Jubiläum (Blog 394)

Heute auf den Tag genau vor sechs Jahren veröffentlichte ich den ersten Eintrag in diesem weblog. Was mich reizte war die Möglichkeit eigene Texte publizieren zu können. An Fotos dachte ich noch nicht. Meine erste und bis dahin letzte Kamera hatte ich als Zwölfjähriger zu Weichnachten geschenkt bekommen. Ich rechnete mit zahlreichen, vorwiegend positiven Reaktionen.

493 Einträge 5437 Kommentare und 199506 Besucher später bin ich klüger. Ich weiß nun das Bloggen kein Ego-Tripp ist sondern soziale Interaktion. Ich hatte ganz gegen meine ursprüngliche Erwartung und Absicht Anteil am Alltag und Schicksalen mir bis dahin fremder Menschen: An einer schweren Krankheit die ein Leben veränderte und bis heute in Frage stellt, an einer Trennung vom Lebenspartner, an einem Verlust der Wohnung und damit verbunden dem Fall in die Obdachlosigkeit, am Leben von Menschen die arbeitslos geworden sind und damit klar kommen müssen.

Ich habe auch viel gelernt. Von Menschen mit anderen beruflichen Hintergründen, Menschen aus anderen Generationen mit anderen Lebensperspektiven, auch von Menschen mit ähnlich gelagerten Interessen durch die ich Bestätigung erfuhr und denen ich viele Anregungen verdanke.

Ihr alle seid mir nah und lieb. Ich bin froh euch gefunden zu haben und möchte euch nicht missen. Dieses weblog ist das grosse Abenteuer meines Lebens. Ich neige dazu, mir dasselbe leicht zu machen aber das gilt nicht für dieses weblog . Hier bin ich “am Ball geblieben”,habe um Formulierungen gerungen, schon fertige Texte fluchend wieder gelöscht, ganze Passagen gestrichen (weil ich mutmaßte sie könnten jemanden verletzen), habe für den Leser (mehr wohl für die Leserin) geschrieben, freute mich über grosse und ärgerte mich über geringe Resonanz. Dieses weblog hat in den vergangenen Jahren einen großen Teil meines Lebens ausgemacht – einen zunehmend grossern Teil.

Daraus ergeben sich nun Probleme. Ich fühle mich ein wenig wie Goethes Zauberlehrling der die Geister zu rufen weiß, sie aber nicht lenken kann. Meinen Blogfreundinnen und -freunden wird aufgefallen sein, dass meine Kommentare in letzter Zeit spärlicher wurden, spät kamen oder ganz ausblieben. Es geht zur Zeit nicht anders. Eine oder zwei Stunden pro Woche für Kommentare wie es sein sollte und im vergangenen Jahr noch möglich war – das schaffe ich momentan nicht mehr.

Dazu kommt, das Gefühl mein weblog sei zur Routine erstarrt. Zu viele Bilder, Zu wenig Text. Darüber möchte ich nachdenken ohne unter dem selbst auferlegten Druck zu stehen etwas zu einem bestimmten Termin fertigstellen zu müssen. Deshalb habe ich mich entschlossen nach sechs Jahren eine große Pause einzulegen. Eine Pause, die das Frühjahr, den Sommer und den schönen Teil des Herbstes umfassen soll. In diesem Zeitraum wird es an dieser Stelle keine Einträge geben.

Ein Abschied ist das nicht. Kommentare werde ich weiter schreiben und um erst gar keine falschen Gedanken aufkommen zu lassen nenne ich gleich den Zeitpunkt meiner Rückkehr. Am 3. Oktober dieses Jahres wird der nächste Eintrag in diesem weblog zu lesen sein. Vergesst micht nicht! Bleibt mir bis dahin ( und darüber hinaus) gewogen. Ich würde mich freuen im letzten Quartal etwas von euch in diesem weblog lesen zu können.

Manulan

Macht Bloggen krank ? (Blog 265)

Viele von uns haben sich sicher irgendwann gefragt, ob man mit Bloggen auch Geld verdienen kann. Ich gebe zu dass mir solche Gedanken nicht immer fremd waren wovon die auf der rechten Seite in der Tiefe versteckte Google – Anzeigenleiste noch heute Kunde gibt. Inzwischen habe ich die Vorstellung mein weblog finanziell zu nutzen aufgegeben. Das Verhältnis zu meinen Freunden wäre nicht mehr ausschließlich vom „Interessenlosen (= keine ‚materiellen (?)‘ Absichten verfolgenden) Wohlgefallen“ geprägt, ich müsste auf bestimmte Inhalte verzichten, andere jedoch forcieren, mich am besten spezialisieren. Es würde keinen Spaß mehr machen. Da ist mir mein derzeitiger „Sandkasten“, mein „Testlabor“ lieber. Mein weblog ist unbezahlbar.

Bestärkt hat hat mich in dieser Haltung ein Artikel, den ich kürzlich im Wirtschaftsmagazin „brand eins“ gelesenen habe. Unter dem Titel „Bloggen, bis der Arzt kommt“ wird da von denen berichtet, die es „geschafft“ haben: Blogger mit über 100.000 Besuchern im Monat, die 3 bis 13 Angestellte beschäftigen und sechsstellige Dollarbeträge verdienen – wenn sie denn überleben. Einer von Ihnen, Marc Orchant starb kürzlich mit 50 Jahren an einem Herzinfarkt, ein weiterer, Om Malik (41) überlebte den seinen vorläufig(?). Er bloggt bereits wieder vom Krankenbett aus. Begründung: „Wenn Leute jeden Tag zu meiner Seite kommen und mir zehn Minuten ihrer Zeit schenken, muss ich ihnen sagen, wieso ich nichts schreibe“. Jeder mag sich selbst seine Gedanken über eine derartige Aussage machen.

Der Autor des Artikels, Steffan Heuer“ sieht das so : „Die Bestie will gefüttert werden…..sonst sinken die Besucherzahlen und damit die Werbeeinnahmen. Der Blogger Matt Marshal über seine Tätigkeit: „Eigentlich ist das ein ziemlich miserables Leben…..ich habe nie zuvor härter gearbeitet…..Sobald ich mit dem Schreiben und redigieren fertig bin muss ich mich ums Geschäftliche kümmern. Selbst auf dem Laufband nehme ich mir etwas zum Lesen mit. Mein Privatleben habe ich auf Eis gelegt – eine Beziehung kann ich vergessen.“

Es scheint nicht sehr erstebenswert, das Leben eines „A-List Bloggers“ zu führen. Kritiker wie der Engländer Andrew Keen streuen noch Salz in die Wunden wenn er behauptet, letztlich regiere alle(?) Blogger „der Wunsch nach Einfluss und finanziellem Erfolg. Das zieht eine bestimmte Sorte Menschen an – besessen, getrieben und nie zufrieden.“

Nein, diesen Schuh ziehe ich mir nicht an. Mein Blog macht mir nicht nur Spass, es „diszipliniert mich auch. Ja , ich will schon „bei der Stange bleiben“, freue mich über steigende Leserzahlen und über (leider) seltene Platzierungen in der „Hitparade“. Aber süchtig bin ich nicht und einsam geworden erst recht nicht. Im Gegenteil: Ich habe Menschen kennengelernt, die ich ohne mein weblog nie wahrgenommen hätte. Einige habe ich im realen Leben bereits getroffen andere werden hoffentlich noch folgen. Mich jedenfalls hat das Bloggen nicht krank gemacht sondern im Gegenteil meinen Horizont erweitert und mein Leben bereichert und das wünsche ich allen anderen Bloggern auch.

Quelle: Bloggen, bis der Arzt kommt“ von Steffan Heuer veröffentlicht in brandeins Heft 03 2008. Ab dem 1.März ist der Artikel frei lesbar. Bei Google „Bloggen, bis der Arzt kommt“ eingeben (Komma nicht vergessen)