Sonntagnachmittag NF 38

Spät aufgestanden
Prokastiniert
Viel Tee getrunken
Dann doch den Brief geschrieben
der lange fällig war.

Danach zum Friedhof
Die Gräber der Grosseltern
und Eltern
vom Laub befreit

Weiter zum Grab der Schwester
die mir fehlt
Nicht die Zwanzigjährige
die lange tot ist
sondern die Mittfünfzigerin
die sie nicht werden durfte

Wie es wohl wäre
säße sie mit mir hier
auf dieser Friedhofsbank?

"Holländer" ticken anders NF35

Ja ich weiß, „Niederländer“ wäre korrekt. Diese haben vergangenen Mittwoch ein neues Parlament wählen müssen weil ein populistisch argumentierender Politiker sich weitere Stimmzuwächse versprach. Er erklärte die Duldung der Minderheitsegierung für beendet und erweiterte sein bisheriges Repertoire (Anti-Ausländer-Hetze) um den Fachbereich „Aniti-Euro-Hetze“. Das ist ihm glücklicherweise übel bekommen.

Davon abgesehen ist das Ergebnis der Wahlen nicht uninteressant. Es käme so in Deutschland wohl niemals zustande. Deshalb nenne ich in der folgenden Aufführung nicht die Namen der niederländischen, sondern vergleichbarer deutschen Parteien:

Das niederländische Parlament hat 150 Sitze. Die sind nach der Wahl vom vergangenen Mittwoch folgendermaßen verteilt:

41 Sitze = 27,33% FDP (Rechtsliberale)
39 Sitze = 26,00% SPD (Sozialdemokraten)
15 Sitze = 10,00% Rechtspopulisten (keine vergleichbare Partei)
15 Sitze = 10,00% Die Linke
13 Sitze = 8,67% CDU (Christdemokraten)
12 Sitze = 8,00% Linksliberale (keine vergleichbare Partei)
15 Sitze = 10,00% Sonstige

Gewinne und Verluste:
FDP: + 10 Sitze =6,67%
SPD: + 9 Sitze =6,00%
Rechtspopulisten: -9 Sitze =6,00%
Linke: +/-0
CDU: -8 Sitze = 5,33%
Linksliberale: +2 Sitze =1,33%

VORBEI NF34

Montag 6.15 Uhr
Auf dem Bahnsteig
Auf den Zug nach Essen wartend

Eine Frau kommt.
In meinem Alter
Gebräuntes Gesicht
Kurze Frisur
Blondiertes Grauhaar

Helle Lederjacke
Sandfarbener Rock
Große Muschelkette
Quietschbunte Strandtasche
aus Plastik.

Sie hat noch nicht begriffen
das der Urlaub vorbei ist.
Wieder eine die dem Alltag
nichts abgewinnen kann

backblog NF33

Bin zurück und ratlos. Dieses Jahr das mit einem Krankenhausaufenthalt begann ist bis jetzt nicht mein Freund. Nichts lief wie geplant, unangenehme Überraschungen gab es einige, darunter mein gehackter twitter account. Darüber hinaus gibt es im digitalen Leben Entwicklungen die mir nicht behagen.

So nehme ich schon seit längerer Zeit wahr das die Mehrzahl meiner Blogfreunde auf dieser Plattform nicht mehr so aktiv sind dafür aber ein munteres „Zweitleben“ bei facebook führen. Vorwürfe kann ich Ihnen nicht machen. Ich selber habe mich nach langem Zögern entschlossen dort eine „Zweigstelle“ einzurichten. Grund dafür ist, das ich hoffe auf diese Art und Weise Leser für mein weblog zu interessieren. In meiner Familie klappt das schon. Die nächste Generation hat meine Blogeinträge erst wahrgenommen als ich per „facebook“ auf sie hinwies. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los das „Bloggen“ bei weitem nicht mehr so populär ist wie noch vor einigen Jahren. Der Reiz des Neuen, der folgende „Hype“, das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu stehen, mit einem Schlag viele neue Möglichkeiten zu haben – all dies ist dem Alltag gewichen.

Dazu kommt das Bloggen in der Form wie ich es lange betrieben habe anstrengend ist und Zeit kostet. Drei Einträge pro Woche schreiben wollen, dauerhaft eine vierstellige Besucherzahl pro Monat anstreben – das ist mit dem real life nicht zu vereinbaren. Ich zumindest bin zeitweilig zum Sklaven meines blogs geworden.

Der Lyriker Peter Rühmkorf schrieb in einem seiner Gedichte :
„…wer nicht lieber lebt als schreibt, kann das Dichten auch gleich aufgeben.“
Wenn man statt „Dichten“ „Bloggen“ einsetzt stimmt es auch.

Um weiterbloggen zu können, um die Menschen nicht zu verlieren die ich durch dieses Medium kennen und schätzen gelernt habe muss ich für mich das Bloggen neu erfinden, digitalsprachlich formuliert: Ich bin auf der Suche nach meinem „privaten“ blog 2.0

Es ist Zeit für Experimente. Ich verzichte bewusst auf das Profilbild und auf ein Motto, will mich selber etwas „zurücknehmen“. Ich werde versuchen, dieses blog eher als „Journal“ zu führen – was ausführlichere Texte nicht ausschließt. Es wird nicht mehr jede Woche ein Mittwochsbild geben, dafür vielleicht mal drei oder vier kurze „twitterhafte“ Einträge pro Tag oder auch einmal ein oder zwei Wochen gar keinen Eintrag.

Ich würde mich freuen, wenn ihr dieses Experiment verfolgen würdet. Ich schreibe mehr für euch als für mich. Dieses weblog lebt dank eurer Wahrnehmung und Reaktion. Bleibt mir nah. Gönnt mir gelegentlich einige Minuten eurer wertvollen(!) Zeit. Ich weiß es zu schätzen.

PS: Es gibt einen wikipedia Eintrag zu Peter Rühmkorf und schon für 3,60 € kann man als reclam Heft den Gedichtband „Der Kuss der Erkenntnis“ erwerben. Gut geeignet als Einstiegsdroge!