Die verschwundene Brauerei (Blog 304)

Bier – das war in meiner Kindheit und Jugend Glückauf-Bier. Nicht das ich zu dieser Zeit schon Bier getrunken hätte. Das kam erst viel später; aber die Glückauf Brauerei lag in unserem Stadtteil. Wenn meine Schulklasse im Sommer auf dem Weg zum Sportplatz war, mußten wir sie zwangsläufig passieren. Die Nase nahm den für Brauerein typischen Geruch wahr den man entweder mag oder furchtbar findet. Ich mochte ihn. Außerdem führten die meisten der damals noch zahlreich vorhandenen Eckkneipen Glückauf Bier. Das Grüne G dominierte; ganz selten nahm man einmal das schwarzgoldene U wahr. Glückauf war eine der größeren Brauerein des Ruhrgebiets. Sie wurde noch zu Anfang der 70er Jahre an der Düsseldorfer Börse notiert, dann von DUB Schultheiss übernommen und ging letztlich in Brau und Brunnen auf. Es folgte die Einstellung der eigenen Brautätigkeit. Man füllte noch eine Zeit lang Einwegflaschen ab die bei ALDI verkauft wurden. 1980 kam das endgültige Ende. Die Brauereigebäude wurden abgerissen. Heute steht auf Teilen des Geländes ein Altenheim – was man als sinnbildhaft für die Entwicklung des Ruhrgebietes ansehen kann: Industriebetriebe weichen Wohnstätten für alte Menschen.

Was ist von dieser Brauerei geblieben ? Sehr wenig. Nicht einmal an den Geschmack des Bieres vermag ich mich zu erinnern. Geblieben sind ein kurzer wikipedia Eintrag („Glückauf Brauerei“) und Bleiglasfenster. …..Bleiglasfenster ?

Bleiglasfenster – auch hier verweise ich auf den gleichnamigen wikipedia Eintrag -bestehen aus in Bleiruten eingefassten Flachglasstücken. Die Fensteröffnungen der gotischen Kathedralen des Mittelalters wurden mit ihnen ausgestattet, aber auch die Fenster der Ruhrgebietskneipen in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Hier ein Beispiel:

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Das stilisierte G mit dem Pilsglas hier in einem Ausschnitt:

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entstand in den 60er Jahren. Es gibt noch ein älteres Logo das nur noch sehr selten anzutreffen ist:

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GBG steht wohl für Glückauf Brauerei Gelsenkirchen, im Zentrum die seinerzeit unvermeidbare Bergmannslampe. Hier noch einmal das ganze Fenster:

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und hier noch als Gruß an meine Dortmunder Freundin „prankenblümchen“ und natürlich an Remo ein weiteres Motiv:

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Weshalb ich der Glückauf Brauerei an dieser Stelle ein kleines Denkmal setze: Ich habe ihr etwas zu verdanken. Ihr Ende war für mich ein Anfang. Als es näher rückte schrieb ich für eine heute nicht mehr existierende Stadtteilzeitung meinen ersten Artikel , der in einem Printmedium veröffentlicht wurde. (Blogs gab es leider noch nicht, Print tut es zur Not halt auch). Es ging um die Zukunft der Glückauf Brauerei. Er ist leider nicht mehr erhalten aber die headline, die habe ich noch im Gedächtnis. Sie lautete: „Dreht man uns den Bierhahn zu?“
Prost !

Vorstadtkinos (Blog 153)

Es mag heute unglaublich klingen: Mein erster Kinobesuch hatte mit dem „Kalten Krieg“ zu tun.
Im zweiten Schuljahr überraschte man uns in der Schule eines morgens mit der Ankündigung heute ginge die Klasse ins Kino. Dort wurde ein Film gezeigt, der „Frage 7“ hiess. Handelte vom Sohn eines evangelischen Pfarrers der in der bösen „DDR“ lebte und auf eine weiterführende Schule gehen wollte. Wegen des Berufes seiner Eltern musste er Schikanen über sich ergehen lassen, unter anderem auch einen Fragebogen ausfüllen und die Frage 7 verlangte von ihm eine Distanzierung von seinen Eltern. Da er das nicht wollte, nutzte er einen Berlin-Besuch um durch das damals noch offene Brandenburger Tor in den freien Westen zu fliehen.

Ohne die Zustände in der DDR beschönigen zu wollen: Siebenjährigen Kindern einen solchen Film zu zeigen macht wenig Sinn, zumal auch jeder Versuch einer pädagogischen Nachbearbeitung – etwa durch ein Gespräch mit dem Lehrer – fehlte. Erst Jahre später habe ich überhaupt begriffen, worum es in diesem Film ging.

Das nur am Rande. Damals, Anfang der 60er Jahre gab es sie noch: Die Kinos in den Stadtteilen. Oft neben Kneipen gelegen und von deren Wirten mitbetrieben. Mitte der 70er Jahre waren sie fast alle verschwunden. Das Fernsehen hatte sie verdrängt. Oft wurden sie zu Lebensmittel-Supermärkten. Nur Zeitzeugen können noch den ursprünglichen Zweck der Gebäude erkennen. Es kommt vor, dass ich – wenn ich in einer fremden Stadt bin – stehenbleibe, auf den nahegelegenen Lebensmittelmarkt weise und dem verdutzten Menschen neben mir mitteile „Das war mal ein Kino“. Die drei, die es in meinem Stadtteil gab (Gelsenkirchen-Ückendorf) habe ich noch einmal aufgesucht und fotografiert, was von Ihnen übrig geblieben ist.

Das war mal das „Odeon“:

Odeon

Wurde als erstes geschlossen. Ist seitdem alsLebensmittelmarkt, Gebrauchtmöbelmarkt, Spielhalleund zuletzt als illegales Wettbüro genutzt worden. Zur Zeit steht es leer.

Rolandkino

Vor das „Roland Kino“ (oben) hat man ein Haus gesetzt. Nur der hintere Teil ist noch als ehemaliger Kinosaal erkennbar. Jahrzentelang gab es hier einen REWE-Markt. Seit drei Jahren hält sich der GRAND-Markt, ein sogenannter „Russenmarkt“. Er unterscheidet sich von herkömmlichen Lebensmittelmärkten dadurch, dass hier wenig geläufige Tee-und Wodkasorten angeboten werden – und ungeheure Mengen „fettigsten Fleiches“ (kann man nicht anders schreiben).

Und das war das Kino meiner Kindheit und frühen Jugend: Das REX :

Rex-Kino

Hier sah ich den ominösen Propagandafilm „Frage 7“, später aber auch alle Karl-May-Filme mit Lex Barker, Pierre Brice, Marie Versini (die fand ich toll), Mario Adorf etc.. Und das war mal das Tor zu einer Traumwelt:

Eingang Rex

Jetzt bleibt es verschlossen.