Liebesbeweise (Blog 386)

Letzte Woche passierte Ungewöhnliches. Der Busfahrer der Linie 383 verfuhr sich. Anstatt links ab zu biegen fuhr er weiter auf der verführerisch breiten fast leeren Hauptstraße. Drei Rentnerinnen – viel zu früh der nächsten Haltestelle harrend weshalb sie sich bereits an den Haltestangen in Türnähe festklammerten schrien spontan gemeinsam auf ehe eine von Ihnen zur verbalen Kommunikation zurückfand: “Sie fahren falsch” schallte es in nicht unerheblicher Lautstärke durch den Bus. Der Fahrer entschuldigte sich per Mikrofon und wendete am nahegelegenen Friedhofparkplatz. Die Verspätung lag unter fünf Minuten.

Mir aber fiel eine Geschichte ein, die eine frühere Nachbarin mit der ich vor langer Zeit gelegentlich ausging mir erzählt hat. Ein Busfahrer habe sich in sie verliebt und sie habe eher im Scherz gesagt: Wenn du mich liebst kannst du mich ja direkt vor meiner Haustür absetzen. Tatsächlich sei dieser am folgenden Tag von der vorgeschriebenen Route abgewichen und habe direkt vor Ihrer Wohnung gehalten. Sie war noch Jahre später spürbar beeindruckt: “Er hat deshalb Schwierigkeiten bekommen” – der Ton in dem Sie das sagte klang einerseits bewundernd, andererseits klang aber durch: Ich bin diese Schwierigkeiten wert.

Es gibt noch ein weiteres Ereignis zu diesem Thema aus einem längst vergangenen Leben: Meine damalige Freundin war Schaustellerin. Sie hatte ein Kinderkarussel und ein “Ballwerfen”. “Wurfbude” sagt man hier dazu. Blechdosen wurden aufgestapelt und wer alle 10 mit drei Würfen abräumte konnte sich einen Preis aussuchen. Wahlweise einen unvorstellbar furchtbaren Sekt, Lebkuchenherzen oder ein Plüschtier. Ich half gelegentlich, meist am Wochenende aus. Kassierte Geld, baute die Dosen auf, gab Preise heraus. In dieser Zeit lernte ich die meisten Kirmesplätze zwischen Duisburg und Dortmund kennen.

Einmal kam ein vielleicht Vierzehnjäriger in Begleitung eines Mädchens vorbei. Sie schauten sich die Preise an. “Ich will den Bären” sagte das Mädchen und wies auf eines der Plüschtiere. Der Junge zielte auf die Dosen, war aber nicht sehr talentiert. Aber er gab nicht auf, wollte den Wunsch seiner Begleiterin unbedingt erfüllen – was sich für ihn zu einem finanziellen Desaster entwickelte. Als er 20 DM (gabs damals noch) “verworfen” hatte, kickte ich die verbliebenen 2 Dosen vom Brett und reichte ihm den Bären. Dies wiederum bescherte mir einen Streit mit meiner Freundin die solche Grosszügigkeit nicht goutierte. Akte zwischenmännlicher Solidarität werden von Frauen nicht geschätzt. Dies habe ich später noch häufiger erfahren müssen.

Weshalb stellen Frauen Männern Aufgaben die schwer erfüllbar sind? Die Psychologin Judith Sills hat folgene Antwort: “ Ungewißheit in einer Beziehung ist für die meisten Menschen ein sehr beunruhigender Zustand. Um ihn zu beseitigen ….. versuchen wir alles. Eine direkte Frage wäre die sicherste Methode…..Es ist aber zugleich auch die riskanteste…..Wir haben Angst, ein offenes Gespräch über den Stand unserer Beziehung könnte dieser schaden. “ Da man aber dennoch Informationen braucht und wissen will “Wieviel ist ihm an mir gelegen? “ Wie ernst meint er es? führt das dann wohl zu solchen Verhaltensweisen.

Trotz intensiven Nachdenkens kann ich selber mich nicht daran erinnern, das von mir zu irgendeinem Zeitpunkt in meinem Leben ein Liebesbeweis eingefordert worden wäre. Mag sein das ich ein Meister im Verdrängen von unangenehmen Erinnerungen bin. Mag aber auch sein das ich solche Ansinnen nicht ernst und somit auch nicht wahrnehme. Dennoch steigt in mir das vage Gefühl auf, etwas versäumt zu haben. Kann man lieben wenn man nicht irgendwann auch an der Liebe zweifelt? War es immer richtig, Konflikten auszuweichen oder sie zu überspielen? Ich weiß es nicht. Will ich es wissen?

Zitate aus: Judith Sills „Liebe nach dem ersten Blick“ Handbuch für Romantiker Rowohlt Verlag 1989

32 Gedanken zu „Liebesbeweise (Blog 386)“

  1. Das ist doch wieder einmal (ich habe heute leider Tag des Klischees, echt!) eine richtig schöne Geschichte (eigentlich sind es sogar mehrere Geschichten), und ich habe mir jedenfalls die Frau Sill quasi vor gemerkt, obwohl ich mit Romantik eigentlich nichts am Hut habe…

    Hä-ähm! – Sorry!

    Das mit der Fähigkeit und Unfähigkeit zum Aushalten und Austragen usw. von Konflikten beschäftigt mich auch gerade (natürlich im größeren Rahmen, denn ich muss ja die Welt retten usw., wobei ich jetzt auch nicht sagen könnte, was mit „usw.“ gemeint sein könnte, aber es liest sich ganz gut), eine hübsche Synchronizitätlichkeit fürwahr, ohne Quatsch; ich glaube (und dass jetzt im Ernst), dass auch das „was historisch Gewachsenes“ ist, es gab einfach im 20. Jahrhundert zu viele und zu heftige Auf-, Aus-, Um- und vor allem Zusammenbrüche (von denen Du, da noch viel „dichter“ an der letzten großen deutschen Himmelfahrt, im doppelten Sinne mehr mitgekriegt hast als ich), weswegen jetzt auch „im Kleinen“, im Alltag, alle und alles einer bekömmlichen Mittellinie sich nähert usw. (und ich entsinne mich, dass der Bürger Genosse Kuczynski, einer der ganz wenigen Selber-Denker in dem Laden, auch einmal etwas in dieser Richtung angemerkt hat betreffs Angst vor tiefen Gedanken und heftigen Gefühlen usw.; ich erwähne das Beispiel hier vor allem deshalb, weil es zeigt oder jedenfalls mir jedenfalls zu zeigen scheint, dass ich nicht ganz abgedreht zu sein scheine, was so „Thesen-Bildung“ angeht).

    Bleibt echt nur – Fann… Überall Oktoberfest!!!

    Guten Abend und Gute Woche
    Das Fossil

    1. Ach so, betreffs Deiner letzten Twitterung (auch ich bebsichtige noch vor Weihnachten zu zwitschern) – hier in M gibt es einen „Personal Hair Coach“. Chch. Echt!

      (… wenn ich das schon einmal gesagt haben sollte: ich bin 49, bitte helfen Sie mir bei der Suppe…)

        1. „Wer ruft mir?“ Läßt der alte Weimaraner den Erdgeist sagen den der Dr. Faust aufgescheucht hat. Mag sein das es sich um ein regional unterschiedliches Sprachempfinden handelt. Grammatisch hast du natürlich recht.

          Frau Sills ist eine Jüngerin eines von dir wenig geschätzten Modearztes der früher in Wien praktizierte. Die dürfte dir nicht helfen können (wollen). – Aber Romantiker bist du. Spätromatiker würde ich sagen. Richtung Platen oder Lenau. Eichendorff paßt nicht ganz.

          1. Ich habe es geahnt, dass Du mich mit meinen Bildungslücken beschämen tätest (oder so ähnlich); aber wie gesagt: würde man „Bildungslücken“ wörtlich nehmen, wäre die Gips-Industrie der größte Industriezweig…

            (… ich wollte mitteilen: ich habe von Platen und Lenau nichts und von Eichendorff nur, harhar, rate mal was, gelesen und aber wieder alles verge… äh… verdrängt…)

            Gibt es jetzt schon Ärzte für Mode? – Wundert mich nicht! Sub-Spezialisierung von Puppendoktor und so…

          2. I wo – beschämen. Will ich gar nicht – und da Tante wiki heutzutage jedermann in Minutenschnelle vom Nicht- zum Halbwissenden macht glaubte ich die fraglichen Herren, die ich als deine Brüder im Geiste sehe erwähnen zu dürfen.Hättest du in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelebt wären uns klagende Sonette wohl nicht erspart geblieben:
            http://www.versalia.de/archiv/von_Platen/Wem_Leben_Leiden_ist_und_Leiden_.374.html

            Und was den Puppendoktor angeht: Ich habe verstanden. Hier folgt die Rache:
            http://www.brandeins.de/archiv/magazin/tierisch/artikel/das-stille-leid-der-kuscheltiere.html

          3. Paraplüsch ist köstlichst – aber ward mir schon vor vielen Jahren entdeckt (oder so ähnlich)… aber das bei „brand eins“ ist doch schon wieder recht sehr interessant…

            Du hast mich, glaube ich, nicht verstanden; ich meinte, annehmen zu dürfen, dass selbst die „Geschäftsideen“, die man selbst als Abgedrehter zu abgedreht findet, wahrscheinlich schon jemand hatte…

  2. Hui… Was mit einer zum Schmunzeln anregenden Geschichte beginnt, endet schließlich in einem recht schweren Thema. Genial aber, wie du von dem einen zum anderen die Kurve bekommen hast, ohne daß es ein abrupter Schnitt oder gar langweilig wäre.

    Eine Antwort auf die Fragen kann ich aber auch nicht geben. Trotzdem kann ich es ja mal ansatzweise versuchen.

    Wenn man(n) sich von selbst immer wieder mal eine nette Geste oder gar Überraschung einfallen läßt, so denke ich, bedarf es dann gar keiner „großen“ Liebesbeweise.

    Und auch wenn es mancher kaum glauben mag, so bedarf es dafür nicht mal sehr großer Anstrengungen, wie oftmals angenommen wird.

    Es sind die kleinen Dinge, wie das verliebte Lächeln am Morgen gleich nach dem Erwachen – der liebevoll gedeckte Frühstückstisch – die abgenommene Einkaufstasche, ohne daß sie erst danach fragen muß – ein hübscher Blumenstrauß auch ohne direkten Anlaß, der übrigens nicht unbedingt gekauft sein muß, denn Blumen einer Sommerwiese duften sowieso viel besser als die konservierten aus dem Blumenladen um die Ecke – der erledigte Abwasch – das von Schnee und Eis befreite Auto – die … Ach, da könnte man noch tausend andere Dinge aufzählen.

    Oder eben auch mal das, was ich erst neulich wieder mal gemacht habe…

    Meine Prinzessin war auf Arbeit, ich saß zuhause und hatte nichts zu tun. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr zu ihrem Pflegeheim.

    Als ich dort ankam, schaute sie mich verwundert an: „Ist etwas passiert?“

    Meine Antwort: „Nein, ich wollte dir nur sagen, daß ich dich liebe und mir ein Küßchen abholen, weil ich nicht bis zum Feierabend darauf warten konnte.“

    Ihre Arbeitskolleginnen waren erstaunt, daß es tatsächlich noch so einen Mann gibt.

    Siehst du, es bedarf gar nicht viel, um seiner Liebe immer wieder aufs Neue Ausdruck zu verleihen. 😉

    Liebe Grüße vom Vögelchen :wave:

    1. Grüß zurück! Die Prinzessin kann sich glücklich schätzen.
      Es stimmt schon. Man sollte sich hin und wieder vergegenwärtigen das eine glückliche Beziehung keinesfalls selbstverständlich ist und man muß etwas dafür tuen das es so bleibt.

  3. Der Hase kann sich auch nicht erinnern, dass ich jemals Liebesbeweise von ihm gefordert hätte. Vielleicht ist es ein bestimmter Typ Frau, die solche Beweise braucht. Oder ein bestimmter Typ Mann, der sich auf die Probe stellen lässt.

  4. Eine interessante Geschichte und ein großer Bogen, den Du, lieber Manfred, da schlägst. Nicht schlecht.
    Gleich mal vor weg, ich schätze zwischenmenschliche Solidarität sehr, und ich bin….eine Frau….Mmmh.
    Ich finde das ein wenig zu allgemein, wenn Du diese Erfahrungen auch gemacht hast. Ich kann natürlich auch nur aus meinen schreiben, aber ich bin nicht der Typ Frau, der Liebesbeweise einfordert. Warum kann ich gar nicht mal genau sagen. Zum einen liegt es vielleicht daran, daß ich in meinen Beziehungen immer das Gefühl hatte und in meiner jetzigen auch, aufrichtig geliebt zu werden. Zum anderen möchte ich selbst auch nicht ständig meinem Partner beweisen müssen, daß ich ihn liebe. Ich sage es ihm, wenn ich es möchte, ich bin immer für ihn da, spüre, wenn es ihm nicht gut geht, weiß, was immer er braucht, mache ganz viel für ihn. Und das, weil ich ihn liebe und ich möchte, daß es ihm gut geht. Das sind doch Liebesbeweise genug und ganz ohne Zwang.
    Das mit den Konflikten ist natürlich auch so eine Sache. Immer ist es sicher nicht möglich, sie auszutragen, aus vielerei Gründen und das hat nicht immer was mit Konfliktscheu zu tun. Manchmal lohnt es sicht einfach nicht, manchmal ist der Zeitpunkt ungünstig (dabei stellt sich natürlich die Frage, ob es überhaupt einen günstigen Zeitpunkt gibt), manchmal möchte man sich aber auch einfach nicht mit einer Sache auseinandersetzen. Andererseits kann man nicht immer den Kopf in den Sand stecken oder weg laufen oder oder oder. Manche Dinge müssen aus der Welt geschafft werden, damit die Seele Ruhe findet. Nur eine Lösung gibt es eben nicht immer.

    1. Schön von dir zu hören und was du schreibst ist auch bedenkenswert. Es stimmt, manchmal muß man einen Konflikt eine Zeit lang aushalten. In einer vertrauensvollen Beziehung braucht es wohl auch keine Liebesbeweise mehr.

      1. Was nicht heißen soll, daß ich mich nicht freue, wenn mein Partner mir sagt und zeigt, daß er mich liebt. Wichtig dabei, daß es aus jedem selbst heraus kommt, nicht erfragt, erzwungen, erwartet.

  5. auch mir gefällt dieses solidarische, auch wenn ich eine Frau bin oder hab ich mehr männliche Gene…
    das mit den Liebesbeweisen, eigentlich eine schwierige Sache, ich finde schon dass sich Männer/Frauen anstrengen sollen – allerdings zu welchem Preis?
    Wurde aus dem Busfahrer und der Nachbarin ein Pärchen?

    1. Jedenfalls war die Beziehung zum Zeitpunkt als sie mir die Geschichte erzählte wieder beendet.
      Stimmt, Liebesbeweise sind etwas Heikles. Es wird wohl tatsächlich so sein das solche Geschichten eher in die „Frühzeit“ einer Beziehung fallen.

  6. Leicht möglich, dass frau von dir öfter mal einen Liebesbeweis eingefordert hat, aber du hast es einfach nicht bemerkt, weil du bewusst im Unterbewussten alles „richtig“ gemacht hast …

    1. Das ist nicht deine erste „frauenkritische“ Äußerung. Die Ursachen kann ich nur vage ahnen. Du solltest deinen Frieden mit den Frauen machen. Es lebt sich leichter und angenehmer wenn man mit ihnen klar kommt.

        1. Na ja, ich sehe am Schluß des Eintrages meine Haltung eher kritisch. Du hälst sie für richtig. Ist es denn richtig Differenzen zu ignorieren oder zu „überspielen“? Ich weiß es wirklich nicht. Will auch gar nicht werten – aber „tuen tue ich es“.

          1. Überspielen sollte man gar nix. Aber da, wo offensichtlich kein Problem nicht ist, da sollte man dann auch keins unbedingt finden wollen. Ich bin eben zu sehr Vielharmoniker, als dass ich da auf unhörbare Tönchen, die gar nicht erzeugt wurden, horchen wollte.

          2. Gut, das akzeptierre ich.

            Schaue übrignes gerade die Übertragung des SPD-Parteitages auf Phoenix und habe bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal Oesi-Kanzler Faymann live erlebt der das Grußwort sprach.
            Zum Dank wurde er anschließend von Sigmar Gabriel Umarmt = fast zerquetscht. Vielleicht ist Gabriel ja auch ein Alien…

          3. Faymann? Ja.

            Hab mich unlängst erst blamiert, als ich unseren Kanzler mit Gusenbauer angab. Aber was soll’s.

            Der würkliche Ösi, der trägt sein Land im Herzen, die Politiker aber, die kommen und die gehen.

            … deshalb antworte ich auch heute noch auf die Kanzlerfrage mit: Gusenbauer. Noch besser wäre freilich Kreisky, aber den kennt nun wirklich kaum jemand (mehr).

          4. Donnerwetter! Das nenn‘ ich erstklassig informiert.

            Ja, damals hab ich sogar ein mal gegen Zwentendorf mit demonstriert. Heute würde ich das Ding locker ans Stromnetz gehen lassen. Tja, so ändern sich die Zeiten (und so ändert man sich auch selbst) …

          5. So viel gibt es da nicht zu sagen. Und das alles ist schon ziemlich lange her. Von Atomkraft hatte ich damals keine Ahnung und ich wusste nicht mal, ob ich dafür oder dagegen sein sollte. Ich war praktisch nur ein Mitläufer im wahrsten Sinne des Wortes. Andererseits konnte ich, als Landei, vor meinen Kumpels prahlen, in Wien auf einer Demo dabei gewesen zu sein.

            Wahrscheinlich ist es so, dass viele Leute, so wie ich damals, bei Demos mitlaufen und gar nicht richtig wissen, worum es eigentlich geht. Für die ist es halt eine schöne Abwexlung aus dem Alltag und garantiert einem am Stammtisch aufmerksame Zuhörer.

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