In Bus und Bahn unterwegs: Die "Fahrt" in den Urlaub" NF17

Mittwoch war mein letzter Arbeitstag vor Weihnachten. Ich machte etwas früher Schluss um die S-Bahn die um 16.35 Uhr in Duisburg Richtung Dortmund losfährt noch zu erreichen. Das gelang auch. Die Bahn war wie erhofft halbleer. Ich nahm einen Fensterplatz in Fahrtrichtung ein; niemand saß neben mir auch die beiden Sitze gegenüber blieben frei.

Ich zog Wilhelm Genazinos “Wenn wir Tiere wären” das ich einer zweiten Lesung für würdig erachtet hatte aus dem Rucksack, schlug das Buch auf streckte die Beine von mir – da öffnete sich die Tür des Zuges noch einmal. Ein Mann in meinem Alter trat ein, ignorierte mehrere Sitzmöglichkeiten und setzte sich mir schräg gegenüber. Ich ahnte Böses und leider bestätigen sich meine Befürchtungen. Will man es positiv sehen: Ich bin ein guter Prophet.

Mein Mitreisender zog ein Mobiltelephon aus der Jackentasche, stellte eine Verbindung her und begann einer bedauernswerten Frau unangemessen laut von seinem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt zu erzählen. Den Getränkekonsum hob er ausdrücklich hervor: “Jagertee…” (Was ist das eigentlich? Muss wohl im Süden popuär sein) “… und dann immer mal einen halben Liter Malzbier zwischendurch”. Auch Details über die Abführung der Getränkemassen ersparte er weder seiner Gesprächspartnerin noch mir. Immerhin, als er nichts mehr zu erzählen wusste beendete er das Gespräch auch, holte Kopfhörer hervor und nutzte das Telefon als MP3 Player.

Ich genoss die Ruhe,hatte ihn aber unterschätzt. Nachdem er Auge und Ohr attackiert hatte startete er nun einen Angriff auf meine Geruchsnerven. Er hatte eine Tube Creme bei sich, deren ranzig-medizinisch riechenden Inhalt er zwischen seinen Händen verrieb. Seufzend packte ich das Buch in meinen Rucksack zurück.

In Oberhausen wurde der Zug voll. Meine neue Sitznachbarin verschaffte sich mit einem kräftigen Hüftstoss Raum, drängte mich an die Wagonwand.
Mir gegenüber nahm ein junger Asiate Platz, einen “coffee to go” in der Hand den er bald austrank. Der leere Becher landete dort wo er hingehörte, in dem kleinen aus Metall gefertigten Abfallbehälter unter dem Zugfenster. Leider entdeckte er dabei, das man den Deckel dieses Behälters auch als Rythmusinstrument nutzen konnte. Er begann in unregelmässigen Abständen damit zu klappern.

Der Handcremer war inzwischen eingeschlafen, schnarchte lautstark vor sich hin. Ich sass etwas angespannt in der Ecke, peinlich darauf bedacht Körperkontakt mit meiner Nachbarin zu vermeiden. Mir gegenüber klapperte und schnarchte es. Ich zählte die Stationen: Essen-Dellwig, Essen-Bergeborbeck, Essen-Altenessen (Home of Herbert Knebel), Zollverein – Nord (früher Katernberg Süd, umbenannt im Kulturhauptstadtjahr 2010; auf das Weltkulturerbe Zeche Zollverein wird in einer englischsprachigen Ansage hingewiesen) und dann endlich: Gelsenkirchen. Bis auf den Schäfer machten mir meine Mitreisenden etwas unwillig Platz. Es gelang mir, die Zugtür rechtzeitig vor der Abfahrt zu erreichen. Die erste halbe Stunde meines Urlaubs hatte ich mir entspannter vorgestellt.

Und doch: Es gibt Schlimmeres: Autofahren. Wie bereits öfter erwähnt besitze ich seit 1994 kein eigenes Auto mehr, wollte nicht mehr zwei Mal am Tag 20 – 30 km einsam im Faradayschen Käfig sitzen, meist im Stau, umgeben von Kraftfahrzeugen in denen in der Regel auch nur ein Mensch saß. Autofahren macht alt, krank und rücksichtslos. Da bin ich doch lieber mit Schnarchern und Telefonierern zusammen als im Rückspiegel jemanden auftauchen zu sehen der mich mit deutlich mehr als 100m/h von der Spur drängen will. So sieht wahre Rücksichtslosigkeit aus.