S Ü D F R I E D H O F

Wie bereits in früheren Blogeinträgen erwähnt liegt der Südfriedhof, auf dem einige Menschen begraben liegen, die mir zu ihren Lebzeiten nahe standen, nur wenige Schritte von meiner Wohnung entfernt. Im Laufe der Zeit habe ich mir angewöhnt zumindest einen Teil des Sonntagnachmittags  auf diesem Friedhof zu verbringen. Manchmal besuche ich nur die Gräber meiner Familie. „Ich bin den Toten treu, ich lebe mit Ihnen“ sagte Francois Truffaut in einem Zeitungsinterview; so halte ich es auch.

 

Manchmal nehme ich mir jedoch die Zeit, einen vorher ausgesuchten Teil des Friedhofs kennen zu lernen. Dann gehe ich von Grab zu Grab, mache auch Fotos und je  älter ich werde desto mehr mir vertraute Namen nehme ich auf den Grabsteinen wahr. Da sind einige Handwerker die ich aus der Zeit meiner kaufmännischen Lehre kenne. Fernerhin die Frau die in den 70er Jahren eine im regionalen Umfeld bekannte Diskothek betrieb und erst kürzlich mehr als neunzig Jahre alt starb. Sie liegt nicht weit von dem aus alter lombardischer Familie stammende ehemalige Leiter des hiesigen Hygiene Instituts. Erwähnenswert ist auch die „Lehrergruft“ eine Grabstätte in der sechs der acht Bestatteten unter ihrem Namen die Berufsbezeichnung „Lehrer“ oder „Lehrerin“ in Stein meißeln ließen.

 

Ein Grabstein kann über Namen und Lebensdaten hinaus etwas über den Menschen aussagen dessen Reste unter ihm bestattet liegen. Der Trend zur „Individualisierung“ macht auch vor dem Tod nicht halt. Während früher – wie in den Todesanzeigen der Zeitungen – in der Regel neben dem Namen ein lateinisches Kreuz zu sehen war herrscht heute Vielfalt: Katholiken ergänzen ihren Grabstein gelegentlich mit einer bronzenen Marienstatue, Architekten lassen einen Zirkel einmeißeln, Ärzte den Äskulapstab, Motorradfahrer „Gotisches“, Musiker eine Trompete, Fußballfans das Emblem ihres Bundesligavereins. Letzteres ufert in meiner Stadt dahingehend aus, das eigene Grabfelder für Fussballfans eines bestimmten Vereins angelegt werden.  

 

Manchmal jedoch weiß ich das gemeißelte Symbol nicht gleich zu deuten So fiel mir kürzlich dieser Stein auf:

 

Teletakt

 

TELETAKT? Nie gehört. Sah ähnlich aus wie das Gerät das ich im beruflichen Umfeld zum messen der Holzfeuchtigkeit verwende; vom Namen her dachte ich eher an ein elektronisches Metronom. Zuhause angelangt verschaffte ich mir mit Hilfe von wikipedia Klarheit und war überrascht.
 
Teletakt ist ein Telereizgerät. Laut Werbung: „Das Erziehungshalsband für Hunde“. Es besteht aus einem
Handgerät mit dessen Hilfe elektrische Impulse ausgelöst werden können und einem Halsband das diese Impulse „empfängt“. Vereinfacht: Verhält sich der Hund nicht wie gewünscht kann man ihm aus der Ferne einen elektrischen Schlag versetzen. Die Nutzung solcher Telereizgeräte ist in Deutschland seit 2006 verboten; es gibt aber wohl eine Lobby die versucht, zumindest der Abrichtung von Jagdhunden unter tierärztlicher Aufsicht wieder eine gesetzliche Grundlage zu verschaffen (etwa über den Umweg Waffengesetz).   
 
Nun rätsele ich was einen Menschen veranlasst, den Namen eines solches Gerätes nebst Abbildung auf seinen Grabstein meißeln zu lassen.  Die Nachricht ist ja wohl: „Teletakt“ hat in meinem Leben eine so wichtige Rolle gespielt das die noch auf dieser Welt Weilenden es erfahren sollen. Die Grabstätte selbst gibt Aufschluss über folgendes: Der Mann ist verhätnißmäßig früh gestorben. Er wurde 64 Jahre alt. Die Anordnung von Text und Symbol auf dem Stein sowie die Größe der Gruft legen nahe, das es eine Witwe gibt die noch an seiner Seite die letzte Ruhe finden soll. Die Grabstätte wird aufwändig von einem Gärtnerbetrieb gepflegt was darauf schließen lässt das es sich um einen zu Lebzeiten wohlhabenden Mann gehandelt hat. 
 
Weiter wichtig: Das Grab liegt nahe am Hauptweg des Friedhofes aber dennoch versteckt in einem kleinen Nebenweg. Es gibt nur drei weitere, ähnlich aufwändig gestaltete und  gepflegte Gräber. In Analogie zu Begrifflichkeit städtischer Geographie könnte man sagen: Ein unauffälliges Villenviertel das nicht jeder wahrnehmen soll aber dennoch für Kundige leicht und schnell erreichbar ist.
 
Möglicherweise ist der hier Ruhende der Konstrukteur des Teletakt-Gerätes, bekannt bei und verehrt von Hundetrainern und Jägern die zu seiner Grabstätte pilgern. Vielleicht hatte er sogar einen Nachruf in der Zeitschrift „Jagd und Hund“ in deren Internetshop heute noch für Teleimpulsgeräte geworben wird? Ich weiß es nicht. 
 
Bleibt am Ende die Frage ob es sinnvoll ist, das „Medium“ Grabdenkmal für Nachrichten an Lebende
zu nutzen. Zeugt das nicht von einem nicht loslassen können, einem nicht mit sich selbst in Einklang stehen?
Handelt es sich nicht auch ungewollt um das Eingeständnis: Ich habe meinen Frieden nicht gefunden – weder mit mir noch mit der Welt? Vielleicht muss man „tot sein“ schon zu Lebzeiten einüben. Als Grabschrift reicht Vorname, Nachname, Geburts- und Sterbejahr. 

Keine weiteren Nachrichten! Den Hinterbliebenen sollte Raum bleiben für eigene Erinnerung und Bewertung. Das währt noch eine Weile. Wenn irgendwann niemand mehr lebt der sich an uns erinnert sind wir ganz in der Hand Gottes…
 
 
Zueignungen in memorian:
 
Heinz Knobloch, dessen „Berliner Grabsteine“
mir noch heute eine hilfreiche Nachtlektüre sind
 
Francois Truffaut, dessen Film „Das grüne Zimmer“
vom „nicht loslassen können“ der Hinterbliebenen
handelt. 

15 Gedanken zu „S Ü D F R I E D H O F“

  1. Was du alles findest!?
    Dieser Mensch dürfte alleine wegen des Gerätes eine große Anzahl Feinde haben und ist möglicherweise froh, dass er tot ist. Egal ob er es benutzt, hergestellt oder aus sonst einem Grund auf dem Grabstein verewigt hat. Alleine der Name des Gerätes, auch „Tacker“ genannt, bewirkt hysterische Schreie unter Hundebesitzern.

    Diesen Friedhof kenne ich ja und ich finde er ist ein Ort, an dem sich gut liegen lässt. Auch anonym. Was ja immer mehr in Mode kommt. Denn bei den vielen Singles in unserer Gesellschaft stellt sich zunehmend die Frage nach der Grabpflege.

    1. Es muss nicht anonym sein. Eine kleine Grabplatte auf einem Rasen der regelmässig gemäht wird geht auch.

      Was „Teletakt“ angeht weißt du ja wohl das ich so etwas einem Hund nie antuen würde.

      Hab noch einen angenehmen Abend.

  2. So finde ich das auch voll okay – wenn man aus einem Bedürfnis heraus solche „Touren“ macht und nicht, weil es im Kalender steht (schade, dass Master Knobloch das nicht mehr erleben darf)… außerdem sieht man da wohl auch tatsächlich mehr, scheint mir… viele Friedhöfe werden inzwischen auch als öffentliche Parks angeboten (und gepflegt), und das hat was…

    (… das mit dem Teletakt erlebe ich seit 27 Jahren… wuff… aber ich wollte nicht von mir reden… *hüstel*…)

    Ich habe hier in M sogar schon des Öfteren im Sommer Studies auf Friedhöfen erlebt – mit Lektüre und/oder Schreibmaterial; das ist zwar „nur“ indirekte Ehrung der Toten, aber es ist eine…

    (… aber das mit den Fußballern hat ja wieder was… ergibt sich die Frage, wie eigentlich der Grabstein eines Grabsteinbildhauers aussähe… – little joke btw…)

      1. Hab´s geändert.

        Soweit mir bekannt ist gibt es Grabdenkmäler als Nachbildung von Fusbällen und könoigsblau lackierte Särge.

        Auf Heinz Knobloch hast du mich vor Jahren aufmerksam gemacht. Noch einmal Danke dafür.

        1. Stimmt! Ich habe gestern auch dran gedacht, dass ich irgendwem was von Knobloch verklickern wollte, aber ich wusste nicht mehr genau, ob Du das warst…

          Der Mann ist „aus einem Guß“: der hat am Rotem Kloster seine Diplomarbeit über Feuilleton geschrieben („nicht typisch“ für unsere sozialistischen Menschen, gar nicht typisch), und dann tausende „praktische Belege“ dafür geliefert… allein das hat ja schon was…

          1. In der Tat – ich kriege bei „DaDaeR“ oft nachträglich das Gruseln, z. B., wenn ich bei Tante Wiki die „Auswahlkriterien“ für den Diplomstudiengang lese (andererseits: das soll halt die super Ausbildung gewesen sein… na ja – im nächsten Leben geht es anders lang)…

            (… Du hättest das echt nich‘ ändern müssen…)

  3. Hundefoltergerät auf dem Grabstein. Ich weiß es auch nicht. Auf was mensch so alles kommt.
    Der Gipfel wäre natürlich die Facebookadresse oder den Bloglink auf dem Grabstein zu haben, damit man nachlesen, was der Verstorbene so dachte und meinte und womit er sich so beschäftigt hat. Könnte natürlich interessant sein.
    Interaktive Friedhöfe wären da auch denkbar. Klicke auf den Grabstein und erfahre mehr, mit Fotos, Musikdateien, Videos und weiteren links.
    Jeder ist berühmt….

  4. Huhu manulan,

    schön von dir zu lesen. 🙂

    Dein Eintrag hat mich wirklich fasziniert. Bin selbst noch nie die Idee gekommen, einen Friedhof einfach so zu besuchen. Aber dein Eintrag hat mich doch neugierig gemacht. Hört sich irgendwie nach Ruhe suchen und finden an. Ein schöner Gedanke.

    Zu TELETAKT:

    Könnte mir vorstellen, dass das in diesem speziellen Fall vielleicht eine ganz andere Bedeutung hat:

    Auf die Idee komme ich, da ich einige BDSM-Blogfreunde habe, die doch einiges über ihre Neigungen schreiben. Vielleicht ist es ein spezieller (Treue?)Gruß an den Ehemann oder an/für seine Witwe?

    Zum anonymen Grab:

    Ich selbst würde zu gerne eine Seebestattung haben – verbrannt und im Meer verstreut. Das hätte in meinen Augen gleich zwei Vorteile: Erstens wäre ich immer bei meinen Lieben, wenn sie am Wasser (Meer/See, etc)sind. Zweitens würde die ständige Grabpflege und die (moralische?) Pflicht entfallen, ständig auf den Friedhof gehen zu müssen. Außerdem habe ich mein lebenlang das Meer geliebt. Ja, das wäre mein großer Wunsch.

      1. @greatmum: Wenn du das Meer liebst ist das eine gute Idee. Eine Freundin meiner Frau hat sich so bestatten lassen. in der Urkunde ist der genaue „Bestattungsort“ angegeben (Längen- und Breitengrad). Mit einem seetüchtigen Wasserfahrzeug und nautischen Kenntnissen kann man den Ort wieder besuchen.

        Ich hätte mir früher auch nie vorstellen können gerne Gräber zu pflegen. Inzwischen mache ich das gerne. Viele Friedhöfe sind wundebare Parkanlagen und jedes Grab ein kleiner Garten. Du könntest versuchsweise mal einen besuchen.

  5. Schön, von dir zu lesen.
    Ich mag, wie ich ja hoffentlich schon gelegentlich mal erwähnt habe, Friedhöfe sehr. „Besichtige“ jeden, an dem ich vorbei komme. Es ist eigentlich immer sehr ruhig dort (außer neulich, als ein offensichtich verwirrter Mensch vor einem Grab gestikulierte und laut mit sich selbst sprach), aber ich empfinde die Stille als überhaupt nicht „tot“. Im Gegenteil. Da ist so viel Natur. Bäume, Blumen, Vögel. Jedes Grab, jede Inschrift erzählt eine Geschichte. Früher wollte ich, dass meine Asche ins Meer kommt. Jetzt möchte ich dorthin, wo die meisten anderen aus meiner Familie beigesetzt wurden. Ich versteh heute den Satz meiner Mutter: „Dort unter der Eiche zu liegen stelle ich mir schön vor“. Damals dachte ich, wie verrückt – man hat ja eh nichts mehr davon, wenn man tot ist. Aber das war ja gar nicht gemeint. Es ging nur um die Vorstellung…

    1. Ich freue mich über ein Lebenszeichen von dir. Hamburg hat sicher auch bemerkenswerte Friedhöfe die sich für die „ewige Ruhe“ anbieten. Ich rate dir dazu, nicht im Meer zu versinken.

      Wobei mir eine Geschichte aus dem Englisch-Unterricht einfällt. Der englische Text fehlt mir leider aber auf Deutsch lautet sie so:
      Ein Bürger und ein Seemann treffen sich. Der Bürger fragte den Seemann: Wie ist dein Vater gestorben. Antwort: Er ging über Bord. Und dein Grossvater: Das Schiff ging unter.
      Der Bürger lamentiert: Oh! Wenn ich du wäre, ich würde nie wieder zur See fahren.
      Nun fragt der Seemann: Wie starb dein Vater denn? Antwort: Im Bett. Und dein Großvater: Auch im Bett.
      Darauf der Seemann: Oh! Wenn ich du wäre würde ich nie mehr ins Bett gehen.

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