Das Mittwochsbild (62) NF24

2011-09-22 11.12

Das ist ein Messlöffel aus Aluminium, ursprünglich für Tee gedacht. Er ist 9 Gramm schwer und 10cm lang. Die Laffe ist 4,2cm breit. Die schwer lesbare Inschrift in der Löffelschale lautet „Für zwei Tassen“. Er ist mehr als 50 Jahre alt. Als der Vierjährige der ich 1957 war langsam zu Bewusstsein kam war der Löffel schon da. Meine Mutter hatte ihn zweckentfremdet. Sein stetiger Aufenthaltsort war der Zuckertopf. Mit seiner Hilfe wurde der Zucker löffelweise in den Bohnenkaffee versenkt. Man mochte es damals gern süß – zumindest in meiner Familie. Wir waren zu siebt: Eltern, drei Kinder, Großeltern. In einer großen Küche an einem großen stabilen Eichentisch aus der Vorkriegszeit wurden in der Zeit bevor die Kinder schulpflichtig waren die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen.

Der Großvater stand im wahrsten Sinne des Wortes mit den Hühnern auf, seinen Hühnern. Die bekamen Ihr Frühstück schon um Sechs. Er kochte auf einem kleinen Elektroherd im Keller einen Brei aus Kartoffelschalen und „Deuka Legemehl“. Das Zeug roch furchtbar. Nicht selten wurden wir im Sommer wenn die Fenster offenstanden vom Geruch dieses Tierfutters geweckt. Mein Großvater hörte in der Frühe auch schon Radionachrichten und Kommentare, unterschied dabei aber nicht zwischen Nachricht und Meinung. So kam es vor das er sich an den Frühstückstisch setzte und düster verkündete: „Der Russe will wieder Krieg“.

Mein Vater las während des Frühstücks die Zeitung – ungestraft. Im Gegenteil: Meine Mutter schmierte ihm die Brote. Erschien ihm etwas interessant las er es der Familie vor. Ich muss damals schon andeutungsweise begriffen haben das Verfügungsgewalt über Medien Macht bedeutete. Jedenfalls lernte ich lesen und schreiben schnell und mühelos.

Diese Zeit wird wieder lebendig wenn ich mir den Teelöffel anschaue. Dieser blieb mehr als 5 Jahrzehnte im Zuckertopf stecken. Er wurde nie ausgewechselt, verlegt, zerstört oder gestohlen. Er war eine Konstante in wechselnden Zeiten und Lebensumständen.

Im März vergangenen Jahres starb meine Mutter. Die Wohnung wurde aufgelöst. Der Hausrat verschenkt oder entsorgt. Den Löffel aber nahm ich mit nach Hause. Er darf sich nun doch noch der Aufgabe widmen für die er einst gefertigt wurde. Sein Platz ist jetzt in einer Teedose. Jeden Morgen nehme ich ihn in die Hand und fülle die mit seiner Hilfe abgemessene Teemenge in ein Sieb. Zucker kommt nicht in den Tee. Das möchte ich weder ihm noch mir zumuten.