In Bus und Bahn unterwegs: Der Herr Michalski lebt noch (Blog 240)

Ich habe ihn wohl im Gedächtnis behalten, weil er eine auffällige Erscheinung war: Groß, hager, dunkelbrauner Kunstledermantel, zu eng geschnallter Gürtel. Die Krönung war ein kurzkrempiger Lederhut in einer Tönung, die mit dem Mantel harmonierte. Sein Alter war nicht einfach zu schätzen. Irgendwo zwischen dreißig und sechzig. Er war einer der ersten Kunden, den ich als Lehrling bediente. „Den nehmen Sie“ sagte der Ausbilder, als wir ihn durchs Fenster auf das Büro des Verkaufs zuschreiten sahen. Es war nicht einfach.

Er wolle sein Wohnzimmer „mit Holz ausschlagen“ erklärte er. Es solle etwas Solides sein, das ein Leben lang halte – und dann nach einer Pause sagte er mit – wie ich fand – unangemessenem Gleichmut: „Wobei zu bedenken ist, dass mein Arzt gesagt hat, ich würde vielleicht nicht mehr lange leben“.

Was soll man da empfehlen? Ich verkaufte ihm Profilbretter aus Fichte. Solide – und nicht teuer. In den 70er Jahren neigte man dazu, Wände und Decken mit Profilbrettern oder Paneelen zu verkleiden. Man wollte „einmal Ruhe haben“, „nie wieder tapezieren“ müssen und gedachte den Rest seines Lebens in holzgetäfelten Wohn- und Schlafzimmernn zu verbringen. So wohl auch der Herr Michalski.

Schon in den 80ern änderte sich diese Sichtweise. Die Einrichtung wurde der jeweiligen Nutzung angepasst – und die wechselte zunehmend häufiger. Da störte ein starres Element wie eine Wandverkleidung nur und so entfernte bereits die nächste Generation die nun als scheußlich oder spießig empfundenen Vertäfelungen aus Fichte oder Eiche. Mit Tapeten oder Wandfarben konnte man „flexibler gestalten“ sich öfter „neu erfinden“.

Dem Herrn Michalski begegnete ich nicht wieder, vergaß ihn fast – bis ich ihn vor einigen Wochen im Bus der Linie 383 wiedersah. Den Ledermantel trug er nicht mehr, wohl aber einen kurzkrempigen Hut. Vielleicht denselben wie bei unserer ersten Begegnung? Zunächst hatte ich Zweifel ob er es wirklich sei. Nicht wegen zu geringer- , sondern zu großer Ähnlichkeit mit dem Menschen, den ich zuletzt vor drei Jahrzehnten gesehen hatte und natürlich weil ich ihn aufgrund seiner damaligen Bemerkung eigentlich nicht mehr unter den Lebenden vermutete. Sein Alter war ach wie vor schwer zu schätzen: Irgendwo zwischen dreißig und sechzig. Ich war versucht, Ihn anzusprechen. Er stieg aber bereits an der nächsten Haltestelle aus. Die Art und Weise wie er aufstand und wie er sich bewegte ließ dann doch vermuten, dass er so jung nicht mehr sein könne und als ich ihn die Hauptstraße überqueren und auf die Almastraße zugehen sah schwanden die letzten Zweifel. Dorthin hatten wir seinerzeit die Profilbretter geliefert. Er war es. Er lebte noch. Ob wohl die Profilbretter immer noch die Wohnzimmerwand verzieren ?

Anmerkung: Der Herr Michalski heißt natürlich nicht Michalski. Er hat einen lustig klingenden Namen der sich gut merken lässt. Aber dann wäre er erkennbar – und das dürfte nicht in seinem Sinne sein.

8 Gedanken zu „In Bus und Bahn unterwegs: Der Herr Michalski lebt noch (Blog 240)“

  1. Es ist doch immer wieder erstaunlich, dass man nach so vielen Jahren Menschen wieder begegnet und einem dazu solche Geschichten einfallen :). Hat mir gut gefallen, Deine Erzählung!

    Wir haben auch noch Vertäfelung in der Wohnung; im Keller. Und die hängt da schon länger als 30 Jahre…;)

    1. Ich erinnere mich, finde es selber auch garnicht schlecht und habe selber mal die Wand hinter meinem Schreibtisch mit Cedar-Brettern vertäfelt.
      Aber neulich bin ich einmal zufällig in eine dieser modischen Renovierungs-Sendungen geraten und da hiess es gleich: Zuerst muss das furchtbare Holz heraus.
      Die Geschmäcker ändern sich. So sieht man zur Zeit in jedem Geschäft Möbel aus dunklem Nussbaum. Das hätte zu Anfang dieses Jahrtausends niemand haben wollen. Mal sehen wie lange dieser Trend anhält

  2. Und was muss ich da sehen, meine Frau war schon vor mir hier. Das mit der Verkleidung im Keller wollte ich eigentlich schreiben. Mir hat die kurze Geschichte ebenfalls gut gefallen und wie heißt es doch so schön, man trifft sich im Leben immer zwei mal.

    1. Das ist tatsächlich so und ich schätzte mal gerade in dem Bereich in dem du tätig warst trifft man immer wieder unverhofft auf alte Bekannte. Ich glaube es spielt schon eine Rolle ob man versucht offen zu sein und die Menschen im Grunde mag, oder ob man in seiner eigenen Welt lebt un um sich herum wenig wahrnimmt. Auch das gibt es.

  3. Auch „eine Geschichte, die das Leben schrieb“. Sehr schön.

    Mein Vater hat auch mit Holz verkleidet. Mein Bruder auch. Waren/sind beides echte deutsche Kerls und die mussten sich in Eiche kleiden bzw möblieren.

    Ich liebe Holz. Aber wenn ich in eine Wohnung mit Holzdecken komme, auch noch dunkles Holz, da könnte ich gleich wieder die Flucht ergreifen. Boah….

    1. Du meinst sicher den früher sehr beliebten Rustikal-Beizton P43.
      Kann man eigentlich nur in grossen, hellen Räumen verwenden und sollte ihn auch da nur sparsam verwenden. Sonst wird der Raum zur engen Höhle und das führt dann zu der von dir beschriebenen Reaktion.

  4. Eine wunderschöne Geschichte. Wie sagt mein Lieblingskollege: man trifft sich im Leben immer zweimal. Und er hat recht!

    Auch in meinem Elternhaus, an einer kleinen Wand in meinem Jugendzimmer, findet sich noch etwas Fichte als Profilholz. Und ein selbstgezimmertes Bett aus Fichte steht noch bei den Schwiegereltern.

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