait in den 70er-Jahren. Reinhard Libuda dagegen habe ich häufig in der Glückauf-Kampfbahn spielen sehen.

Beiden gemeinsam war wohl auch, dass sie in ihren besten Momenten zeigten wie schön, wie faszinierend, wie atemberaubend Fussball sein kann. Unvergesslich Libudas Tor zum 2:1 im Europapokalspiel Liverpool gegen Dortmund 1966. Ich kann mir kaum vorstellen, in meinem Leben noch einmal solche Flanken zu sehen, wie er sie als Rechtsaussen schlug. Best und Libuda straften diejenigen Lügen, die über Fussball die Nase rümpften, die Hochmütigen, die diesen „Proletensport“ verachteten. Spieler wie sie zeigten, das Fussball eine von jedem wahrnehmbare nicht zu leugnende Ästhetik haben kann.

Es gab auch Unterschiede: Best wirkt aus heutiger Sicht wie ein füher Vorläufer David Beckhams: Dem Glamour nicht abgeneigt, dabei im Gegensatz zu Beckham aber auch zu Selbstironie und Zynismus fähig. Libuda dagegen war ausserhalb des Fussballplatzes schüchtern, unbeholfen und kaum in der Lage zwei zusammenhängende Sätze in der Sportschau von sich zu geben.

Was sie aber wieder verbindet: Beide wurden – wie die Anteilnahme an ihrem Tod zeigt – trotz ihrer unübersehbaren Schwächen von den Menschen geliebt. Vielleicht auch weil man ahnte, dass es Spieler wie sie künftig nicht mehr geben würde. Weil der geniale Ästhet keinen Platz mehr in den heute praktizierten Spielsystemen hat . Weil nur noch das Ergebnis zählt – egal wie es zustandekommt.

Auf einem Spaziergang kamen meine Frau und ich an einem Fussballplatz vorbei und wurden zufällig Zeuge der Vorbereitungsphase eines Kinderfussballturniers (Jungen, schätzungsweise 8-10 Jahre alt). Was lernten sie von ihrem Trainer: „Denkt daran, immer den Ball und den Gegner laufen lassen“. Weil heute alle so denken, weil schon den Kindern so etwas beigebracht wird, deshalb gibt es immer weniger schöne Fussballspiele und die Spiele der Nationalmannschaft sind vielleicht deswegen so unansehlich, weil hier besonders intensiv versucht wird, diese Theorien zu praktizieren.

Vielleicht sind die 500.000 Menschen bei George Bests Beerdigung auch ein Protest gegen diese Art, Fussball zu spielen.

2 Gedanken zu „George Best und Reinhard Libuda (Blog 78)“

  1. Ja, an Libuda kann ich mich (Jahrgang 1959) auch noch erinnern. Wenn er gut drauf war, hat er alle schwindlig gespielt. Dann war er unumstritten Deutschlands Dribbelkönig.
    Der Fußball wird immer flacher und die Stars immer flüchtiger. Oder liegt es an mir und meinem Alter, daß ich mich zwar noch gut an die Jahrhundertspiele (etwa Deutschland-Italien bei der WM 1970) und an die Namen der Weltmeisterelf von 1974 erinnern kann, mir hingegen richtig herausragende Spiele der jüngeren Vergangenheit oder auch die Weltmeisterelf von 1990 partout nicht einfallen wollen? Okay, die Europameisterschaft der Griechen hat mich begeistert. Es ist immer schön, wenn Außenseiter gewinnen. Aber sonst? Von wenigen Ausnahmen abgesehen finde ich Fußball immer öder.
    Oder liegt es doch an mir und meinem fortgeschrittenen Alter? Wer den „Standfußballer“ Günter Netzer (Rudi Völler) in den glorreichen siebziger Jahren miterlebt hat, ist vermutlich zu verwöhnt und weiß das heutige Spielsystem nicht richtig zu schätzen.

  2. Ja meine Güte – es geht im Sport halt schon immer und immer noch in erster Linie ums Gewinnen! Nicht um die Ästhetik, nicht um Fair-Play, nicht um „Dabeisein ist alles“ – es geht nur um Siege. Das muß man schon mal akzeptieren.

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