Über Engländer und Pommes Frites Teil 1 (Blog 279)

Kürzlich war in der FTD folgende Meldung der Agentur Reuters zu lesen:
„Die Schweizer Regierung hat die strengen Einfuhrbestimmungen für Kartoffeln gelockert. Der Grund: Man hatte Bedenken, dass es während der Fußballeuropameisterschaft aufgrund unerwartet niedriger Kartoffelvorräte zu Pommes-Frites-Mangel kommen könnte…..Nun werden zusätzlich 5000 Tonnen Kartoffeln importiert…..“

Mein erster Gedanke war: Da haben die Schweizer wohl Glück gehabt, dass die Engländer die Qualifikation zur Europameisterschaft nicht geschafft haben. Dann wären weitere 5000 Tonnen fällig gewesen. Möglicherweise hätte man auch noch zusätzlich Fisch importieren müssen.

Aber davon abgesehen: Gibt es einen glaubwürdig rekonstruierbaren Zusammenhang zwischen Engländern und Fritten wie es der Titel suggeriert? Bezüglich der Geschichte meiner Familie schon:

In den letzten Monaten des zweiten Weltkrieges wird mein Vater – damals ein 16-jähriger Schüler – zusammen mit den anderen Jungen seiner Klasse als sogenannter Flak-Helfer eingezogen. Es geht ins Berger Feld (dort steht jetzt das Stadion in dem heute Abend gegen Serbien gespielt wurde). Sie helfen bei der Bedienung der Flugabwehrgeschütze und da man die Lehrer gleich mit eingezogen hat wird zwischenzeitlich tatsächlich noch unterrichtet. Mein Vater erzählte, das sein Englischlehrer den Unterricht mit folgendem Ritual einleitete: Er betrat den Raum. Die Schüler erhoben sich. Der Lehrer brüllte: „Gott strafe England“ . Die Schüler antworteten: „ Er strafe es“. Dann setzte man sich und der Unterricht begann.

Als die alliierten Truppen näher rücken werden die Schüler an die Front gebracht, sollen als „Volkssturm“ eingesetzt werden. Dazu kommt es glücklicherweise nicht mehr. Mein Vater gerät in Kriegsgefangenschaft. Er wird nach Belgien gebracht, in die Nähe von Antwerpen (Kalmthout) wo er Minen beseitigen muss. Es ist ein Lager der Briten.

Und so eigenartig es klingen mag: Hier fühlt er sich wohl. Sein ganzes Leben lang berichtet er über diese Zeit in einer Art und Weise, als habe es sich um einen spannenden, auch lustigen Abenteuerurlaub gehandelt. Ich kann es mir nur so erklären, dass er sich dort in der „Gefangenschaft“ zum ersten Mal „frei“ fühlen konnte. Kein Druck des strengen Elternhauses, kein militärischer – sicher auch mit Todesangst verbundener – Zwang mehr. Er ist bald in der Lage, sich mit den Bewachern auf Englisch zu unterhalten, lernt Tischtennis spielen und hat nicht wenig Freizeit in der auch Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung möglich sind. Noch ein Jahr vor seinem Tod bittet er mich, mit ihm nach Belgien zu fahren wo er – leider vergeblich – versucht, sein altes Kriegsgefangenenlager wieder zu finden.

War da nicht noch was ? Ach ja, die Fritten…..