Ein Telefongespräch (Blog 226)

 

Ich erhalte einen Anruf in der Firma. Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine Frau, die mir erzählt, dass ihr Sohn die Waldorfschule besucht und welche Bedeutung der Werkstoff Holz in der Waldorf-Pädagogik habe. Ich vermute, es gehe hier um eine Geld- oder Sachspende und will sie schon mit der Geschäftsleitung verbinden da fällt der entscheidende Satz: „Mein Sohn ist sich seiner bäuerlichen Vorfahren bewußt geworden…“ ich ahne Böses und erfahre weiter, dass dieses sich bewußt werden zur Folge hat, dass der Sohn nun eine Bauerntruhe aus massiver Eiche bauen will.

Ich atme zunächst auf. Da kann ich ihr helfen. Im weiteren Lauf des Gespräches wird jedoch deutlich, dass wir den begriff „bauen’“ unterschiedlich definieren. Der Sohn soll keineswegs wie seine „bäuerlichen Vorfahren“ sägen und hobeln. Die Mutter stellt sich eher „eine Art Bausatz“ vor. Alle „groben Arbeiten“ sollen schon vorab erledigt sein. Es geht darum, vorgefertigte Teile miteinander zu verbinden und anschließend zu bemalen. So etwas müsse es doch geben.

Was jetzt kommt ahne ich voraus, aber man will ja helfen. Natürlich kann man so etwas vorfertigen. Im handwerklichen Bereich ist alles möglich – aber eben auch alles eine Frage von Zeit und Kosten. Ich frage nach, wie groß die Truhe werden soll, errechne die benötigte Materialmenge, kalkuliere das sägen und hobeln und komme auf einen dreistelligen Eurobetrag.


Es wird still am anderen Ende der Leitung. Dann die üblichen Fragen („Sie haben sich nicht verrechnet?“) , die Höhe der Arbeitskosten (Das Material selbst kostet nur 48 €) wird nicht akzeptiert („Das ist ja unverschämt!“) die dann folgenden Beschimpfungen enden mit dem Satz: „Sie sind doch auch nur einer, der nur Geld verdienen will!“ Dann legt sie den Hörer auf.


Gelegentlich wird in Blogeinträgen über unfreundliche inkompetente Verkäufer berichtet. Oftmals sicher nicht ohne Grund. Aber ein Verkäufer hat es auch nicht immer leicht. Es ist erstaunlich zu sehen, wie schnell Menschen agressiv werden, wenn es nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt haben, wenn das Produkt entweder nicht vorrätig ist, andere Eigenschaften hat als erwartet oder eben teurer ist als gedacht. Dann wird der Verkäufer zum Blitzableiter wobei ihm am Telefon noch mehr Agressivität entgegenschlägt als im persönlichen Gespräch. Offenbar ist die Hemmschwelle geringer wenn man sich nicht gegenübersteht. Einer gesichtslosen Telefonstimme mutet man deutlich mehr zu.


Zurückgeblieben ist im konkreten Fall nur Frust auf beiden Seiten. Zwanzig unerfreuliche Gesprächsminuten und Bestätigung der gegenseitigen Vorurteile. Meine Gesprächspartnerin wird sich über einen aus ihrer Sicht nicht hilfsbereiten, gierigen Verkäufer ärgern und ich kann meine Bedenken gegenüber antroposophisch geprägten Mitmenschen weiter pflegen. Sinn macht das nicht.











21 Gedanken zu „Ein Telefongespräch (Blog 226)“

  1. *seufz* das kenne ich! Der Werkstoff selbst kostet fast nichts, aber die benötigte Arbeit …

    Wir haben schon Kunden dadurch zurück gewonnen, dass wir sie haben ziehen lassen. Entweder zu anderen Lieferanten, oder zu sich selbst. „Andere Lieferanten“ ist ein gewisses Risiko, zu sich selbst eigentlich nicht. Viele Menschen können die Arbeit, die in einem Produkt steckt, einfach nicht einschätzen. Wer produziert denn hier in Deutschland noch etwas mit seinen eigenen Händen?

    In diesem Sinne: ärgere Dich nicht. Diese Frau wird vielleicht noch Deine beste Kundin 😉

    1. ich habe mich hinterher gefragt, ob sie mir vielleicht doch die Skepsis gegenüber Waldorfschulen etc. angemerkt hat. Man kann sich ja nicht immer einschätzen und ist von Stimmfall und Gestik her für andere ungewollt ein offenes Buch. Wenn man jedoch Gespräche abrupt abbricht, gibt es auch die Möglichkeit eines Entgegenkommens nicht mehr. Aber wer weiss, vielleicht höre ich ja wirklich noch mal von ihr.

      1. Ich habe ein bisschen weiter gelesen: du hast da offensichtlich ein gutes Thema getroffen 😉

        … ist von Stimmfall und Gestik her für andere ungewollt ein offenes Buch.

        … möglichst gepresst reden, nicht bewegen und eine Sonnenbrille tragen 😉

    1. Eltern interpretieren gern einiges in ihre Kinder herein. Das kann für Außenstehende spassig sein, ist aber für das betroffene Kind nicht immer schön. Mein Vater hätte mich in den fortschritssgläubigen frühen 60er Jahren gern als Ingenieur gesehen. Da gab es seinerzeit die beliebten Kosmos – Experimentierkästen, darunter auch einen, mit dem man einen Computer bauen konnte. Ich wusste damals wenig damit angefangen.
      Wer weiss, vielleicht war es doch eine Chance die ich hätte nutzen sollen.

  2. So ähnlich ging es mir oft mit meinen Töpfereien, obwohl ich sie schon gar nicht so teuer angeboten habe, wie sie vom Aufwand her hätten sein müssen.

    Auch ein Grund, warum mir die Märkte keinen Spaß mehr bereitet haben!

    1. Ja das ist nicht schön. Die Märkte sind voll von Schnäppchenjägern und die Geiz-ist-geil-Mentalität greift immer weiter um sich. Ein bisschen Handel kann ja Spass machen aber manchmal wirds übertrieben.

  3. Ich denke, der Sohn hat seine Aufgabe falsch verstanden und die Eltern ebenfalls. Bei den Jahresarbeiten der Waldorfschüler geht es doch nicht darum, fertig vorgefertigte Bausätze zusammen zu fügen, sondern eine Arbeit von Anfang an, also vom Baum zur Truhe (etwas hoch gegriffen, wie ich finden, ein Kästchen ist wohl realistischer), in Angriff zu nehmen.
    Ich habe in meinen Jahren an der Waldorfschule wunderbare Arbeiten gesehen, von textilen Kunstwerken, wie handgefertigten Abendkleidern oder handgenähten Schuhen, bis hin zu Musikinstrumenten oder von Schülern inszenierten Theaterstücken. Das alles muss nicht viel kosten, darf es auch nicht, denn dann ständen Schüler reicher Eltern ja viel besser da und das ist nicht der Sinn der Jahresarbeiten.

    Dass dich diese Kundin verärgert hat kann ich aber gut verstehen. Ich stelle immer wieder fest, dass die Menschen alles möglichst billig, aber in bester Qualität haben wollen. Mir geht es ständig so, wenn ich Preise für meinen Musikunterricht aushandeln muss. Was ist das denn schon, eine Stunde mit einem Kind Musik zu machen? Spielerei! „So möchte ich auch mal arbeiten!“ sagte mir ein Vater, den ich um noch ausstehende Unterrichtsgebüren bat Mir als Künstler fliegt anscheinend der Käse von allein aufs Brot!

    Nicht ärgern, nur wundern!

    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende
    Regina

    1. Au weih, da habe ich wohl ein wenig in den Fettnapf getreten. Muss ich aber riskieren. Ein bisschen vertraut ist mir die Waldorfpädagogik. Nebenan in Herne gibt es die Hibernia Schule: http://www.hiberniaschule.de/ausbildungen/holz/index.html
      die haben eine schöne Holzwerkstatt, da könnte man so eine Truhe auch als Jugendlicher unter Anleitung tatsächlich bauen, ansonsten ist das wiklich nicht leicht. Ich weiss auch nicht, ob es sich im konkreten Fall um eine von der Schule gestellte Aufgabe handelte.

      Das an den Waldorfschulen kreativ gearbeitet wird und Schönes entsteht, bestreite ich nicht, was ich bedenklich finde ist der grosse Einfluß den einzelne Lehrer über einen langen Zeitraum auf den einzelnen Schüler haben.

      Es wird dir kein Trost sein aber ähnliche Probleme hatte der
      Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß als junger Hauslehrer auf einem mecklenburger Landgut als man ihn nötigte, den Kindern ohne zusätzliche Bezahlung noch ein bisschen auf dem Klavier zu unterrichten. Voss wäre übrigens auch als Liederdichter wieder zu entdecken. Er gab über lange Jahre einen Almanach mit Liedern und Noten heraus und arbeitete mit verschiedenen zeitgenössischen Komponisten zusammen.
      Ansonsten dominiert eigentümlicherweise ja eigentümlicherweise immer noch die Auffassung, Arbeit müsse zwangsläufig etwas mit körperlicher Anstrengung und Schweiss tun haben. Wundert mich auch aber was will man machen ?

      1. Ach nein, lieber Manfred,

        kein Fettnäpfchen! Ich stehe dem System durchaus auch kritisch gegenüber, sonst wäre ich ja noch immer dort beschäftigt. Wie jede andere Schulform auch, hat die Waldorfpädagogik ihre Vor- und Nachteile. Das sehe ich genauso. Auch halte ich es nicht für gut, dass die Klassenlehrer 8 Jahre lang die Schüler führen. Wenn ich darüber nachdenke, wie schlecht mein Ältester mit seiner ersten Lehrerin zurecht kam, wäre es fatal gewesen, wenn er sie nicht nur zwei, sondern acht Jahre behalten hätte. (Diegleiche Lehrerin hatte übrigens meine Tochter und sie war die beste Lehrerin der Welt für sie!)
        Die Schule, in der ich gearbeitet habe, hatte eine Holzwerkstatt, die von einem sehr kompetenten Lehrer geführt wurde, ich habe immer wieder beobachtet, mit wie viel Freude die Kinder dort die schönsten Dinge hergestellt haben, ebenso in der Weberei und in der Schmiede. Diese Elemente fehlen mir in den Regelschulen ebenso wie das Forstpraktikum und die Eurythmie. Aber man kann eben nicht alles haben.

        Zu den Unterrrichtsgebühren: ja, genauso ist das, Arbeit und Arbeit werden unterschiedlich definiert. Ist ja lustig, dass man bereit ist für eine Arbeitseinheit in einer Autowerkstatt beinahe 40 € zu bezahlen. Ich glaube das sind 20 Minuten. Für qualifizierten Flöten- oder Gitarrenunterricht sind schon 10 € für 30 Minuten Einzelunterricht zu viel.
        Aber, wie du schon sagst: Was will man machen?

        Schönes Wochenende dir und liebe Grüße

  4. Diese Erfahrung mit unrealistischen Preisvorstellungen der Kunden habe ich leider auch schon oft gemacht.

    Leider meinen viele der Stundenverrechnungssatz bestände überwiegend aus Gewinn.

  5. Die Bauerntruhe war ein Statussymbol, darin wurde die Aussteuer aufbewahrt und wurde bestenfalls vom Bräutigam handgefertigt. In den Boden wurden glücksbringende Symbole geschnitzt oder gebrannt, das Bemalen war nicht in allen Gegenden üblich.

    Die Dame wollte wohl einen Rolls-Royce zum Daihatsu-Preis. Mich ärgert dann immer, dass man schon vorher weiss, dass man seine Zeit verschleudert, aber trotzdem höflich bleiben möchte.

    btw:
    Eines dieser Glückssymbole war auch ein Hund (frag mich nicht, warum). Wurde in der Ehe nun schlecht gewirtschaftet und man war gezwungen, Stück für Stück der Aussteuer zu vertickern, bis man schliesslich den Boden sah, dann war man „auf den Hund gekommen“.

  6. Allein schon die Tatsache,einen „Bausatz“ kaufen zu wollen…maaann.
    Naja die Preisvorstellungen gehen doch manchmal sehr auseinander. Manche meinen dann „bau ich halt selbst“ und werden feststellen: Viel günstiger ist das auch nicht!

        1. Finde ich toll, das du so etwas kannst. Auf deinen Papageien Bildern in den Juli-Blogs ist das andeutungsweise zu erkennen (Der graue Papagei der auf einer Art solide verschraubter Leitersprosse sitzt). Vielleicht solltest du mal Bilder von deinen „Arbeiten“ veröffentlichen und etwas dazu schreiben.

          1. Ich versuche ja so gut es geht,den Sonnenscheinblog immer irgendwie spaßig zu halten. Dazu fällt mir allerdings nichts wirklich witziges ein.Ach ja, doch,das Sonnenmann bei einer Voliere doch tatsächlich von „geholfen“ sprach, weil er mir das Dach beim verschrauben gehalten hat.Oder wäre das eher traurig:)?
            Ich schicke dir hier ein paar Bilder:

            'volierebigfoods' von familie sonnenschein

            Das ist die Voliere meiner Prachtfinken. Wunderschöne,kleine Vögel. Die Voliere habe ich zwischen zwei Kaminwänden in eine Schräge gebaut. Sehr schön! Leider bekomme ich sie nie komplett ins Bild wegen Fachwerkbalken,die im Weg wären.

            'Gehe voegel' von familie sonnenschein
            'Nymphen1' von familie sonnenschein

            Das ist eine Außenvoliere als Außen.-und Innenaufnahme.Hier leben die Sittiche.

            Demnächst werde ich ein ganzes Zimmer für die Papageien verdrahten.Bin mal gespannt wie das wird.

            Viele Grüße

  7. Wirklich beeindruckend. Das Ausnutzen der Schräge ist eine interessante Lösung. Aber diese Außenvoliere – gibt das im Winter nicht Probleme mit dem beheizen ? Und was heisst „Außen“ in diesem Fall? Zugebauter Balkon, Schuppen im Außengelände.

    Und natürlich muss ich bei dieser Gelegenheit den Sonnenmann verteidigen. Er hilft bestimmt gerne – aber ihr seid manchmal etwas ungeduldig.

    1. Hallo Manfred,
      ich habe deine Antwort nicht gleich gesehen weil sie meinem Kommentar nicht anhängig war…
      Die Außenvoliere hat rechtsseitig ein Schutzhaus das die Vögel befliegen können,die Fenster kann ich dann schließen. Allerdings sind die Sittiche nicht empfindlich und sitzen auch bei hohen Minustemp. draußen im freien Teil ihrer Voliere.
      „Außen“ ist übrigens bei uns im Garten. Wir haben nicht nur das große Grundstück,sondern eben auch einen recht großen Garten am Haus.
      Sonnenmann hilft im Übrigen schon ganz gerne, aber lieber ist es mir,ich mache solche Arbeiten allein. Dann muss ich nämlich am Ende nicht stetig hin und her diskutieren, was man anders machen müsste. Am Ende kam bei meinen Arbeiten nämlich noch nie etwas verkorkstes raus. (zuviel Eigenlob jetzt?)
      Viele Grüße

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