In Bus und Bahn unterwegs: Himbeer und Orange (Blog 292)

 

In Essen steige ich um 6.35 Uhr in den geringfügig verspäteten Regionalexpress. 242 Sekunden sind es genau. Die Verkündung dieser Zahl per Lautsprecherdurchsage führt selbst bei den um diese Zeit in der Regel müden und nicht gerade gut gelaunten Fahrgästen zu wagonweit hörbaren Heiterkeitsausbrüchen. Sekundengenaue Verspätungsmitteilungen – das gibt es wohl noch nicht so lange; habe ich jedenfalls bisher noch nicht gehört. Spricht man dann bei einstündiger Verspätung von 3600 Sekunden ?


Der Zug ist wie am Freitag üblich nur mäßig besetzt. Lesen mag ich gerade nicht. Zeit also, einen Blick auf die Mitreisenden zu werfen. Mir gegenüber sitzt eine Frau , die ihren Unterkörper einschließlich der Füße mit einer himbeerfarbenen Tagesdecke verhüllt hat. Konkret: Die Schuhe (so sie welche tragen sollte ) stehen auf der Decke. Auf dem Schoß liegt eine himbeerfarbene Tasche mit floralen Motiven; die Brille hat eine himbeerfarbene Fassung. Nur das violettfarbene Buch beißt sich furchtbar mit den anderen Accesoires. Leider kann ich den Titel nicht erkennen aber der Farbe nach könnte es sich um Vladimir Nabokovs „Ada oder Das Verlangen“ handeln. Ein Buch in dem es um eine lebenslange Liebe geht.


(EINSCHUB: Sollte sich jemand mit dem Gedanken tragen einen der großen russischen Exilanten zu lesen: Nicht lange mit Dostojewski oder Solschenizyn aufhalten. Gleich Nabokov lesen. Ein Zwangsglobalisierter der sein Schicksal annahm und Romane in russischer, deutscher und englischer Sprache verfasste.)


Einen Moment bin ich versucht, sie auf diese Disharmonie hinzuweisen. Lasse es aber und schaue lieber, wer sonst noch mitfährt. Ich sehe einen Mann, wenig älter als ich, gebräunte Haut graue halblange Haare, Miniply-Locken (sah ich seit den 80erJahren nicht mehr) ; er trägt ein orangenes T-Shirt mit hellblauen Rändern an Ärmeln und Rundhals. Auf dem Bustteil ist die Aufschrift GURU in unübersehbarer Größe angebracht. Könnte Selbstironie sein aber den Angehörigen dieser Generation die nach einer Jahreszahl benannt ist und die sich permanent (dieses Jahr aus gegebenem Anlass noch intensiver) selber feiert ist solch ein Wesenszug fremd. Ich tippe eher auf eitlen Sportlehrer.


Nun muß ich mich wirklich beherrschen. Ich überlege, ob ich den Guru nicht zu uns herüberbitten,
ihn gegenüber der Himbeerfrau plazieren und die beiden fragen soll, ob sie sich nichts zu sagen hätten. Wäre doch schön: Einer, dem der Wetterumschlag entgangen ist und eine, die sich am Fuße des Himalaya wähnt. Altersmäßig würde es passen. Ich täte es zu gerne.


Aber es ist noch zu früh. Unsere rudimentär bürgerliche Gesellschaft ist noch nicht reif für solche Formen fortschrittlich-fürsorglicher Kommunikationsvermittlung und so würde mir statt (sicher angebrachter) Dankbarkeit nur Befremden entgegenschlagen, vielleicht Schlimmeres und für eine rasche Flucht wäre ich so früh noch nicht wach und schnell genug.


PS: Für diesen Eintrag mache ich die Veltins-Brauerei mitverantwortlich. Morgen soll es in de Getränke-Markt gehen und so war ich gezwungen, dem Gerstensaft mehr als üblich zuzusprechen um den Kasten leerzubekommen. Die Reue folgt morgen…..

18 Gedanken zu „In Bus und Bahn unterwegs: Himbeer und Orange (Blog 292)“

    1. Schön von dir zu hören. Muß mal wieder nachschauen. Zuletzt wart ihr unterwegs an die Ostsee und deinen geographischen Angaben zu Folge nicht weit entfernt von unserem letztjährigen Urlaubsort.Ich schau heute mal bei dir herein.

      1. Genau gesagt waren wir am Darß, tolle Halbinsel mit sehr schöner Landschaft und tollen Stränden. Hab schon zu meiner Vermieterin gesagt, sie möge mir bitte meine Wohnung und die Tiere bringen, dann bleiben wir gleich da.
        Verzeihe meine Untreue und das ich mich so rar gemacht habe, ich wollte einfach mal eine Zeit lang überhaupt nichts. Aber wenn es dich tröstet: reingeschaut habe ich wohl und auch manches Mal an dich gedacht.
        Für die Zukunft verspreche ich Besserung.
        Hoffe gesundheitlich alles ok, auch bei Mutter und so?!
        Bis bald
        D.

  1. Große Klasse! Um 0635 bin ich zu solchen Beobachtungen noch garnicht fähig, da schlafe ich noch …

    … und schiebe die Schuld nicht auf den Gerstensaft: der lockert vielleicht die Zunge … aber auch die Finger? 😉

    1. Ich habe mich am Abend noch gefragt, ob das Traumgestalten waren aber zumindest von der beschriebenen Optik her ist der Text purer Realismus.

      Die Brauerei muß mit ins Boot weil…..vielleicht erklagen mich jetzt die Sportlehrer. Da sind mir im Laufe der Schulzeit fragwürdige Gestalten begegnet. Denen widme ich diesen Text nun in nachhinein.

      1. OK, die juristischen Gründe verstehe ich! *lach*

        Ich fahre auch schon mal (sehr selten) in sehr frühen Zügen. Ich flüchte dann aber sehr schnell in Traumwelten … 😉

  2. Ich staune, welche bösartigen Gedanken du haben kannst, angesichts solcher Personen. :)) Die finden sich schließlich völlig normal. Sind sie vielleicht auch? Was ist normal? Wir vielleicht überhaupt nicht. :))

    Sehr schöne erheiternde Geschichte.

    1. Ich war ja froh über die beiden. 80% der frühmorgendlichen „Reisenden“ schlafen oder hören per Kopfhörer Musik – wer wach ist hat meistens schlechte Laune. Da sind zwei bunte Gestalten eine willkommene Abwechselung.
      Zur Frage was normal ist: In der Regel ist den Menschen ihre optische Präsenz nicht gleichgültig. Da macht man sich schon Gedanken. „Normalerweise“ will man eben nicht zu sehr auffallen, gibt sich introvertiert, will seine Ruhe haben. Das mag normal sein – ist aber auch schade.

    1. Es gibt ein schönes Foto von Thomas Mann (nein, ich bin icht größenwahnsinnig, das soll keinesfalls ein Vergleich sein!!)
      auf dem er ein gepflegtes Pils vor sich stehen hat. Da zeigt, das dieses Getränk der literarischen „Produktion“ zumindest nicht abträglich ist.

      Ich werde mal schauen, ob ich in einem der hiesigen Getränkemärkte „Astra“ auftreiben kann. Werde eine Flasche auf dein Wohl leeren. Mögen deine Wünsche in Erfüllung gehen!

  3. Diesen Post vielleicht auch blog.de für die „Bewusst geniessen“-Aktion anbieten? Nur ein Spässchen…

    Grandios! Und bis auf die revolutionär bunte Schrift auch knochentrocken. Hättest Du jetzt Smilies eingefügt, hätt ich mir Sorgen gemacht, wieviele Kästen zurück in den Getränkemarkt mussten.

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