Globalisierung im Alltag: Post von Cheryl (Blog 120)

Neulich erhielt ich Post von einem österreichischen Lieferanten. Einer seiner leitenden Angestellten hatte – wie üblich auf eigenen Wunsch – die Firma verlassen. Der Brief war in englischer Sprache verfasst. Einem eigentümlichen Englisch. Ich hatte den Eindruck es sei zunächst eine deutsche Vorlage erstellt und dann ein Wörterbuch aus den 50er Jahren zur Hand genommen worden. Ein biederer Mittelständler aus der Holzindustrie wollte globalisiertes Unternehmen (vor)spielen, sparte jedoch am Übersetzer. Lächerlich so etwas, da wir mit den Österreichern zumindest eine gemeinsame Schriftsprache haben. Das war mein spontaner Eindruck.

Später fiel mir ein, was mir vor Jahren der Aussendienstler eines skandinaviswchen Chemiekonzerns erzählt hatte. Das Unternehmen hatte Englisch zur „Firmensprache“ gemacht und die Belegschaft der Hauptverwaltung sprach nun – obwohl zum weitaus grössten Teil aus Schweden bestehend – am Arbeitsplatz Englisch miteinander.

Die Entwicklung wird wohl dahingehen, dass die Englische Sprache schon in den nächsten Jahrzehnten unser Alltagsleben in einer Weise dominieren wird, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Werbespots in denen kein deutsches Wort mehr vorkommt und rein englische Beschriftungen von Geräten der Unterhaltungselektronik sind nur der Anfang. Als Wissenschaftssprache (über 90% aller wissenschaftlichen Publikationen werden in Englisch verfasst) und erst recht in der Wirtschaft ist der Zug bereits lange abgefahren.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich schätze die Englische Sprache, habe sie als Kind und Jugendlicher leicht und gerne gelernt und halte sie als „Lingua franca“ (als gemeinsame Sprache von Menschen verschiedener Muttersprachen) für unentbehrlich. Ich glaube auch nicht, das es sich hier um ein Problem meiner Generation handelt. Wir haben seinerzeit eh lieber den britischen Soldatensender BFBS als Radio Luxemburg gehört und Pop Songs ins Deutsche übersetzt. Aber die Älteren (aus meiner Sicht die Menschen über sechzig) und die Jüngeren (aus meiner Sicht die unter Dreissigjährigen) haben in dieser Hinsicht offenbar grössere Schwierigkeiten. Bei den Älteren handelt es sich um die „normale“ Aversion gegen das Ungewohnte und wohl auch – immer noch – um eine Spätfolge nationalsozialistischer Erziehung.

Bei den Jüngeren ist es – wie ich zu wissen glaube, seit ich einer meiner Nichten Nachhilfeunterricht in Englisch gab – ein Problem der Vermittlung. Hier sind die Schulen ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden. Darüberhinaus gibt es jedoch auch einen Widerstand gegen eine Vereinnahmung durch die Angelsächsische Kultur. Nicht uninteressant ist in diesem Zusammenhang der anfängliche Erfolg des deutschen Popmusiksenders VIVA dem zunächst kaum jemand eine Chance gegen MTV gab, der aber seinem amerikanischen Vorbild jahrelang das jugendliche Publikum erfolgreich streitig machte. Auch die Adaption der Rapmusik an die deutsche Sprache durch die Jugendlichen ist ein bemerkenswertes Phänomen.

Wie wird es weitergehen ? Werden wir im kommenden Jahrhundert nur noch Englisch sprechen ? Wird Deutsch dann – ähnlich wie heute Latein – als eine kulturgeschichtlich wichtige, aber nicht mehr lebendige Sprache nur noch an Gymnasien gelehrt werden ? Ausgeschlossen ist eine solche Entwicklung nicht. Aber eine solche Perspektive macht mir keine Angst. Ich freue mich an den sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, die ich heute in meiner Zeit habe, sehe mit Interesse lokale Entwicklung wie die Vermischung von deutscher und türkischer Sprache ( hier im Ruhrgebiet zu beobachten) und bin eigentlich unbesorgt. Eine Sprache stirbt nicht, solange sie geliebt wird. Aber was lebt verändert sich und das sollte man zu verstehen versuchen.

Übrigens habe ich noch einen Brief bekommen: Von einer englischen Firma, die vor kurzem ihre deutsche Niederlassung geschlossen hat. „Die Buchhaltung befindet sichh jetzt in North Shields (Nordostengland)….sollten Sie…..weitere Informationen benötigen…zögern Sie nicht, sich mit mir in Verbindung zu setzen“….schreibt mir Cheryl Heslop von der Kreditkontrollabteilung.

Österreicher schreiben mir in fragwürdigem Englisch, Engländer wiederum lassen in korrektem Deutsch von sich hören. Alles gleicht sich aus.