Sonntagnachmittag NF 38

Spät aufgestanden
Prokastiniert
Viel Tee getrunken
Dann doch den Brief geschrieben
der lange fällig war.

Danach zum Friedhof
Die Gräber der Grosseltern
und Eltern
vom Laub befreit

Weiter zum Grab der Schwester
die mir fehlt
Nicht die Zwanzigjährige
die lange tot ist
sondern die Mittfünfzigerin
die sie nicht werden durfte

Wie es wohl wäre
säße sie mit mir hier
auf dieser Friedhofsbank?

Wintertage (Blog 359)

Besen, Schneeschieber und Granulat stehen im Flur bereit. Was noch fehlt sind die angekündigten ergiebigen Schneefälle. Ist aber wohl auch noch zu früh dafür (9.45 Uhr). Zeit für einen Blogtext bleibt noch.

Der erste Schnee dieses Winters erwartete mich am vergangenen Donnerstag. Harmloser Puderzucker der fast mühelos binnen weniger Minuten weggefegt wurde. Mir war klar das es sich hier nur um ein Präludium handeln konnte.

Freitag morgen gab es keinen Schnee. Ich erreichte Duisburg heil und pünktlich mit dem Zug. Beim Blick auf den Schreibtischkalender sah ich, das er den Geburtstag meines Vaters anzeigte. 82 Jahre wäre dieses Jahr alt geworden. Er starb jedoch bereits 2003; unerwartet , nach kurzem schweren Leiden um eine Formulierung zu gebrauchen wie sie in Todesanzeigen verwendet wird. All die Jahre hatte ich seinen Geburtstag nicht bewußt wahrgenommen. Weshalb das an diesem Monat anders war – ich weiß es nicht. Jedenfalls kaufte ich nach der Arbeit am Bahnhof eine kleine Flasche Cola.

Es fügt sich, das Bushaltestelle , Friedhof und Wohnung nur wenig mehr als 100m voneinander entfernt liegen. Ich ging nicht sofort nach Hause sondern zunächst auf den schon dunklen Friedhof. Hier hatte sich eine dünne Schneedecke gehalten und zusammen mit einer nicht geringen Zahl von rot leuchtenden Lichtern, wohl übrig geblieben von den Novemberfeiertagen, fand ich eine Atmosphäre vor die Angst erst gar nicht aufkommen ließ.

Am Grab meines Vaters angekommen trank ich einen Schluck Cola und schüttete den restlichen Inhalt der Flasche auf das Grab. Weshalb ich das tat? Ich weiß es nicht. Cola war sein Lieblingsgetränk , zu Blumen oder anderem dekorativ nutzbaren Gewächs hatte er kein Verhältnis. Vielleicht hätte er für diese Form des Gedenkens Verständnis gehabt.

Vielleicht. Genau weiß ich es nicht. Mein Vater gehörte zu der Generation der stummen Väter die zu ihren Kindern trotz sporadischer Versuche keinen Zugang fanden. Die viel außer Haus waren und die Erziehung weitgehend den Frauen überließen. Ich spürte das er mir wohlgesonnen war und einige Male hat mir ein eher beiläufiger Rat von ihm geholfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Aber ich bin nicht sicher ob er das wahrgenommen hat und sicher habe auch ich ihn nicht spüren lassen wenn ich ihm dankbar war. Erst in seinen letzten Lebensjahren entspannte sich unser Verhältnis. Wir fanden ein gemeinsames Thema: Den Personal Computer und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Das er das „Zeitalter“ der weblogs nicht mehr erlebt hat bedaure ich. Möglicherweise hätten wir auf diese Weise eher zueinander gefunden als im persönlichen Dialog.

Im vergangenen Jahr las ich eher zufällig Lars Brandts Buch „Andenken“. Seitdem weiß ich das mein Nicht(Verhältnis) zu meinem Vater kein Einzelfall ist. Die von ihm geschilderten Verhaltensweisen seines Vaters waren mir nicht fremd. Vieles konnte ich nachempfinden. Bleibt das Gefühl vertaner Chancen un Möglichkeiten.

Samstag morgen stand ich dann um 6.00 Uhr auf. Der angekündigte Schnee war gefallen. Bei 11 Grad Minus räumte ich den Gehweg frei und wenn mein Blick nun aus dem Fenster fällt sehe ich das es Zeit wird erneut zum Besen zu greifen. Aktuell zeigt das Thermometer 5 Grad Minus an. Ein unangenehmer Wind weht den Schnee von den Dächern. Einen Schluck Tee noch, dann geht es hinaus.