Kaufhäuser gestern und heute

Wer in den 50er und 60er Jahre in der damals wohlhabenden Stadt Gelsenkirchen Kind war, erinnert sich gewiss noch an das Westfalenkaufhaus (WEKA). Die Spielzeugabteilung war für den 4-6jährigen der ich damals war, so etwas wie das Paradies auf Erden: Elektrische Eisenbahnen, Plüschtiere, Spielzeugautos und  die ersten Serienhelden des Fernsehens gab es dort zu bestaunen und  – wenn die Großmutter gut gelaunt war – mit ihrer Hilfe auch zu erwerben. So kam ich in den Besitz des Mustangs “Fury” nebst seines Reiters Joe, die – als ich später älter geworden das Interesse an Ihnen verlor –  als Schmuck auf der Heizung meiner Großmutter landeten. 

Auch die Lebensmittelabteilung war bemerkenswert. Es gab beispielsweise lose Butter aus dem Faß, eingewickelt in Pergamentpapier und auch die ersten Oliven meines Lebens probierte ich dort – eine lukullische Liebe die bis heute anhält. Niemals wieder habe ich eine derartig lange Fleisch- und Wusttheke gesehen an der ich dann  zwangsweise lange Wartezeiten als Begleiter meiner Großmutter verbringen mußte.

1967 eröffnete direkt gegenüber dem Westfalenkaufhaus  der Kaufhof seine Filliale  – eine andere, neue Welt. Im Erdgeschoss gab es eine “gigantische” Schallplattenabteilung in der ich erhebliche Teile meines Taschengeld ließ und bei den Textilien fanden sich die von den im LSD-Rausch wahrgenommenen Farben inspirierten bunten Etuikleider die damals (leider nur) einen Sommer lang von den Frauen getragen wurden.  

Im Gegensatz zum Westfalenkaufhaus war der Kaufhof auf der Höhe der Zeit. Das WEKA machte nun den Fehler, mithalten zu wollen. Jahrelang wurde renoviert. Aus der schönen Lebensmittelabteilung wurde ein gesichtsloser Supermarkt den man am Ende gar in den Keller verlegte. Tragende  Betonpfleiler versah man mit Andeutungen pastellfarbener Kapitele die von niemanden wahrgenommen wurden und natürlich verschwand der Tanztee nebst den Bedienungen in schwarzen Kleidern und weißen Schürzen. Ich bin überzeugt: Hätte man dies alles beibehalten – ein Jahrzehnt später wäre diesem dann nostalgischen Kaufhaus ein Comeback beschieden gewesen. So aber verschwand es mit der Generation meiner Großeltern. Am Ende wurde es entkernt. Es blieb nur die Sandsteinfassade aus den 20er Jahren hinter der allerlei anderer Handel angesiedelt wurde. “Sportschuhoutlet” und Drogeriemarkt fallen mir spontan ein.

Langfristig war  für zwei Kaufhäuser in der Gelsenkirchener Innenstadt kein Platz zumal Bevölkerungszahl und Kaufkraft kontinuierlich sanken. Auch der Kaufhof erreichte zumindest in den ersten zwanzig Jahren seines Bestehens nie die geplanten Umsatzzahlen. Auch er verlor seine Gastronomie mit den orangenen Leuchten aus den späten 60er Jahren. Stattdessen wurde zeitweilig ein Burgerrestaurant Untermieter. Der popfarbene Optimismus wich grauer Tristesse. Heute hat der Kaufhof keine eigene Schallplattenabteilung mehr, sonden stattdessen einen Saturnmarkt im Obergeschoss. Die Lebensmittelabteilung in der ich jahrelang aus einem grossen Sortiment Twinigs – Tee wählen konnte und die eine sehr passable Weinabteilung hatte (hier lernete ich Barolo und Barbera kennen) ist lange geschlossen. Nur im Erdgeschoss werden noch Pralinen verramscht. Heute kaufe ich im Kaufhof noch Links-Rechts-Socken und gelegentlich ein schwarzes Hemd für die in meinem Alter immer häufiger anfallenden Beerdigungen. 

Demnächst vielleicht nicht einmal mehr das. Die “Galeria Kaufhof Gmbh” ist vom bisherigen Eigentümer an die canadische Firma “Hudson´s Bay” verkauft worden: 103 Fillialen  und 59 Immobilien für 2,8 Milliarden (In Ziffern: 2 800 000 000) Euro.

Experten meinen das seien mindestens 400 Millionen zuviel. Das Geld wird der Käufer sich – wie oft in solchen Fällen – vom soeben gekauften Unternehmen zurückholen. Im konkreten Fall soll Galeria Kaufhof 48 Millionen Euro Miete (jährlich) für selbstgenutzte Immobilien zahlen. Nicht nur das: Auch für Instandhaltung und Versicherung der Gebäude sollen künftig die Fillialen aufkommen. Für Investitionen bleibt da nicht mehr viel und wenn investiert wird, dann wohl nicht in den stationären Handel. Als ich letzte Woche wieder einmal den Kaufhof aufsuchte wurden am Eingang Gutscheine verteilt: 12 Euro Rabatt für die nächste Online-Bestellung. Das Ende des Kaufhauses als “erlebbarer Raum” ist nicht mehr fern. 

Verwendete Quelle:   Artikel: “Pest oder Cholera” in der Süddeutschen Zeitung vom 18. September 2015 über den Verkauf der Galeria Kaufhof GmbH.

3 Gedanken zu „Kaufhäuser gestern und heute“

    1. Danke für den Kommentar. Links-Rechts-Socken sind fußgerecht
      geschnitten, außerdem sind ein L und ein R aufgedruckt.
      Ich schicke ein Bild per e-mail weil ich noch nicht weiß
      wie das hier funktioniert.

  1. Okay, die Frage nach den Socken hat sich erledigt (ich lese selten andere Kommentare, Pionierehrenwort)…

    Ist das so, mit dem “Ende des erlebbaren Raumes Kaufhaus”? Ich habe eher den Eindruck, dass es “in die umgekehrte Richtung” geht – bald sind auch Werkhallen Erlebnisräume…

    Und dieses Bild hat voll DaDaeR-Artmosphäre…

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