„wreckless“ – oder: Wie eins zum anderen führt (Blog 354)

Es befremdet mich schon, das es unter Bloggern nicht wenige bekennende Twitter-Ignoranten gibt. Nun gibt es sicher Gründe die Entwicklung bei Twitter kritisch zu sehen. Die galoppierende Kommerzialisierung sprich die Vielzahl der Personen und Unternehmen mit kommerziellen Hintergrund die dort auftauchen nervt schon. Vom Hundezüchter bis zur angelsächsische Hure ist alles vertreten. Seminaranbieter dürften fast vollständig an Bord sein und in den letzten Monaten waren die Obama-Epigonen aller politischen Parteien schon eine Plage. Fast täglich muss ich mittlerweile potentielle follower blocken mit denen ich nichts zu tun haben möchte.

Das Totschlag -Argument der Gegner lautet in der Regel „140 Zeichen reichen nur für belangloses Zeug“. Ich sehe das eher als Herausforderung. Mich reizt natürlich auch das dieses Microblog eine nicht zu unterschätzende Möglichkeit beinhaltet auf das eigene (Macro)blog und die entsprechenden Einträge hinzuweisen und außerdem kann twitter auch der Auslöser für Nachforschungen und neue Erkenntnisse sein. Ein Beispiel:

Wie ich an meine „followerin“ wrecklessgirl gekommen bin, weiß ich nicht mehr genau. Es handelt sich um eine Frau die in Nordamerika beheimatet ist viel umherreist und viel fotografiert; sehenswerte Fotos. Natürlich hat sie auch ein „richtiges“ weblog:

http://www.wrecklessgirl.com/

Nun interesierte mich natürlich, was „wreckless“ bedeutet. In meinem Wörterbuch stand das Wort nicht verzeichnet. Hadis ( www.hadis42.blog.de) hat mir schon vor längerer Zeit für solche Fälle www.leo.org empfohlen. (Ich empfehle es weiter an Kandidaten fürs Außenministeramt mit rudimentären englischen Sprachkenntnissen). Dort rief ich das Deutsch-Englische Wörterbuch auf und gab den Begriff „wreckless“ ein. Auch dort lieferte die Suche keinen Treffer.Als ortographisch ähnliches Wort wurde „reckless“ angegeben. „Reckless“ bedeutet: rücksichtslos,sorglos unbekümmert. Es wurde jedoch auf ein Forum verwiesen in dem dieser Begriff diskutiert wurde.

Dort waren einerseits Puristen vertreten die behaupteteten, das Wort gebe es garnicht. Es handele sich um einen Schreibfehler. Während andere darauf verwiesen, das es wrecklessmediaradio gebe sowie einen song von Alicia Keys mit dem Titel „wreckless love“:

Es scheint so zu sein, das „wreckless“ etwas mit dem Wrack (wreck) zu tun hat – allerdings eher als Verneinung. „wreckless“ dürfte die Bedeutung „unzerstörbar“ oder im Slang: „unkaputtbar“ haben.

Durch die Forenbeiträge habe ich noch eine weitere Entdeckung gemacht. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt habe ich den Punk seinerzeit „verpennt“ und muß ihn mir nun Stück für Stück nachträglich aneignen. Nun habe ich wieder ein Puzzlestück gefunden. Den Sänger „wreckless eric“. Bei wikipedia heißt es: „Wreckless Eric hatte zwar nie einen nennenswerten Hit, machte aber mit seinen chaotischen Konzerten, die er häufig in volltrunkenem Zustand gab, von sich reden.“ Ich mag den Mann:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wreckless_Eric

und es ist tatsächlich so, dass seine Lieder nach dem fünften Hören beträchtlich an Tiefe gewinnen:

All dieses zusätzliche Wissen habe ich neun Zeichen bei Twitter und meiner Neugier zu verdanken.

Euch allen noch einen schönen Restsonntag und eine erträgliche Woche

wreckless Manulan

31 Gedanken zu „„wreckless“ – oder: Wie eins zum anderen führt (Blog 354)“

    1. Danke für den Hinweis. Punk begann ja um die Zeit herum als ich Ende zwanzig war und mich entschloss zu akzeptieren das ich nun ein erwachsener Mensch war. In so einer Phase vernachlässigt man neuere Entwicklungen in der Popmusik.

  1. Das Twitter Vögelchen wird wohl ohne dem Ösi ab heben müssen. Aber interessant, denke ich, welcher nord Amerikaner hätte wohl, wenn sein Follower [ich frag mich: gibt’s da nix deutsches dafür?] „unzerstörbar“ heissen würde sich dafür interessiert a) was das für eine Sprache ist und b) was das Wort bedeuten könnte. Der Ösi wird den Verdacht nicht los, dass der nord Ami nicht mal mit seinem Ohr Wascherl gezuckt hätte geschweige denn mit was anderem.

    1. Das sind auch meine Erfahrungen. Als ich in den 70ern kurze Zeit in der amerikanischen Provinz (West-Virginia) verbrachte ist mir aufgefallen wie wenig die Menschen dort von der Welt wußten und das sie auch gar kein Interesse an den Entwicklungen außerhalb ihres Umfeldes hatten.

      PS: Demnächst gibt es eine deutsche Version von Twitter

  2. Ich fand twittern zunächst auch interessant, gerade wegen der Herausforderung, Aussagekraft in 140 Buchstaben zu legen.
    Aber mich nervte es auf Dauer, weil keine richtige Kommunikation (wie hier im blog durch die Kommentare) entsteht. Ich sehe Twitter zunehmend als eine Reklametafel für die eigene Person bzw. die eigenen Projekte. Die meisten Tweets, die ich gelesen habe, verlinken hauptsächlich auf neue Einträge in ihren Blogs, auf ihren Websites etc., oder geben Zustands- bzw. Tätigkeitsbeschreibungen über/von sich selbst. Besonders letzteres finde ich nicht so spannend.
    Ich hab zwei meiner Twitter-Einträge stehen lassen – seit fünf Monaten sitzen sie da rum und passen ganz gut zu dem, was ich über das Twittern denke:

    http://www.twitter.com/stadtpomeranze

    1. Ich kann dir nicht widersprechen. Bin ja selber „Täter“. Weise auf meine Blogeinträge hin, teile der Welt mit, welchen Tee ich trinke.
      Ich neige jedoch zur Nachsicht mit mir. Was mich auch fasziniert: Es kann sein, das man einem „follower“ monatelang nichts zu sagen hat – doch dann kommt der Moment wo man etwas passendes schreiben kann und eine Reaktion bekommt die zeigt, das man einen Nerv getroffen hat. Dafür lohnt das warten dann doch.
      „Das blog ist geduldig“ hat unsere Freundin zuagroast vor längerer Zeit einmal geschrieben. „twitter“ ist auch geduldig. Es kommt der Moment, in dem du etwas damit anfangen kannst.

      1. Twitter sagt gerade durch die Kürze der Aussagen viel über den Menschen dahinter aus, und das hat ja auch einen gewissen Charme, weil es Bilder heraufbeschwört, z. B. wenn jemand schreibt „War in aller Frühe mit dem Hund draußen, nass und kalt. Sitze jetzt am Küchenfenster, die Heizung bollert, der Tee dampft“. Aber man kann sich in Twitter – wie auch in blogs – verlieren. Ich bin offenbar einfach zu ungeduldig für geduldige Medien *lach*, stimme aber
        zu: am Ende kann es die Möglichkeiten der Kommunikation erweitern.

  3. Zwitschern ist nicht mein Ding, ich hasse Beschränkungen. Ich liebe Ausufern!
    Kann es sein, daß die Frau einfach ein Wortspiel macht?
    Wieso schreibt diese dämliche Kuh Lawendel mit W werden sich schon zig Englischsprechende gefragt haben.
    Denn Lawendula, unter dem mich die bloggerwelt kennt ist nun mal abgeleitet von meinem Wortspiel LaWendeltreppe.
    Maybe the wrecklessgirl is a fellow wrecker (wreck this journal) or maybe she is just no wrecking girl at all!
    Eben wreckless. Ich bin’s nicht 😉 Schönen Abend!

    1. Ich weiß das ich dir noch einige Antworten schuldig bin.
      Das Problem: Ich möchte nichts Falsches schreiben und ich habe bis jetzt noch nicht den ruhigen Moment gefunden um angemessen zu reagieren.
      Herbst heißt bei mir, das der Broterwerb mich mehr fordert als in anderen Jahreszeiten. Das meiste was ich momentan schreibe entsteht im Zug oder in der Stunde vor dem Einschlafen (wie dieser Text). Hab noch ein wenig Geduld mit mir.

          1. Das verstehe ich gut. Genau darüber habe ich neulich einen Eintrag geschrieben, den werde ich mal für dich freischalten, wenn Interesse besteht. Also über dieses „es gut machen wollen“ und daß mich das nicht weiter bringt.

  4. Ich bin nicht neugierig genug,will mir scheinen, wenn ich von deinen Forschungsarbeiten lese. :))

    Meistens bin ich mit dem Erstellen von Blogeinträgen, dem Lesen von Freudeblogs,Hunderunden drehen und schlafen schon so überfordert, dass ich zum Arbeiten gar keine Zeit mehr hätte. Zum Glück bin ich Hartzer und faul. :>

    1. Sagen wir mal deine Neugier richtet sich auf andere Dinge.
      Was die Überforderung betrifft: Mir geht es momentan nicht anders. Ich kämpfe um jede Viertelstunde für Kommentare und eigene Texte und um Zeit für ein ganz klein wenig Faulheit – das ist sehr wichtig!

  5. ich finde auch, dass twitter eine herausforderung ist und habe ständig das gefühl „ich müsste das auch mal machen“, bin aber eh chronisch kommunikativ überlastet und lasse es deshalb dann doch lieber — aber schön, wie du das hier darlegst, wie da eins zum anderen findet — das finde ich eh toll an diesen ganzen neuen medien —- immer mal wieder bekommt man wirklich total kostbares detailwissen

    1. twitter ist ein Mysterium. Unerklärbar, sich aller systematischen Nutzung entziehend und immer noch in den roten Zahlen. Einerseits für Werbug ideal – weil kostenlos für den „Inserenten“ andererseits denkbar ungeeignet weil
      Werbung nur plump daherkommen kann und sofort durchschaut wird. Ganz nebenbei der Schrecken der Diktaturen und des Tiefsinns. Wir verstehen es noch nicht. Es ist weiter als wir.

  6. Ich bin ja auch einer dieser Verweigerer *lach* Was Du oben beschreibst, das hatte ich hier im Blog auch schon – und ich finde es völlig ausreichend für mich.

    Ich war drei Tage nicht im Blog – und habe die Rückstände immer noch nicht aufgearbeitet. Da bin ich, wie Du auch, ganz Protestant 😉

    Ich möchte für mich einfach nicht erleben, dass der Information-Overflow zum Overkill wird :>>

    1. Den „Overkill“ fürchte ich nicht. Aber man bekommt eine Ahnnung davon unter welchem Druck Menschen stehen, die aus beruflichen Gründen. unter Zeitdruck Texte verfassen müssen.
      Ich mache mir meinen Streß selber und habe keine Sanktionen zu befürchten wenn ich meine Ziele verfehle.

  7. „Wreckless“ ließ mir keine Ruhe, zumal ich mich an den Begriff „living wreck“ seit meiner Schulzeit erinnerte. Ich bin gerade in meinem alten Standardwerk „Cassells Wörterbuch“, Ausgabe 1976 (die erste ist von 1957), fündig geworden, ich schreib mal daraus ab:
    wreck: 1. das Wrack (auch figürlich), der Schiffbruch, die Zerstörung, Verwüstung, der Ruin, Untergang; das Strandgut (law). Nervous wreck – Nervenbündel
    2. zerschellen, zum Scheitern bringen (a ship, also figürlich), zugrunde richten, zu Fall bringen, zerstören, vernichten (plans etc.),
    wreck a train – einen Zug zum Entgleisen bringen
    be wrecked – scheitern, stranden, Schiffbruch erleiden, zerschellen.
    Wreckage – (Schiffs)Trummer, Sttrandgut
    wrecked – zerrütet, vernichtet, zerstört, schiffbrüchig,
    Wrecker – Stranddieb, Strandräuber, Eisenbahnattentäter, Abbrucharbeiter;
    (figürlich) Zerstörer

    Einen schönen Tag wünscht
    SP

    1. Oh schön das du nachgeschaut hast. Wenn ich überlege: Bei „sleepless“ ist der Sinn klar. Wenn „wreckless“ mit dem Wrack zu tun hat müßte es „Wracklos“ bedeuten, weitergsponnen: Ein Mensch oder ein Gegenstand der angesichts extremer Belastungen eigentlich ein Wrack sein müßte, sich aber wehrt, so stark ist, das er das aushält.
      Man sagt ja im Deutschen umgangssprachlich: „Er(Sie) ist nur noch ein Wrack“. Jemand der das Atribut „wreckless“ für sich in Anspruch nimmt müßte also stark sein – oder sich für stark halten.

      Sei stark und habe gute Stunden!

      Manulan

      1. Danke. Ich habe zur Zeit vielseitige Stunden, die vielleicht neue Aspekte für mein Leben eröffnen. Stark muss ich zur Zeit nur beim Planen, Organisieren, Vorausschauen und Nachdenken sein, nicht so sehr in emotionaler Hinsicht. Darin bin ich geübt, das kann ich ganz gut, deshalb fällt mir das Starksein zur Zeit nicht so schwer.
        Wreckless – ja, das klingt widersprüchlich. Wreckless als Stärke zu interpretieren hat was. Im wörtlichen Sinn, als Adverb ist „less“ ja auch „weniger“, insofern könnte es „weniger als ein Wrack“ sein.

        1. Es ist gar nicht so leicht das Leben zu „organieren“ . Da bin ich in Gefahr, Wichtiges nach hinten zu schieben und Spontanem viel Raum zu geben. Ich habe aber die Vorstellung das man nach Abschluss des regulären Arbeitslebens etwas mehr Zeit und Raum zur Verfügung hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*