In Bus und Bahn unterwegs : Fussballfans (Blog 334)

 


Ich hatte mich also schon früh von der Messe verabschiedet (Siehe Eintrag 333) und träumte von einer Heimfahrt in einem fast leeren Regionalexpress. Lektüre war reichlich vorhanden und Zuhause angelangt würde meine Frau mir Spargel zubereiten. Ich war einverstanden mit der Welt und mir.

Ein erstes Warnzeichen war der wider Erwarten volle Bahnsteig mit vielen Menschen in gelb-schwarzen Trikots. Unverkennbar Fans von Borussia Dortmund. Wo kamen die hier im Rheinland her? Hatten die nicht an ihrem 1.FC Köln genug ? Es ist mir jetzt noch ein Rätsel. Der Zug war bereits voll. Keine Chance auf einen Sitzplatz. Stattdessen wurde ich gegen den Rücken eines übelriechenden biertrinkenden Glatzkopfs gedrückt der zu allem Überfluß noch ein T-Shirt mit der Rückenaufshrift „110% Anti-GE“ trug. Einige Dortmund-Fans haben wohl Schwierigkeiten mit der Mathematik.

Konnte es noch schlimmer kommen ? Ja! In Leverkusen stieg eine nicht unerhebliche Zahl Bayer 04 Fans hinzu. Mir fiel ein, das das Leverkusener Stadion zur Zeit umgebaut wird und Leverkusen die Heimspiele im Düsseldorfer Rheinstadion austrägt. Panik stieg in mir hoch. Die Qualität der Luft ließ mit jedem Atemzug nach.

In Düsseldorf stiegen nicht nur die Leverkusener sondern auch ein Teil der Fahrgäste aus die andere Gründe als Fußball für ihre Anreise hatten. So gelang es mir mich in das obere Abteil der ersten Klasse vorzukämpfen das zu meiner Verwunderung nur spärlich besetzt war – bis auf ein halbes Dutzend Dortmunder Fans die unten keinen Platz mehr gefunden hatten und ihr Bier tranken.

Niemand sagte etwas bis einer der Dortmunder sich eine Zigarette anzündete. Da sprang ein „Herr“ -braunbeiger Nadelstreifenanzug , langes weisses Haar, gepflegter Bart – auf. „Hören Sie sofort auf zu rauchen oder ich rufe die Polizei“ – er zog sein Mobiltelephon aus der Tasche. Die Fussballfans zeigten keine Reaktion. „Wenn sie schon hier in der ersten Klasse sitzen können Sie sich wenigstens benehmen. Ich kann die Polizei holen“. Er hielt das Mobiltelephon in die Höhe, wurde weiter ignoriert, ließ die Hand sinken und zog sich auf seinen Platz zurück. Nun allerdings fanden seine Kontrahenten Worte: „Geht es dir jetzt besser – Hast du abgespritzt – Wir haben auch bezahlt“ und dergleichen Häme mehr ergoss sich über ihn.

Als ich in Essen einen weiteren Pulk gelb-schwarz gekleideter Menschen auf dem Bahnsteig sah, sieg ich vorzeitig aus und wartete auf den nächsten Bummelzug nach Gelsenkirchen. Mein Bedarf an Nähe und Kommunikation waren zumindest für diesen Tag gedeckt.

Später trank ich etwas mehr Weißwein als sonst zum Spargel.

Und doch trotz oder gerade wegen solcher Erlebnisse ziehe ich das Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln der Fahrt im Auto vor. Man ist dem Leben näher, wird mit Menschen ausserhalb des eigenen in meinem Fall wohl kleinbürgerlichen Umfelds konfrontiert und muß sich eigenen Vorurteilen, eigener Sprachlosikeit, manchmal auch eigenem Versagen stellen. In der Bahn kann man manchmal den Mitmenschen nicht ausweichen die einem fremd sind. Man lernt „ertragen“ statt auszuweichen und das kann uns ein Stück weiterbringen.

10 Gedanken zu „In Bus und Bahn unterwegs : Fussballfans (Blog 334)“

  1. Puuuh, das sind Situationen, in denen ich Platzangst kriege, aggressiv werde und die Gefahr besteht, dass ich anfange laut zu schreien. :))

    Wenn mir so was mit Hund passieren würde – ich hoffe, niemals.

    1. Daraus ließe sich vielleicht folgende These ableiten: Der Mensch verhält sich so lange sozial erträglich wie sein Verhalten ein Haustier nicht in Angst versetzt.

    1. Da hat sich mein nur mässiges Interesse an Fussball wohl gerächt. Das die Bahnstrecke mehrere Städte mit grösseren Stadien tangierte habe ich bei meiner Planung nicht berücksichtigt.

  2. Ich sitze hier an der Arbeit mit Schniefnase und bin in Tränen aufgelöst; es handelt sich aber um Lachtränen. Dein Blog hat mich ziemlich erheitert – entschuldige – ich weiß, wenn mir das passiert wäre, hättest Du eine Tirade vom Feinsten gehört. Weißt Du noch, wie wir mal mit der Straßenbahn von Buer zur Stadtmitte gefahren sind und ich die Panik kriegte wegen der grölenden, Bierdosen schwenkenden Fans? Hat Deine Frau denn wenigstens gut gekocht oder mußtest Du auch zu Hause „Ertragen“ lernen? Ich jedenfalls ziehe weiterhin mein kleines Spielmobil vor. Schöne Musik – keine Gestänke – kein Gegröle. Ich kann nämlich hier schon manchmal nicht ausweichen. Bis nachher.

    1. Freut mich das du auch mal was schreibst. Der Spargel war köstlich und hat dazu beigetragen mich wieder aufzumuntern.
      Zur Zeit sitze ich bei heißem Kaffee in einem noch heißeren Büro. Im Gegensatz zu Freitag haben wir aber genug zu tun. Freu mich auf heute Abend. Bis gleich.

  3. ja, das ist wohl ziemlich das schlimmste, was einen beim zugfahren passieren kann, vor allem wenn es die fans zweier mannschaften sind. wie kann das noch gesteigert werden? naja, vielleicht von einer truppe jungs, die grad den bund hinter sich hat. oder ein, zwei schulklassen mit schülern um die zwölf, dreizehn, vierzehn.

    und dennoch gebe ich dir völlig recht: das ist schon okay, wenn man so was ab und zu im zug erlebt, weils halt einfach auch das leben ist. mir gefiel auch, dass du das verhalten von handyherr und fußballjungs neutral beschrieben hast. interessante art der kommunikativen kriegsführung. den handyherrn erst auflaufen lassen und später was hinterherschicken. so richtig besoffen waren die jungs ja dann offenbar noch nicht, sonst wäre es wohl plumper abgelaufen.

    gut, dass man im zug auch viele positive dinge erleben kann. nirgendwo sonst wandern die gedanken so schön, auch wenn sie manchmal sehr hart gefordert sind.

    1. Man merkt, das du eine erfahrene „Bahnreisende“ bist. Deine Erfahrungen sind den meinen nicht unähnlich.
      Ein Zug in den man ausreichend Platz und Ruhe ist etwas Wunderbares. Wenn es anders kommt muss man sich dem Ereignis halt stellen.

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