Leben ohne Auto (Blog 295)

 

Im Juni habe ich in Blog 281 verlauten lassen, dass meine Frau und ich versuchen wollten künftig ohne Auto auszukommen. Ich selber habe das meine schon 1994 verkauft, ließ mich aber morgens gern zum Essener Hauptbahnhof mitnehmen und natürlich nutzten wir es gemeinsam wenn es um Einkäufe und Ausflüge ging. Das war nicht mehr möglich nachdem wir unseren 12 Jahre alten Wagen dann tatsächlich nach mehr als 170.000 Kilometern abmeldeten.


Das Experiment verlief von Anfang an nicht durchgängig positiv. Die finanziellen Einsparungen waren für unsere Verhältnisse zwar erheblich; die bisherige Hauptnutzung : Hin- und Rückfahrt zum Arbeitsplatz – ließ sich mühelos organisieren – aber der Teufel steckte im Detail. Einiges hatten wir nicht bedacht:


Beginnen wir damit das ich – von Neigung und Talent her ein Mittelstreckenläufer – nun auf meine alten Tage am frühen Morgen zum Sprinter wurde. Ich stieg eben nicht wie bisher erst in Essen in den Zug ein sondern fuhr in Gelsenkirchen mit der S-Bahn los. Die S-Bahn traf um 6.28 Uhr auf dem Essener Hauptbahnhof ein, der Regionalexpress nach Duisburg startete um 6.32 Uhr in Essen. Dazwischen liegen vier Minuten. Das ist zu schaffen, wenn der Fahrplan exakt eingehalten wird. Aufgrund einer Baustelle im Recklinghauser Raum ist noch für einen längeren Zeitraum aber fast immer mit einigen Minuten Verspätung zu rechnen. Ich musste also darauf hoffen, dass sich auch der Regionalexpress um einige Minuten verspätet. Die Chancen standen 50:50, mal schaffte ich es, mal sah ich nur noch die Schlussleuchten des ausfahrenden Zuges. In beiden Fällen hatte ich zwei mal ca. 50m Sprint auf Bahnsteigen und zwei vielstufige Treppen hinter mir. Das Versäumen des Zuges war eigentlich nicht so tragisch. Bereits eine Viertelstunde später fährt der nächste. Ich kam in jedem Fall pünktlich zur Arbeit. Aber gerade diese Viertelstunde die es mir ermöglicht als erster im Büro zu sein, den Kaffee, dessen Zubereitung ich ungern anderen überlasse, selbst aufzusetzen und die anfallenden Aufträge in Ruhe durchzusehen fehlte mir und ihren Verlust empfand ich als erhebliche Einbuße an Lebensqualität.


Ein weiteres Problem das wir unterschätzt hatten: Unsere über 80-jährigen Mütter die beide noch in eigenen Wohnungen leben. Nicht allzuweit entfernt aber – wie wir bald feststellten – mit dem Auto wesentlich schneller und eben auch mal kurzfristig spontan zu erreichen. So kam es, das unsere Besuche neben den festgelegten „Besuchszeiten“ (Sehr wichtig! Alte Leute sind wie Kinder und brauchen feste Termine zur Orientierung) seltener wurden was ihren Unmut weckte – und den bekamen wir zu spüren. Unverhohlen wurde gemutmaßt, es ginge den Kindern finanziell schlecht („Könnt ihr euch eigentlich kein Auto mehr leisten?“) . Kosten- oder gar Umweltargumente trafen auf unverhohlenen, nicht selten beissenden Spott.


Aber auch meine Frau hatte Probleme mit der neuen Situation. Einmal fiel die Abgabe des Autos mit dem wirksam werden eines neuen Tarifvertrages zusammen der eine halbstündige Verlängerung der Wochenarbeitszeit vorsah. Was auf den ersten Blick nicht bedeutsam schien aber zusammen mit den Wartezeiten auf den Bahnhöfen dazu führte, dass sie mindestens eine Stunde später als vorher zu Hause war. Dies brachte ihren „Einkaufsplan“ durcheinander. Sie musste nun in fussläufig zu erreichenden Märkten einkaufen. Jeder der Lebensmittel einkaufen muß weiß, das man einen Einkaufsmarkt nicht ohne weiteres durch einen anderen ersetzen kann. Selbst bei denselben „Ketten“ können die einzelnen Preise und Sortimente stark differieren und sei es nur, das ein bestimmtes Deo nicht verfügbar ist oder das eine andere Sorte fettarmen Speisequarks geführt wird. Es war für sie auch nicht mehr möglich, durch Ausnutzen der Gleitzeitregelung Freitags bereits am frühen Nachmittag die Arbeit zu beenden. Das ist deshalb wichtig weil – wie ich jetzt weiß – in keinem „Frischemarkt“ Freitags um 16.00 Uhr noch passables Obst und Gemüse zu bekommen ist. Man findet nur noch halbleere Regale vor deren Inhalt höchstens noch als Kaninchenfutter taugt.


All diese und einige weitere ungeschilderte Erlebnisse führten schließlich dazu, das wir übereinkamen, das Experiment „Leben ohne Auto“ zu beenden. Ich empfinde das als Niederlage, muss aber zugeben das auch ich nicht bereit war, die Folgen auf Dauer zu tragen. Noch sind wir vom Automobil abhängiger als ich dachte. Seit einer Woche haben wir wieder eins.


21 Gedanken zu „Leben ohne Auto (Blog 295)“

  1. nur in den seltensten Fällen kommt man ohne Auto aus, auch selbst wenn man in der Großstadt wohnt und auch ohne Auto zur Arbeit kommt.
    Mich würde es persönlich schon stören , wenn ich spontan einen Ausflug ins Grüne machen möchte. Ich bin doch gezwungen nur dort hinzu fahren , wo auch öffentliche Verkehrsmittel hinfahren.
    es muss auch kein eigenes sein, manchmal ist ein Mietwagen für besondere Anlässe oder am Wochenende günstiger.
    lg Barbara

  2. Ich brauche dieses Experiment gar nicht erst auszuprobieren – ohne Auto ist mein Weg zur Arbeit so kompliziert, dass ich vermutlich morgens mit der übelsten Laune dort eintreffen würde und mir Streichhölzer unter die Augenlider schieben müsste, damit die Augen offen bleiben!

    Und auch zum Einkaufen – nee! Das geht gar nicht ohne Auto bei uns. Wir kaufen am WE immer für die ganze Woche ein, und das alles ohne Auto nach Hause zu bekommen – dafür müssten wir dann vermutlich einen Einkaufswagen als „Dauerleihe“ bei uns auf dem Hof stehen haben! :)) Manche Leute machen das schon, wie wir bei unseren Spaziergängen häufiger beobachten können – aber das ist, glaube ich, von den Märkten dann sooo auch nicht geplant.

    Wenn man so daran gewöhnt ist, ein Auto zur Verfügung zu haben, fällt einem der Verzicht sehr schwer.

    1. Du mit Streichhölzern unter den Augenlidern – das würde ich gern einmal sehen – und ich hätte tatsächlich um ein Haar so einen Metall-Einkaufswagen gekauft. Hatte vor, die Rechnung immer mitzuführen um belegen zu können das es sich um mein Eigentum handelt. Aber es stimmt natürlich. Einkaufen ohne Auto ist ein Horror!

  3. Ich habe auch schon einmal darüber nachgedacht, das Auto abzumelden. Dann habe ich mich anders entschieden, weil hier auf dem Land eben doch noch alles sehr weit entfernt liegt und ich meine diversen Arbeitsplätze gar nicht erreichen könnte, ohne eine kleine „Weltreise“ auf mich zu nehmen. Es rechnet sich also nicht, denn in der Zeit, in der ich unterwegs wäre, kann ich schon wieder das erforderliche Geld fürs Auto verdienen (manchmal klappt auch das nicht – aber ich arbeite daran).

  4. Ich finde das sehr konsequent. Ihr habt es ausprobiert und festgestellt, dass es Dinge gibt, auf die ihr nicht verzichten wollt oder könnt. Das ist ineurem Fall nicht das Auto selbst, sondern die mit dem Auto aufgegebenen Vorteile. Man kann sich manchmal nicht über alle Details im Voraus im klaren sein, wenn man so etwas macht. Das Wort „Niederlage“ finde ich da nicht angebracht. Ihr habt sicherlich gründlich überlegt, auf was ihr leichter verzichten könnt. Das Auto oder die Mütter… :))

  5. Erstmal: nochmal mein Hochachtung für euer Experiment! Wir sind ja auch auf halbem Weg stecken geblieben! Gattin hat ja noch ein Auto (und ich, wenn ich will, fast jederzeit einen Firmenwagen).

    Wir haben aber zwei entscheidende Vorteile: ich kann zur Arbeit radeln, und wir können beide unsere Arbeitsplätze zur Not relativ bequem mit der Straßenbahn erreichen.

    Das KO-Kriterium ist aber, wie Du richtig sagst, der Einkauf! Wir haben zwar einen Markt, einen Fleischer und einen Bäcker fast vor der Tür (auch wenn uns gerade eine Baustelle trennt), aber einige Sachen kauft man besser in anderen Märkten, oder in großen Mengen!

    Und bei uns kommt noch Tochter hinzu … 😉

      1. … 😉

        Davon abgesehen: obwohl wir hier einen ganz guten Nahverkehr haben, fahren wir sie noch oft genug durch die Gegend. Oftmals Nachts oder ein ganzes Auto voller Kids zu Turnieren …

  6. ich finde das wirklich super! meine hochachtung!

    als ich noch studentin, mitten in der stadt wohnte und weniger bequem war, hat es mir garnichts ausgemacht keinen wagen zu haben.
    später habe ich mich aus unterschiedlichsten guten vorsätzen über diverse car sharing angebote informiert, alternativ und kommerziell und war höchst enttäuscht über preis, leistung und großer unflexibilität- der eigene uralte klapprige studentenpolo war da tatsächlich noch billiger.

    jetzt habe ich das aufgegeben, ich fahre gerne, aber immerhin sparsam.

    lg aus münchen!

    1. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen. Die naive Vorstellung „dann leihen wir uns am Wochenende mal einen Wagen“ kann bei mehrfacher Verwirklichung die Einsparungen wieder zunichte machen. Aber Autofahren in der bayrischen Metropole – das hört sich nach einer täglich neuen Herausforderung an.

  7. Wirrkopf bringt es meiner Meinung nach auf den Punkt: von Niederlage kann keine Rede sein. Für mich zeugt es vielmehr auch von charakterlicher Grösse, wenn man sich selbst einen Fehler eingestehen kann und die Konsequenzen zieht.
    Wer weiss, wie lang ich, einmal zum Leben ohne Bike entschlossen, halsstarrig meine Lebensqualität eingeschränkt hätte…

    Den Einkauf empfinde ich gar nicht so als KO-Kriterium. Gerade im unfreiwilligen Selbstversuch, da der Hase den Arm gebrochen hat und die Löwin nicht allein in den vierten Stock entern kann, beschränken sich meine Einkäufe auf mehrere kleine Portionen während der Woche, statt am Samstag alles zu reissen. Es geht, wenn es nicht anders geht!

  8. Oh, da stichst du ja bei mir mitten ins Herz. Hatte ich bereits erwähnt, das unser Auto die Rückreise aus dem Urlaub nicht überlebt hat? Herzstillstand!
    Wir sind also auch wieder ohne Auto und das obwohl ich nie vorhatte, ohne Auto zu sein. Ich hasse das! Immer muss man Andere um einen Gefallen bitten (gerade hier für die Tiere wie du weißt)
    Ohne Auto ist alles nichts, traurig aber wahr.
    Dumm nur: Ich kann mir eben kein neues kaufen.

  9. Manches lässt sich eben erst in der Praxis feststellen. Theorie und Praxis wichen in deinem Fall voneinander ab, du hast die autolosen Möglichkeiten voher anders eingeschätzt als sie sich dann tatsächlich gestalteten.

  10. Nun ja…was soll ich sagen…seit gut 20 Jahren bin ich nur mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs….hat sich einfach so ergeben. Das Auto wurde zunehmend überflüssig, und die Parkplatzsuche extrem ätzend…aber ich war damals ja auch noch jünger und hatte Zeit mich an diesen Umstand zu gewöhen und mein Sohn kennt es einfach nicht anders. Ich bin allerdings kein Fahrrad-Apostel und genieße tatsächlich auch mal eine Fahrt mit dem Auto ;-))) Direkt um die Ecke gibt es mit greewheels die Möglichkeit ein Auto zu mieten. Meinen Arbeitsplatz kann ich fußläufig erreichen und so genieße ich das langsame Tempo einer Radfahrerin…allerdings sollte man sich in den heutigen aggressiven Zeiten vor Inbetriebnahme eine Ritterrüstung anlegen ;-)))

  11. auch ich habe kein auto und lege fast alle wege mit dem fahrrad zurück.
    ich bin auf diese weise viel in körperlicher bewegung, sehe mehr von meiner umgebung als vom auto aus.
    einen bürojob und dann noch alle zurückzulegenden wege sitzend im auto verbringen, das möchte ich meiner gesundheit nicht mehr antun.
    übrigens habe ich mir für größere transporte einen fahrrad-anhänger zugelegt.

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