In Bus und Bahn: Ulysses (Blog 95)

Ort: Duisburg Hauptbahnhof. Bahnsteig 8. Zeit: Freitag nachmittag, viertel vor fünf (16.45 Uhr). Die Sklavenarbeit ist überstanden – wenigstens für den Rest dieser Woche. Endlich Wochende!
Mein Zug fährt erst in einer Viertelstunde. Da könnte man sich in den Warteraum setzen und noch zwei bis drei Seiten im Ulysses lesen. Der Raum ist leer – bis auf ein Paar in meinem Alter (Anfang 50) . Er im olivgrünen Parka, Haare fettig – sieht aus, als sei er in den frühen 70er Jahren auf dem Schulhof stehen geblieben. Sie im hellbraunen Kunstledermantel und mit kunstblonden Haaren. Sie unterhalten sich leise miteinander.

Als ich mich gerade gesetzt und das Buch aufgeschlagen habe, schwillt das Gemurmel an, wird zunehmend störender und dann explodiert es. Er wird zuerst laut: „ Ach Linda! Mach mir keine Vorhaltungen! Ich ertrag das nicht!“ Aber sie kann es auch ganz gut: „Immer wenn man Dir was Unangenehmes sagt, fängst Du an zu bellen!“ und so geht es weiter…..

Das wars wohl für heute mit dem Ulysses. Heute komme ich der Erfüllung meines Vorsatzes (Siehe Blog 83: 31.12.05) nicht näher. Da lob ich mir doch ein Dutzend dumpfer Jugendlicher, deren Ohren mit den Stöpseln ihrer MP3-Player versiegelt sind und deshalb nicht lautstark miteinander kommunizieren. Die stören wenigstens bei der Lektüre nicht.

Es wird nun die eine Zweiflerin oder den anderen Zweifler geben, die befremdet die Stirn runzeln.
Ein Buch wie den Ulysses im Zug oder in der Wartehalle lesen geht das überhaupt ? Muss man sich da nicht konzentrieren, braucht man nicht ein ruhiges Umfeld und einige Nachschlagewerke in Griffweite? Antwort: Eigentlich ja, aber es geht auch anderes. Ich bin normalerweise froh, wenn ich nach der Arbeit kurzfristig ins Dublin des frühen 20. Jahrhunderts abtauchen kann. Ich freue mich, diese Möglichkeit zu haben. Andere zanken mit ihrer Frau oder zerstören allmählich ihr Hörvermögen – ich habe den Ulysses.

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