Wenn Städte für sich werben….. (Blog 225)

 

Wenn Städte für sich werben…..


…..wird es in der Regel peinlich. Entweder man will um jeden Preis originell sein oder man vertraut auf nichtssagende Platitüden. Zur ersten Kategorie gehört die Stadt in der ich lebe. Hier ist der Slogan „Gelsenkirchen: Herz im Revier voll Kraft und Zauber“ geprägt worden. Abgesehen davon, daß sich kaum jemand diesen Spruch merken kann hat er mit der erlebbaren Realität kaum etwas gemein. Unsere Stadt hat eben keine Kraft mehr sondern ist schwach und ohne Unterstützung kaum noch lebensfähig. Hohe Einwohnerverluste ( 1959: 391 000 – 2007: 266 000) bedingt durch den wirtschaftlichen Niedergang der der Montanindustien und keine Aussichten auf Besserung trotz zaghafter Versuche sich als „Solarstadt“ und „Gesundheitsstadt“ zu profilieren – da kann wirklich nur noch Zauber helfen.


Herz im Revier“ – das würde eher auf die doppelt so grosse Nachbarstadt Essen passen. Denen geht es noch zu gut. Zuviel selbstgefälliges Bürgertum das Werbung für nebensächlich hält. Man gibt sich nicht viel Mühe, stiehlt entweder schamlos („Essen leuchtet“) oder beschränkt sich auf Altbewährtes („ Essen: Die Einkaufsstadt“).


Könige der sinnfreien Selbstbeweihräucherung dürften momentan aber die Bochumer Nachbarn sein. Sie behaupten: „Bochum macht jung“ – Wie das ? Genau wissen sie es wohl selber nicht denn auf der zur Kampagne gehörenden website heisst es: „Wir suchen die besten, einfallsreichsten und kreativsten Gründe, warum Bochum jung macht!“ Dann sucht mal schön.


In die Kritik geraten ist auch die aus sehr bunten Blumen (Gerbera?) bestehende graphische Gestaltung der Kampagne. Genau so stellen sich die bierbäuchigen Alt-68er , die wohl noch auf längere Zeit die Schaltstellen der hiesigen Kommunalverwaltungen dominieren werden „jung sein“ vor: Flower Power und psychedelische Farben wie sie es halt aus der sich allmählich verflüchtigenden Erinnerung an die eigene Jugend kennen. Das Bochum nie San Francisco werden wird wollen sie nicht wahrhaben.


Über die gesetzliche Regelung, daß städtische Aufträge mit einem Wert von mehr als 200.000 € europaweit ausgeschrieben werden müssen, hat man sich hinweggesetzt und die Kampagne mit einem Wert von immerhin 900.000 € ohne Ausschreibung ausgerechnet an eine Essener Werbeagentur vergeben. Die übergangenen Bochumer Agenturen schreien nun natürlich auf und wollen klagen.


Das Ruhrgebiet, immer noch der größte europäische Ballungsraum leistet sich wieder einmal eine Provinzposse. Kleinkariertes Denken das an den eigenen Stadtgrenzen endet, eine inkompetente Verwaltung und das fehlende Bewußtsein, daß Größe und Einigkeit zum Wohle der Region eingesetzt werden könnten (Berlin macht es vor) verhindern bisher einen über das normale konjunkturelle Wachstum herausgehenden Aufschwung der möglich wäre. Für die Städte des Ruhrgebietes gilt: In Bezug auf Selbverständnis und Strukturen ist kaum etwas bewahrenswert. Es gibt nichts, was ruhigen Gewissens beworben werden könnte. Alles muß anders werden!

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Wer sich selbst ein Bild von der Bochumer Kampagne machen will oder wieder jung werden möchte sei auf folgende website verwiesen: http://www.bochum-macht-jung.de/









16 Gedanken zu „Wenn Städte für sich werben….. (Blog 225)“

  1. Modern ist es ja, dass Städte mit Kultur werben: Kassel = Documenta, Bayreuth = Wagner, Salzburg = Mozart oder mit Tieren: Berlin = Bären usw. Vielleicht sollte sich Gelsenkirchen einfach mal werblich beraten lassen?

  2. Herz im Revier?? Mein Dortmund preist sich als Herz Westfalens an — enorm hohe Arbeitslosenzahlen, schlechte Infrastruktur, Ghettobildung und Assi-Kultur wird hier mal locker unter den Pott gekehrt.
    Und warum Bochum, diese 14qm reine Klaustrophobie, jung machen soll ist mir ein Rätsel!

    1. An den Rändern des Ruhrgebiets gibts Schwierigkeiten mit der Identität. In Duisburg (wo ich arbeite) gibt man den Niederrheiner, die Recklinghäuser wären gern Münsterländer und die Dortmunder halt Westfalen.
      Ich finde, man sollte sich nicht unbedingt an den alten, aus den 19. Jahrhundert stammenden preußischen Provinzgrenzen orientieren. Die Preußen mochten das Ruhrgebiet wirklich nicht, wollten es klein halten und es ist ein Anachronismus das
      Dortmund zum Regierungsbezirk Arnsberg gehört. Westfalen oder Rheinländer – das sind wir eben nicht, das sind aufgezwungene Identitäten. Eine grosse Ruhr-Metropole – wäre das nicht schön ?

      1. Da ist was dran. Eine Ruhr-Metropole wäre interessant, zumal die Grenzen zu den anderen Städten sowieso nahtlos übergreifen. Schon schade, dass dieser alte (Ruhrge)beat verloren gegangen ist. Ich vermisse das Credo „Hart, aber herzlich“.
        Mittlerweile ist dieser latente Lokalpatriotismus doch sehr ins Negative gerutscht.

        1. Das bedauere ich auch und an Dortmund habe ich einige positive, wenn auch etwas weiter zurückliegende Erinnerung (Paul McCatney Konzert, Jahreshauptversammlung der Hoesch Aktiengesellschaft in der Westfalenhalle – ein grosser Spaß!, Veranstaltung mit Helmuth Schmidt im Westfalenstadion). Grossveranstaltungen – das könnt ihr ganz gut.

    1. Das ist aber nett! Kuzorra war wirklich ein Original. Einmal habe ich ihn sogar persönlich an seinem Platz in der Kneipe vor dr Glückauf-Kampfbahn sitzen sehen wo man ihn noch im hohen Alter vor jedem Heimspiel mit Sicherheit antraf. Ich selber wäre nie auf die Idee gekommen dort hinzugehen da ich nicht zum Personenkult neige und so etwas als respektlos empfinde. Aber ich hatte seinezeit Gäste aus Hamburg die den Mann sehen wollten.
      Die Grenzstrasse heisst so, weil sie früher die Grenze zwischen Gelsenkirchen und Schalke bildete. Schalke und Gelsenkirchen waren damals noch recht kleine Gemeinden im „Landkreis Gelsenkirchen“. Die Schalker wollten im 19. Jahrhundert mit Gelsenkirchen fusionieren um eine kreisfreie Stadt bilden zu können. Gelsenkirchen lehnte ab da es einmal unterschiedliche politische Mehrheiten gab (Schalke war liberal in Gelsenkirchen dominierte die Zentrumspartei). Zum anderen hatte man Angst von der damals bedeutenderen Industriestadt Schalke. Einige Jahre später gab es dann wegen des rasanten Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums eine „Zwangsfusion duch die preußische Regierung.

      1. ah ja…. interessant.

        Zwangszusammenführungen gab es viele. Manchmal waren sie von Vorteil und manchmal auch nicht. Ich kenn mich im Revier nicht gut aus.

        Vor einigen Jahren war ich in Bochum und habe bei der Gelegenheit Starlight Express besucht. Das war sehr beeindruckend.
        Wenn ich mich noch richtig erinnere, wurde das Theater extra für das Musical gebaut.

        Gruß Pointy

        1. Ah! eine Musical-Besucherin.
          Hat dir denn „Miss Saigon“ (?) in Stuttgart nicht gereicht ?
          Und wie ich Euch Schwaben kenne gibt es in Bezug auf Eingemeindungen sicher einige lustige und tragische Geschichten zu erzählen.

  3. Gelsenkirchen finde ich sehr verbaut und Bochum ist mausgrau. Ich werde die Großstädte wohl nie schön finden, die redet mir auch kein Slogan schön.
    Essen ist die Einkaufsstadt? Wenn mich schon die ersten Junkies am Bahnhof begrüßen und die ersten Berber anbetteln,da bin ich schon satt!

    1. Da du ja ncoh im besten Raver-Alter bist, könntest du ja kommenden Samstag mit der Bahn nach Essen fahren und die Loveparade besuchen. Die Junkies hat man inzwischen weitgehend aus der Bahnhofgegend verdrängt. Stattdessen dominieren dort nun nigerianische Banden, die Autos aufbrechen.
      Jede Stadt hat ihre guten und schlechten Seiten. Ich habe das Glück, an einer langen grosszügig angelegten Platanenallee zu wohnen. Ist trotzdem keine teure Gegend. Es gibt natürlich auch die Viertel, die Du beschreibst

      1. Im besten Raver-Alter? Ich bin Mitte 30!
        Sicher haben die Städte ihre guten wie schlechten Seiten. Die Guten hab ich nur nicht zu Gesicht bekommen. Aber ich wohne hier in einem kleinen Nest, das so ganz anders ist. Sicher kennst du es auch, wir sind ja gar nicht allzu weit entfernt. Schreibe ich dir mal privat.
        Grüße

        1. Die Love Parade gibt es seit 1989. Da dürften die Veteranen inzwischen die 40 locker überschritten haben.
          Außerdem bleiben wir Dank guter Ernährung und gesunden Lebens heute ja alle länger jung – und schön.

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