Vor 100 Jahren… (8 2014)

brach der 1. Weltkrieg aus. In allen Medien ist darüber
in den letzten Tagen ausführlich berichtet worden. Ich
könnte dem nichts hinzufügen was nicht schon an
anderer Stelle professioneller und kenntnisreicher
dargelegt worden wäre.

Was ich allerdings kann: Über die Folgen berichten,
die dieser Krieg für meine Familie hatte. Diese waren
beträchtlich und wirken bis heute nach. Ich habe das
allerdings bereits 2009 in einem Blogeintrag
geschildert auf den ich bei dieser Gelegenheit
verweisen möchte:

http://www.manfredkonradt.de/2009/11/26/aschenbecher-geschichten-2-blog-7461810/

Aschenbecher Geschichten (2) Blog 358

Aschenbecher 2a

Das älteste Stück meiner Sammlung zeigt eine Abbildung des Detmolder Residenzschlosses.
Mein Grossvater hat ihn 1914 wohl in einem Souvenierladen gekauft. Was macht ein 23jähriger Bergmann aus Gelsenkirchen 1914 in Detmold? Er ist gerade zum Militärdienst eingezogen worden. Der erste Weltkrieg ist ausgebrochen und ehe man die jungen Menschen an die Front schickt – ganze Gymnasialklassen haben sich geschlossen freiwillig gemeldet – erhalten sie noch eine Grundausbildung in Garnisonsstädten wie Detmold.

Der erste Weltkkrieg war kürzlich Thema des Treffens zwischen dem französischen Präsidenten und der Bundeskanzlerin und das ist gut so. Ich will nicht ins Detail gehen. Zum Thema gibt es einen hervorragenden wikipedia-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Weltkrieg
Es war eine Katastrophe die bis heute nachwirkt und die Leid über vieleFamilien
in Europa gebracht hat. Davon handelt dieser Eintrag.

Mein Grossvater brachte diesen Aschenbecher auf einem „Heimaturlaub“ mit nach Hause. Er war wohl eher für Besucher gedacht. Mein Grossvater rauchte nicht. Vor Kriegsausbruch heiratete er noch seine 17jährige Freundin. Beide richteten eine erste Wohnung ein. Da war ein Aschenbecher wohl ein notwendiges Utensil für Besucher.

Er kehrte schon im zweiten Kriegsjahr heim; blind. Eine Kriegsverletzung hatte ihn das Augenlicht gekostet. Den langen Rest seines Lebens – er wurde 84 Jahre alt – hat er nicht mehr sehen können.

Ich habe mich oft gefragt wie man als junger Mensch mit so einem Schlag fertig wird. Welche Auswirkung so etwas auf das Zusammenleben mit der Partnerin hat von der man nun in vielen Dingen des täglichen Lebens abhängig wird. Das alles in einer autoritär geprägten Gesellschaft in der man als Mann der Starke zu sein hat. Haben sie an Trennung gedacht? Mein Vater – das einzige Kind meiner Großeltern wird erst 1927 geboren. Dreizehn Jahre nach der Eheschließung. Heute nicht mehr erwähnenswert, damals ungewöhnlich. Die Ehe hält mehr als 60 Jahre. Beide feiern bei noch guter Gesundheit 1974 mit vielen Gästen ihre Diamantene Hochzeit.

Das die Ehe hielt liegt vielleicht auch mit daran das der Staat und in diesem Fall auch der Arbeitgeber sehr gut (das Modalverb „sehr“ hat hier seine Berechtigung) für die „Kriegsversehrten“ sorgte. Es gab auch recht schnell eine starke Lobby. Bereits 1917 wurde der „Bund der Kriegsblinden“ gegründet, der den den Liebhabern des Hörspiels sicher durch den von ihm ins Leben gerufenen „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ bekannt ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Hörspielpreis_der_Kriegsblinden

Mein Grossvater wurde nicht arbeitslos. Er wurde umgeschult – vom Bergmann zum Besenbinder.Bis zu seiner regulären Pensionierung mit 65 Jahren fertigte er nun Besen und Bürsten für die Zeche. Zunächst in einer Werkstatt, später wurde er zum Heimarbeiter. Er erhielt einen Werkstischder im Keller aufgestellt wurde und das entsprechende Rohmaterial. Pro Monat hatte er eine festgelegte Stückzahl von Besen zu fertigen. Mein Großvater an diesem Werktisch sitzend, mit einer von mir nicht deutbaren Tätigkeit beschäftigt – das gehört zu den ganz frühen Eindrücken meiner Kindheit.

Es gehört zu den zahlreichen Zynismen des furchtbaren 20. Jahrhunderts das dieses persönliche Unglück meines Großvaters ihm und seiner Familie – letztlich auch mir – materielle Vorteile brachte. Wäre er Bergmann geblieben – nie hätte er zweimal im Jahr zur Kur fahren können (in eines der zahlreichen „Kriegsblindenkurheime“) , nie hätte er einen günstigen Kredit für Kriegsversehrte erhalten mit dessen Hilfe er ein Haus bauen konnte, nie hätte er den Sohn auf eine weiterführende Schule schicken können. So aber wurde all dies möglich.

Selbst meine Liebe zur Literatur die verschiedene Wurzeln hat kann ich zu einem gewissen Teil auf das Unglück meines Großvaters zurückführen. Kriegsblinde erhielten auch einen Zuschuß für die Anschaffung eines Tonbandgerätes und Hörbücher gab es in Form von Tonbändern auch schon -leihweise von der Blindenhörbücherei in Marburg. Die „Buddenbrooks“ habe ich auf dieses Art und Weise kennengelernt – mit meinem Grossvater zusammen lauschend am Tonbandgerät sitzend.

ICH DANKE FRAU WIRRKOPF VON DER DAS FOTO DES ASCHENBECHERS STAMMT FÜR IHRE FREUNDLICHE UNTERSTÜTZUNG.