2010 war das Jahr….. (Blog 392)

…in dem das Kino zurück in mein Leben kam. Zwar war ich einmal jemand der gerne Filme sah , auch seine Vorlieben hatte. Ich habe fast alle Filme von Francois Truffaut gesehen, schätze heute noch die frühen Filme von Wim Wenders und wusste natürlich auch etliche Hollywood-Produktionen zu schätzen. Irgendwann in den 80er Jahren hörte das auf und die Kinobesuche zusammen mit meiner Frau kann ich trotz 16 Ehejahren an zwei Händen abzählen. Viele Kinos verschwanden auch. Man hatte nur noch die Wahl zwischen Multiplex und Programmkino. Die Wege wurden weiter.

Ende 2009 fragte mich ein Freund ob ich bereit wäre beim geplanten Kommunalen Kino Süd in Gelsenkirchen mitzumachen. Spielort war die Aula der Gesamtschule in Ückendorf , der Stadteil in dem ich lebe. Nach anfänglichem Zögern gewann der Cinemane in mir die Oberhand.
Wie es sich für einen bekennenden Digitalen gehört richtete ich zunächst ein Emailkonto und einen von allen Mitarbeitern nutzbaren Kalender ein. als dies erledigt war wurde ich einer von vier Kartenverkäufern. Jeden Mittwoch um 19.30 Uhr zeigen wir einen Film. Meist schaue ich ihn mir auch an. Unser Progamm reichte im vergangenen Jahr vom kurdischen Film mit deutschen Unterntiteln bis zum Hollywood Blockbuster. In diesem Jahr starten wir mit Eat,Love, Pray mit Julia Roberts in der Hauptrolle.

Ich habe in diesem Jahr mehr Filme gesehen als im ganzen ersten Jahrzehnt. Die drei die mir am besten gefallen haben will ich an dieser Stelle nennen:

3. MÄNNER AL DENTE
ist eine wunderschöne, weitschweifige Tragikomödie. Ein Nudelfabrikant in der italienischenProvinz will seinen Söhnen die Fabrik übergeben. Das sie homosexuell sind kann der Patriach nicht ertragen:
http://tinyurl.com/34m8z2p

2. GOETHE
von Phillip Stölzel ist ein Film in dem nicht ein historisches Detail stimmt der aber in einem höheren Sinne ?wahrhaftig? ist und sehr gut die Stimmung und Verhältnisse der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder gibt. Der Film befasst sich mit Goethes Zeit als Referendar am Reichskammergericht in Wetzlar und natürlich auch mit seiner Beziehung zu Charlotte Buff. Gut gespielt. Vor allem Moritz Bleibtreu überzeugt als Albert Kestner:
http://tinyurl.com/2ul4drt

Es gibt auch noch einen kürzeren, schöneren Trailer:
http://tinyurl.com/34zmeuk

1.UP IN THE AIR

Bedingt durch lange Kinoabstinenz war George Cloney für mich jemand der irgenwann einmal in einer Arzt-Serie gespielt hat und heute Reklame für Kaffeemaschinen macht. Ich muss Abbitte leisten. Er ist ein wunderbarer
Schauspieler:
http://tinyurl.com/ycn8zum

Ich würde mich freuen wenn einige von Euch in nächster Zeit einmal wieder den Weg ins Kino finden würden. Es gibt mehr sehenswerte Filme, als zumindest ich vermutet habe.

GESTERN HATTE ER GEBURTSTAG (BLOG 348)

Den 260. übrigens. Es war eine schwere Geburt die sich über drei Tage hinzog; ohne Arzt, mit einer ungeschickten Hebamme. Blau und leblos war das Kind. Es wurde geschüttelt, die Herzgube mit Wein eingerieben. Das half.

Von Johann Wolfgang Goethe ist die Rede dessen Leben in eine Zeit des Umbruchs fiel. Er wurde in einer mittelalterlich geprägten Stadt groß, erlebte im Laufe seines Lebens die französische Revolution, den Zusammenbruch Deutschlands in den napoleonischen Kriegen, den Aufbruch der Naturwissenschaften und die beginnende Industriealisierung. Dies alles nahm er bewußt wahr, beschrieb und wertete es, nahm im Rahmen seiner Möglichkeiten auch teil am Geschehen.

Goethe war auf Ewigkeit aus. Seine Popularität gefiel ihm. Sie sollte nach seinem Tod erhalten bleiben. Deshalb schrieb er Tagebücher, beschäftigte Sekretäre, empfing Besucher. Das 177 Jahre nach seinem Tod ein Text wie dieser veröffentlicht wird – er würde es mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen.

Zeitlebens brauchte er sich keine finanziellen Sorgen zu machen. Es wird geschätzt das der Vater ein Drittel des (beträchtlichen) Familienvermögens allein für das Studium des Sohnes (das mit einem fragwürdigen Abschluß endete) verwandte. Er fand einen Arbeitgeber der als er erfuhr das sein leitender Angestellter sich spontan und ohne Vorankündigung entschlossen hatte sich zwecks Auseinandersetzung mit einer Lebenskrise auf unbestimmte Zeit (Es wurden 21 Monate) einen Italienurlaub zu gönnen einen Brief schrieb in dem er sinngemäß mitteilte das Gehalt werde weiter gezahlt.

Die dunkle Seite: Goethe war ein Mensch, der Menschen verbrauchte. Beziehungen ohne erkennbaren Grund abbrach, Freunde nicht mehr sehen wollte, sich bedroht fühlte, von Ängsten geplagt wurde.

Aber eben auch ein Mensch der viele Möglichkeiten hatte und viele davon nutzte. Dem die Chance, ein exemplarisches Leben zu führen bewußt war und sie ergriff.

Ich möchte nachträglich per Video eines seiner späten Gedichte zu Gehör bringen – wenn man so will: Ein Gedicht zum Geburtstag aufsagen. Der Text erschließt sich nicht leicht. Hier ist er:

Im ernsten Beinhaus wars, wo ich beschaute,
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih geklemmt, die sonst sich haßten,
Und derbe Knochen die sich tötlich schlugen
Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten.
Entrenkte Schulterblätter! Was sie trugen,
Fragt niemand mehr, und zierlich tätge Glieder,
Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.
Ihr Müden also lagt vergebens nieder,
Nicht Ruh im Grabe ließ man euch, vertrieben
Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder,
Und niemand kann die dürre Schale lieben,
welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.
Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,
Die heilgen Sinn nicht jedem offenbarte ,
Als ich inmitten solcher starren Menge
Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte,
Daß in des Raumes Moderkält und Enge
Ich frei und wärmefühlend mich erquickte,
Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.
Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!
Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!
Ein Blick der mich an jenes Meer entrückte ,
Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.
Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten?
Dich holden Schatz aus Moder fromm entwendend
Und in die freie Luft, zu freiem Sinnen,
Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als das sich Gott -Natur ihm offenbare ?
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

Wer sich bis jetzt nicht hat abschrecken lassen und mehr wissen möchte sei auf eine Interpretation des Gedichtes hingewiesen:

http://tinyurl.com/n84v45_

Und nun bitte ich um wohlwollende Nachsicht mit dem „Sprecher“. Es werden zwei Möglichkeiten angeboten, sich das Video anzuschauen einmal diese:

http://www.blog.de/media/video/goethe_beinhaus/3835874

Und da dies erfahrungsgemäß nicht immer klappt hier noch eine Alternative:

http://de.sevenload.com/videos/Bsydq7z-Goethe-Beinhaus

Zuletzt möchte ich noch auf meine wesentliche Quelle verweisen. Richard Friedenthals Buch: „Goethe sein Leben und seine Zeit ist – obwohl bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben – immer noch die verständlichste und detailreichste Lektüre wenn man einen Zugang zu Goethe sucht.

Noch ein Mondblog (Blog 302)

 

Den Text am Montag in „mondgelb“ zu setzen war wohl kein guter Gedanke. Nicht nur das er schwer lesbar war; wie ich heute morgen eher zufällig entdeckte wurde der gelbe Text zwar auf dem Firefox angezeigt, auf google Chrome und dem aktuellen Internet-Explorer herrschte dagegen gähnende Leere – und so wurde er nun flugs auf das traditionelle „schwarz“ umgestellt.

Heute also Vollmond; vielleicht ein Grund dem Mond einige Zeilen zu widmen. Es scheint so, als habe er – seit die Menschen ihn betraten – viel von seinem Zauber eingebüßt. Nur naturkundige Frauen befassen sich noch mit ihm, ansonsten wird er ignoriert. Dabei war er mal ein guter Freund

dem man sich nahe fühlen konnten. Zwei lyrische Texte aus der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts – die deutsche Sprache strebte damals seitdem nicht wieder erreichten Höhen zu – zeugen davon:


Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah schläfrig aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch tausendfacher war mein Mut:
Mein Geist war ein verzehrend Feuer,
Mein ganzes Herz zerfloss in Glut.

Oder hier:

Willkommen, o silberner Mond,
Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!
Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.

Goethe und Klopstock wußten noch, was sie an ihrem Mond hatten; sie sprachen mit ihm, waren sich seiner Anwesenheit bewußt, schrieben für und über ihn Gedichte.

Leider ist der Vollmond heute unsichtbar. Habe gerade noch kurz den Tokyo Tea Room verlassen und bin hinaus auf den Marktplatz. Nichts zu sehen. Irgendwo hinter den Wolken muß er sein, zeigt sich nicht. Ob er uns nicht mehr mag ?



Schillers Schädel (Blog 274)

Schillers Schädel (Blog xxx)

Auf keinen der beiden Schädel von denen man bisher annahm, sie könnten zu den Überresten des Körpers von Friedrich Schiller gehören trifft diese zu. Das weiß man nun – Dank einer DNA–Analyse.

Mich hat diese Geschichte befremdet. Wer hat eigentlich ein Interesse an solcher „wissenschaftlichen“ Tätigkeit? Was hat man nun mit dieser „Gewissheit“ gewonnen – oder doch verloren? Ich muß zugeben, zeitlebens Schillers Werk vernachlässigt zu haben. Mit seinem „Freund“ Goethe habe ich mich dagegen zeitlebens intensiv beschäftigt. Zuerst mit der Begeisterung die ein guter Deutschlehrer bei einem jungen Menschen wecken kann, inzwischen fast widerwillig weil er mir als Mensch – je mehr ich von ihm erfahre immer fremder und unsympathischer wird – aber er lässt mich nicht los.
Vielleicht liegt es an Geschichten wie dieser:

http://www.schiller.ard.de/entdecken/episode.php?id=43

Goethe der wie man spätestens seit Richard Friedenthals Biographie weiß, ein schlechter Freund war, einer der Menschen (wie den armen Eckermann) „verbrauchte“ , der von heute auf morgen langjährige Beziehungen abbrechen konnte, der Freunde nicht empfing wenn sich nach Jahrzehnten die Gelegenheit des Wiedersehens bot (Klinger), der die eigene Frau sterben ließ, ohne bei ihr zu sein – dieser Goethe läßt sich den – wie man seit dem vergangenen Wochenende weiß „vermeintlichen“ Schädel des vor mehr als 20 Jahren gestorbenen Friedrich Schiller bringen und schreibt als 78jähriger dieses Gedicht, das mich als ich vor drei Jahrzehnten eher zufällig darauf stieß, sofort gefangen nahm, das ich sofort auswendig lernen musste und mich seither begleitet:

Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute,
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih‘ geklemmt, die sonst sich haßten,
Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,
Sie liegen kreuzweis zahm allhier zu rasten.
Entrenkte Schulterblätter! was sie trugen,
Fragt niemand mehr, und zierlich-tät’ge Glieder,
Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.
Ihr Müden also lagt vergebens nieder,
Nicht Ruh‘ im Grabe ließ man euch, vertrieben
Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder,
Und niemand kann die dürre Schale lieben,
Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.
Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,
Die heil’gen Sinn nicht jedem offenbarte,
Als ich inmitten solcher starren Menge
Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte,
Daß in des Raumes Moderkält‘ und Eng
Ich frei und wärmefühlend mich erquickte,
Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.
Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!
Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!
Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,
Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.
Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten,
Dich höchsten Schatz aus Moder fromm entwendend
Und in die freie Luft zu freiem Sinnen,
Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare?
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

Das „Geisterzeugte“ – das ist was zählt. Nicht Überreste des Körpers. Das was wir gesagt, gesungen, geschrieben haben ist unsere Chance auf so etwas wie ein ewiges Leben. Das kann – mit Glück natürlich – Jahrhunderte, sogar Jahrtausende fortwirken.

Und in aller Unbescheidenheit: Das gilt natürlich auch für uns Blogger. Unsere Texte, Fotografien, Viedeos – das ist unsere persönliche Chance auf die Ewigkeit. Nehmt sie wahr!

Aus dem Urlaubstagebuch 4: Tischbeins Grab (Blog 236)

Er teilt das Schicksal mancher Interpreten populärer Musik. Dort kennt man den Begriff „One-Hit-Wonder“ der besagt, dass man sich an diesen Sänger nur wegen eines Liedes erinnert. Barry Ryan zum Beispiel von dem man allenfalls seinen Hits „Eloise“ kennt und der mir deshalb einfällt weil jüngeren Schwestern es fertigbrachten, diese Single zur Zeit ihrer grössten Popularität (1968) zwei Dutzend mal am Nachmittag zu spielen:

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751 -1829) hat ein ähnliches Schicksal. Es gibtein Bild von ihm, das fast jeder schon einmal wahrgenommen hat, das so populär ist, das sein Motiv von anderen Künstlern aufgegriffen, neu interpretiert, verfremdet wurde. Es ist dieses Bild:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Johann_Heinrich_Wilhelm_Tischbein_007.jpg

Es zeigt den zwei Jahre älteren damals 38jährigen Johann Wolfgang Goethe in Mücken- und zeckensicherer Reisekleidung während seines Italieaufenthaltes. Nach einem Jahrzehnt in Weimar hatte diesen der Frust gepackt von dem er sich befreite indem er spontan zu seiner mehr als Jahr währenden Italienreise aufbrach. Seinen Arbeitgeber verständigte er im Nachhinein. Dieser liess ihm die Nachricht zukommen, er solle sich keine Sorgen machen, das Gehalt werde weitergezahlt. Aber das ist eine andere Geschichte…

Tischbeins weitere Werke sind heute leider weitgehend unbekannt. Er blieb der Goethe-Tischbein. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er als Hofmaler in Eutin.

Das er dort begraben liegt, wusste ich nicht. Ich erfuhr zufällig durch die Lektüre eines Prospektes der Eutiner „tourist information“ (Berühmte Eutiner) das sein Grab sich auf dem evangelisch-lutherischen Friedhof in der Plöner Straße befinde. Natürlich wollte ich es sehen.

Was dann doch nicht so einfach wie vermutet von statten ging. Es war ein großer Friedhof und es gab keinerlei Hinweise darauf wo das Grab zu suchen sei. Blieb nur die systematische Begehung und ich hatte das Glück, es bereits nach einer Viertelstunde zu finden.So sieht es aus:

Tischbein

Tischbein ist neben seiner Frau bestattet. Sein Grab ist das linke. Ohne Genaueres über die Geschichte dieser Grabstätte zu wissen glaube ich doch sagen zu können, dass die beiden massiv wirkenden Grabplatten erst längere Zeit nach der Beerdigung an diese Stelle gelangt sind. Vom Stil her würde ich sie auf das erste Drittel des 20. Jahrhunderts datieren. Möglicherweise hat man diese hässliche Form der Abdeckung gewählt um die Kosten der Grabpflege gering zu halten.

Und mir lief ein Schauer über den Rücken bei der Vorstellung selber unter solch einer furchtbaren Platte liegen zu müssen. Wer jetzt etwa versucht ist zu sagen: „Weshalb ? Du merkst doch nichts mehr“ – dem kann ich nur Entgegenhalten das ich mir da nicht so sicher bin. Ängste, die mich seit Kindertagen verfolgen brachen auch diesmal wieder auf. Ich kann mir nämlich sehr wohl vorstellen in einem Grab zu liegen: Unfähig sich zu bewegen, vor sich hinmodernd – aber bei vollem Bewußtsein. Das ich alles spüre: Die Kälte, die Feuchtigkeit und möglicherweise eben auch den Druck einer solchen Grabplatte.

Das ist keine Frage eines religiös fundierten Glaubens, der Wahrscheinlichkeit oder der psychischen Befindlichkeit. Es ist eher eine Art „Urwissen“. Das Bewußtsein des Individuums kann nicht verloren gehen, auch nicht jahrtausendelang „schlafen“ . Egal was mit den Resten des Körpers geschehen mag. Und nicht nur ich denke so, es hat mich beruhigt und getröstet, als mir vor nunmehr mehr als zwanzig Jahren Ludwig Hirschs Langspielplatte „Dunkelgraue Lieder“ in die Hände fiel. Eines davon: „I lieg am Ruckn“ beschreibt genau diese Situation: Ein Toter, der bei vollem Bewußtsein in seinem Grab liegt:

„I lieg am Rucken und stier mit offene Augen in die Finsternis.
Es is so eng und so feucht um mi herum, i denk an dich.
I kann’s noch gar net kapieren: Du liegst heut Nacht net neben mir —
und i frier —
Wie lacht der Wind, wie weint der Regen, i möchtet’s so gern hören!
Du kannst dir’s net vorstellen des beinharte Schweigen, da vier Meter unter der Erden.
Die Schuh auf Hochglanz poliert, ein’n Scheitel haben s‘ mir frisiert.
I frag mi wofür?…..“

(Hier gibt es den ganzen Text: http://www.ludwighirsch.at/textindex.htm )

Als ich am späten Abend des selben Tages – es war einer der wenigen schönen, warmen Tage des vergangenen Sommers – neben meiner Frau lag gingen mir diese Gedanken durch den Kopf. Ich liess sie zu, versuchte nicht sie zu verdrängen. Als ich noch jünger war hätte ich mich dagegen gewehrt aber eigenartigerweise kann ich sie um so leichter ertragen je näher der Tag rückt an dem man mich begraben wird. Aber bis es so weit ist hat dieser Körper mit etwas Glück noch zwei gute Jahrzehnte in denen es noch einiges zu genießen, zu erleiden, zu erfahren, zu sehen und zu hören gibt – und zu schreiben. Blogeinträge zum Beispiel.