Wie sich Globalisierung entwickelt (Blog 131)

Allein schon die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 82 Millionen (in Ziffern: 82.000.000) Deutschen stehen eine Milliarde (1.000.000.000) Inder und 1,3 Milliarden (1.300.000.000) Chinesen gegenüber. Und da hierzulande die Arbeitszeiten zu kurz, die Löhne immer noch zu hoch und die Urlaube zu lang sind werden wir und mit uns die anderen europäischen Staaten global gesehen wirtschaftlich bedeutungslos werden. So hören wir es fast täglich von Unternehmern, Politikern und der Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler. Und wenn man nicht gleich seine Handysparte an Taiwanesen verkauft, droht man damit, hierzulande Arbeitsplätze abzubauen und stattdessen im vielgelobten Reich der Mitte zu investieren. Viel Vergnügen dabei! Aber – und nur diese Frage interessiert den Unternehmer doch letztlich – lohnt das wirklich? Zweifel sind erlaubt.

Der Chefökonom der „Financial Times Deutschland“, Thomas Fricke, hat in den letzten Wochen drei lesenswerte Kolumnen verfasst, in denen er Aspekte der Globalisierung schildert, die bisher nicht im Vordergrund des Diskussion stehen. Dieser Blogeintrag soll dazu beitragen, dies zu ändern.

Fricke schildert zunächst das Bild von der Globalisierung, das uns von der Mehrzahl der Medien seit Jahren nahegebracht wird: „Weltweit lauern Chinesen, Inder und andere darauf, uns immer mehr Jobs zu nehmen, weil sie billiger sind, genügsam…..und überhaupt weder Urlaub, Kündigungsschutz, noch sonst etwas zum Leben brauchen.“ Aber wenn das so ist, weshalb sind wir dann überhaupt noch da ? „Warum fahren trotz Billigkonkurrenz auf unseren Strassen immer noch keine chinesischen Autos, haben gut 90 Prozent der Menschen hier noch einen Job…..exportieren wir Jahr für Jahr mehr statt weniger und investieren Unternehmen…..gerade zweistellige Milliarden in Deutschland?“ Hier einige der Antworten:

Weil die Globalisierung bei weitem nicht so stark von der Billigkonkurrenz bestimmt ist, wie es den Anschein hat. Natürlich macht es mich nachdenklich, wenn ich im Duisburger Hafen täglich die wachsenden Containerberge asiatischer Herkunft sehe. Natürlich registriere ich das wachsende Angebot aus Asien stammender Kleidung. Aber: „Laut Bundesbank haben die Deutschen 2005 mehr in der Schweiz investiert als in allen EU-Beitrittsländern…..zusammen. Die Firmeninvestitionen in China erreichen gerade 0,13 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Und bei den Importen sieht es so aus, dass wir immer noch mehr aus den Niederlanden importieren als aus dem Niedriglohnland China.

Weil auch Asiaten vom Wirtschaftswachstum ihrer Länder profitieren und nicht ewig anspruchslos bleiben wollen. „Die Konsequenz ist, das die Löhne steigen, in teils enormen Tempo…..Nach Unctad-Schätzungen steigen die Löhne in China seit 1995 landesdurchschnittlich um 10% …..Branchenkenner melden, dass für indische IT-Kräfte mittlerweile 40.000 Dollar gezahlt werden ….. und selbst im Perlflussdelta (Kanton) fehlen Kräfte, die unter den dortigen Bedingungen arbeiten wollen. Worauf die Regierung den Mindestlohn in den vergangenen Monaten gleich dreimal anhob“ (Ich hoffe, dass deutsche Investoren von diesen Massnahmen betroffen sind). „Chinas Regierende planen bereits, die Sozialversicherungssysteme stark auszubauen – um die Angst vor Altersarmut zu dämpfen und so die…..Sparquote von geschätzten 35 – 50% zu dämpfen“.

Die Schlussfolgerung des Autors: „Globalisierung geht offenbar anders. Die meisten Billigländer sind (noch) billig, weil sie trotz Geschwärme (noch) nicht so viel bieten wie reife Ökonomien. Wenn sie besser werden, sind sie sehr schnell auch nicht mehr billig.“

Und nun, liebe Unternehmer, viel Spass beim investieren im mittleren und fernen Osten.

Wer die zitierten Artikel lesen möchte, sei auf folgende Links verwiesen:

http://www.ftd.de/meinung/leitartikel/113336.html
http://www.ftd.de/meinung/leitartikel/115299.html
http://www.ftd.de/meinung/leitartikel/117607.html

3 Gedanken zu „Wie sich Globalisierung entwickelt (Blog 131)“

  1. Interessante Aspekte und sicher nicht aus der Luft gegriffen.

    Wenn wir nur in dem engen Horizont unserer Lebenserwartung denken, mag es ein Problem darstellen … denken wir an die Enkel … dann hat sich das „Problem“ China eher erledigt. Aufgrund der Geburtenkontrolle wird dieses Land in 40 Jahren von Alten übervölkert sein und vor unlösbaren Problemen stehen … ähnlich wie wir in 20 Jahren … nur nicht ganz so dramatisch wie China.

    In Indien sieht es anders aus, das könnte durchaus eine kommende Weltmacht werden, so sie nicht an der Armut des überwiegenden Teils der Bevölkerung vorher zerbricht.

    Dank dir für den Beitrag, der mich zum Nachdenken angeregt hat.

  2. http://www.globalisierung-zaehmen.de

    Sehr geehrte Damen und Herrn!

    Mit einer „Transatlantischen Freihandelszone“ wachsen die Risiken und
    mit der Raketenabwehr in Polen noch mehr!

    Globalisierung eröffnet riesige Chancen auf dem Wege der Beseitigung von Hunger, Elend und Armut in der Welt. Die wirtschaftlichen und technischen Vorraussetzungen sind vorhanden und werden seit Jahren dynamisch und erfolgreich realisiert. Eine bessere Welt ist möglich und es wird schon daran kräftig gearbeitet. Allein in China ist unter geschickter Nutzung der „Globalisierung“ aus bitterer Armut eine Mittelklasse entstanden von 300 Millionen Menschen, die in etwa der gesamten Bevölkerung der USA entspricht und an den Lebensstandard der reichen Industriestaaten heranreicht.

    Globalisierung birgt aber auch große Gefahren und Risiken für den inneren Frieden, insbesondere in den entwickelten westlichen Industriestaaten, wenn immer mehr einheimische Arbeitsplätze verloren gehen und abwandern. „Globalisierungskritik“ und „Vorfahrt auf dem freien Weltmarkt“ gepaart mit „Heimatschutz“ und „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“ eignet sich gut für „Chauvinismus und Nationalismus“. Der Weltfriede, der äußere Friede zwischen den Völkern kann empfindlich gestört werden. Wichtiges Ziel muß es sein, eine Welt in „Harmonie nach innen und außen“ zu schaffen.

    Aufstrebende Schwellen- und Entwicklungsländer scheinen Strategien zu entwickeln, die dem Aufbau und der Entwicklung ihrer Volkswirtschaften dienen und nicht vor allem den Profitinteressen Einzelner. Sie gehen zunehmend bilaterale Handelsbeziehungen ein und arbeiten in Süd-Ostasien, in Latein- und Mittelamerika und sogar im arabischen Raum an dem Aufbau von Währungs- und Wirtschaftsgemeinschaften, die Ähnlichkeit mit der „Europäischen Gemeinschaft“ haben. Solche Gemeinschaften sind geeignet, Schutz zu bieten vor drohenden finanz- und währungspolitischen Turbulenzen. Gleichzeitig fördern sie Wachstum, Frieden und Wohlstand zu allseitigem Nutzen auf dem Boden von Fairness und Vertrauen, wenn es auch manchmal Reibereien gibt, wie beim Zellulosestreit in der Mercosur zwischen Uruguay und Argentinien.

    Heute sind überall Tendenzen spürbar, sich von der Vorherrschaft angloamerikanischer Finanz- und Wirtschaftsmacht und der vorherrschenden neoliberaler Ideologie eines unregulierten, wildwüchsigen Weltmarktes zu befreien oder sich gar davor zu schützen. Diese eher „gelenkte“ und „gezähmte“ Nutzung der Globalisierung scheint weniger krisenanfällig zu sein und scheint weniger den zyklischen Schwankungen eines freien, unregulierten und wildwuchernden Weltmarktes zu unterliegen. Jedenfalls wachsen viele Schwellen- und Entwicklungsländer seit Jahren stabiler und dynamischer, wenn sie bewusst ihre Volkswirtschaften entwickeln und sie nicht den Kräften des „freien Marktes“ überlassen.

    Geholfen haben ihnen dabei die großen globalen Unternehmen und Konzerne nicht aus Nächstenliebe, sondern wurden von den Zwängen des freien Marktes und seines Wettbewerbs getrieben. Bis in die hintersten Winkel der Welt dringen sie vor, immer auf der Suche nach Wettbewerbsvorteilen, Absatzmärkten und billigen Arbeitskräften, denn nur so können sie bei Strafe des Untergangs überleben.
    Kapital- und Technologietransfer, etwa in Form von Direktinvestitionen, können ein Segen sein für die sich entwickelnden Volkswirtschaften, wenn sie Arbeitsplätze schaffen, für den Ausbau von Produktionsstätten und Infrastruktur verwendet werden und das Bildungsniveau und den Lebensstand der Bevölkerung heben. Das Potential und die Märkte sind riesig und die Wachstumschancen können auch und besonders von den entwickelten Industriestaaten zu beiderseitigem Vorteil und in Partnerschaft genutzt werden.
    Einer der Chefvolkswirte der Investmentbank Goldmann Sachs Jim O´Neill vertritt seit Jahren unwidersprochen die Auffassung, „dass die vier BRIC-Länder (Brasilien, Russland, Indien und China) im Jahr 2050 ein größeres Gewicht in der Weltwirtschaft haben werden als die heute in der G7 zusammengeschlossenen Industrienationen. Für die Gewinner der Globalisierung spreche vor allem das Arbeitskräfte- und Produktivitätspotential.“(FAZ vom 13.03.07).
    China wird in Kürze voraussichtlich vor Deutschland die Führung als Exportweltmeister übernehmen und ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen. Der Hunger der aufstrebenden Schwellenländer nach Energie und Rohstoffen wird unweigerlich zunehmen. Das Korsett wird von Jahr zu Jahr enger, in das viele Schwellenländer eingeschnürt sind.
    Die aktuelle weltpolitische Situation erinnert ein ganz klein wenig an die Zeit vor den beiden Weltkriegen. Damals betraten die aufstrebenden Wirtschaftsmächte Deutschland und Japan die weltpolitische Bühne, forderten mehr Bewegungsfreiheit für ihre sich rasch entwickelnden Volkswirtschaften und trafen dabei auf eine schon unter den Großmächten aufgeteilte Welt. Dann ging es um die Neuaufteilung der Welt, um die Weltherrschaft, auch mit totalem Krieg.
    Heute propagiert die chinesische Regierung eine Zukunft in „Harmonie“ nach innen und nach außen, obwohl die USA den gesamten Globus mit Handelsniederlassungen und Militärstützpunkten überzogen haben und die aufstrebenden Schwellenländer so in ihrem Bewegungsspielraum immer mehr einengen. Um weiterhin wie bisher die Vorteile der „Globalisierung“ für die Entwicklung ihrer Volkswirtschaften zu nutzen, brauchen die Länder Stabilität, Partnerschaft und Frieden.
    Das ist der Weg, den auch Europa gehen sollte an der Seite der wachsenden Volkswirtschaften, in Partnerschaft und zu gegenseitigem Nutzen. Europa sollte sich nicht den USA anschließen, wenn sie sich auf eine Rivalität mit China einlassen und sich dafür ein Militärbudget leisten, dass fast die Hälfte der gesamten Militärausgaben der Welt ausmacht. Europa sollte das Projekt einer „Transatlantischen Freihandelszone“ zusammen mit den USA als führendes Mitglied der „north atlantic treaty organisation“ (NATO) nicht weiter verfolgen.
    Auch sollten die amerikanischen Pläne einer Raketenabwehr in Polen und Tschechien nicht unterstützt werden, auch dann nicht, wenn sie kein „Nato-Projekt“ sind. Die Nato hat ihren Einflussbereich immerhin schon bis an die Grenze Russlands ausgeweitet.

    Stattdessen sollte sich Europa öffnen für den Weg in eine globale „new economy“, der von vielen Ländern in der Welt beim Aufbau ihrer Volkswirtschaften schon beschritten wird.

    Beste Grüße
    Franz Nolte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*