Das Verschwinden der Tastatur Teil Eins (3 2014)

 

Der Samstag war in meiner Zeit als Handelsschüler der härteste Tag der Woche. Er umfasste zwar nur vier Schulstunden a 45 Minuten aber davon zwei im Fach Stenografie (Kurzschrift) und darauf folgend noch einmal zwei Stunden Maschinenschreiben. Danach hatte ich das Gefühl mein Wochenende sei hart verdient.

 

Sicher lag das auch an der Pädagogin dieuns in diesen Fächern unterrichtete. Frau Martha W. trug im Winter Kostüme mit Rollkragenpullovern und in der wärmeren Jahreszeit Etuikleider. Sie bevorzugte die Töne Schwarz, Grau und Weiß wobei die beiden erstgenannten überwogen, dazu eine Brille, die ein Jahrzehnt zuvor in den 60ern In Mode gewesen war. Ihre Unterrichtsfächer brachten es mit sich, das sie vor der ganzen Klasse laut und verständlich reden musste und das mit zunehmender Geschwindigkeit. Stenografische Diktate steigerten sich von 60 über die Zwischenschritte 80, 100, 120 bis zu 150 Silben in der Minute. Die mussten wir in der Abschlussprüfung schaffen.

 

Beim Maschinenschreiben war diktieren aufgrund des Lärmpegels nur mit Hilfe eines Mikrofons möglich. Frau Ws. Stimme war für diese Art des Unterrichtes sehr gut geeignet. Ihre Tragik war, das sie aus dieser Sprechweise nicht wieder heraus fand und stets laut und deutlich sprach. Vielleicht trug diese Art zu reden

dazu bei das sie in einer Zeit, in der die Autorität vieler Lehrer rapide verfiel eine charismatische Erscheinung war, die sichgegenüber den Schülern mühelos durchsetzte. Niemand verweigerte die umfangreichen Hausaufgaben : 20 Seiten Steno pro Woche, den Text durfte man sich aussuchen.

 

Sie konnte auch im passenden Moment nachgiebig sein. So war es seinerzeit üblich, zu Marsch- oder Walzermusik Maschine zu schreiben. Als wir fragten, ob wir nicht eigene Platten mit bringen könnten war sie einverstanden. So schrieben wir zu Deep Purple in Rock“, „Sticky Fingers“ und Leonhard Cohen während ihr Blick zweifelnden Auges über die Plattencover glitt.

 

Frau W. gehört zu den wenigen Lehrern, die ich auf einem Klassentreffen gern einmal wiedersehen würde. Ich möchte mich gern bei ihr bedanken. Was sie mich lehrte habe ich bisher Zeit meines Lebens gebrauchen können. Zwar wurde die Stenografie – ähnlich wie der Rechenschieber – Opfer neuer Techniken; sie dient mir aber bis heute als veritable Geheimschrift. Da sie kaum jemand unter 50 noch beherrscht kann ich sie unbesorgt für Notizen aller Art auf der Schreibtischunterlage verwenden.

 

Auch die Schreibmaschine führt heutzutage nur noch ein bescheidenes Dasein in der Nische, aber das 10-Finger Schreibsystem und die zugehörige Tastenbelegung sind auf PC und Laptop noch Standard. Ihre Berherrschung dank Frau Ws. Unterricht hat mir seit 2005 das Schreiben hunderter von Blogtexten und tausender Kommentare wesentlich erleichtert. Ohne diese Kenntnisse hätte ich nie so „produktiv“ sein können und das Bloggen wäre nie ein solch wichtiger Teil meines Lebens geworden.

 

Ich schrieb gerade das die Tastatur „noch“ Standard sei. Die Betonung liegt auf „noch“. Sie ist ein hochgradig gefährdeter Bestandteil des persönlichen Computers. Ihr Verschwinden könnte unabsehbare Folgen haben. Mehr dazu im zweiten Teil dieses Blogeintrags.

 

Der zweite Teil dieses Blogeintrages wird am 29.3.2014 veröffentlicht.

13 Gedanken zu „Das Verschwinden der Tastatur Teil Eins (3 2014)“

  1. Ein Hoch auf Lehrerinnen wie deine Frau W.!
    Ich habe „10-Finger-blind“ während meiner kaufmännischen Ausbildung gelernt, aber nicht in der Berufsschule, sondern in einem damals sehr modernen Lern-Institut namens „Sight and Sound“. Über Kopfhörer hörte man die Buchstaben, vor sich auf dem Bildschirm sah man zunächst die zu lernenden Buchstabenfolgen, später dann ganze Texte. Die Geschwindigkeit der Ansage wurde dem Fortschritt entsprechend angepasst. Habe beruflich ja Zeit meines Lebens auch viel getippt, und privat sowieso.
    Hier kannst du testen, wie viele Anschläge du heute noch schaffst:
    http://10fastfingers.com/typing-test/german
    (Ich hatte erstaunliche 405, zwei Fehler).

      1. Bloß nicht, für den Hausgebrauch reicht das. Bei mir liegt es vermutlich daran, dass ich früher beruflich und auch heute noch täglich wirklich viel schreibe und es schon intus hatte, als ich sehr jung war.

  2. Bei Steno hab ich das Handtuch geschmissen. Die Kürzel gingen mir nicht in Fleisch und Blut über und ich bekam keine Geschwindigkeit da rein, weil ich nicht aufhören konnte zu überlegen.

    Schreibmaschine hab ich mir selbst beigebracht. Ich kann blind mit 9 Fingern. Der linke Daumen hatte es nie nötig mitzumachen.

    Helga, für deinen Test fehlt mir der Ehrgeiz. *kicher* So’n dämlichen Text muss man nicht tippen.

  3. Was ist denn ein Etuikleid?

    Frau W. stelle ich mir herrlich vor. Steno hat mich immer faszniert, du weißt ja, meine Collagen…Aber gelernt habe ich das auch nie.

    Ich kann auch sehr gut und flüssig tippen, das habe ich da ich seit ca. 35 Jahren täglich Schreibmaschine/Tastatur schreibe autodidaktisch gelernt. Bloggen mit „Adlersystem“ (Kreisen und zustoßen) wäre eine Qual.
    Wenn man mal an einer alten Schreibmaschine sitzt, fragt man sich, wie die „Tippfräuleins“ das damals nur ausgehalten haben, so schwergängig, so anstrengend.
    Das Verschwinden der Tastatur ist für mich undenkbar, auch das Verschwinden der Mouse. Ich hasse diese Bildschirmrumtasterei, alles immer verschmiert, unpraktisch.

      1. Danke für die Info. Leinen wäre wohl vom Tragekomfort her nicht das Wahre. Reines Leinen sowieso, Halbleinen aber ist schön.
        Gleich mal die nächste Frage: Warum heißt es eigentlich immer Tante Wiki. Das sagen viele und ich habe noch nie verstanden, warum.

        1. Du wirst es nicht glauben, seit Jahren warte ich darauf das jemand diese Frage stellt. Weshalb andere es tuen kann ich nicht sagen aber möglicherweise haben sie ähnliche Gründe.

          Es hat sogar etwas mit jemanden aus Meck Pom zu tuen. Die Hauptfigur in Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“ Gesine Crespahl liest täglich die New York Times. Diese wird sinngemäß (genauen Wortlaut weiß ich im Moment nicht) als eine liebevolle, souveräne, allwissende Tante beschrieben, die gerne klug daher redet und da dies meinem Empfinden nach auf wikipedia auch zutrifft gebrauche ich gern die Formulierung „Tante wiki“ .

          PS: Deine Tante mit dem lateinamerikanischen Lebensgefährten von der du mal berichtet hast hätte gewiss auch gewusst, was ein Etuikleid ist 😉

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