Buchbesprechung: Nachtzug nach Lissabon (Blog 187)

Lissabon

Schon im vergangenen Jahr (08.11.2006) hat die stadtpomeraze dieses Buch empfohlen und auch der graphodino hat es meines Wissens nach gelesen. Gründe genug, um dem Werk Lebenszeit zu opfern.

Zu Anfang hielt ich die Hauptfigur für ein recht unglaubwürdiges Konstrukt: Ein Lehrer der Altgriechisch, Latein und Hebräisch unterrichtet, nur durch eine starke Brille sehen kann, dem – logisch – die Frau längst fortgelaufen ist, der weder auf Kleidung noch auf Bildungsabschlüsse Wert legt (obwohl er seine Sprachen perfekt beherrscht ist er formal nur Hilfslehrer), der nur seinem Augenarzt vertraut mit dem er gelegentlich Schach spielt – einen solchen Menschen kann es in der Realität auch nicht ansatzweise geben. Nun ist es jedem Autor erlaubt, eine Kunstfigur zu schaffen, sie sollte dann aber auch als solche erkennbar sein. Ich muss allerdings einräumen, dass diese Figur im Laufe der Erzählung zunehmend an Glaubwürdigkeit gewinnt, menschlicher wird.

Dieser Raimund Gregoris sieht auf dem Weg zur Arbeit eine Frau im Regen auf einer Brücke stehen Anscheinend will sie Selbstmord begehen. Dieser Moment verändert sein Leben sofort – und radikal, führt dazu, dass er noch am selben Tag mitten im Unterricht den Klassenraum verlässt. Wenige Sätze aus dem Buch eines ihm unbekannten portugiesischen Autors haben zur Folge das er nach Lissabon aufbricht , in einer Art Crah-Kurs Portugiesisch lernt und viel über das Leben dieses Mannes – ein Arzt, der schon seit Jahrzehnten nicht mehr lebt – erfährt. Das Buch hat ein fragwürdiges, offenes Ende über das ich in diesem Text kein Wort verlieren möchte um möglichen Lesern die Freude an der Lektüre nicht zu nehmen.

Das Buch befasst sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Sprache. Es handelt davon, wie entscheidend es sein kann, sich mitteilen zu können, welche Deformationen, Missverständnisse, Leiden sich daraus ergeben können, wenn man im falschen Moment schweigt. Aber auch davon, wie sich durch Ehrlichkeit, Offenheit, passende Worte und Gesten Probleme lösen lassen, Freunschaften entstehen, das Leben erträglicher werden kann.

Es ist auch ein Buch starker Sätze und manchmal auch Widerspruch herausfordernder Behauptungen. Hier einige Zitate:

„Es gab Menschen, die lasen, und es gab die anderen. Ob einer ein Leser war oder ein Nichtleser – man merkte es schnell. Es gab zwischen den Menschen keinen größeren Unterschied als diesen. Die Leute staunten, wenn er das behauptete, und manche schüttelten den Kopf über so viel Verschrobenheit. Aber es war so. Gregorius wusste es. Er wußte es.“ (Seite 96)

„Man ist nicht richtig wach, wenn man nicht schreibt. Und man hat keine Ahnung, wer man ist. Ganz zu schweigen davon, wer man nicht ist.“ (Seite 133)

„Warum bedauern wir Leute, die nicht reisen können? Weil sie sich, indem sie sich äußerlich nicht ausbreiten können, auch innerlich nicht auszudehnen vermögen, sie können sich nicht verfielfältigen, aund so ist ihnen die Möglichkeit genommen,weitläufige Ausflüge in sich selbst zu unternehmen und zu entdecken, wer und was anderes sie auch hätten werden können.“ (Seite 286)

„ich erzittere beim bloßen Gedankenan die ungeplante und unbekannte, doch unaufhaltsame Wucht, mit der Eltern in ihren Kindern Spuren hinterlassen, die sich, wie Brandspuren, nie mehr werden tilgen lassen. Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seelen der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber, was mit ihnen bgeschieht.“ (Seite 319)

Jedes dieser Zitate wäre ein Aufsatzthema (oder auch Thema für einen Blogeintrag). Keine leichte Kost wie man sieht. Ein Buch, auf das man sich einlassen muss, dass aber die Mühe Wert ist und das auch faszinieren kann. Ich jedenfalls hatte nach der Lektüre leichte Entzugserscheinungen.

Ein bisschen kritisches Gemaule muss trotzdem sein:

Das Werk hat zu viel Affinität zu Adel und Bildungsbürgertum was ihm nicht gut tut und manchen Leser abschrecken könnte. Es gibt ihm ein unpassendes, triviales Gepräge. Auch wird zu viel Wissen über die jüngere Geschichte Portugals vorausgesetzt. Wer nicht das Glück hat, etwas älter und Zeitzeuge zu sein weiss mit Salazar und der Nelken-Revolution wenig anzufangen ( Im Zeitalter von Wikipedia mag das eine lässlicheSünde sein).

Am schwersten wiegt, das der Autor gegen Ende des Romans entweder die Lust verliert oder ihm die Handlung entgleitet. Das 495 Seiten umfassende Buch ist in vier Teile gegliedert. Der letzte Teil umfasst nur 32 Seiten. Das spricht eine deutliche Sprache. Der Autor rettet sich mit knapper Not in ein offenes Ende.

Dennoch ein Buch, das etwas bewirken kann. So habe ich seit der zweiten Hälfte der 70er Jahre nicht mehr Schach gespielt. Angeregt durch die Lektüre
habe ich Max Euwes Lehrbuch wieder hervorgekramt und versuche gerade, meine Frau zu überreden, sich das Spiel von mir beibringen zu lassen. Bisher leider ohne Erfolg. Aber Schach müsste man auch als Fernpartie übers weblog spielen können. Hat jemand Lust auf eine Partie?

Daten: Pascal Mercier Nachtzug nach Lissabon ISBN-10: 3-442-73436-3 Alle Angaben und Seitenzahlen beziehen sich auf die Taschenbuchausgabe.

15 Gedanken zu „Buchbesprechung: Nachtzug nach Lissabon (Blog 187)“

  1. Nee, eben nich‘ gelesen; Du hattest das Buch letztens erwähnt bzw. daraus zitiert und ich war bereits zu entkräftet, nach dem Autoren zu fragen, weil meine „Merkliste“ der zu lesenden Bücher und zu kiekenden Filme mittlerweile ungefähr 220 Meter lang ist (gestern habe ich mir trotz somatischer Auslaugung den „Butterfly Effect“ genehmigt,um dann schnell festzustellen, dass ich das Teil schon kannte), aber was Du da schreibst, macht außerordentlich neugierig, was sowohl für den Autoren des Buches spricht als auch für Dich, den Rezensenten…

  2. Du machst mir Lust auf mehr 🙂

    Schach habe ich zuletzt vor Jahrzehnten gespielt (drei?).
    Aber vielleicht kann ich es zusammen mit Deiner Frau neu
    lernen. Bei meinem derzeitigen unsteten Lebenswandel wäre
    ich aber vermutlich mehr ein abwesender Gegner 😉

  3. Und heute habe ich das Buch vor der Buchhandlung liegen sehen – und eine Mitbewohnerin versicherte mir, ich bräuchte es nicht kaufen, sie hätte es und gäbe es mir: so fügt sich doch wieder alles aufs Schönste zusammen…

        1. Bei mir ist jetzt erst einmal Hermann Kants „Okarina“ an der Reihe (hast Du mir letzten November (?) empfohlen9. Und von mir kriegst Du auch keine Dresche wenn der Nachtzug erst einmal aufs Abstellgleis gestellt werden sollte. Ich würde mich hinsichtlich meiner Lektüre aber auch von niemanden unter Druck setzen lassen. In diesem Bereich sicher nicht.

          1. Im November? Ist das schon wieder so lange her? Und was mich übrigens betrifft, so habe ich dieses Buch jetzt auch (ich meine „Okarina“ von Kant), und ich muss ehrlich gestehen, Kant ist mir damit und darin zu spät, zu reif, zu hoch, zu gut: es ist mir zu anstrengend, was aber meiner lächerlich unmaßgeblichen Meinung nach eindeutig für das Buch spricht (das ich auch unbedingt noch lesen werde); überhaupt hat sich für mich wieder bestätigt, das Kant nach wie vor einer der deutschsprachigen Autoren der Obersten Liga ist (oder wie man da sagt, sagt man nicht?), unabhängig davon, dass es sich um einen bösen Funktionär und roten Löffel usw. handelt…

            Ich habe dafür „Die Aula“ nochmal gelesen, und auch hier hat sich mein „alter“ Eindruck bestätigt: das Buch ist ein Wurf, da beißt die gesamtdeutsche Maus keinen realroten Faden ab. Oder so ähnlich…

  4. Hi, habe eigentlich nach Literatur über Lissabon als Stadt an sich gesucht und bin dabei über diese Buchbesprechung „gestolpert“. Sehr gut geschrieben die Rezensionen! Eine Anmerkung zu:
    „Zu Anfang hielt ich die Hauptfigur für ein recht unglaubwürdiges Konstrukt: Ein Lehrer der Altgriechisch, Latein und Hebräisch unterrichtet, nur durch eine starke Brille sehen kann, dem – logisch – die Frau längst fortgelaufen ist, der weder auf Kleidung noch auf Bildungsabschlüsse Wert legt (obwohl er seine Sprachen perfekt beherrscht ist er formal nur Hilfslehrer), der nur seinem Augenarzt vertraut mit dem er gelegentlich Schach spielt – einen solchen Menschen kann es in der Realität auch nicht ansatzweise geben.“

    Ich halte diese Person aufgrund der von Dir gemachten Kurzdarstellung nicht für so unrealistisch, denn solche „Weltfremden“ und mit außergewöhnlicher Sozialkompetenz ausgestatten Menschen gibt es zur genüge und unter Lehrern ist die Dichte dieser Spezie vermutlich sogra noch größe 😉

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