Nachruf: Hans Wollschläger (Blog 202)

Der Übersetzer und Schriftsteller Hans Wollschläger ist am vergangenen Samstag im Alter von 72 Jahren gestorben.
In der WAZ fand ich keinen Nachruf (bezeichnend für dieses Blatt). Die Süddeutschen Zeitung würdigte ihn ausführlich – allerdings erst auf der vierten Seite des Kulturteils.
Hier gerät jemand in Vergessenheit, der es nicht verdient hat.
Wollschläger hat über Karl May geschrieben, über die Kreuzzüge und über die Heimkehr eines Emigranten nach dem 2. Weltkrieg. Dieses letzte Werk – die „Herzgewächse“ – ist unvollendet geblieben.
Vielleicht hätte die deutsche Nachkriegsliteratur ein herausragendes Werk mehr, wenn sich Ende der 50er Jahre für das Buch ein Verleger gefunden hätte. Aber trotz der Fürsprache Arno Schmidts fand sich niemand, der es veröffentlichen wollte. Erst nachdem Wollschläger als Übersetzer des Ulysses bekannt geworden war, verlegte der Haffmanns-Verlag den ersten Teil des überarbeiteten Werks.

Man könnte dieses Leben als unvollendet bezeichnen. Ein sprachgewaltiger Literat hat nicht genug Unterstützung gefunden, war wohl einen wesentlichen Teil seines Lebens auf „Brotarbeiten“ angewiesen, hat sich aber sicher auch verzettelt und zuviele Themen aufgegriffen. Von seinem Vermögen mit Sprache umzugehen haben die Werke von Joyce , May und zuletzt Friedrich Rückert profitiert. Das eigene Werk ist zu kurz gekommen. Was davon bleiben wird ist fraglich.

Lesenswert ist auch heute noch – oder besser gesagt: wieder – sein Buch über die Geschichte der Kreuzzüge: „Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem“. Zu empfehlen besonders denjenigen, deren Islamkritik in die Richtung zielt, es handele sich um dabei um eine rückständige, grausame nicht reformierbare Religion. Wer so denkt kann sich hier darüber informieren wozu das „Christliche Abendland“ vor der Aufklärung fähig war.

Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Wollschl%C3%A4ger
„Nachtwandeln zum Ich“ Nachruf von Lothar Müller in der Süddeutschen Zeitung vom
21.05.2007

16 Gedanken zu „Nachruf: Hans Wollschläger (Blog 202)“

  1. Die Nachricht (ich hatte sie als FAZ-Leser tatsächlich verpasst! ) trifft mich. Wollschläger war mir zwar immer zu verkünstelt, zu nah am späten Arno Schmidt, aber dann doch jemand, den ich aus den Augenwinkeln begleitete.

    Traurig
    sonogara

    1. Ich bin versucht zu sagen: Dafür war er schliesslich Künstler, aber ich ahne welche Problematik Du ansprichst: Es hat schon etwas tragisches das manche Autoren gerade mit den Werken, die Ihnen wichtig sind, mit denen sie sich viel Mühe geben ihr Publikum nicht erreichen und ich gestehe, die „Herzgewächse“ liegen bei mir seit mehr als einem Jahrzehnt im Regal ohne das ich über die ersten zwanzig Seiten hinausgekommen wäre. Aber beim Ulysses habe ich Hoffnung. Lese ihn im zweiten Jahr und bin mittlerweile auf Seite 622 der Taschenbuchausgabe.
      Und wenn es Dich denn als FAZ-Leser nicht zerreisst: Auch Rudolf Augstein hat einmal in einem Interview kundgetan, dass er den frühen Arno Schmidt wesentlich mehr schätze als das Spätwerk.

      1. Nun, als FAZ-Leser bin ich sicher untypisch (erhalte sie nur kostenfrei) und habe deshalb nicht diese Probleme mit Herrn Augstein (dafür andere – ich bin zu selbstgerecht um selbstgerechte Typen zu mögen). In den herzgewächsen bin ich etwa so weit wie Du gekommen, später wanderten sie ins Antiquariat. Seine Ulysses-Übersetzung habe ich seinerzeit intensiv erkundet und erfolgreich gegen das Original erprobt. Sogar bei einer Gesamtlesung habe ich einmal mitgewirkt. Warum spricht eigentlich kaum ein Nachruf von „Tiere sehen Dich an“ (Ich hoffe, der Titel ist richtig erinnert). Als Fast-Vegetarier finde ich es wichtig und richtig, dieses Thema gesamtgesellschaftlich zu reflektieren und auch an diesem Prozess hat HW mitgewirkt. Was das Künstlertum betrifft: hat er nicht immer mit der Ästhetisierung gespielt?

        1. Ja hat er, aber weshalb sollte er nicht? Ich habe mich mit dem Begriff „Ästhetik“ bisher nicht sehr intensiv befasst , muss das bei Gelegenheit nachholen. Mit dem Ulysses hast Du Dich ja wirklich intensiv auseinandergesetzt. Respekt! Das könnte allerdings zur Folge haben, dass ich mich künftig mit der einen oder anderen Frage an Dich wende.

          Zur Problematik des Fleischverzehrs: Verzichten möchte ich auf Fleisch nicht, aber ich könnte mit sehr viel weniger auskommen. Ich brauche es nicht jeden Tag zu essen. Das man ein Mitgeschöpf tötet, das auch Empfindungen hat sehe ich zwar, aber solange dies nicht auf grausame Art und Weise getötet geschieht und das Fleisch meiner Ernährung dient kann ich damit leben. Die Art und Weise wie Fleisch hierzulande „erzeugt“ wird halte ich für einen Irrweg der Industriegesellschaft. Mir tun aber nicht nur die Tiere leid, sondern auch die Menschen, die in den Schlachthöfen arbeiten (müssen). Seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, daß man täglich Tiere tötet – das stelle ich mir unerträglich vor. Nahrung ist ja auch nicht der einzige Verwendungszweck des getöteten Tieres. Leder für Schuhe und Kleidung und medizinische Verwertung wären in diesem Zusammenhang auch anzusprechen. Es bleibt ein unauflösbarer Konflikt zwischen eigenen Bedürfnissen und dem Lebesrecht der Kreatur.

          1. Was ich an Erinnerungen an und über ‚Ulysses‘ noch aufwecken kann, das steht Dir gerne zur Verfügung.

            Nun, die Beziehung unsererseits zur Mitwelt ist grundsätzlich gestört, da wir offensichtlich unter einer Angleichungsneurose leiden. Das betrifft auch viele Argumente der selbsternannten ‚Tierschützer‘, ‚Erdheiler‘ usw. (obwohl das bei vielen mit Größenphantasien einhergeht). Wir leben, wie viele andere Wesen, mit ihnen, in dieser Welt. Kommunikation beschränkt sich auf Domestikation und Verzehr als grob- und feinstoffliche Angleichung, wobei die Bewusstseinsaspekte wo immer möglich ausgeblendet werden. Das ist ein trauriger Status Quo, aber ein qualitativer Umschwung ist nur mit viel optimismus am Horizont erahnbar. Ein erster Schritt wäre sicherlich, die theorie von der Sonderstellung des Menschen mal genauer unter die Lupe zu nehmen und gründlich zu falsifizieren.

    1. Ich habe gehofft, das es Dir gefälllt. Was Wollschläger angeht:
      Da gibt es einige Parallelen zu Dir. Der Unterschied ist: Du leidest und grämst Dich wegen vermeintlicher Unzulänglichkeiten während er in nicht ganz unvergleichbaren Szenarien gelassen bleibt und auch schon einmal ein halbfertiges Werk jahrelang vernachlässigen kann ohne sich Vorwürfe zu machen. Das er von seiner geistigen Arbeit leben konnte, wenn auch bis zum durch den Ulysses begründeten Ruhm eher schlecht als recht dürfte allerdings in der Zeit in der wir zu leben gezwungen sind nicht wiederholbar sein.
      Die Aufforderung sich selbst mehr zu mögen und gelassener zu bleiben erspare ich Dir (fast).

      1. Es klingt nicht besonders gut, aber den Gedanken, daß Du an mich gedacht hättest, hatte ich auch bei der Lektüre des wiki-Beitrags über W.

        Es ist cool und menschlich anständig, Universal-Marginalpersonen wie mich durch solche Rückmeldungen stärken zu wollen, wie Du eben eine gepostet hast; allein: das ist wie „Ich will jetzt einschlafen!“ (Du bleibst garantiert wach) oder: „Sei spontan!“

        Mühsam hörnt sich das Eichnährchen, ach…

        Trotzdem und erst recht schönen „Restabend“ wünscht

        Der G.

        1. Wir alle müssen nicht nur unsere Mitmenschen, sondern auch uns selber ertragen – was nicht immer leicht ist – und wir leben in Umständen, auf die wir nur geringen Einfluss haben und in Zeiten, die wir erst recht nicht wählen konnten.

          Das sind die Prämissen unseres Lebens, denen wir oft hilflos gegenüberstehen. Versuchen wir trotzdem, etwas daraus zu machen.

          1. Das klingt sehr ernst und würdevoll, trifft aber zu, besonders das mit dem „sich selbst ertragen“; mir hat mal ’ne Therapeutin „durch die Blume“ den Vorwurf gemacht, ich würde Urlaub von meinem Ich machen wollen: das geht natürlich nicht (noch nicht, noch nicht!)…

            Ich

  2. Da du bei mir im Blog Arno Schmidt erwähnt hast und ich kaum
    Information über ihn in meinem Hirn hatte, nahme ich Google zu Hilfe und bin somit auch auf Wollschläger gestoßen.

    Guter Hinweis, ich werde mich noch genauer damit befassen.

    Gruß von Pointy

    1. Freut mich zu hören, dass Du Dich intensiver mit Arno Schmidt befassen möchtest. Das ist aber keine ganz einfache Kost und man sollte nicht gleich mit den allzuschweren Werken beginnen. Konkret heisst das: Erst mal die frühen kürzeren Sachen lesen. Der Weg zum Verständnis des Autors führt über die im Fischer Taschenbuchverlag erschienenen Sammelbände wie „Sommermeteor“ , „Aus julianischen Tagen“ oder „Nachrichten von Büchern und Menschen“. Wenn man danach dem Autor noch nicht gram ist kann man sich an einen frühen Roman („Das steinerne Herz“ wäre für den Anfang nicht schlecht) wagen.

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