BUCHBESPRECHUNG: „ICH NANNTE IHN KRAWATTE“ (2 2014)

2014-01-04 17.36.01

Hikikomori nennt man in Japan junge Männer um die 20 die sich im Haus der Eltern in Ihr Zimmer zurückziehen und dort jahrelang verweilen. Man schätzt ihre Zahl auf deutlich mehr als 100.000 . Oft verschweigen die Eltern Freunden und Nachbarn gegenüber deren Existenz. Der Sohn studiere im Ausland ist eine der üblichen Ausreden.

 

Ein Hikikomori verhält sich so, weil er sich dem Anpassungsdruck in Schule und Gesellschaft nicht gewachsen fühlt. „Ich kann nicht mehr“ sagt Taguchi Hiro seinem Vater als dieser verzweifelt die Tür mit dem Brecheisen aufstemmt und versucht seinen Sohn mit Gewalt aus dem Zimmer zu holen.

 

Nach zwei Jahren beginnt Taguchi damit das Zimmer tagsüber zu verlassen und auf einer Bank in einem nahe gelegenen Park über seine Situation nachzudenken. Dort begegnet er dem 58jährigen vor kurzem von seiner Firma entlassenen Büroangestellten Öhara Tetsu, der seine Tage auf der Nachbarbank verbringt um seiner Frau vortäuschen zu können, er ginge noch tagsüber zur Arbeit.

 

Nach dem sie sich tagelang beäugt haben ohne ein Wort miteinander zu wechseln bricht der Ältere das Schweigen, stellt sich vor und beginnt zu reden. In den folgenden Tagen sitzen nun beide auf einer Bank und legen einander ihre Lebensbeichte ab. Öharu erzählt wie er seine Frau kennen lernte, wie er sie mit dem gemeinsamen behinderten Kind allein ließ und sich in die Arbeit stürzte. Wie ihn diese Arbeit mit zunehmenden Alter immer mehr überforderte und er schließlich entlassen wurde weil er nicht mehr „effizient genug“ war.

 

Taguchi erzählt von der Angst vor seinen Mitschülern. Er wollte um keinen Preis auffallen und half dem Mädchen nicht, das in der Kindheit seine Freundin war und später dann seine Mitschülerin wurde, als die anderen sie quälten. Als sie sich deshalb umbringt und später sein einziger Freund (vermeintlich) Selbstmord begeht wird er damit nicht fertig und schließt sich in sein Zimmer ein.

 

Auf beide wirkt es befreiend einen Zuhörer gefunden zu haben. An einem Freitag entschliessen sie sich einen Neuanfang zu wagen. Öhara verspricht, seiner Frau zu gestehen das er keine Arbeit mehr hat und Taguchi will sich noch am selben Abend die seit 2 Jahren wuchernden Haare kurz schneiden.

Sie verabreden sich für den folgenden Montag auf ihrer Bank aber

nur einer von beiden kommt…

 

Die Autorin Milena Michiko Flasar, geboren 1980 hat eine japanische Mutter und einen österreichischen Vater. Sie lebt in Wien.

 

„Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flasar

136 Seiten Verlag Klaus Wagenbach Berlin

 

ISBN 978 3 8031 3

 

Schon im vergangenen Herbst….. (Blog 321)

…..fiel mir ein gerade erschienenes Buch in die Hände. Eines dieser Bücher, die selbt einem Vielleser wie mir nur alle drei bis fünf Jahre begegnen. Es hat mich nicht begeistert, nicht beeindruckt – es war mehr:

Die Schilderung eines exemplarischen Lebens. Ein Mann in meinem Alter erfährt von einer unausweichlichen nicht ignorierbaren Problematik die eine Reaktion fordert. Eine Reaktion, die eigentlich nur Resignation sein kann – er aber entscheidet sich anders.

Natürlich entschloss ich mich noch während der Lektüre eine Buchbesprechung zu schreiben. Mach es im Weihnachtsurlaub dachte ich mir. Aber dann raffte mich eine hartnäckige Erkältung nieder und später schob ich es immer wieder vor mir her. Gerade weil ich mir Zeit nehmen wollte, weil ich diesmal nicht nach meiner üblichen Maxime „Hauptsache du schreibst, es kann ruhig etwas schlampig und formal fragwürdig sein“ verfahren wollte fand ich keine Zeit. Immer gab es Unaufschiebbares. Momentan liegen die Steuerunterlagen fordernd auf dem Schreibtisch.

Nun muß es trotzdem sein! Guter protestantisch gepräger Tradition folgend lasse ich meinem „schlechten Gewissen“ freien Lauf und Unterwerfe mich einer Art Gelübde: Der nächste Text, den ich nach diesem veröffentliche wird die Buchbesprechung sein. Gut, Zeit für einige Kommentare bei Freundinnen und Freunden findet sich hoffentlich, aber für alle Fälle bitte ich um Nachsicht falls ich in den nächsten Tagen zu einsilbig oder zu schweigsam werde. Es wird nicht zu lange anhalten.

Ob ich das Gelübde dahigehend erweitere, das der Bart erst wieder geschoren wird wenn der Text vollendet ist – darüber denke ich noch nach….