In Bus und Bahn unterwegs: Zu Gast bei Freunden (Blog 113)

Gelsenkirchen ist WM-Stadt. Morgen spielt hier Portugal gegen Mexico. Man kommt nicht umhin, es zu registrieren. In meinem Stadtteil gibt es schon seit Jahrzehnten einen relativ hohen Anteil portugiesischer Einwohner. Ich bin lange zu einem portugiesischen Frisör gegangen. Es gibt portugiesische Gaststätten und Lebensmittelläden. Die haben alle entsprechend geflaggt. Fahren hupend durch die Strassen, wenn sie ein Spiel gewonnen haben.

Aber auch Mexikaner nimmt man wahr. Gestern Abend zogen drei durch die S-Bahn. Einer spielte Trompete, einer Akkordeon, der dritte sammelte Geld. Heute morgen fielen mir im Bahnhof etliche gefüllte Schlafsäcke in der Nähe mexikanischer Fahnen auf und heute Nachmittag auf der Rückfahrt von Duisburg kamen zwei Mexikanerinen (trugen mexikanische Trikots, sahen auch so aus) in den Zug. Setzten sich natürlich nicht zu dem 52-jährigen Buchleser sondern zu dem jungen Mann mit der sehr kurzen Frisur und dem Lonsdale -Shirt. Die beiden sprachen ganz gut Englisch, erzählten ihm, dass sie nach Gelsenkirchen zum Fan-Fest wollten und morgen Abend zum Spiel der Mexicaner. Wo denn Deutschland heute spiele fragten sie ihn. Und was antwortet der Idiot ? „ I have no Interest in football“. Schöne Freunde.

Ich habe die beiden dann noch auf dem Bahnhof davor bewahrt, in die falsche Richtung zu gehen. Zeigte Ihnen den Weg zur Strassenbahn. Dort waren schon etliche Mexikaner versammelt. Ich hoffe, sie haben schöne Tage hier.

Digitaler Maoismus (Blog 112)

So ist ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Freitag (16.06.2006 Feuilleton Seite 11) überschrieben. Dort wird die deutsche Übersetzung eines Essays, den der Computerwissenschaftler Jaron Lanier (ich gestehe: Bis dato war er mir unbekannt) im Onlineforum www.edge.org veröffentlicht hat. Lanier schildert, dass er im Onlinelexikon Wikipedia als Filmregisseur geführt wird. Dabei habe er nur einen einzigen Experimentalfilm gedreht – und das vor 15 Jahren. „Jedes Mal wenn mein Wikipedia-Eintrag korrigiert wird. verwandele ich mich allerdings in kürzester Zeit wieder in einen Filmregisseur. In den vergangenen Wochen haben mich gleich zwei Reporter zu meiner Karriere als Filmemacher befragt.“

Lanier hat Schwierigkeiten damit „wie wichtig und ernst Wikipedia nach kurzer Zeit genommen wurde. Das ist ein Beleg für den Siegeszug eines Online- Kollektivismus, der nichts anderes bedeutet, als die Wiederauferstehung der Idee, dass das Kollektiv über eine allwissende Weisheit verfügt, die man zentral bündeln und lenken muss. Dies ist das Gegenteil von Demokratie…Wenn die extreme Rechte oder die extreme Linke in der Vergangenheit versucht hat, uns diese Idee aufzuzwingen, hatte das jedes mal grausame Konsequenzen. Dass uns heute prominente Technologen und Futuristen diese Idee nahebringen wollen, macht sie nicht ungefährlicher.“

Nun gehöre ich zu denen, die Wikipedia fast täglich nutzen, freiwillig dafür zahlen und froh sind, dieses Online-Lexikon zur Verfügung zu haben. Mein erste Eindruck war der, das diese Kritik masslos ist. Aber vielleicht bin ich auch zu unkritisch. Unabhängig von Laniers Essay habe ich kürzlich festgestellt, das Wikipedia Schwächen hat. Ich will ein Beispiel aus einem Bereich nennen, mit dem ich mich intensiv befasse und deshalb Kenntnisse habe: Evangelische Theologie.

Ich habe die Eintäge über zwei protestantische Theologen aufgerufen: Zeitgenossen, beide überwiegend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkend. Rudolf Bultmann (1884 – 1976) gilt wie bei Wikipedia nachzulesen ist als einer der einflussreichsten evangelischen Theologen des
zwanzigsten Jahrhundert. Ich kann an dieser Stelle nicht detailliert auf sein Wirken eingehen, aber ich glaube man kann sagen, das es ihm und seinen Schülern im wesentlichen zu verdanken ist, das der deutsche Protestantismus in den vergangenen Jahrzehnten nicht – wie in Amerika – in den Fundamentalismus abgeglitten ist. Er wird in einem knappen Artikel gewürdigt der seiner Bedeutung nicht gerecht wird.

Und dann gibt es da einen Eintrag über den württembergischen Theologen Karl Heim (1874 -1958),
dessen Wirken – ohne ihm nahetreten zu wollen – nicht so wichtig für die theologische Entwicklung des Protestantismus war, dessen Eintrag aber ungefähr den zehnfachen Umfang des Bultmann-Eintrags hat. (Über ihn und sein Werk gibt es offenbar auch mehr zu berichten als über Bertrand Russell oder James Joyce). Wer sich nun nicht mit der Thematik befasst muss fast zwangsläufig zu dem Schluss kommen, Heim sei der bedeutendere Theologe. Dabei hat er in diesem Fall nur den grösseren Fan. Oder andere Möglichkeit: Die „Karl-Heim-Gesellschaft…“ ist sich der Möglichkeiten und der Wichtigkeit des Internets bewusster als die „Rudolf – Bultmann – Gesellschaft…“ (Beide gibt es).

Insofern hat Lanier recht. Wir sollten Wikipedia künftig weniger euphorisch sehen und die Einträge einer kritischeren Würdigung unterziehen.

Die aktuellen Bierpreise (Blog 111)

Ich bin dankbar, ihn in meiner Nähe zu wissen, keine zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt. Hier verbringe ich gern einige Zeit, betrachte die angebotenen Köstlichkeiten, treffe nach langem Überlegen die Wahl, bringe die erworbenen Schätze schliesslich heim. Ja, ein gutsortierter Biermarkt ist schon etwas Feines!!

Was ich bisher kaum beachtet hatte, waren die Preisschilder. Ich kaufe kein Bier weil es billig ist. Entweder möchte ich einen vertrauten Geschmack geniessen oder etwas Neues probieren. Unvorstellbar, eine Plastikflasche anonymen Bieres beim Discounter zu erwerben weil es einige Cent billiger ist oder die Produkte des ominösen Herrn Oettinger zu goutieren. Nein, eher würde ich – sollten die sozialen Unabwägbarkeiten des Lebens es mir auferlegen, auf den Preis achten zu müssen – gar kein Bier mehr trinken als schlechtes.

Aber heute fiel mein Blick eher zufällig auf die – recht hoch angebrachten – Preisschilder und ich entdeckte, dass darauf neben dem Preis des Kastens auch der Literpreis angegeben war. Der Kaufmann in mir regte sich und ich begann die Preise zu vergleichen. Die angegebenen Preise gelten in der Regel bei kastenweiser Abnahme und einer Flaschengrösse von 0,5l bei Bieren Pilsener Brauart für 1 Liter. Ich übernehme keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben, nenne auch bewusst den Händler nicht und verkaufe selber natürlich kein Bier.

Fangen wir unten an. Am billigsten sind die Dortmunder Biere:

Dortmunder Aktienbier 0,88 €
Thier 0,90 €
Brinkhoffs Nr. 1 1,10 €

Exportbier ist noch billiger zu haben, aber kaum noch zu bekommen. In einer Ecke fand ich einige verstaubte (wirklich!) Kästen:

Dortmunder Union 0,70 €
DAB Export 0,88 €

Seit die Dortmunder Brauerein Anfang der 70er Jahre den damaligen Trend zu Bieren Pilsener Brauart verschliefen sind sie im ständigen Niedergang begriffen (Selbst im Stadion von Borussia Dortmund wird kein in der Stadt hergestelltes Bier mehr beworben).

Profiteuere dieses Niedergangs waren die Saurländer Brauerein:

Veltins 1,15 €
Warsteiner 1,22 €
Krombacher ?

Gelsenkirchen, die Stadt in der ich lebe, hat seit Ende der 70er Jahre (bis auf eine Hausbrauerei) keine eigene Brauerei mehr. Bis dahin gab es die Glückauf-Brauerei (wurde seinerzeit an der Düsseldorfer Börse notiert) die dann von DUB-Schultheiss (später Brau und Brunnen) übernommen und bald geschlossen wurde. Der Käufer war wohl nur an den Gaststätten interessiert. Aber in den Nachbarstädten gibt es noch Brauerein:

König Pilsener (Duisburg) 1,08 €
Fiege (Bochum) 1,10 €
Stauder (Essen) 1,15 €

Im Zeitalter der Globalisierung dürfen natürlich einige internationale Marken nicht fehlen:

Tuborg (Dänemark) 1,00 €
Pilsener Urquell (Tschechei) 1,25 €
Fosters (Australien) 1,30 €

Und nun die Überraschung: Das mit Abstand teuerste Bier – ich hätte es nie vermutet – kommt aus Holland. HEINEKEN verlangt allen Ernstes 2,52 € pro Liter. Gut, es handelt sich in diesem Fall um 0,33 l Flaschen. Wie absurd dieser Preis ist zeigt sich auch daran, dass Grolsch – für mich das eindeutig bessere niederländische Bier – nur 1,51 € pro Liter kostet (auch in der 0,33 l Flasche) und selbst der 6er-Pack Guiness für umgerechnet 2,17 € pro Liter zu haben ist.

Nun trinke ich gelegentlich – wenn ich in den Niederlanden bin – Heineken Bier. Nicht weil es gut schmeckt, sondern eher aus sentimentalen Gründen. Das Zeug erinnert mich an Urlaube in den 70er Jahren: Segeln auf dem Ijsselmeer, Billardspielen, niederländische Freundinnen, Kroketten und Heineken – irgendwie gehört das für mich zusammen. Rein vom Geschmack her betrachtet ist Heineken ein Bier, das die Welt nicht unbedingt braucht. Angesichts der Umsatzzahlen muss ich aber zugeben, dass die Welt anderer Meinung zu sein scheint. Ich bin mir nicht ganz sicher, glaube mich jedoch an ein Zitat von Bertrand Russel zu erinnern, das sinngemäss lautet: Auch wenn alle einer Meinung sind, besteht die Möglichkeit, dass sich alle irren. Dies scheint mir so ein Fall zu sein.

Was Marilyn Monroe und ich gemeinsam haben (Blog 110)

Eigentlich war sie mir bisher gleichgültig. Eine Frau, die wie Marilyn Monroe aussieht finde ich nicht attraktiv. Würde sie mir auf der Bahnhofstrasse (nein, nicht in Zürich – in Gelsenkirchen) begegnen, ich würde mich nicht nach ihr umschauen. Auch die Filme in denen sie mitgespielt hat und die man fast zwangsläufig irgendwann einmal im Fernsehen sieht, würde ich mir freiwillig kein zweites Mal ansehen. Mich beeindrucken eher (körperlich) grosse, ernste Frauen. Aber Optik ist nicht alles (Hier werden Männer von Frauen in der Regel falsch eingeschätzt) und so bin ich schon mehr als ein Jahrzehnt glücklich mit einer eher kleinen, lebhaften Frau verheiratet und froh darüber, dass es so gekommen ist.

Zurück zu Marilyn Monroe. Wenn ich behaupte, sie beeindrucke mich nicht, ist das nicht kokett oder arrogant gemeint. Im Gegenteil: Es beunruhigte mich bisher, dass sie mich nicht beunruhigte. Können denn so viele Männer irren? Entging mir da etwas? War ich etwa kein normaler Mann, wenn dieser Mythos mir nichts bedeutetete? Hin und wieder habe ich mich das gefragt.

Deswegen bin ich doch froh, nun eine Gemeinsamkeit gefunden zu haben. Offenbar hat Marilyn Monroe zumindest versucht, den „Ulysses“ zu lesen. Es gibt Fotos von ihr, die sie in diesem Buch lesend zeigen. Könnten natürlich ein gestellte Aufnahmen sein. Aber die Fotografin Eve Arnold versicherte, sie habe seinerzeit Marilyn Monroe bereits im „Ulysses“ lesend angetroffen. Sie habe gesagt, dass sie den Ton des Buches möge. Sie würde es laut lesen , um es besser zu verstehen, aber es sei harte Arbeit.

Ich unternehme zur Zeit meinen dritten Versuch, den „Ulysses“ zu lesen. Die wiedergegebenen Aussagen halte ich für glaubwürdig. Hab es auch schon mit lautem Lesen versucht – und es ist wirklich ein hartes Stück Arbeit (Siehe meinen Blogeintrag Nr. 96 „Tausend Seiten für einen Tag“ vom 28.03.06) und noch nicht ausgemacht, ob ich es schaffen werde oder scheitere (habe gerade 480 von 1014 Seiten hinter mir). Das Marilyn Monroe seinerzeit die gleichen Probleme mit diesem Buch hatte, das macht sie mir nun doch sympatisch und lässt ein Gefühl von Verbundenheit und Nähe entstehen. Vielleicht sollte ich mir doch noch einmal einen ihrer Filme anschauen…..

Wer eines der erwähnten Fotos sehen will, sei auf folgenden Link verwiesen:

http://www.flickr.com/photos/73078475@N00/54175261/