Wintertage (Blog 359)

Besen, Schneeschieber und Granulat stehen im Flur bereit. Was noch fehlt sind die angekündigten ergiebigen Schneefälle. Ist aber wohl auch noch zu früh dafür (9.45 Uhr). Zeit für einen Blogtext bleibt noch.

Der erste Schnee dieses Winters erwartete mich am vergangenen Donnerstag. Harmloser Puderzucker der fast mühelos binnen weniger Minuten weggefegt wurde. Mir war klar das es sich hier nur um ein Präludium handeln konnte.

Freitag morgen gab es keinen Schnee. Ich erreichte Duisburg heil und pünktlich mit dem Zug. Beim Blick auf den Schreibtischkalender sah ich, das er den Geburtstag meines Vaters anzeigte. 82 Jahre wäre dieses Jahr alt geworden. Er starb jedoch bereits 2003; unerwartet , nach kurzem schweren Leiden um eine Formulierung zu gebrauchen wie sie in Todesanzeigen verwendet wird. All die Jahre hatte ich seinen Geburtstag nicht bewußt wahrgenommen. Weshalb das an diesem Monat anders war – ich weiß es nicht. Jedenfalls kaufte ich nach der Arbeit am Bahnhof eine kleine Flasche Cola.

Es fügt sich, das Bushaltestelle , Friedhof und Wohnung nur wenig mehr als 100m voneinander entfernt liegen. Ich ging nicht sofort nach Hause sondern zunächst auf den schon dunklen Friedhof. Hier hatte sich eine dünne Schneedecke gehalten und zusammen mit einer nicht geringen Zahl von rot leuchtenden Lichtern, wohl übrig geblieben von den Novemberfeiertagen, fand ich eine Atmosphäre vor die Angst erst gar nicht aufkommen ließ.

Am Grab meines Vaters angekommen trank ich einen Schluck Cola und schüttete den restlichen Inhalt der Flasche auf das Grab. Weshalb ich das tat? Ich weiß es nicht. Cola war sein Lieblingsgetränk , zu Blumen oder anderem dekorativ nutzbaren Gewächs hatte er kein Verhältnis. Vielleicht hätte er für diese Form des Gedenkens Verständnis gehabt.

Vielleicht. Genau weiß ich es nicht. Mein Vater gehörte zu der Generation der stummen Väter die zu ihren Kindern trotz sporadischer Versuche keinen Zugang fanden. Die viel außer Haus waren und die Erziehung weitgehend den Frauen überließen. Ich spürte das er mir wohlgesonnen war und einige Male hat mir ein eher beiläufiger Rat von ihm geholfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Aber ich bin nicht sicher ob er das wahrgenommen hat und sicher habe auch ich ihn nicht spüren lassen wenn ich ihm dankbar war. Erst in seinen letzten Lebensjahren entspannte sich unser Verhältnis. Wir fanden ein gemeinsames Thema: Den Personal Computer und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Das er das „Zeitalter“ der weblogs nicht mehr erlebt hat bedaure ich. Möglicherweise hätten wir auf diese Weise eher zueinander gefunden als im persönlichen Dialog.

Im vergangenen Jahr las ich eher zufällig Lars Brandts Buch „Andenken“. Seitdem weiß ich das mein Nicht(Verhältnis) zu meinem Vater kein Einzelfall ist. Die von ihm geschilderten Verhaltensweisen seines Vaters waren mir nicht fremd. Vieles konnte ich nachempfinden. Bleibt das Gefühl vertaner Chancen un Möglichkeiten.

Samstag morgen stand ich dann um 6.00 Uhr auf. Der angekündigte Schnee war gefallen. Bei 11 Grad Minus räumte ich den Gehweg frei und wenn mein Blick nun aus dem Fenster fällt sehe ich das es Zeit wird erneut zum Besen zu greifen. Aktuell zeigt das Thermometer 5 Grad Minus an. Ein unangenehmer Wind weht den Schnee von den Dächern. Einen Schluck Tee noch, dann geht es hinaus.

19 Gedanken zu „Wintertage (Blog 359)“

  1. Ach, wieder ein schöner Manulan-Eintrag.
    Jaja, die Väter. Kein Verhältnis ist auch ein Verhältnis. Man kommt erst im eigenen Alter dahinter, was sie wohl so schweigsam gemacht haben könnte und beginnt ein bisschen zu verstehen. Das wiederum ermöglicht das Verzeihen. Tatsache ist: Die meisten unserer Väter haben sich arg krummgebuckelt um uns, ihren Kindern, ein angenehmeres Leben zu ermöglichen. Jugend wie wir hatten sie jedenfalls nicht.

    Und der SChnee: Wir versaufen grad drin und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Ich find es toll, das Bambam auch. :))

    1. Die Generation unserer Eltern erzählt gerne der Krieg habe Ihnen ihre Jugend genommen. Sicher: Sie haben Todesangst und Mangel erlebt. Aber sie hatten in den 50er Jahren auch Gelegenheit einiges nachzuholen und sind so sie noch leben bis heute ganz gut im Verdrängen nicht genehmer Erinnerungen. Mein Verständnis hält sich in Grenzen.

  2. Immer wieder finde ich es schade, daß du nicht öfter schreibst und nicht ein ganzes Buch. Ich mag es sehr, wie du schreibst.
    Ich mußte an Walter Kemposwski denken, der hatte auch dieses Nicht-Verhältnis zu seinem Vater.
    Entnahm an dem Ort, an dem er gefallen war, ein wenig Sand und verlor ihn sofort wieder. Das war irgendwie auch so eine typische Geschichte.
    Und auch Echtmaljetzt berichtete ähnliches von seinem Vater. Die abwesenden Väter (Krieg, Arbeit…). Auch heute sind viel zu viele Väter abwesend, aber immerhin ist es heute kein Unding mehr, wenn ein Vater mal weint, viel schmust, Windeln wechselt oder das Essen kocht. Da hat sich viel getan. (Mein Vater wußte bei uns zuhause nicht mal, wo das Besteck war, ständig öffnete er die falschen Schubladen.)

    1. Kempowski ist so jemand an den ich mich noch nicht herantraue obwohl ich eine Ahnung habe das da viel zu finden ist.
      Danke auch für den Hinweis auf „echt mal jetzt!“ den ich bisher nicht kannte und der wohl einiges gelesen und gehört hat das mir auch nicht fremd ist.

      Das Väter heute eine aktivere Rolle in der Familie spielen weiß ich nicht zuletzt durch die Menschen die ich in der Blogsphäre ansatzweise an ihrem Familienleben teilhaben lassen. Ich freue mich für sie.

      1. Ja, es hat sich viel geändert, aber nicht genug.
        Du weißt doch, im Königreich der Blinden sind die Einäugigen König. So sehe ich das.
        ALles schreit Hurrah, wenn ein Vater mal ein Kind versorgt, was Mütter täglich leisten ist dagegen selbstverständlich.
        Der Mann einer Bekannten hat mal gesagt: „Nie habe ich so viel ANerkennung, Aufmerksamkeit und Lob erfahren wie in meinem Jahr als Hausmann und Vater. Viel mehr als in meinem Job.“
        Daraufhin sagte seine Frau: „Seltsam, ich erfahre weder im Job noch als Mutter Anerkennung!“

        Kempowski, was gibt es da heran zu trauen? Ich wundere mich etwas. Kauftip: Seine Filme sind jetzt gerade als Box erschienen, zu einem recht günstigen Preis, mit jeder Menge Bonusmaterial. Diese Filme sind einfach genial.
        Und dann das Echolot! Das ist einfach unglaublich. Das sollte wirklich Pflicht sein, das in Schulen zu lesen. Wenigstens Teile daraus. Ich kann das nie lesen ohne zu weinen. Wie er mal ganz richtig sagte. Es ist ein Unterschied, ob ich die Zeile lese: „Bei der Schlacht um Leningrad kamen soundso viele Menschen um’s Leben“ oder ob ich dazu dann noch Briefe habe. Berichte, Tagebucheinträge.
        Was mir auffiel, die russischen Briefe von Soldaten nach Hause sind immer besonders seelenvoll und schön.

        1. Die Filme (Tadellöser & Wolff etc. ?) habe ich auch irgendwann einmal wahrgenommen. Ansonsten ist es natürlich auchder Umfang des Werkes der mich abhält. Ich hab ja wenn es gut läuft noch zwei Jahrzehnte und so vieles noch nicht gelesen. Aktuelles muß gelegentlich ja auch wahrgenommen werden, dem weblog würde ich mich gern auch mehr widmen. Ich weiß nicht, ob die Zeit reicht.

          1. Tadellöser und Ein Kapitel für sich, ja. Lohnt sich wirklich.
            Aber der Umfang ist echt enorm. Allerdings ist die Chronik lesenwert, die Romane sind eher nicht so das Dinge und die neueren Tagebücher gefallen mir nicht mehr. Ziemlich einseitig immer. Aber das Gesamtwerk, irre!

    1. Das ist sicher auch gut so. Und wenn ich mich in der Blogsphäre umschaue nehme ich auch wahr das insbesonders die Jüngeren zu ihren Kindern ein innigeres Verhältnis haben.

      Vielleicht ist es ein Generationenproblem. Meine Eltern haben als Jugendliche noch sehr bewußt einen Staat erlebt der massiv schon ins Leben der jungen Menschen eingriff, der forderte und keinen Widerspruch duldete. Sie müssen ihre Eltern als ohnmächtig und wenig bedeutend wahrgenommen haben. Das prägt sicher auch.

      Letztlich bedeutet ein „allein gelassen werden“ wie ich es erfahren habe aber auch die Chance eigenständige Gedanken zu entwicklen, sich die Welt selber erklären zu können, seine Vorbilder und Einflüße selbst zu wählen. Das ist auch nicht schlecht.

  3. Und mittlerweile ist der Schnee schon wieder am Tauen und lässt sich schwer vom Gehweg schieben. Allerdings muss das gemacht werden, sonst gibt es heute Nacht eine Rutschbahn.

    Mein Vater lebt Gott sei Dank noch, er hat ein Faible für Knoblauch und Bier. LG. Remo

    1. Danke für die schöne Weihnachtskarte. Da das Christkind ja in einer fränkischen Stadt zuhause ist wünsche ich dir das es sich besonders um dich kümmert.

      Und um schon einmal vorzugreifen: zu deinen Vorsätzen für das neue Jahr sollte es gehören bald wieder etwas ins weblog zu stellen.

      Aber jetzt erst einmal: Frohes Fest

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