Fast zwei Wochen nach dem Sturm… (5 2014)

 
 
…am Abend des Pfingstmontag sind seine Spuren immer noch allgegenwärtig. Friedhöfe und Parkanlagen sind weiterhin geschlossen.
In meinem Stadtteil (Gelsenkirchen-Ückendorf) liegt der Pestalozzi – Hain, ein kleiner Park zwischen evangelischer und katholischer Kirche.
Normalerweise kann man hier einen mit einer Ampel gesicherten Fußgängerüberweg benutzen. Die Ampel ist jedoch dem Sturm zum Opfer gefallen:
 

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Stattdessen gibt es einen mit Warnlichtern gesicherten gelben Zebrasteifen als Provisorium:

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Die grossen, entwurzelten Stämme sind inzwischen zersägt und abtransportiert. Für kleinere Äste und Zweige gilt das nicht:
 

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Der Baum der zu diesem Stumpf gehörte:

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hat diesen Schaukasten zerstört:
 

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Wir selber haben vom Sturm zunächst nicht so viel wahrgenommen. Der Wetterbericht hatte eher nebenbei auf mögliche Unwetter hingewiesen. Wir ließen die Jalousien herunter und schauten zunächst Fernsehe Später lief Wasser in den Keller was wir jedoch von vergangenen, glimpflich verlaufenen Stürmen kannten. Der Schrecken ereilte uns erst am folgenden Morgen als wir aus unserer kleinen Wohnstraße kommend die Kastanienallee sahen. Bäume waren entwurzelt, Bogenlampen abgeknickt, die Straße war für Fahrzeuge unpassierbar. Nur weil unsere Garage am Ende der Allee lag konnten wir diese Richtung Bochum verlassen und über die A40 nach Essen gelangen.
 
Dort setzte mich meine Frau wie immer am Hauptbahnhof ab. Der war überfüllt. Wie ich später erfuhr war am Abend vorher ein regionales Musikfestival abgebrochen worden. Die Besucher waren nicht mehr nach Hause gekommen. Ich wartete stundenlang; kein Zug fuhr nach Duisburg. Zu dieser Zeit ahnten wir noch nicht, das dieser Zustand noch eine Woche andauern würde. Eine Weiterfahrt mit dem Auto war auch nicht möglich. Wegen vieler unpassierbarer Straße wurde davor in allen regionalen Medien gewarnt, Die Taxen waren überlastet, der A40 Tunnel stand unter Wasser.
 
In den nächsten Tagen war zumindest die Autobahn wieder befahrbar und so war ich gezwungen das Auto zu nehmen. Für mich persönlich die schlimmste Folge dieser Naturkatastrophe.
 
 

Das Verschwinden der Tastatur Teil Zwei (4 2014)

 

Auslöser für das allmähliche Verschwinden der Tastatur waren das Ipad und die zahlreichen tablet-PCs in seinem Gefolge. Auf diesen Geräten gibt es zwar optische Nachbildungen von Tastaturen, sie eignen sich jedoch nur für das Schreiben kurzer Texte. Die Bedürfnisse der Menschen die in der Lage sind mit 10 Fingern zu schreiben werden nicht berücksichtigt.

 

In der Steve Jobs Biografie von Walter Isaacson wird im Zusammenhang mit der Einführung des Ipads ein Artikel von Lev Grossman im Time Magazin erwähnt in dem es heißt, das iPad sei zwar „ein entzückendes Gerät um Inhalte zu konsumieren, aber nicht unbedingt dazu geeignet, deren Erstellung zu vereinfachen“- was noch zurückhaltend formuliert ist.

 

Ähnlich sieht das die ehemalige Geschäftsführerin der Wikimedia

Foundation Sue Gardner. In einem Interview mit dem sz-magazin sagt sie: „Tablets wie das iPad sind Geräte ohne Tastatur, man kann mit ihnen wunderbar Videos gucken, aber nur schwer längere Texte schreiben. Sie sind für das Konsumieren optimiert, nicht für das Produzieren“ , und auf die Frage: Sie sind umzingelt von Google, Amazon und eBay. Wird das Intenet zur Shopping Mall? antwortet sie:

 

Ich denke schon. Ich habe nichts gegen diese Seiten…aber ihr vordringliches Ziel ist nun mal, Geld zu verdienen…Ihre Dominanz hat in meinen Augen dazu geführt, dass das Ökosystem des Internets aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und noch eine Entwicklung die damit zusammenhängt stört mich: Das Großartige am Internet war doch mal , das es den Leuten die grenzenlose Möglichkeit gibt, selber Inhalte zu produzieren, Blogs sind dafür nur ein Beispiel. Heute nutzen die Leute jedoch am liebsten Seiten die ihre Ausdrucksmöglichkeiten beschneiden… Dort können sie den „Gefällt mir“ Button klicken oder Inhalte verlinken, aber kaum noch eigene kreieren.“

 

Jetzt kann man natürlich fragen: Was ist so schlimm daran? Es heißt, täglich würde im Internet Text veröffentlicht der demUmfang von 36 Millionen durchschnittlichen Büchern entspricht. Wer soll das lesen? Wieviel davon ist es wohl wert gelesen zu werden? Mit dieser Thematik hat sich kürzlich Max Fellmann in seinem Artikel: „Tipp: Tippen!“ beschäftigt: „Wer im Internet schreibt, erwartet das er wahrgenommen wird“. Blogeinträge „sind immer verbunden mit der Hoffnung auf Echo“ ist seine These. „In all diesen Fällen setzen Menschen sich hin und formulieren ihre Gedanken. Das heißt, sie zwingen sich, das, was Sie sagen wollen präziser zu fassen“. Er zitiert die Psycholinguistin Anke Werani: „Wir sprechen in der Psycholinguistik von Materialisierung. Sprache dient alsMittel der Regulation, der Selbststeuerung. Erst wenn ich einen Gedanken formuliert habe, kann ich darüber nachdenken.“ Daraus folgt: „Sprache dient eben nicht nur der Kommunikation, sondern auch dem Denken. Je mehr sie eingesetzt wird und je mehr auf Qualität geachtet wird, desto besser für die ganze Gesellschaft“.

 

Im Umkehrschluss heißt das: Geräte ohne Tastatur führen zu einer Gesellschaft, die zunehmend stumm wird, die sich nicht weiterentwickelt, sich nicht mehr wehrt, ja – sich oftmals gar nicht mehr wehren kann: Gegen die Potenzierung der Werbung beispielseise oder auch – wie wir erst seit kurzem wissen – gegen die Weitergabe persönlicher Daten an Behörden, an deren Kontrolle Staaten die sich „demokratisch“ nennen offenbar kein Interesse haben.

 

Was kann man tun? Die Antwort lautet: Weitermachen! Weiter schreiben. Um meine Lieblingformulierung zu gebrauchen: „Bei der Stange bleiben“. Wenn ich morgens in den Zügen die verschlafenen Konsumenten mit ihren Fettfingern über den Bildschirm ihrer tablets wischen sehe wird mir deutlich: „Wischtechnik“, das ist allenfalls etwas für Maler; das ist auch eine Kunst – aber eine andere. Wir , die Meisterinnen und Meister des Textes sollten weiter mit der Tastatur arbeiten. Es tut uns gut und macht die Welt ein kleines Stück besser.

 

Verwendete Quellen:

 

Walter Isaacson: Steve Jobs (Biografie) Seite 581

 

Interview mit Sue Gardener:

Süddeutsche Zeitung Magazin Nr.41 11.Oktober 2013 Seite 28 : „Auf der guten Seite“

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/40775

 

Max Fellmann: Tip: Tippen ! :

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/40253/Tipp-Tippen

Das Verschwinden der Tastatur Teil Eins (3 2014)

 

Der Samstag war in meiner Zeit als Handelsschüler der härteste Tag der Woche. Er umfasste zwar nur vier Schulstunden a 45 Minuten aber davon zwei im Fach Stenografie (Kurzschrift) und darauf folgend noch einmal zwei Stunden Maschinenschreiben. Danach hatte ich das Gefühl mein Wochenende sei hart verdient.

 

Sicher lag das auch an der Pädagogin dieuns in diesen Fächern unterrichtete. Frau Martha W. trug im Winter Kostüme mit Rollkragenpullovern und in der wärmeren Jahreszeit Etuikleider. Sie bevorzugte die Töne Schwarz, Grau und Weiß wobei die beiden erstgenannten überwogen, dazu eine Brille, die ein Jahrzehnt zuvor in den 60ern In Mode gewesen war. Ihre Unterrichtsfächer brachten es mit sich, das sie vor der ganzen Klasse laut und verständlich reden musste und das mit zunehmender Geschwindigkeit. Stenografische Diktate steigerten sich von 60 über die Zwischenschritte 80, 100, 120 bis zu 150 Silben in der Minute. Die mussten wir in der Abschlussprüfung schaffen.

 

Beim Maschinenschreiben war diktieren aufgrund des Lärmpegels nur mit Hilfe eines Mikrofons möglich. Frau Ws. Stimme war für diese Art des Unterrichtes sehr gut geeignet. Ihre Tragik war, das sie aus dieser Sprechweise nicht wieder heraus fand und stets laut und deutlich sprach. Vielleicht trug diese Art zu reden

dazu bei das sie in einer Zeit, in der die Autorität vieler Lehrer rapide verfiel eine charismatische Erscheinung war, die sichgegenüber den Schülern mühelos durchsetzte. Niemand verweigerte die umfangreichen Hausaufgaben : 20 Seiten Steno pro Woche, den Text durfte man sich aussuchen.

 

Sie konnte auch im passenden Moment nachgiebig sein. So war es seinerzeit üblich, zu Marsch- oder Walzermusik Maschine zu schreiben. Als wir fragten, ob wir nicht eigene Platten mit bringen könnten war sie einverstanden. So schrieben wir zu Deep Purple in Rock“, „Sticky Fingers“ und Leonhard Cohen während ihr Blick zweifelnden Auges über die Plattencover glitt.

 

Frau W. gehört zu den wenigen Lehrern, die ich auf einem Klassentreffen gern einmal wiedersehen würde. Ich möchte mich gern bei ihr bedanken. Was sie mich lehrte habe ich bisher Zeit meines Lebens gebrauchen können. Zwar wurde die Stenografie – ähnlich wie der Rechenschieber – Opfer neuer Techniken; sie dient mir aber bis heute als veritable Geheimschrift. Da sie kaum jemand unter 50 noch beherrscht kann ich sie unbesorgt für Notizen aller Art auf der Schreibtischunterlage verwenden.

 

Auch die Schreibmaschine führt heutzutage nur noch ein bescheidenes Dasein in der Nische, aber das 10-Finger Schreibsystem und die zugehörige Tastenbelegung sind auf PC und Laptop noch Standard. Ihre Berherrschung dank Frau Ws. Unterricht hat mir seit 2005 das Schreiben hunderter von Blogtexten und tausender Kommentare wesentlich erleichtert. Ohne diese Kenntnisse hätte ich nie so „produktiv“ sein können und das Bloggen wäre nie ein solch wichtiger Teil meines Lebens geworden.

 

Ich schrieb gerade das die Tastatur „noch“ Standard sei. Die Betonung liegt auf „noch“. Sie ist ein hochgradig gefährdeter Bestandteil des persönlichen Computers. Ihr Verschwinden könnte unabsehbare Folgen haben. Mehr dazu im zweiten Teil dieses Blogeintrags.

 

Der zweite Teil dieses Blogeintrages wird am 29.3.2014 veröffentlicht.

BUCHBESPRECHUNG: „ICH NANNTE IHN KRAWATTE“ (2 2014)

2014-01-04 17.36.01

Hikikomori nennt man in Japan junge Männer um die 20 die sich im Haus der Eltern in Ihr Zimmer zurückziehen und dort jahrelang verweilen. Man schätzt ihre Zahl auf deutlich mehr als 100.000 . Oft verschweigen die Eltern Freunden und Nachbarn gegenüber deren Existenz. Der Sohn studiere im Ausland ist eine der üblichen Ausreden.

 

Ein Hikikomori verhält sich so, weil er sich dem Anpassungsdruck in Schule und Gesellschaft nicht gewachsen fühlt. „Ich kann nicht mehr“ sagt Taguchi Hiro seinem Vater als dieser verzweifelt die Tür mit dem Brecheisen aufstemmt und versucht seinen Sohn mit Gewalt aus dem Zimmer zu holen.

 

Nach zwei Jahren beginnt Taguchi damit das Zimmer tagsüber zu verlassen und auf einer Bank in einem nahe gelegenen Park über seine Situation nachzudenken. Dort begegnet er dem 58jährigen vor kurzem von seiner Firma entlassenen Büroangestellten Öhara Tetsu, der seine Tage auf der Nachbarbank verbringt um seiner Frau vortäuschen zu können, er ginge noch tagsüber zur Arbeit.

 

Nach dem sie sich tagelang beäugt haben ohne ein Wort miteinander zu wechseln bricht der Ältere das Schweigen, stellt sich vor und beginnt zu reden. In den folgenden Tagen sitzen nun beide auf einer Bank und legen einander ihre Lebensbeichte ab. Öharu erzählt wie er seine Frau kennen lernte, wie er sie mit dem gemeinsamen behinderten Kind allein ließ und sich in die Arbeit stürzte. Wie ihn diese Arbeit mit zunehmenden Alter immer mehr überforderte und er schließlich entlassen wurde weil er nicht mehr „effizient genug“ war.

 

Taguchi erzählt von der Angst vor seinen Mitschülern. Er wollte um keinen Preis auffallen und half dem Mädchen nicht, das in der Kindheit seine Freundin war und später dann seine Mitschülerin wurde, als die anderen sie quälten. Als sie sich deshalb umbringt und später sein einziger Freund (vermeintlich) Selbstmord begeht wird er damit nicht fertig und schließt sich in sein Zimmer ein.

 

Auf beide wirkt es befreiend einen Zuhörer gefunden zu haben. An einem Freitag entschliessen sie sich einen Neuanfang zu wagen. Öhara verspricht, seiner Frau zu gestehen das er keine Arbeit mehr hat und Taguchi will sich noch am selben Abend die seit 2 Jahren wuchernden Haare kurz schneiden.

Sie verabreden sich für den folgenden Montag auf ihrer Bank aber

nur einer von beiden kommt…

 

Die Autorin Milena Michiko Flasar, geboren 1980 hat eine japanische Mutter und einen österreichischen Vater. Sie lebt in Wien.

 

„Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flasar

136 Seiten Verlag Klaus Wagenbach Berlin

 

ISBN 978 3 8031 3

 

Snowdens Enthüllungen und meine Konsequenzen (1 2014)

Die durch Edward Snowdens Enthüllungen bekannt gewordenen globalen Übergriffe amerikanischer Geheimdienste auf Daten sowohl von Privatleuten als auch von Wirtschaftsunternehmen haben mich schockiert. Nahezu jeder Internetnutzer muss davon ausgehen, das seine Verbindungsdaten gespeichert worden sind.

 

Die rüden Angriffe amerikanischer und britischer Politiker auf die Medien (Guardian), die Snowden die Möglichkeit boten seine Kenntnisse zu publizieren, die schiere Zahl der Übergriffe (Milliarden), das fehlende Unrechtsbewusstsein der Täter und vor allem die Bereitwilligkeit mit der amerikanische Firmen die Daten ihrer Kunden den staatlich legitimierten Spitzeln überließen führte dazu das ich mich entschloss, mich möglichst von allen US amerikanischen Anbietern digitaler Produkte und Dienstleistungen zu trennen, deren Produkte und Leistungen ich bisher genutzt habe.

 

Erster Schritt war die Einrichtung einer neuen Mail-Adresse bei einem europäischen Anbieter. Meine Wahl fiel auf posteo.de . Posteo ersetzt mir inzwischen gmail, den google-Kalender und das google Adressverzeichnis.

 

Als nächstes wechselte ich den Browser. Das fiel mir schwer. Ich habe Chrome wegen seiner leicht bedienbaren Oberfläche und seiner Schnelligkeit geschätzt, fast geliebt. Dennoch kehrte ich nun reumütig zum Firefox Browser zurück.

 

Der nächste Schritt war der Wechsel des Betriebssystems. Im letzten Sommer kaufte ich mir in der Bahnhofsbuchhandlung ein UBUNTU – Magazin mit beiliegender CD. Ich machte mich mit dem System so weit es mir möglich war vertraut, wollte jedoch die Instalation ohne Hilfe nicht in Angriff nehmen. Da fügte es sich gut, dass die Gelsenkirchener Volkshochschule im September ein Tagesseminar: „Ubuntu installieren und nutzen“ anbot.

 

Ich traf auf drei graubärtige Rentner und einen Informatik-Studenten der uns bei der Installation behilflich war . Wir installierten die Version 12.04 Precise Pangolin. Die Versionen sind nicht wie bei Apple nach Raubkatzen, sondern nach afrikanischen Tieren benannt (Pangolin = Schuppentier) Die Bildschirmoberfläche ist nur wenig gewöhnungsbedürftig und wenn man das System aufruft ertönt anstelle eines Jingles eine dezente Buschtrommel.

 

Danach geriet der Trennungsprozess ins Stocken. Ich deaktivierte noch twitter und pinterest. Für die google Suchmaschine oder google maps habe ich bisher jedoch keinen akzeptablen Ersatz finden können. Auch die gmail Adresse kann ich nicht ohne Probleme für mich und andere Nutzer abschalten. Die vollständige Trennung von google über die Löschung von Fotos, Kalender und Adressdaten hinaus ist wohl zur Zeit noch nicht möglich.

 

Das gilt leider auch für facebook. Kontakte zu einigen Familienmitgliedern sowie zu Freunden die mir lieb und wert sind und die ich sonst „aus den Augen verlieren“ würde lassen sich nur über dieses Medium aufrecht halten. Das ist mir gerade in der Zeit vor und nach Weihnachten deutlich geworden.

 

Die Devise im Umgang mit den US-Anbietern lautet also nun zunächst einmal: Minimieren statt blockieren. Die Hoffnung ist die, das ich nicht allein bin und das diese Firmen den Rückgang der Aktivitäten auf ihren Medien registrieren. Möglicherweise ist

das schon geschehen. Schon im Dezember haben google, Apple,Microsoft und andere eine Kampagne gegen die Spionageprogramme internationaler Geheimdienste gestartet, weil es bereits negative Auswirkungen auf ihre Geschäfte gibt. In dieser Form und mit diesen Inhalten hätten sie sich die Kampagne allerdings sparen können. Das ist alles zu halbherzig und zu unverbindlich. Wahrscheinlich kann ein privater Datensammler einem staatlich legitimierten Datensammler nicht so recht böse sein. Es gibt da möglicherweise so etwas wie ein Grundverständnis. Wäre es den Konzernen ernst gäbe es nur den juristischen Weg. Wie wäre es denn mit einer Schadenersatzklage gegen die NSA wegen Geschäftsschädigung oder besser einer „Verfassungsklage“ die bei Erfolg zur Folge hätte, das nicht der whistleblower sondern der Geheimdienstchef mit einer langjährigen Gefängnisstafe rechnen müsste? Google, apple und Co wären finanziell in der Lage einen solchen Prozess anzustrengen und durch zu stehen aber diesen Aufwand ist Ihnen der Datenschutz wohl doch nicht wert.

 

Verwendete Quellen:

http://www.heise.de/newsticker/meldung/Internet-Ueberwachung-Google-Apple-Microsoft-Facebook-Twitter-Co-gegen-die-NSA-2062424.html

 

http://reformgovernmentsurveillance.com/

 

 

 

 

 

 

S Ü D F R I E D H O F

Wie bereits in früheren Blogeinträgen erwähnt liegt der Südfriedhof, auf dem einige Menschen begraben liegen, die mir zu ihren Lebzeiten nahe standen, nur wenige Schritte von meiner Wohnung entfernt. Im Laufe der Zeit habe ich mir angewöhnt zumindest einen Teil des Sonntagnachmittags  auf diesem Friedhof zu verbringen. Manchmal besuche ich nur die Gräber meiner Familie. „Ich bin den Toten treu, ich lebe mit Ihnen“ sagte Francois Truffaut in einem Zeitungsinterview; so halte ich es auch.

 

Manchmal nehme ich mir jedoch die Zeit, einen vorher ausgesuchten Teil des Friedhofs kennen zu lernen. Dann gehe ich von Grab zu Grab, mache auch Fotos und je  älter ich werde desto mehr mir vertraute Namen nehme ich auf den Grabsteinen wahr. Da sind einige Handwerker die ich aus der Zeit meiner kaufmännischen Lehre kenne. Fernerhin die Frau die in den 70er Jahren eine im regionalen Umfeld bekannte Diskothek betrieb und erst kürzlich mehr als neunzig Jahre alt starb. Sie liegt nicht weit von dem aus alter lombardischer Familie stammende ehemalige Leiter des hiesigen Hygiene Instituts. Erwähnenswert ist auch die „Lehrergruft“ eine Grabstätte in der sechs der acht Bestatteten unter ihrem Namen die Berufsbezeichnung „Lehrer“ oder „Lehrerin“ in Stein meißeln ließen.

 

Ein Grabstein kann über Namen und Lebensdaten hinaus etwas über den Menschen aussagen dessen Reste unter ihm bestattet liegen. Der Trend zur „Individualisierung“ macht auch vor dem Tod nicht halt. Während früher – wie in den Todesanzeigen der Zeitungen – in der Regel neben dem Namen ein lateinisches Kreuz zu sehen war herrscht heute Vielfalt: Katholiken ergänzen ihren Grabstein gelegentlich mit einer bronzenen Marienstatue, Architekten lassen einen Zirkel einmeißeln, Ärzte den Äskulapstab, Motorradfahrer „Gotisches“, Musiker eine Trompete, Fußballfans das Emblem ihres Bundesligavereins. Letzteres ufert in meiner Stadt dahingehend aus, das eigene Grabfelder für Fussballfans eines bestimmten Vereins angelegt werden.  

 

Manchmal jedoch weiß ich das gemeißelte Symbol nicht gleich zu deuten So fiel mir kürzlich dieser Stein auf:

 

Teletakt

 

TELETAKT? Nie gehört. Sah ähnlich aus wie das Gerät das ich im beruflichen Umfeld zum messen der Holzfeuchtigkeit verwende; vom Namen her dachte ich eher an ein elektronisches Metronom. Zuhause angelangt verschaffte ich mir mit Hilfe von wikipedia Klarheit und war überrascht.
 
Teletakt ist ein Telereizgerät. Laut Werbung: „Das Erziehungshalsband für Hunde“. Es besteht aus einem
Handgerät mit dessen Hilfe elektrische Impulse ausgelöst werden können und einem Halsband das diese Impulse „empfängt“. Vereinfacht: Verhält sich der Hund nicht wie gewünscht kann man ihm aus der Ferne einen elektrischen Schlag versetzen. Die Nutzung solcher Telereizgeräte ist in Deutschland seit 2006 verboten; es gibt aber wohl eine Lobby die versucht, zumindest der Abrichtung von Jagdhunden unter tierärztlicher Aufsicht wieder eine gesetzliche Grundlage zu verschaffen (etwa über den Umweg Waffengesetz).   
 
Nun rätsele ich was einen Menschen veranlasst, den Namen eines solches Gerätes nebst Abbildung auf seinen Grabstein meißeln zu lassen.  Die Nachricht ist ja wohl: „Teletakt“ hat in meinem Leben eine so wichtige Rolle gespielt das die noch auf dieser Welt Weilenden es erfahren sollen. Die Grabstätte selbst gibt Aufschluss über folgendes: Der Mann ist verhätnißmäßig früh gestorben. Er wurde 64 Jahre alt. Die Anordnung von Text und Symbol auf dem Stein sowie die Größe der Gruft legen nahe, das es eine Witwe gibt die noch an seiner Seite die letzte Ruhe finden soll. Die Grabstätte wird aufwändig von einem Gärtnerbetrieb gepflegt was darauf schließen lässt das es sich um einen zu Lebzeiten wohlhabenden Mann gehandelt hat. 
 
Weiter wichtig: Das Grab liegt nahe am Hauptweg des Friedhofes aber dennoch versteckt in einem kleinen Nebenweg. Es gibt nur drei weitere, ähnlich aufwändig gestaltete und  gepflegte Gräber. In Analogie zu Begrifflichkeit städtischer Geographie könnte man sagen: Ein unauffälliges Villenviertel das nicht jeder wahrnehmen soll aber dennoch für Kundige leicht und schnell erreichbar ist.
 
Möglicherweise ist der hier Ruhende der Konstrukteur des Teletakt-Gerätes, bekannt bei und verehrt von Hundetrainern und Jägern die zu seiner Grabstätte pilgern. Vielleicht hatte er sogar einen Nachruf in der Zeitschrift „Jagd und Hund“ in deren Internetshop heute noch für Teleimpulsgeräte geworben wird? Ich weiß es nicht. 
 
Bleibt am Ende die Frage ob es sinnvoll ist, das „Medium“ Grabdenkmal für Nachrichten an Lebende
zu nutzen. Zeugt das nicht von einem nicht loslassen können, einem nicht mit sich selbst in Einklang stehen?
Handelt es sich nicht auch ungewollt um das Eingeständnis: Ich habe meinen Frieden nicht gefunden – weder mit mir noch mit der Welt? Vielleicht muss man „tot sein“ schon zu Lebzeiten einüben. Als Grabschrift reicht Vorname, Nachname, Geburts- und Sterbejahr. 

Keine weiteren Nachrichten! Den Hinterbliebenen sollte Raum bleiben für eigene Erinnerung und Bewertung. Das währt noch eine Weile. Wenn irgendwann niemand mehr lebt der sich an uns erinnert sind wir ganz in der Hand Gottes…
 
 
Zueignungen in memorian:
 
Heinz Knobloch, dessen „Berliner Grabsteine“
mir noch heute eine hilfreiche Nachtlektüre sind
 
Francois Truffaut, dessen Film „Das grüne Zimmer“
vom „nicht loslassen können“ der Hinterbliebenen
handelt. 

Das Mittwochsbild (71) NF 49

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In Gelsenkirchen, der Stadt in der ich lebe und in Duisburg (dort arbeite ich) liegt der Anteil der Mitbürger mit Migrationshintergrund deutlich über 10 % .
Das ist für diese Städte ein Segen. Die Folgen von Deindustriealisierung und Abwanderung wären ohne ihre Kaufkraft noch weitaus deutlicher zu spüren.
Von ihren kulturellen Bedürfnissen profitieren auch die verbliebenen Lichtspielhäuser.
Sie zeigen regelmässig türkische Filmproduktionen wie diese. Der „Traum des Schmetterlings“ wird grossflächig beworben. Er hat deutsche Untertitel.

Joseph von Eichendorff……. NF 48

……würde heute 225 Jahre alt wie ich Dank des heutigen google doodles erfahre.

Der 17jährige der ich eimal war las viel und bei Eichendorff blieb ich hängen – der Lyrik wegen. Ich kaufte mir sogar die ersten beiden Bände der damals gerade erschienenen Winkler-
Ausgabe zur Freude und zum Erstaunen meines Buchhändlers. Die Eltern dagegen sahen es eher kritisch – der Sohn sollte doch Kaufmann werden.

Eichendorffs Vater war ein schlesischer Landadeliger der es nicht verwunden hatte, das der zynische zweite Fritz den Österreichern dieses Land in drei Kriegen abgerungen hatte. Er kam mit der neuen Zeit nicht zurecht, war verschuldet. Es reichte gerade noch um den Söhnen das Studium und die „standesgemäße“ Reise nach Paris zu finanzieren. Dann musste das Gut verkauft werden.

Joseph, der jüngere Sohn ist mit diesem Verlust nicht fertig geworden. Er wurde „hauptberuflich“ preußischer Beamter mit Frau und Kindern.
Als Autor nahm man ihn zu Lebzeiten kaum wahr. Seine Gedichte waren populär man hielt sie jedoch für Volkslieder mit unbekanntem Verfasser und wer um den Autor wußte hielt ihn für seit langem tot. Es gibt eine Stelle in einem Brief Bismarcks an seine Verlobte in dem es sinngemäß heißt (den genauen Wortlaut habe ich leider nicht verfügbar)Du kennst doch diesen Eichendorf der dieses Gedicht…. geschrieben hat. Stell dir vor der Kerl lebt noch und ist Beamter in Berlin.

Meine Eichendorff-Begeisterung ebbte bald ab.
Je mehr ich über die „Romatik“ in Erfahrung brachte desto klarer wurde mir das es sich um eine gestrige, demokratie- und fortschrittfeindliche Strömung handelte. Die Romantiker in meinen Regalen wurden verkauft. Eichendorff blieb. „Einnerung… -um den großen Weimaraner zu zitieren- hielt …mich vom letzten ernsten Schritt zurück.

Seitdem steht die Ausgabe ungelesen im Bücherregal. Eine Bibliothek ist immer auch ein Friedhof. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, Eichendorff eine neue Chance zu geben, einige Gedichte wieder zu lesen. Ich überlege noch und bin für Entscheidungshilfen offen…

Damit man sich einen Eindruck verschaffen kann hier eines seiner Gedichte:
http://de.wikipedia.org/wiki/Mondnacht

Ein Faust-Monolog, Niederländisch und die Entdeckung des Himmels NF47

Im sowohl lesens- wie ansehenswerten weblog meiner blogfreundig Karin Henjes ( karinhenjes.blog.de) in dem es vorwiegend um Sofas und Literatur geht wurde kürzlich beklagt das niederländische Prosa “etwas leer und kalt wirke” und die Frage aufgeworfen, ob dies an der niederländischen Sprachstruktur liegen könne.

Letzteres verneine ich. Ein Vergleich des ersten Faust-Monologes in deutscher und niederländischer Sprache zeigt, das die Idiome sich sehr ähnlich sind. Hier zunächst der deutsche Text:

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.

In Niederländisch liest sich das so:

Nu heb ik dan filosofie,
Rechten en artensij, en ach!
Helaas ook nog theologie
Terdege beoefend, nacht en dag.
Daar sta ik nu, ik arme dwaas!
Zo wijs als in´t begin helaas;
Ik heet Magister, heet Doctor zowaar,
En leid nu reeds bijna eentien jaar
Omhoog, omlaag, en schuins en krom
Mijn leerlingen bij de neus rondom –
En merk: wij blijven toch eeuwig leken!
Dat doet mij schier het harte breken.
Wel ben ik verstandiger dan al die schapen,
Doctoren, Magisters, schrijvers en papen:
Geen twijflingen, die mij komen plagen,
Ik zou me aan de hel en de duivel wagen –
Daarom mag ik ook niet gelukkig heten,
Ik beeld mij niet in, wat waars te weten,
Ik beeld mij niet in, iemand wat te leren,
De mensen te beetren en te bekeren,
Ook heb ik geld noch goed vergaard,
Noch eer of heerlijkheid op aard;
Geen hond zou er zo nog langer leven!
Dus heb ´k mij aan de magie gegeven,
Of mij der geesten kracht en mond
Niet menig nieuw geheim verkondt;
Dat ik niet meer in`t zure zweet
Behoef te zeggen, wat ik niet weet;
Dat ik ontdekke, wat de aard
In hare samenhang bewaart,
Dat ik haar kracht en zaad zie groeien.
En niet mer woorden hoef te knoeien.

Wer ein niederländisches Werk ohne Kälte und Leere kennen und lieben lernen möchte, in dem Himmel, Hölle sowie fast alle menschlichen Belange in epischer Breite dargelegt und diskutiert werden, dem sei der 797 Seiten umfassende Roman “Die Entdeckung des Himmels” von Harry Mulisch empfohlen. Wer sich das (zunächst) nicht antun will: Das Buch ist respektabel verfilmt worden.

PS: Die Niederländische Übersetzung des Faust aus dem ich den Text entnommen habe stammt von Adama von Scheltema und erschien erstmals 1911