Zum Tod von Harry Rowohlt (06 2015)

Am Montag dieser Woche ist Harry Rowohlt gestorben. Im März 2010 habe ich ihn „live'“ hören und sehen dürfen als er in Gelsenkirchen vorlas. Anstelle eines Nachrufes hier noch einmal der Blogtext den ich seinezeit schrieb:

http://www.manfredkonradt.de/2010/03/07/harry-rowohlt-las-erzaehlte-sang-blog-8130793/

VERGEHEN UND WERDEN ( 11 2014)

Der letzte Sonntag des vergangenen Novembers war der
letzte schöne Herbsttag des Jahres 2014. Es war der
Ewigkeitssonntag und wie viele meiner Mitmenschen
besuchte ich die Gräber meiner Familie. Leser meiner
Blogeinträge wissen möglicherweise, dass der Südfriedhof
in der Nähe meiner Wohnung liegt und das ich dort häufig
anzutreffen bin – meist an den Wochenenden. Für mich
ist ein Friedhof nicht nur ein Ort des Gedenkens. Ich erhole
mich dort von den Belastungen, die der Alltag mit sich
bringt und schöpfe neue Kraft. So wiedersprüchlich es
erscheinen mag: Der Aufenthalt auf dem Friedhof hilft
mir „lebendig“ zu bleiben.

Deshalb traf es mich hart , dass der Friedhof nach dem
Sturm „Ela“ am Pfingstmontag monatelang nicht
zugänglich war. Auch jetzt sind noch Spuren der
Zerstörung erkennbar aber auch wunderschöne Dinge
zu sehen die das Herz berühren. Etwa diesen kleinen
Baum mit seinem sonnendurchfluteten Herbstlaub:

Ewigkeitssonntag 2014

Am folgenden ersten Dezembersonntag war es mit
dieser Pracht bereits vorbei. Es war kühl, feucht und
grau und der kleine Baum bis auf wenige Blätter
entlaubt:

30.11.14 Sonntag

Das Jahr geht zu Ende. Es war für mich eine Zeit des
Umbruchs in der es mir schwer fiel, mich in einem
neuen (beruflichen) Umfeld zurecht zu finden. Am
Ende dieses Jahres fühle ich mich überfordert,
erschöpft, ausgebrannt – wie ein kahler Baum in
Kälte und Wind.

Gut zu wissen, das es nicht so bleiben wird. Ich habe
Urlaub, kann mich erholen. Ein neues Jahr liegt vor
mir. Der Baum wird im kommenden Frühjahr neue
Blüten tragen und später ein Blattwerk in sattem Grün.
So schwer 2014 für mich auch war, ich habe auch
gespürt, dass ich noch lernfähig bin, dass Erfahrung
hilfreich ist und Konflikte beherrschbar sein können.
Ich bin gelassener geworden, aufmerksamer und
hoffe auf ein gutes Jahr 2015.

Meine Frau und ich wünschen unseren Familien,
Verwandten, Freundinnen und Freunden ein
besinnliches Weihnachtsfest und alles erdenklich
Gute für 2015. Blüht im kommenden Jahr wieder auf!

Manfred und Hannelore

SOJA… (7 2014)

…kennen wir als Sojasauce, Sojaprossen oder Sojamilch. Es gibt 
die Sojabohne aber auch in ihrer natürlichen Form. Hier ist sie:

2014-04-29 18.18.25

„Edamame“, eine frische Sojabohne. Kurz gekocht und leicht gesalzen.
Gibt es als kleine Mahlzeit im Tokyo Tearoom in Gelsenkirchen.
Wohlschmeckend und sätigend.Wenig Kalorien, viele
Mineralstoffe unf Eiweiß. Kostet zur Zeit 3,90 €. Ich
empfehle sie als Alternative zu Currywurst mit Fritten.

S Ü D F R I E D H O F

Wie bereits in früheren Blogeinträgen erwähnt liegt der Südfriedhof, auf dem einige Menschen begraben liegen, die mir zu ihren Lebzeiten nahe standen, nur wenige Schritte von meiner Wohnung entfernt. Im Laufe der Zeit habe ich mir angewöhnt zumindest einen Teil des Sonntagnachmittags  auf diesem Friedhof zu verbringen. Manchmal besuche ich nur die Gräber meiner Familie. „Ich bin den Toten treu, ich lebe mit Ihnen“ sagte Francois Truffaut in einem Zeitungsinterview; so halte ich es auch.

 

Manchmal nehme ich mir jedoch die Zeit, einen vorher ausgesuchten Teil des Friedhofs kennen zu lernen. Dann gehe ich von Grab zu Grab, mache auch Fotos und je  älter ich werde desto mehr mir vertraute Namen nehme ich auf den Grabsteinen wahr. Da sind einige Handwerker die ich aus der Zeit meiner kaufmännischen Lehre kenne. Fernerhin die Frau die in den 70er Jahren eine im regionalen Umfeld bekannte Diskothek betrieb und erst kürzlich mehr als neunzig Jahre alt starb. Sie liegt nicht weit von dem aus alter lombardischer Familie stammende ehemalige Leiter des hiesigen Hygiene Instituts. Erwähnenswert ist auch die „Lehrergruft“ eine Grabstätte in der sechs der acht Bestatteten unter ihrem Namen die Berufsbezeichnung „Lehrer“ oder „Lehrerin“ in Stein meißeln ließen.

 

Ein Grabstein kann über Namen und Lebensdaten hinaus etwas über den Menschen aussagen dessen Reste unter ihm bestattet liegen. Der Trend zur „Individualisierung“ macht auch vor dem Tod nicht halt. Während früher – wie in den Todesanzeigen der Zeitungen – in der Regel neben dem Namen ein lateinisches Kreuz zu sehen war herrscht heute Vielfalt: Katholiken ergänzen ihren Grabstein gelegentlich mit einer bronzenen Marienstatue, Architekten lassen einen Zirkel einmeißeln, Ärzte den Äskulapstab, Motorradfahrer „Gotisches“, Musiker eine Trompete, Fußballfans das Emblem ihres Bundesligavereins. Letzteres ufert in meiner Stadt dahingehend aus, das eigene Grabfelder für Fussballfans eines bestimmten Vereins angelegt werden.  

 

Manchmal jedoch weiß ich das gemeißelte Symbol nicht gleich zu deuten So fiel mir kürzlich dieser Stein auf:

 

Teletakt

 

TELETAKT? Nie gehört. Sah ähnlich aus wie das Gerät das ich im beruflichen Umfeld zum messen der Holzfeuchtigkeit verwende; vom Namen her dachte ich eher an ein elektronisches Metronom. Zuhause angelangt verschaffte ich mir mit Hilfe von wikipedia Klarheit und war überrascht.
 
Teletakt ist ein Telereizgerät. Laut Werbung: „Das Erziehungshalsband für Hunde“. Es besteht aus einem
Handgerät mit dessen Hilfe elektrische Impulse ausgelöst werden können und einem Halsband das diese Impulse „empfängt“. Vereinfacht: Verhält sich der Hund nicht wie gewünscht kann man ihm aus der Ferne einen elektrischen Schlag versetzen. Die Nutzung solcher Telereizgeräte ist in Deutschland seit 2006 verboten; es gibt aber wohl eine Lobby die versucht, zumindest der Abrichtung von Jagdhunden unter tierärztlicher Aufsicht wieder eine gesetzliche Grundlage zu verschaffen (etwa über den Umweg Waffengesetz).   
 
Nun rätsele ich was einen Menschen veranlasst, den Namen eines solches Gerätes nebst Abbildung auf seinen Grabstein meißeln zu lassen.  Die Nachricht ist ja wohl: „Teletakt“ hat in meinem Leben eine so wichtige Rolle gespielt das die noch auf dieser Welt Weilenden es erfahren sollen. Die Grabstätte selbst gibt Aufschluss über folgendes: Der Mann ist verhätnißmäßig früh gestorben. Er wurde 64 Jahre alt. Die Anordnung von Text und Symbol auf dem Stein sowie die Größe der Gruft legen nahe, das es eine Witwe gibt die noch an seiner Seite die letzte Ruhe finden soll. Die Grabstätte wird aufwändig von einem Gärtnerbetrieb gepflegt was darauf schließen lässt das es sich um einen zu Lebzeiten wohlhabenden Mann gehandelt hat. 
 
Weiter wichtig: Das Grab liegt nahe am Hauptweg des Friedhofes aber dennoch versteckt in einem kleinen Nebenweg. Es gibt nur drei weitere, ähnlich aufwändig gestaltete und  gepflegte Gräber. In Analogie zu Begrifflichkeit städtischer Geographie könnte man sagen: Ein unauffälliges Villenviertel das nicht jeder wahrnehmen soll aber dennoch für Kundige leicht und schnell erreichbar ist.
 
Möglicherweise ist der hier Ruhende der Konstrukteur des Teletakt-Gerätes, bekannt bei und verehrt von Hundetrainern und Jägern die zu seiner Grabstätte pilgern. Vielleicht hatte er sogar einen Nachruf in der Zeitschrift „Jagd und Hund“ in deren Internetshop heute noch für Teleimpulsgeräte geworben wird? Ich weiß es nicht. 
 
Bleibt am Ende die Frage ob es sinnvoll ist, das „Medium“ Grabdenkmal für Nachrichten an Lebende
zu nutzen. Zeugt das nicht von einem nicht loslassen können, einem nicht mit sich selbst in Einklang stehen?
Handelt es sich nicht auch ungewollt um das Eingeständnis: Ich habe meinen Frieden nicht gefunden – weder mit mir noch mit der Welt? Vielleicht muss man „tot sein“ schon zu Lebzeiten einüben. Als Grabschrift reicht Vorname, Nachname, Geburts- und Sterbejahr. 

Keine weiteren Nachrichten! Den Hinterbliebenen sollte Raum bleiben für eigene Erinnerung und Bewertung. Das währt noch eine Weile. Wenn irgendwann niemand mehr lebt der sich an uns erinnert sind wir ganz in der Hand Gottes…
 
 
Zueignungen in memorian:
 
Heinz Knobloch, dessen „Berliner Grabsteine“
mir noch heute eine hilfreiche Nachtlektüre sind
 
Francois Truffaut, dessen Film „Das grüne Zimmer“
vom „nicht loslassen können“ der Hinterbliebenen
handelt. 

Das Mittwochsbild (71) NF 49

2013-03-09 15.58.38

In Gelsenkirchen, der Stadt in der ich lebe und in Duisburg (dort arbeite ich) liegt der Anteil der Mitbürger mit Migrationshintergrund deutlich über 10 % .
Das ist für diese Städte ein Segen. Die Folgen von Deindustriealisierung und Abwanderung wären ohne ihre Kaufkraft noch weitaus deutlicher zu spüren.
Von ihren kulturellen Bedürfnissen profitieren auch die verbliebenen Lichtspielhäuser.
Sie zeigen regelmässig türkische Filmproduktionen wie diese. Der „Traum des Schmetterlings“ wird grossflächig beworben. Er hat deutsche Untertitel.

In Bus und Bahn unterwegs: Die "Fahrt" in den Urlaub" NF17

Mittwoch war mein letzter Arbeitstag vor Weihnachten. Ich machte etwas früher Schluss um die S-Bahn die um 16.35 Uhr in Duisburg Richtung Dortmund losfährt noch zu erreichen. Das gelang auch. Die Bahn war wie erhofft halbleer. Ich nahm einen Fensterplatz in Fahrtrichtung ein; niemand saß neben mir auch die beiden Sitze gegenüber blieben frei.

Ich zog Wilhelm Genazinos „Wenn wir Tiere wären“ das ich einer zweiten Lesung für würdig erachtet hatte aus dem Rucksack, schlug das Buch auf streckte die Beine von mir – da öffnete sich die Tür des Zuges noch einmal. Ein Mann in meinem Alter trat ein, ignorierte mehrere Sitzmöglichkeiten und setzte sich mir schräg gegenüber. Ich ahnte Böses und leider bestätigen sich meine Befürchtungen. Will man es positiv sehen: Ich bin ein guter Prophet.

Mein Mitreisender zog ein Mobiltelephon aus der Jackentasche, stellte eine Verbindung her und begann einer bedauernswerten Frau unangemessen laut von seinem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt zu erzählen. Den Getränkekonsum hob er ausdrücklich hervor: „Jagertee…“ (Was ist das eigentlich? Muss wohl im Süden popuär sein) „… und dann immer mal einen halben Liter Malzbier zwischendurch“. Auch Details über die Abführung der Getränkemassen ersparte er weder seiner Gesprächspartnerin noch mir. Immerhin, als er nichts mehr zu erzählen wusste beendete er das Gespräch auch, holte Kopfhörer hervor und nutzte das Telefon als MP3 Player.

Ich genoss die Ruhe,hatte ihn aber unterschätzt. Nachdem er Auge und Ohr attackiert hatte startete er nun einen Angriff auf meine Geruchsnerven. Er hatte eine Tube Creme bei sich, deren ranzig-medizinisch riechenden Inhalt er zwischen seinen Händen verrieb. Seufzend packte ich das Buch in meinen Rucksack zurück.

In Oberhausen wurde der Zug voll. Meine neue Sitznachbarin verschaffte sich mit einem kräftigen Hüftstoss Raum, drängte mich an die Wagonwand.
Mir gegenüber nahm ein junger Asiate Platz, einen „coffee to go“ in der Hand den er bald austrank. Der leere Becher landete dort wo er hingehörte, in dem kleinen aus Metall gefertigten Abfallbehälter unter dem Zugfenster. Leider entdeckte er dabei, das man den Deckel dieses Behälters auch als Rythmusinstrument nutzen konnte. Er begann in unregelmässigen Abständen damit zu klappern.

Der Handcremer war inzwischen eingeschlafen, schnarchte lautstark vor sich hin. Ich sass etwas angespannt in der Ecke, peinlich darauf bedacht Körperkontakt mit meiner Nachbarin zu vermeiden. Mir gegenüber klapperte und schnarchte es. Ich zählte die Stationen: Essen-Dellwig, Essen-Bergeborbeck, Essen-Altenessen (Home of Herbert Knebel), Zollverein – Nord (früher Katernberg Süd, umbenannt im Kulturhauptstadtjahr 2010; auf das Weltkulturerbe Zeche Zollverein wird in einer englischsprachigen Ansage hingewiesen) und dann endlich: Gelsenkirchen. Bis auf den Schäfer machten mir meine Mitreisenden etwas unwillig Platz. Es gelang mir, die Zugtür rechtzeitig vor der Abfahrt zu erreichen. Die erste halbe Stunde meines Urlaubs hatte ich mir entspannter vorgestellt.

Und doch: Es gibt Schlimmeres: Autofahren. Wie bereits öfter erwähnt besitze ich seit 1994 kein eigenes Auto mehr, wollte nicht mehr zwei Mal am Tag 20 – 30 km einsam im Faradayschen Käfig sitzen, meist im Stau, umgeben von Kraftfahrzeugen in denen in der Regel auch nur ein Mensch saß. Autofahren macht alt, krank und rücksichtslos. Da bin ich doch lieber mit Schnarchern und Telefonierern zusammen als im Rückspiegel jemanden auftauchen zu sehen der mich mit deutlich mehr als 100m/h von der Spur drängen will. So sieht wahre Rücksichtslosigkeit aus.

Das Mittwochsild (45)

2011-02-11 17.05.16

Das ist ein zwei Jahre altes Geschäftshaus auf der Bahhofstraße in Gelsenkirchen. Die Bahnhofstrasse ist Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße der Stadt. Das Haus ist für Arztpraxen und Einzelhandelsgeschäfte gedacht.
Es steht seit seiner Fertigstellung leer.
Das ist nicht verwunderlich. Die Einwohnerzahl der Stadt sinkt seit Jahren. Die Industrien die den einstigen Wohlstand begründeten sind in den letzten drei Jahrzehnten nach und nach verschwunden – fast ersatzlos.
Verwunderlich ist das ein solches Haus überhaupt gebaut wurde. Jeder der eine halbe Stunde mit offenen Augen durch die Innenstadt geht kann sehen das so etwas nicht gebraucht wird und wer solche Summen investiert (in diesem Fall eine Schweizer Bank) sollte sich etwas dabei denken.
Mir bleibt nur die Vermutung, das es auf eine mir nicht bekannte Weise immer noch möglich ist mit Verlusten Geld zu verdienen. Das es Gewinn bringen muss solch ein Gebäude zu errichten gerade weil eine Nutzung nicht stattfindet und ich frage mich ob ein Wirtschaftssystem eine Zukunft haben kann das solch eine Handlungsweise nicht nur toleriert sondern fördert.

Derby (Blog 393)

Freitag Abend war es mal wieder so weit. Das “Derby” zwischen Dortmund und Schalke fand statt. Wie immer ausverkauft. Live in mehr als 100 Länder übertragen und ein Ärgernis. Auf dem Duisburger Hauptbahnhof erwarteten mich wie man auf dem Foto sieht bierkastenbewehrte Borussen:

Fans

Schalker Fans wären mir genau so unlieb gewesen. Anstatt wie üblich in einem mäßig besetzten Zug einen Blick in meine Lektüre zu werfen und die Vorfreude auf das Wochenende zu genießen mußte ich bis Gelsenkirchen stehen. Körperkontakt mit grölenden, alkoholisierten Menschen war unvermeidbar. Das später noch Schalker Anhänger zustiegen trug nicht zur Entspannung der Lage bei.

Über das 0:0 habe ich mich gefreut. Es war das bestmögliche Ergebnis. Trug zur Entspannung bei. Nicht einmal ein besonders schönes oder unglückliches Tor bot Anlaß Emotionen “auszuleben” was konkret unsägliche Schmähungen und physische Gewalt beinhaltet. Gut so – und da die Anspannung nun vorbei ist – sollte man nicht über einen anderen Umgang mit den Dortmunder Fussballanhängern nachzudenken? Wie wäre es mit einer Fan-Freundschaft Zwischen Dortmund und Schalke – so eine wie mit den Nürnbergern? Unmöglich? Weshalb? Es gibt da so etwas wie eine (leider) verloren gegangene Tradition. Wer es nicht glauben mag, möge hier nachlesen:

http://tinyurl.com/5rsf55j

Jedenfalls hoffe ich noch zu Lebzeiten die Fusion von Borussia Dortmund und Schalke 04 wahrnehmen zu können. Das neue gemeinsame Stadion könnte dann in Herne gebaut werden.