Der Tag des Kommentars (Blog 272)

Der Tag des Kommentars (Blog xxx)

Samstag Vormittag. Meine Frau ist nicht da. Fortbildungskursus. Kommt erst heute Abend wieder.
Das von den falschen Propheten = Meteorologen angekündigte „Sonnige Wetter“ will sich auch nicht einstellen. Der Hochnebel behauptet sich hartnäckig.

Was tun ? Ein Tag wie gemacht dafür, den Schlafanzug anzubehalten, die Haare noch nicht zu waschen und auch die Rasur zu verschieben. Stattdessen bewegt man seine 107 kg zum Schreibtisch – getrieben von dem jeden gebürtigen Protestanten innewohnenden, zeitweilig gehassten, mit zunehmenden Alter aber immer liebevoller gepflegten „schlechten Gewissen“. Aktueller Grund: Die Antwort auf viele Kommentare steht noch aus. In den letzten Woche habe ich einige erhalten, darunter auch welche von Menschen, die sich bisher noch nie oder eher selten gemeldet haben.

Und so erkläre ich den heutigen Tag zum Tag des Kommentares und hoffe auf Milde. Heute werden Kommentare geschrieben, beziehungsweise beantwortet. Los geht’s…..

Das ist „unser“ China ! (Blog 271)

Man übertreibt nicht wenn man behauptet, dass über China in den letzten Wochen und Monaten ausschließlich Kritisches bis Negatives zu lesen und zu hören war. Das Verhalten der chinesischen Regierung im Tibet-Konflikt das ich – um das gleich klarzustellen – keinesfalls beschönigen oder verteidigen will hat dazu geführt, das der Ruf Chinas zumindest in den westlichen Demokratien, auf lange Zeit ruiniert sein dürfte. Vielleicht zurecht.

Auch in der Zeit vor den Geschehnissen in Tibet hörte man wenig Gutes über die Chinesen: Chinesen schlachten und essen Hunde, sind auch sonst grausam zu Tieren, China verhängt grausame Strafen, hat einen Spitzenplatz bei den vollstreckten Todesurteilen, schlachtet die Körper der Hingerichteten aus und verkauft deren Organe. Weil inzwischen zu Wohlstand gekommene Chinesen ihre Essgewohnheiten ändern werden bei uns Milch und Getreide teurer. Chinesen kaufen unser Holz und unser Altpapier auf und treiben damit auch diese Preise in die Höhe. China überschwemmt uns mit billigen Produkten und liefert verunreinigtes Heparin das bei uns die Kassenpatienten nach Operationen sterben lässt. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Gehen wir einmal davon aus, all dieses wäre wirklich so. Dann ergäbe sich als nächstes die Frage: Wieso bleibt die Kritik des Westens so wirkungslos bei den Kritisierten ? Und dies wiederum führt zur Frage nicht nach der Legitimation der Kritik sondern die der westlichen Kritiker, allen voran die der für ihre „klaren Haltung“ gegenüber China gern gelobten Bundeskanzlerin. Da sieht es übel aus.

Gehen wir zurück in das Jahr 1900. Der deutsche Kaiser Wilhelm II verabschiedet in Kiel deutsche Marineeinheiten, die in China zusammen mit anderen europäischen „Eingreiftruppen“ einen Aufstand niederschlagen sollen. Er hält eine Rede, die als „Hunnenrede“ in die Geschichte eingeht. Der entscheidende Absatz lautet:

„Ihr sollt fechten gegen eine gut bewaffnete Macht, aber Ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tod des Gesandten, sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird nicht gegeben; Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnenunter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“

Es würde den Rahmen dieses Eintrages sprengen, ausführliches über die Gründe dieses ersten auch damals schon zusammen mit verbündeten europäischen Truppen erfolgten Militäreinsatzes deutscher Soldaten in Asien zu schildern. Da muss der interessierte Leser sich schon selber bemühen. Nur soviel: Auch damals wurde das Völkerrecht missbräuchlich dazu verwendet den europäischen Einfluss in China wirtschaftlich und politisch auszuweiten. Auch Deutschland war damals Kolonialmacht in China. In der Stadt Tsingtao (heute: Qingdao) wurde beispielsweise die „Germania – Brauerei“ errichtet, deren Tsingtao – Bier noch heute jedem China – Restaurant – Besucher vertraut sein dürfte. Der deutsche Einfluß
in China endete mit dem 1. Weltkrieg. Die auch nach heutigen Maßstäben freiheitlichen Demokratien Großbritannien und Frankreich fuhren fort, China wirtschaftlich auszubeuten und politisch zu destabilisieren. Die USA und Japan standen dabei nicht abseits. China hat keine guten Erfahrungen mit westlichen Demokratien und der Umgang mit geldgierigen Sportfunktionären und Sponsoren wird sie in ihrem Misstrauen und ihrer Ablehnung bestärkt haben. Das gilt auch für westliche Regierungschefs, die bei ihren Besuchen rudelweise Vertreter der jeweiligen nationalen Wirtschaft im Gefolge haben und sich öffentlich damit brüsten, diesen die „Türen“ geöffnet zu haben.

Wenn die westlichen Staaten heute den Chinesen gegenüber demokratische Reformen und Einhaltung der Menschenrechte einfordern ist das vergleichbar mit dem Verhalten eines ehemals prügelnden Vaters der seinen Sohn auffordert, die eigenen Kinder gut zu behandeln. Er mag sich geändert haben, er mag recht haben – aber er kann kein glaubwürdiger Mahner sein. Er wird zurecht nicht ernst genommen.

Nun zurück zur verzerrten Wahrnehmung Chinas durch uns. Da gibt es jede Menge Klarstellungsbedarf. Man erinnere sich an das „Russen – Trauma“ unserer Großeltern die uns lehrten, Russland mit der „Sowjetunion“ gleichzusetzen. Auch im Geschichtsunterricht vermittelte man uns das Bild einer starken zu keinem Kompromiss bereite Weltmacht, unüberwindbar und natürlich böse. Wie vielschichtig dieses Staatsgebilde war wurde erst klar, als es zusammenbrach. Wer wusste vorher von Tschetschenen, Georgieren, Usbeken, Ukrainern, Armeniern und all den anderen Völkern? Mit „China“ scheint es sich ähnlich zu verhalten. Ich jedenfalls habe in den letzten Wochen zum ersten Mal wahrgenommen, dass eine nicht unerhebliche Zahl Tibeter wohl auch in anderen chinesischen Provinzen lebt. Wann werden die Mongolen aufbegehren, wann die moslemischen Völker ? Kann sein, das China ein ähnliches Schicksal droht wie der Sowjetunion.

Es kann auch sein, daß das heutige China das größte aller Globalisierungsopfer wird. Schon im September 2006 habe ich unter Bezugnahme auf Veröffentlichungen von Thomas Fricke in der Financial Times Deutschland darauf aufmerksam gemacht, dass die Lohnkosten in China schnell steigen (Siehe Quellenangaben unten). Im März war unter dem Titel „China verliert seinen Kostenvorteil“ ein aufschlussreicher Artikel von Janis Vougioukas in der „Süddeutschen Zeitung“ zu lesen. Er befaßt sich unter anderem mit den Zuständen in der ehemaligen deutschen Kolonialstadt Qingdao. Hier haben sich in den vergangenen Jahren über 5000 südkoreanische Unternehmen angesiedelt. Die Zahl der südkoreanischen Einwohner beträgt über 100.000 . Im Dezember 2006 stellte dort ein koreanischer Lederwarenhersteller über Nacht die Produktion ein. 30 Manager verschwanden über Nacht, 542 unbezahlte Arbeiter und Außenstände in Höhe von umgerechnet 9,2 Millionen Euro blieben zurück. Das war nur der Anfang. Inzwischen werden in Qingdao jede Woche vier bis fünf koreanische Geschäftsleute entführt – wohl im Auftrag von chinesischen Gläubigern die um ihr Geld fürchten und sie als Geisel nehmen.

Die chinesische Wirtschaft hat ähnliche Probleme wie wir: Gestiegene Rohstoffkosten können nicht weitergegeben werden, die Inflationsrate steigt und auch die billige genügsame chinesische Arbeitskraft ist (Gott sei Dank!) wohl eher eine Wunschphantasie provinzieller deutscher Mittelständler: „Bei ausländischen Managern in Shanghai gilt inzwischen die Faustregel, dass Büroangestellte jedes Jahr eine Gehaltserhöhung von 10% erwarten und sonst das Unternehmen verlassen.“

Wir sollten weniger Angst vor einem vermeintlich starken, homogenen China haben als vor einem China, das auseinanderfällt, das mit seinen sicher kommenden zukünftigen Wirtschaftskrisen nicht fertig wird und dessen autoritäre Führung nicht in der Lage ist , politische Reformen durchzusetzen. Nicht nur die Europäer haben hier eine aus der Vergangenheit herrührende Verantwortung. Wir sollten nach Wegen suchen, diese glaubwürdig wahrzunehmen. Drohungen, Forderungen oder das demonstrative Bestehen auf eine vermeintliche moralische Überlegenheit sind nicht der richtige Weg.

Quellen:

Zur Hunnenrede: http://de.wikipedia.org/wiki/Hunnenrede

http://manulan.blog.de/2006/09/29/wie_sich_globalisierung_entwickelt_blog~1173218

http://de.wikipedia.org/wiki/Qingdao

http://de.wikipedia.org/wiki/Tsingtao_%28Bier%29

„China verliert seinen Kostenvorteil“ von Janis Vougioukas Süddeutsche Zeitung vom 07.03.2008

Der „graphodino“ ist verschwunden (Blog 270)

Gestern noch schrieb ich über Menschen, die uns verlorengehen. Heute morgen stelle ich fest, daß das weblog des „graphodino“ nicht mehr erreichbar ist. „Internal server error“ wird angezeigt wenn man seine Seite aufrufen will.

Nun ist es ja nicht das erste Mal, das er uns verlässt. Das letzte Mal ist er unter neuem Namen bei einem neuen Bloganbieter wieder aufgetaucht. Aber alle, die ihn kennen wissen um seine Schwierigkeiten in den letzten Monaten und es ist ja zur Zeit nicht gerade leicht ausgerechnet in München eine Wohnung zu finden. Zuletzt hatte er wohl auch keine Möglichkeit mehr, seine Hardware aufzustellen und meldete sich nur noch sporadisch aus einem Internet–Cafe.

Er ist (ich schreibe bewusst „ist“) ein schwieriger Freund dessen Texte sich manchmal erst nach dem zweiten oder dritten Lesen erschließen, der schon einmal literarische und zeitgeschichtliche Kenntnisse voraussetzt die man nicht immer haben kann (Dank wikipedia ist das jedoch meist kein Problem) und der sich wohl manchma auch nicht helfen lassen will – obwohl: Das würde er sogleich energisch bestreiten.

Ich hoffe, das wir bald wieder von ihm hören, das er uns nicht dauerhaft verlässt und das er eine Basis findet von der aus er es leichter hat sein Leben zu ordnen – und falls er diesen Text lesen sollte: Über ein Lebenszeichen würde nicht nur ich mich freuen.

Fabio ist nicht mehr da (Blog 269)

Wie man dem vorhergehenden Blogeintrag entnehmen kann waren meine Frau und ich in der vergangenen Woche beim Italiener. Wir betreten dieses Lokal nur einmal im Jahr aus dort ausführlich geschildertem Anlass und wurden seit fast einem Jahrzehnt immer von Fabio bedient. Fabio sieht so aus und verhält sich auch so wie man sich den typischen Kellner vorstellt: Korrekt gekleidet, Menjou-Bärtchen, freundlich, zurückhaltend, kompetent und bei all dem doch mit dem kleinen Hauch von Arroganz ausgestattet den ein richtiger Kellner haben muss. Wir hatten uns an ihn gewöhnt, mochten ihn. Diesmal war er nicht da.

Kann natürlich sein, dass er seinen freien Tag hatte. Aber mein Gefühl sagt mir, das er auch im nächsten Jahr nicht da sein wird, dass wir ihn nicht wiedersehen werden. Das Ristorante hatte sich auch sonst verändert. Neue, zugegebenermaßen bequemere Stühle und auch eine neue Bedienung die allen Ernstes meinte, wir kämen auch mit einem halben Liter Wein aus. Welch abwegige Vermutung! Fabio jedenfalls hat uns nie „verdursten lassen“.

Sein Verschwinden nehme ich zum Anlaß, uns alle an die nicht geringen Zahl von Menschen zu erinnern, die uns immer wieder im Alltag begegnen, manchmal sogar täglich. Die wir mögen, mit denen wir uns unterhalten, die Teile unserer Lebensumstände und -einstellungen kennen und wir die ihren. . Ich meine die Verkäuferin beim Metzger, den Besitzer der kleinen Spirituosenladens, die Friseurin die uns regelmäßig die Haare schneidet, den Schreiner, der drei mal im Jahr eine Buchenbohle kauft, die Frau mit der man häufiger im Zug gemeinsam heimfährt und natürlich einige Bloggerinnen und Blogger deren Einträge man gerne liest und (manchmal) zu selten kommentiert (to whom it concerns: Kein böser Wille). Manchmal gehen diese Menschen uns verloren.

Nicht selten kennt man nicht mal ihre Namen (Fabios Namen kenne ich auch nur, weil auf der Rechnung stand : Es bediente Sie : Fabio). Man nimmt erst nach einiger Zeit wahr, das sie verschwunden sind, nicht mehr kommen oder nicht mehr schreiben. Oft ist nicht mehr zu ermitteln, wohin es sie verschlagen hat oder ob sie noch leben. Und wir bleiben zurück mit dem Bewußtsein, das ein vertrautes Stück unseres Leben – sei es auch noch so klein gewesen – verschwunden ist und uns fehlt.

Und während ich den bisher geschriebenen Text noch einmal durchlese und feststelle, daß es ein spätes „Wort zum Sonntag“ geworden ist (was mich nicht stört sondern mir ganz lieb ist) drängt es mich nun doch, einen Schluß aus dem Geschilderten zu ziehen. Den nämlich, den Menschen in unsererem Umfeld respektvoll und wenn es denn möglich ist mit Sympathie zu begegnen und zwar auch um unserer selbst Willen. Viele Menschen mit denen uns GegenseitigesWohlwollen verbindet haben wir nicht zu verlieren. Es kann rasch kalt um uns herum werden – und einsam.

Hochzeitstag (Blog 268)

Das Männer den Hochzeitstag vergessen ist eine böswillige Legende. Schon letzte Woche habe ich den Tisch beim Italiener bestellt und einige andere Vorbereitungen getroffen. Morgen jährt sich dieses nicht unwesentliche Lebensereignis für uns zum vierzehnten Mal – Ende nicht absehbar.

Ich habe spät geheiratet. Meine Frau kannte ich allerdings schon als ich zwanzig war. Sie war die Freundin einer Freundin. Nach der Schulzeit gab es keinen Kontakt mehr zwischen uns und eher zufällig traf ich sie zwei Jahrzehnte später wieder. Ein halbes Jahr später haben wir dann geheiratet. Ein Schritt, den wir bis heute beide nicht bereuen. Sie tut mir gut und ich bemühe mich – soweit das einem Mann möglich ist – ein erträglicher Mitmensch zu sein.

Einige Marotten möge man mir verzeihen. So habe ich alle Rechnungen unserer Hochzeitsmenüs aufbewahrt und da wir immer die gleichen Gerichte (Scaloppine Romana) zu uns nehmen und das Restaurant nur einmal gewechselt haben kann ich leicht ausrechnen, wie sich das Essen im Laufe der Zeit verteuert hat. Ganz konkret von war es im letzten Jahr – natürlich nicht inflationsbereinigt – 33,73% teurer als 1995.

Und dann habe ich auch noch unsere Hochzeitsschuhe aufbewahrt. Hier sind sie:

Hochzeitsschuhe