Tokyo Tea Room (Blog 217)

Am Freitagnachmittag entschloss sich meine Frau kurzfristig zu einem Friseurbesuch. Für mich eine willkommene Gelegenheit, mein Refugium in der Gelsenkirchener Innenstadt aufzusuchen, am Marktplatz gelegen, Ecke Hauptstraße – Hansemannstraße: Den Tokyo Tea Room.

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Hans Ulrich Orrisch, gebürtiger Gelsenkirchener hat 12 Jahre in der japanischen Industrie gearbeitet. Er wäre gern in Japan geblieben, aber auch dort wurden kurz nach der Jahrtausendwende ältere Arbeitnehmer „wegrationalisiert“ und ohne Arbeitsplatz gibt es dort keine Aufenthaltserlaubnis. Er entschloss sich nach Gelsenkirchen zurückzukehren und eröffnete hier 2003 mit seiner Frau Kazumi, die aus einer japanischen Gastronomenfamilie stammt, den Tokyo Tea Room, der keinesfalls nur eine Teestube, sondern auch eine Sushi-Bar ist. Kazumi ist Sushi-Meisterin.

Sushi, das war bis dahin für mich „roher Fisch“. Ich hatte nicht vor, mich auf ein solches Experiment einzulassen. Dann aber dachte ich, dass man einem Mann meiner Generation mit einem – den Japanaufenthalt ausgenommen – nicht unähnlichem Lebenslauf wohl vertrauen könne und so überwog schließlich meine in diesem weblog schon verschiedentlich erwähnte Neigung zu Selbstversuchen. Und wie bisher meist auch wurde der Mut zum Experiment belohnt. Eine neue kulinarische Welt erschloss sich mir. Ich lernte den Umgang mit Sojasauce, Ingwer und Wasabi (sehr scharfer Rettich) und von Anfang an faszinierte mich die Transparenz dieser Gerichte: Alle Zutaten sind erkennbar, nichts ist undefinierbar.

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Aber nicht nur Tee und Sushi machen den Reiz des Etablissements aus. Eine Bar ist der Tokyo Tea Room auch. Es werden einige Malt-Whiskys vorrätig gehalten die ich nach und nach probiert habe und von denen ich den Talisker von der Insel der Nebel , den Lieblingswhisky von Robert Louis Stevenson (Autor der Schatzinsel und von Dr. Jekyll and Mister Hyde) inzwischen zu schätzen weiß. Auch die Gestaltung des Raumes ist zu erwähnen: Die Grundtöne Türkis und Rot und die Aluminiumverkleidung der Decke in welcher sich die Tische spiegeln schaffen die Atmosphäre einer fremden und dennoch Ruhe ausströmenden Welt. Musik gibt es auch, Jazz vorwiegend und Donnerstags findet man immer die neueste Ausgabe der „Zeit“. Hier verbringe ich Stunden. Hier wird auch der eine oder andere Blogeintrag konzipiert.

Letzten Freitag gab es keinen Jazz. Stattdessen spielte Ivo Polgerich Musik von Domenico Scarlatti auf dem Klavier. Vor mir stand ein Vanilleeis mit grünem Macha-Teepulver bestreut und süßen Asuki Bohnen als Beigabe. Draußen fiel ein starker Regen. Einen Moment lang vergaß ich die Welt um mich herum und war glücklich.

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21 Gedanken zu „Tokyo Tea Room (Blog 217)“

  1. toll! ich hoffe irgendwann mal in gelsenkirchen zu sein um diesen tip auszuprobieren!

    ich bin mittlerweile süchtig nach sushi. ich erinnere mich aber auch an meine erste begegnung damit. der geschmack des eingelegten ingwers hat mich damals etwas überfordert.

    besser noch finde ich aber noch diese irgendwie „kolloniale“ art des genießens. ganz selbstverständlich die zeit ganz dem genießen zu widmen. das finde ich gut.
    nicht das ich in irgendeiner weise den kollonialismus schätze, aber die teatime liebe ich sehr.

    1. Wer weiss. 2010 wird Essen ja Kulturhauptstadt Europas. Da gibt es sicher etwas zu prodduzieren. Die Essener Innenstadt ist (bei unverstauter Autobahn) keine 20 Minuten von hier entfernt.

      Auch mir hat sich die japanische Küche nicht auf den ersten Biß erschlossen. Aber man darf nicht aufgeben. Wie schon ein Münchner Sänger schrieb: „Genießen war noch nie ein leichtes Spiel“.

      Beim nächsten Tee denke ich an dich und wünsche Gutes. hilft bestimmt!

  2. Das hört sich so gut an, dass ich gern dabei gewesen wäre. Da ich des öfteren in Gelsenkirchen bin, werde ich mal Ausschau halten nach dem Tokyo Tea Room.
    Ich schreibe übrigens auch sehr gern außer Haus, am liebsten in meinem Lieblingscafé hier, da kommen mir oft gute Ideen oder ich sehe Menschen, die ich in meine nächste Geschichte verwebe.

    Liebe Sonntagsgrüße
    Regina

      1. Wenn ich das nächste Mal in der Stadt sein werde, melde ich mich vorher. Vielleicht klappt es ja, dass wir einen Tee zusammen trinken, das würde mich freuen. Es gab eine Zeit, da war ich beinahe jedes Wochenende da, auf der Trabrennbahn. Leider finden dort ja kaum noch Rennen statt, so dass sich mein Mann umorientiert hat und jetzt nach Recklinghausen und Dinslaken fährt. Ich hoffe aber immer noch, dass die Gelsenkirchener Bahn wiederbelebt wird.

        Ein schönes Wochenende dir und liebe Grüße
        Regina

        1. Ja, der Niedergang des Trarennsports bietet Stoff für mehr als einen Wirtschaftskrimi. Aber nichtsdestotrotz (oh weh welch Wort): Ich würde mich freuen, wenn es mit dem Tee einmal klappen würde.

    1. Hmmh! Bei mir ist es so, dass ich ungefähr sechs Stunden total gesättigt bin, danach aber schlagartig ein wahnsinniges Hungergefühl einsetzt. ich hoffe auch das wir den Tokyo Team Room einmal gemeinsam aufsuchen können.

  3. Deine Beiträge erfreuen und erstaunen mich immer wieder…
    Ich wollte schon immer, habe aber tatsächlich noch nie Sushi gegessen.
    Roher Fisch, Alu, Türkis und Rot, Whisky und Jazz…sehr stimmungsvoll.
    Gruß SP

    1. Freue mich sehr einige Zeilen von dir zu lesen. Ich hoffe du hast einiges von dem was du vor hattest verwirklichen können.

      Türkis und Rot hört sich zunächst fragwürdig an, aber manchmal passt auch das.

      Ja und in der schönen Hafenstadt (Bin im Juni auf dem Weg zur Ostsee daran vorbeigefahren und habe an dich denken müssen) wird es doch sicher mehr als einen vertrauenswürdigen japanischen Gastronomen geben, wenn das sogar hier in der Provinz möglich ist

      AeG (Alles erdenklich Gute)

      wünscht dir

      Manulan

  4. Ich war Gestern auch im Tokyo Tea Room und war so begeistert, dass ich in meinem Blog auch etwas dazugeschrieben habe. Ich dachte nach 2 Jahren kann man auch etwas neues schreiben 😉
    Achso und wenn man von Sushi nicht satt wird kann man es machen wie wir Gestern, einfach mehr bestellen ^^

    Alles Gute von mir

    Björn-Christian

  5. Trackback from:
    http://www.webdesign-info.com/2009/02/15/bestes-sushi-restaurant-in-gelsenkirchen-tokyo-tea-room/ Bestes Sushi Restaurant in Gelsenkirchen Tokyo Tea Room
    Gestern war Valentinstag und da ich und meine Freundin gerne Essen gehen, haben wir nach einem schönen Restaurant in unserer Nähe gesucht. Sie ist ein großer Sushi Fan und ist dann schnell auf den Tokyo Tea Room gestossen. Man muss ja nicht immer in…

    1. Dieser Eintrag ist nun fast zwei Jahre alt – und den Tokyo Tea Room gibt es immer noch und ich besuche ihn nach wie vor gerne.
      Um Enttäuschungen zu vermeiden: Die Öffnungszeiten sind gewöhnungsbedürftig. Montags ist der Laden geschlossen und Ansonsten von 12.00 – 15.00 Uhr und von 18.00 – 22.00 Uhr geöffnet.

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