Nicht zureichend zukunftswillig ? (Blog 196)

In diesem Jahr fand die zentrale Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB in Gelsenkirchen statt. Gestern Abend entschloss ich mich spontan mir diese Veranstaltung anzuschauen, zu fotografieren und natürlich einen Blogeintrag zu schreiben. In einer Stadt mittlerer Grösse die immer noch stark von den alten Industrien geprägt ist hat die „Maikundgebung“ Tradition. Ende der 70er Jahre (1978? Bin mir nicht ganz sicher) trat hier der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt als Redner auf. Der Marktplatz war so voll, wie ich ihn weder vorher noch nachher jemals gesehen habe. Gut 15.0000 Menschen waren gekommen um ihn zu hören – und hörten zunächst nichts. Linke K-Grüppler hatten die Verbindung der Mikrofone zu den Lautsprechern gekappt. Als die Technik wieder funktionierte liess der Redner seinem Ärger ziemlich unverblümt freien Lauf. Schmidt war damals keineswegs der abgeklärte Hanseat als den man ihn heute betrachtet. Der Mann konnte Plätze und sogar Stadien füllen. Letzters habe ich einmal in Dortmund erlebt.

Für die heutige Veranstaltung hatte man von vornherein den viel kleineren Neumarkt gewählt. Die dort reichlich aufgestellten Sitzbänke waren schon eine Stunde vor Beginn von grauhaarigen natürlich in beige gekleideten Rentnern besetzt worden. (Meine Frau hat strikte Anweisung mich in ein Heim einzuliefern und sich von mir zu trennen sobald ich beginne beigefarbene Kleidung oder gar Schuhe zu tragen. Furchtbar!). Auf der Bühne versuchte ein auch nicht mehr ganz junger Folkrocksänger dieses Publikum dazu zu animieren, das „Li la li“ des alten Simon& Garfunkel songs „the boxer“ mitzusingen. Ich hastete weiter zum Stadttheater. Von dort aus wollten die Gewerkschafter in die Innenstadt marschieren, waren bereits verfrüht gestartet. Ich sah gerade noch die letzten roten Fahnen in Richtung Ringstrasse verschwinden, hetzte hinterher, lief den Zug entlang, zählte die Teilnehmer und überholte ihn schliesslich. Hier gelang das erste Foto:

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Michael Sommer, der Vorsitzende des DGB marschierte in der ersten Reihe. Hier das nächste Bild:

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An der Spitze des Zuges angelangt, war ich auf die Profi-Fotografen getroffen. In deren Nähe habe ich mich dann auch immer aufgehalten habe, um von ihrer Erfahrung bei der Motivsuche zu profitieren. Dabei kam mir der Gedanke, diese doch selber einmal zu fotografieren:

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Insgesamt schoss ich 52 Fotos. Leider misslangen die vor der Rednerbühne aufgenommenen. Ich hatte die Lichtverhältnisse nicht richtig eingeschätzt. Bin halt doch in Sachen Fotografie ein Laie. Dies ist das einzige akzeptable Foto:

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Jetzt zu den Inhalten. Wer an der Rede von Michael Sommer interessiert ist, kann sie hier nachlesen: http://www.dgb.de/dgb/geschichte/erstermai/mai2007/reden.htm/

Es lohnt aber eigentlich nicht. Am heutigen Tag zeigte sich sehr deutlich das Dilemma einer Organisation, die zutiefst davon überzeugt ist, das richtige zu tun und deshalb nicht in der Lage ist, das eigene Verhalten und die eigenen Ziele kritisch zu hinterfragen. Seit 1998 haben die DGB-Gewerkschaften gut ein Viertel ihrer Mitglieder verloren.
Die Gründe dafür sind jedem Aussenstehenden, der sich mit der Materie befasst schnell klar: Zu teuer (1% des Bruttoeinkommens) , kaum Mitwirkungsmöglichkeiten, Mangel an innerer Demokratie, ein furchtbarer, abstossender nur mit den Zuständen in Burschenschaften vergleichbarer „Korpsgeist“ und eine unerklärliche Blindheit gegenüber den Entwicklungen der Gesellschaft.

Um es klar zu stellen: Ich bin kein Feind der Gewerkschaften, sie sind notwendiger den je, ich habe auch immer wieder überlegt ob ich nicht Mitglied werden sollte. Letztlich bin ich bisher immer davor zurückgeschreckt.

Michael Sommer mag kein guter Redner sein. Dem Wirtschaftsmagazin brandeins hat er ein bemerkenswertes Interview gegeben aus dem hervorgeht, dass er die Probleme seiner Organisation durchaus sieht. Ein Beispiel: Auf die Frage „Weshalb konnten die Gewerkschaften in den neuen Industrien der Wissensgesellschaft, in den Dienstleistungsbranchen, kaum Mitglieder gewinnen?“ antwortete er:

Wir hatten damals bei der Deutschen Telekom ein Problem, das zeigt, wo unser Dilemma liegt. Als Anfang der Neunziger das Monopol der Telekom mit der Marktöffnung zerbrach, zuerst im Mobilfunkbereich, wo Mannesmann als Mitbewerber auftrat, haben wir als Postgewerkschaft gegen den Ausschreibungsprozess geklagt. Wir waren noch im Kampf für den öffentlichen Dienst. Diese Klage war der kapitalste strategische Fehler, den wir machen konnten. Ich kann nicht erst gegen die private Konkurrenz klagen und anschließend zu diesen Firmen gehen, um die Mitarbeiter gewerkschaftlich zu organisieren. „Haut mal wieder ab, ihr wolltet uns nicht“, haben die erst mal gesagt, verständlicherweise. Für die waren wir die alte Post. Dazu kam, dass sich die IG Metall und die Postgewerkschaft bei der Frage bekämpft haben, wer denn jetzt für Mannesmann zuständig ist – obwohl wir dort gar keine Mitglieder hatten. Statt uns um nicht vorhandene Mitglieder zu streiten, hätten wir besser unsere Kräfte gebündelt.

Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Ich hoffe das es den Gewerkschaften gelingt, sich in den kommenden Jahren zu reformieren.

PS: Zu den Zahlen. Der DGB gibt für seine Veranstaltugen in ganz Nordrheinwestfalen die Zahl von 530.000 Besuchern an. Das scheint mir deutlich zu hoch gegriffen. Bei der Veranstaltung in Gelsenkirchen haben ich 900 Menschen im Zug gezählt. Bei der Rede können allenfalls 3000 Menschen zugehört haben, eher weniger. Diese Zahlen sind realistisch. Bin gespannt, welche morgen in der Zeitung stehen.

Nachtrag 2.5.: Die Polizei hat 3500 Besucher geschätzt. Ich halte meine Zahl dennoch für die zutreffendere. Die Maikundgebung mit Gerhard Schröder 2003 in Leipzig soll 2600 Teilnehmer gehabt haben entnehme ich alten Aufzeichnungen.