Vorstadtkinos (Blog 153)

Es mag heute unglaublich klingen: Mein erster Kinobesuch hatte mit dem „Kalten Krieg“ zu tun.
Im zweiten Schuljahr überraschte man uns in der Schule eines morgens mit der Ankündigung heute ginge die Klasse ins Kino. Dort wurde ein Film gezeigt, der „Frage 7“ hiess. Handelte vom Sohn eines evangelischen Pfarrers der in der bösen „DDR“ lebte und auf eine weiterführende Schule gehen wollte. Wegen des Berufes seiner Eltern musste er Schikanen über sich ergehen lassen, unter anderem auch einen Fragebogen ausfüllen und die Frage 7 verlangte von ihm eine Distanzierung von seinen Eltern. Da er das nicht wollte, nutzte er einen Berlin-Besuch um durch das damals noch offene Brandenburger Tor in den freien Westen zu fliehen.

Ohne die Zustände in der DDR beschönigen zu wollen: Siebenjährigen Kindern einen solchen Film zu zeigen macht wenig Sinn, zumal auch jeder Versuch einer pädagogischen Nachbearbeitung – etwa durch ein Gespräch mit dem Lehrer – fehlte. Erst Jahre später habe ich überhaupt begriffen, worum es in diesem Film ging.

Das nur am Rande. Damals, Anfang der 60er Jahre gab es sie noch: Die Kinos in den Stadtteilen. Oft neben Kneipen gelegen und von deren Wirten mitbetrieben. Mitte der 70er Jahre waren sie fast alle verschwunden. Das Fernsehen hatte sie verdrängt. Oft wurden sie zu Lebensmittel-Supermärkten. Nur Zeitzeugen können noch den ursprünglichen Zweck der Gebäude erkennen. Es kommt vor, dass ich – wenn ich in einer fremden Stadt bin – stehenbleibe, auf den nahegelegenen Lebensmittelmarkt weise und dem verdutzten Menschen neben mir mitteile „Das war mal ein Kino“. Die drei, die es in meinem Stadtteil gab (Gelsenkirchen-Ückendorf) habe ich noch einmal aufgesucht und fotografiert, was von Ihnen übrig geblieben ist.

Das war mal das „Odeon“:

Odeon

Wurde als erstes geschlossen. Ist seitdem alsLebensmittelmarkt, Gebrauchtmöbelmarkt, Spielhalleund zuletzt als illegales Wettbüro genutzt worden. Zur Zeit steht es leer.

Rolandkino

Vor das „Roland Kino“ (oben) hat man ein Haus gesetzt. Nur der hintere Teil ist noch als ehemaliger Kinosaal erkennbar. Jahrzentelang gab es hier einen REWE-Markt. Seit drei Jahren hält sich der GRAND-Markt, ein sogenannter „Russenmarkt“. Er unterscheidet sich von herkömmlichen Lebensmittelmärkten dadurch, dass hier wenig geläufige Tee-und Wodkasorten angeboten werden – und ungeheure Mengen „fettigsten Fleiches“ (kann man nicht anders schreiben).

Und das war das Kino meiner Kindheit und frühen Jugend: Das REX :

Rex-Kino

Hier sah ich den ominösen Propagandafilm „Frage 7“, später aber auch alle Karl-May-Filme mit Lex Barker, Pierre Brice, Marie Versini (die fand ich toll), Mario Adorf etc.. Und das war mal das Tor zu einer Traumwelt:

Eingang Rex

Jetzt bleibt es verschlossen.

7 Gedanken zu „Vorstadtkinos (Blog 153)“

  1. Ich kann mich auch noch sehr gut an die Stadtteilkinos erinnern.
    Dann wurden aus den größeren Saälen viele kleine Schuhkarton Kinos gemacht. Diese wurden wiederum vom Fernsehen verdrängt. Dann kamen die großen Cinemaxx und Cinestar Kinocenter mit den Großbildleinwänden und was kommt als nächstes ? Aber wie Du schon schreibst, in den meisten Stadtteilkinos befinden sich heutzutage Lebensmittelmärkte.

  2. „Rex“ war offenbar ein häufiger Kino-Name. In HH gab es auch mindestens ein Rex. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an ein Stadtteil-Kino namens „Forum“. Als ich ein Teenie war, traten im Vorprogramm lokale Bands, damals noch „Beatgruppen“ genannt, auf. Danach war das „Forum“ kurzzeitig eine Diskothek (und ich leider zu jung, um dorthin zu dürfen)- mit an die Wand geworfenen psychedelischen Farbverläufen usw.. Bald dann wurde ein, na was wohl? – Supermarkt daraus. Die Firmierungen änderten sich, ein Supermarkt ist es heute noch.

  3. @ manulan

    ich bin zufällig heute nochmal draufgestoßen, das mit dem sparesel stand unspezifiziert im spiegel Nr. 45. die bank war nicht bezeichnet. auf der webseite „rettet das sparschwein“ ist aber ein solcher sparesel abgebildet. ich hatte mir das nicht gemerkt, weil es eigentlich nicht wichtig ist.

    gruß,
    heinzi

  4. Ach ja, die alten Kinos! Sind wie Ölfunzeln gegen LED, Plasma & Co. 50 Pfennig kostete der Eintritt im Rex und auf der Treppe war ungeduldiges Gedrängel. Meine ersten bewegten Bilder habe ich aber in einem „Non-Stop“- Kino gesehen, meist schwarz-weiß Comix‘ in Englisch ohne Untertitel. Das war mitte der 50er irgendwo in GE-Mitte gegenüber der Sparkasse neben Lorenzo…

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