Biermann im Bundestag (10 2014)

Vorab: In meinem Regal stehen immer noch drei Langspielplatten von Wolf Biermann aus den 70ern. Ich war und bin immer noch beeindruckt von seinem Mut, in einer Diktatur die Verantwortlichen zu benennen und schonungslos anzugehen. Nur nebenbei: Ich kenne bis heute keinen Liedermacher, der so gut Gitarre spielen kann und mit seinem Instrument derartig eins wird. Wen es interessiert: Es gibt genug you tube Videos die das belegen.

Ich habe auch noch nie „Die Linke“ oder eine ihrer Vorgängerparteien gewählt. Sicher gibt es in dieser Partei ewig Gestige, das gilt aber genau so für bürgerliche Parteien. Die Möglichkeit, das ein Linker Ministerpräsident werden könnte treibt mich jedoch nicht derartig um wie unsereren Bundespräsidenten.

Bei Biermanns Auftritt in der Feierstunde des Bundestages zum Mauerfall geht es um mehr als schlechtes Benehmen. Es geht um den Missbrauch des Parlaments als Bühne für die Beschimpfung demokratisch gewählter Abgeordneter. Diese als „Drachenbrut“ und „reaktionär“ zu verhöhnen („Die sind geschlagen. Es ist Strafe genug, dass sie hier sitzen müssen und sich das anhören müssen“) zeugt auch von mangelndem Respekt gegenüber demokratischen Institutionen.

Biermann sollte sich vielleicht einmal fragen, weshalb „Die Linke“ in den neuen Bundesländern noch 25 Jahre nach dem Ende der DDR eine erstzunehmende, von ihren Gegnern nicht ignorierbare politische Kraft ist. Möglicherweise liegt es daran das er – ähnlich wie unser Bundespräsident –  einen theoretisch-idealistischen Begriff von „Freiheit“ hat. Die Menschen in den neuen Bundesländern haben schnell die Erfahrung gemacht, das Freiheit auch die Freiheit von Versicherungsvertretern und Zeitschriftenverkäufern ist, sie aufzusuchen und ihnen Dinge und Leistungen zu verkaufen, deren Kosten und Nutzen sie nicht abschätzen konnten, das Freiheit auch die Freiheit gescheiterter West-Politiker war, in der Ex-DDR eine neue Karriere zu starten, das Freiheit auch die Freiheit von Westunternehmen beeinhaltete, die Ex-DDR mit Hilfe der Treuhand zu deindustriealisieren was den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze nach sich zog.

So kam es, das „Die Linke (damals noch PDS) von vielen Ostdeutschen bald als Gegenmacht zu einer Politik empfunden wurde, die Ihnen vermittelte, das Freiheit immer die Freiheit des Stärkeren war, seine Interessen mit der geringst möglichen Behinderung durchzusetzen. Die maßlosen AttackenBiermanns könnten daher rühren, das er nicht begreifen kann das eine Partei, deren Vorläufer seine Freiheit einschränkten und ihn bedrohten auch in demokratischen Wahlen bis heute überlebt hat und von nicht wenigen Ostdeutschen als Wahrer ihrer Interessen gesehen wird.

Ich sehe in Wolf Biermann nach wie vor einen der grossen lebenden Lyriker deutscher Sprache. Er schadet seinem Werk, macht es unglaubwürdig durch Auftritte wie diese. Es wäre auch für ihn selber hilfreich, wenn er in der Lage wäre, seine demonstrative Selbstgewissheit kritisch zu hinterfragen.

18 Gedanken zu „Biermann im Bundestag (10 2014)“

  1. Nur eine Anmerkung zum folgenden Satz von Dir.

    „Ich war und bin immer noch beeindruckt von seinem Mut, in einer Diktatur die Verantwortlichen zu benennen und schonungslos anzugehen.“

    Biermann war Teil des DDR-Systemns so lange er seinen Nutzen daraus zog. Bis er ihn dann woanders sah. Er hatte das Privileg sich „ausbürgern“ zu lassen. Und er hat es auch reichlich zu Markte gertagen. Dazu gehört kein Mut, sondern eine gehörige Portion Egozentrik wie sie wohl nur ein Herr Biermann haben kann, und in dieser peinlichen Vorstellung im Deutschen Bundestag erneut unter Beweis gestellt hat.
    Als Ostdeutscher gehöre ich zwar nicht zu den Anhängern der LINKEn und einer Verklärung des Unrechtsstaates DDR. Doch meine Interessen sah und sehe ich von dem selbstgerechten Herrn Biermann nicht „gewahrt“.

  2. Sein Pathos finde ich immer gut, wenn er singt, wenn er spricht, geht er mir auf die Nerven, diese eitle Selbstinszenierung, diese Bescheidwisserei finde ich abstoßend. „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, hat er mal gesagt, als er für das Springer-Blatt „Die Welt“ arbeitete, wenn er klug wäre, sollte er das auch anderen zugestehen. Ein anderes Zitat aus einem seiner Lieder: „Den Roten Stein der Weisen, gib zu! Den gibts doch nicht. Genosse, auch du, den gibt es doch nicht, Genosse, auch du, du hast ihn nicht gefunden.“ Das gilt natürlich nicht für ihn. 😉
    Sein Gitarrenspiel ist wirklich großartig, besonders schön z.B. in diesem Beispiel (zweite Hälfte):
    http://youtu.be/o2qrGUPpqNQ

    1. Habs mir angehört. Kannte ich noch nicht und bin beeindruckt.
      Ich kann mir vorstellen, das die Ausbürgerung Wolf Biermanns ihn „aus dem Lot“ gebracht hat. Er hat sich – weshalb auch immer – unangreifbar gefühlt und war in der Bunderepublik wohl zunächst ohne
      Bewunderer und Aufgabe.
      Er ist mir vom Auftritt am letzten Freitag abgesehen eigentlich nur noch einmal aufgefallen als er in den frühen 80ern lautstark der damals gängigen These widersprach, man könne mit einem Personal Computer nicht kreativ schreiben. Biermann war einer der frühen Nutzer des Apple Macintosh.

  3. Das ist mal ’n saustarker Artikel (ernst gemeint), aber ich habe da ’n Problem (und bei dem Versuch, es zu beschreiben, muss ich selbst grinsen), denn mir fällt einer der wenigen Momente ein, in denen ein Lehrer augen- bzw. ohrenfällig abwich, und zwar sowohl vom Lehrplan als auch von der Linie, indem nämlich meine Klassenleiterin von der Siebten bis zum Beginn meines Abiturentner-Daseins (Deutsch und Russisch, die Dame) versonnen anmerkte, sie würde sich wundern, dass zahlreiche unserer Menschen „spontane“ Protestschreiben wider Biermann ans „Neue Deutschland“ usw. senden würden, obwohl man nirgends was aus seiner Feder lesen oder hören könne (und erst recht nicht in der ersten sozialistischen Stadt)… Für einen Moment bin ich da mal hochgeschreckt – und habe das Thema dann (natürlich!) ganz schnell wieder weg geschoben und ausgeblendet; ich bin klein, mein Herz ist rein…

    Will sagen: ich kenne auch heute kaum was von Master B., aber wenn ich jetzt sage (und ich sage das jetzt), dass ich mich nicht nur neuerlich angeregt fühlen würde, einige audiovisuelle Kommunikate des Kommunikators W. B. zu rezipieren, sondern dies (nämlich rezipieren) umgehendst auch tun werde, dann hat ja Dein Posting durchaus gewirkt, und sogar konstruktiv – hat es nicht (kleine Übung im englischem Fragesatz, *hüstel*)…

    (… Du bist zu vernünftig für diese Welt, aber das weißt Du bestimmt…)

    Mit schönen Grüßen (was immer „schöne Grüße“ sein mögen, es sagt Einem ja nie keiner nüscht)

    Herr Koske

    1. Vielen Dank und ein paar Tips:
      Die frühen Sachen sind die Stärkeren: „Der Hugenottenfriedhof“ könnte dir gefallen. „Die Stasi-Ballade“ oder auch „Das macht mich populär“ oder ganz frühe Sachen wie „Soldat, Soldat…“

  4. Gott, bin ich gerade dankbar, daß ich nicht die einzige bin, die gegen
    Biermanns tränenduselige Selbstdarstellung so extrem allergisch ist.
    Man könnte fast meinen, er sei das einzige Opfer gewesen, das die DDR jemals hervor gebracht hat.
    Für mich ist er, egal wo, wie, wann ein „Me, myself and I“-Typ und das braucht man weder hier noch dort, weder damals, noch heute.
    Wenn es für mich einen ewig Gestrigen gibt, dann ist er das.

    1. Es gibt diesen Typus: Von sich selbst überzeugt, nicht zimperlich im Austeilen, empfindliche wenn er selber kritisiert werden. Ich neige zur Nachsicht aber die „Vorstellung“ im Bundestag war arg überzogen.

  5. Ich habe einmal vor vielen Jahren den Biermann, wohl im Fernsehen, singen gehört. Aber als Ösi hat mir der Text nix gesagt, seine Stimme war mies und Gitarre spielen hat er auch nicht gekonnt. Nach ca. 1 Minute habe ich weg gezappt.

    Tja, ich bilde mir nicht ein, mehr über Biermann sagen zu können als das, was ich oben geschrieben haben … für mich war er immer irgendwie belanglos …

    1. Gitarre spielen kann er und was das Singen angeht ist ein Liedermacher kein Opernsänger.

      Vielleicht könntest du etwas über die ösischen Barden schreiben von denen ich viele schätze. Georg Danzer beispielsweise oder das wunderbare Lied von Wolfgang Ambros über den Zentralfriedhof. Ludwig Hirsch war mir sehr nahe und selbst Georg Kreisler der den Ruf Ruf meiner Heimatstadt nachhaltig lädiert hat ist mir sympatisch. Kennst du diese Geschichte? Es geht um dieses Lied:

      https://www.youtube.com/watch?v=xD07fVUXBrk

      1. Ganz schön frech, dieser Kreisler. Das Lied kannte ich nicht, so wie ich die meiste zeitgenössische Ösi-Musik nicht kenne.

        Ich bin einer, der zu 90% Instrumentalmusik hört. Der Rest ist dann meist englisch, und da ich diese Sprache eher holprig verstehe, stelle ich mir immer vor, diese Sänger müssten wohl wahnsinnig anspruchsvolle und geistreiche Texte von sich geben … 🙂

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