Aus dem Urlaubstagebuch 4: Tischbeins Grab (Blog 236)

Er teilt das Schicksal mancher Interpreten populärer Musik. Dort kennt man den Begriff „One-Hit-Wonder“ der besagt, dass man sich an diesen Sänger nur wegen eines Liedes erinnert. Barry Ryan zum Beispiel von dem man allenfalls seinen Hits „Eloise“ kennt und der mir deshalb einfällt weil jüngeren Schwestern es fertigbrachten, diese Single zur Zeit ihrer grössten Popularität (1968) zwei Dutzend mal am Nachmittag zu spielen:

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 -1829) hat ein ähnliches Schicksal. Es gibtein Bild von ihm, das fast jeder schon einmal wahrgenommen hat, das so populär ist, das sein Motiv von anderen Künstlern aufgegriffen, neu interpretiert, verfremdet wurde. Es ist dieses Bild:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Johann_Heinrich_Wilhelm_Tischbein_007.jpg

Es zeigt den zwei Jahre älteren damals 38jährigen Johann Wolfgang Goethe in Mücken- und zeckensicherer Reisekleidung während seines Italieaufenthaltes. Nach einem Jahrzehnt in Weimar hatte diesen der Frust gepackt von dem er sich befreite indem er spontan zu seiner mehr als Jahr währenden Italienreise aufbrach. Seinen Arbeitgeber verständigte er im Nachhinein. Dieser liess ihm die Nachricht zukommen, er solle sich keine Sorgen machen, das Gehalt werde weitergezahlt. Aber das ist eine andere Geschichte…

Tischbeins weitere Werke sind heute leider weitgehend unbekannt. Er blieb der Goethe-Tischbein. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er als Hofmaler in Eutin.

Das er dort begraben liegt, wusste ich nicht. Ich erfuhr zufällig durch die Lektüre eines Prospektes der Eutiner „tourist information“ (Berühmte Eutiner) das sein Grab sich auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof in der Plöner Straße befinde. Natürlich wollte ich es sehen.

Was dann doch nicht so einfach wie vermutet von statten ging. Es war ein großer Friedhof und es gab keinerlei Hinweise darauf wo das Grab zu suchen sei. Blieb nur die systematische Begehung und ich hatte das Glück, es bereits nach einer Viertelstunde zu finden.So sieht es aus:

Tischbein

Tischbein ist neben seiner Frau bestattet. Sein Grab ist das linke. Ohne Genaueres über die Geschichte dieser Grabstätte zu wissen glaube ich doch sagen zu können, dass die beiden massiv wirkenden Grabplatten erst längere Zeit nach der Beerdigung an diese Stelle gelangt sind. Vom Stil her würde ich sie auf das erste Drittel des 20. Jahrhunderts datieren. Möglicherweise hat man diese hässliche Form der Abdeckung gewählt um die Kosten der Grabpflege gering zu halten.

Und mir lief ein Schauer über den Rücken bei der Vorstellung selber unter solch einer furchtbaren Platte liegen zu müssen. Wer jetzt etwa versucht ist zu sagen: „Weshalb ? Du merkst doch nichts mehr“ – dem kann ich nur Entgegenhalten das ich mir da nicht so sicher bin. Ängste, die mich seit Kindertagen verfolgen brachen auch diesmal wieder auf. Ich kann mir nämlich sehr wohl vorstellen in einem Grab zu liegen: Unfähig sich zu bewegen, vor sich hinmodernd – aber bei vollem Bewußtsein. Das ich alles spüre: Die Kälte, die Feuchtigkeit und möglicherweise eben auch den Druck einer solchen Grabplatte.

Das ist keine Frage eines religiös fundierten Glaubens, der Wahrscheinlichkeit oder der psychischen Befindlichkeit. Es ist eher eine Art „Urwissen“. Das Bewußtsein des Individuums kann nicht verloren gehen, auch nicht jahrtausendelang „schlafen“ . Egal was mit den Resten des Körpers geschehen mag. Und nicht nur ich denke so, es hat mich beruhigt und getröstet, als mir vor nunmehr mehr als zwanzig Jahren Ludwig Hirschs Langspielplatte „Dunkelgraue Lieder“ in die Hände fiel. Eines davon: „I lieg am Ruckn“ beschreibt genau diese Situation: Ein Toter, der bei vollem Bewußtsein in seinem Grab liegt:

„I lieg am Rucken und stier mit offene Augen in die Finsternis.
Es is so eng und so feucht um mi herum, i denk an dich.
I kann’s noch gar net kapieren: Du liegst heut Nacht net neben mir —
und i frier —
Wie lacht der Wind, wie weint der Regen, i möchtet’s so gern hören!
Du kannst dir’s net vorstellen des beinharte Schweigen, da vier Meter unter der Erden.
Die Schuh auf Hochglanz poliert, ein’n Scheitel haben s’ mir frisiert.
I frag mi wofür?…..“

(Hier gibt es den ganzen Text: http://www.ludwighirsch.at/textindex.htm )

Als ich am späten Abend des selben Tages – es war einer der wenigen schönen, warmen Tage des vergangenen Sommers – neben meiner Frau lag gingen mir diese Gedanken durch den Kopf. Ich liess sie zu, versuchte nicht sie zu verdrängen. Als ich noch jünger war hätte ich mich dagegen gewehrt aber eigenartigerweise kann ich sie um so leichter ertragen je näher der Tag rückt an dem man mich begraben wird. Aber bis es so weit ist hat dieser Körper mit etwas Glück noch zwei gute Jahrzehnte in denen es noch einiges zu genießen, zu erleiden, zu erfahren, zu sehen und zu hören gibt – und zu schreiben. Blogeinträge zum Beispiel.

Aus dem Urlaubstagebuch 1 (Blog 208)

Selbst auf der Toilette verschont uns die Werbung nicht mehr. „Vorher daran denken“ lautet die auf dem Kondomautomaten angebrachte Mahnung und über den einzelnen Urinalen sind in Augenhöhe Wechselrahmen befestigt in denen sich Werbung für Kamine und Kachelöfen befindet. Wie kommen Werbetreibende eigentlich auf die Idee, daß man just im Moment des Wasserlassens den Gedanken fassen könne, einen Kachelofen zu erwerben? Wie gelingt es Ihnen einen Hersteller davon zu überzeugen, dass eine solche Werbung sinnvoll sein könne ? Wahrscheinlich eines jener nicht fassbaren Geheimnisse der Marktwirtschaft die wir gezwungen sind als gegeben hinzunehmen.

Ich verlasse die Herrentoilette der Autobahnraststätte Oyten (kurz hinter Bremen gelegen). Es ist ein kleiner Rasthof, 50er-Jahre-Backstein und im Gastraum helle Buchentische die deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Das könnten sie sein, die Tische, an denen ich schon vor mehr als dreißig Jahren gesessen habe. Heute bin ich unterwegs in den Urlaub, damals war ich mit mehreren Leidensgenossen auf dem Weg zur Kaserne in Stade. Das viel zu kurze Wochenende war vorbei und bevor es zurück in die Sklaverei ging, machten wir halt in dieser Raststätte, aßen Schinkenbrote mit Spiegeleiern, ließen die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren um danach schweren Herzens zu fünft in den VW-Käfer zu steige und das letzte Stück des Weges hinter uns zu bringen.

Ich habe hier angehalten um diesen Ort noch einmal zu sehen der von Oktober bis Dezember 1974 in meinem Leben eine Rolle gespielt hat. Da stehe ich unter Zwang. Ich bin den Orten treu an denen ich mich einmal aufgehalten habe. Ich kann nicht zwei Tage in derselben Stadt sein, ohne mir einen Plan zu kaufen, etwas über ihre Geschichte erfahren zu wollen, mir Menschen, Gebäude, Gerüche einzuprägen und es mag lange dauern, aber irgendwann kehre ich an diesen Ort zurück.

Das gilt auch für unseren Urlaubsort. Es handelt sich um die 17.000 Einwohner zählende Kleinstadt Eutin in Schleswig-Holstein. 1965 bin ich dort eher zufällig zum ersten Mal gewesen. Als ich erfuhr, das meiner Frau diese Gegend auch nicht fremd war verbrachten wir hier 1995 unseren ersten gemeinsamen Urlaub. 1999 waren wir noch einmal dort. Dann folgten die Jahre in denen es mir gesundheitlich und durch die zeitweilige Arbeitslosigkeit bedingt auch finanziell nicht so gut ging. Irgendwann in dieser Zeit fragte meine Frau: „Ob wir wohl noch einmal nach Eutin kommen werden?“ Das hat mich angespornt. Dieses Ziel lag mir vor Augen. Ich wollte noch einmal mit meiner Frau in Eutin Urlaub machen. Eine gute Stunde noch, dann ist es geschafft.

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Von dem gemieteten Haus sind wir angenehm überrascht. Große Küche, neue Möbel, keine durchgelegenen Matratzen. Häufig bringen die Vermieter in den Ferienwohnungen
die Möbel unter, in denen sie selber die letzten beiden vorausgegangenen Jahrzehnte gewohnt haben. Unsere Vermieterin scheitert daran, uns die Bedienung des Fernsehgerätes (Satellitenschüssel, zwei Fernbedienungen) zu erklären. Früher habe sie das gekonnt, aber der letzte Gast, ein katholischer Pfarrer nebst Haushälterin, habe da wohl etwas verstellt. Sie habe bereits 14 € für einen Mechaniker zahlen müssen, wir sollten es selber mal versuchen. Machen wir, klappt auch reibungslos.

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Am Abend des ersten Urlaubstages gehen wir in ein Restaurant. Das hat Tradition. Wir erinnern uns, daß es vor acht Jahren gegenüber dem Bahnhof ein kleines Steakhaus mit einer opulent ausgestatteten Salatbar gegeben hat. Das existiert leider nicht mehr. Da wir müde von der Fahrt sind und nicht lange suchen wollen gehen wir in die ehemalige Bahnhofgaststätte die den wenig verheissungsvollen Namen „Köpi-Stuben“ trägt. Am ersten Urlaubsabend eine Gaststätte besuchen die nach einem Bier benannt ist, das in der Stadt gebraut wird in der ich arbeite – das gefällt mir nicht. Die Bedenken erweisen sich jedoch als unbegründet. Es gibt Weizenbier vom Fass und das Essen ist auch passabel. Wir sind glücklich und müde.