Buchbesprechung: "Slam" von Nick Hornby (Blog 260)

Slam

Ich will es gar nicht verhehlen: Ich mag Nick Hornby. Die meisten seiner Bücher habe ich mit Vergnügen gelesen – auch weil ich vieles wiedererkannte, weil er Probleme aufgriff, die auch einmal die meinen gewesen waren, weil das, was er über Frauen, Fußball und Popmusik schrieb dem entsprach was auch ich erlebt, erhofft und erlitten hatte. Obwohl er fast vier Jahre jünger ist als ich habe ich ihn immer als glaubwürdigen Chronisten meiner Generation betrachtet.

Die Frage die sich mittlerweile stellt lautet: Kann er mehr sein ? Bis zu seinem vorletzten Buch schöpfte er im wesentlichen aus eigenen Erfahrungen, schrieb über das, was ihm vertraut war. Dann erschien 2005 „A long way down“ Ein „Werk“, dem man die Ambitionen des Verfassers anmerkte, über das bisher geleistete hinauszugehen. Zu versuchen, anstatt „nur“ Realität abzubilden und zu kommentieren einen „großen“ Roman zu schreiben. Der Inhalt in Kürze: Vier Menschen besteigen ohne voneinander zu wissen ein Londoner Hochhaus um sich durch einen Sprung in die Tiefe das Leben zu nehmen. Ihr Aufeinandertreffen verhindert dieses Vorhaben. Sie setzen sich eine Frist von sechs Wochen in denen sie versuchen wollen ihrem Leben wieder einen Sinn abzugewinnen.

Keine schlechte Idee – aber der Autor war ihr nicht gewachsen. Die Figuren des Romans – diesmal keine Menschen aus seinem Umfeld sondern aus anderen sozialen Schichten und Generationen stammend mangelte es an Glaubwürdigkeit. Sie wirkten so klischeehaft als seien sie einer Daily Soap entsprungen und das am Ende für alle alles gut wird konnte auch nicht glaubwürdig vermittelt werden. Ich war von diesem Buch enttäuscht.

Nun , zwei Jahre später, erscheint ein neuer Roman von Nick Hornby: „Slam“. Der Ich-Erzähler ein 15-jähriger Schüler (Sam) dessen Eltern geschieden sind und der bei seiner Mutter lebt (wieder eine autobiographische Komponente) verliebt sich in ein gleichaltriges Mädchen (Alicia) aus bildungsbürgerlichen Millieu. Gerade als die Phase des ersten heftig ineinander verliebt Seins abebbt stellt sich heraus, das seine Alicia schwanger ist. Sam versucht sich der Verantwortung zu stellen, zieht ins Haus der Eltern seiner Freundin und versucht mit dieser und dem Kind ein „klassisches“ Familienleben zu führen. Der Versuch scheitert. Der Schluß des Buches ist versöhnlich. Am Ende haben Alicia und Sam neue Lebenspartner. Es gibt keine gegenseitigen Schuldzuweisungen. Man akzeptiert einander und erzieht das Kind gemeinsam.

Umschlaggestaltung, Klappentext und erste Seiten könnten (oder sollen wohl auch) den Eindruck erwecken in diesem Buch ginge es auch ums „ Skaten“. Das ist aber nicht der Fall. Dieser Sport als solcher spielt nur eine Nebenrolle. Er dient im wesentlichen dazu, den Ausflug des Autors ins Transzendentale einen begreifbaren Hintergrund zu verschaffen. In seinen bisherigen Büchern hat Hornby nur einmal und sehr vorsichtig von diesem Stilmittel Gebrauch gemacht. Nun setzt er es massiv ein: Sam verehrt den Profi-Skater Tony Hawk dessen Autobiographie er auswendig kennt und dessen Poster in seinem Zimmer hängt. Mit diesem Poster hält er eine Art Zwiesprache. Wie würde Tony Hawk handeln fragt er sich in schwierigen Lebenssituationen und angesichts des Posters fällt ihm das passende Zitat aus Tony Hawks Buch ein. Aber damit nicht genug: Drei mal im Laufe der Handlung versetzt ihn Tony in die nähere Zukunft. Konkret sieht das so aus, dass Sam, der gerade erst erfahren hat, dass seine Freundin schwanger ist in seinem Zimmer einschläft und im Zimmer seiner Freundin erwacht. Geweckt von den Schreien seines Sohnes, dessen Namen er nicht einmal kennt. Nach ein bis zwei Tagen die er später wiedererlebt versetzt ihn Tony zurück in die Gegenwart. Sam weiß durch diese Ausflüge in die Zukunft , in welche Richtung sich sein Leben entwickeln wird.

Dieser stilistische (Fehl)griff ins Übernatürliche passt nicht zu der in ihren
Grundzügen realistisch konzipierten Handlung die auch ohne diese Einschübe gut auskäme. Manche(r) Leser(in) wird sich nicht zu unrecht fragen was dieser Zauber soll. Möglicherweise wollte der Autor deutlich machen, dass es nicht hülfe, wenn man die Zukunft kennen würde, dass es die Möglichkeit der Korrektur nicht gibt. So wie etwa Jean Paul Satre in seinem Drehbuch zu dem Film „Das Spiel ist aus“. Befremdlich wirkt das Ganze dennoch.

Ich zweifle auch daran, ob der Versuch des über 50jährigen Autors sich in die Gefühlswelt der 15-Jährigen zu versetzen glaubwürdig sein kann. Da ist die Gefahr doch groß, das man wie ein Blinder von der Farbe redet. Allenfalls entsteht eine Kunstfigur in welcher sich ein real existierender 15jähriger Mensch kaum wiedererkennen dürfte.

Leider gilt für dieses Buch das gleiche wie für den Vorgängerroman: Es wäre mehr möglich gewesen. Der Autor nutzt seine Stärken nicht, deutet nur an, wo es gälte weiterzuschreiben: Sams Vater, der als unsensibel gilt , im Gegensatz zur gutwilligen Mutter aber als einziger die Situation realistisch einzuschätzen weiß. Alicia, deren Probleme daher rühren, dass sie den Ansprüchen ihrer Eltern nicht gewachsen ist, die sich liberal geben ihre Tochter aber auf eine subtil gnadenlose Art und Weise zu ihrem Glück zwingen wollen und auch der Prozess in dessen Verlauf Alicia und Sam zu dem Ergebnis kommen, das es bei allem guten Willen eben zusammen doch nicht gehen wird – all das hätte man gern ausführlicher und intensiver beschrieben gesehen. Das Buch misslingt trotz guter Ansätze letztlich, weil der Autor der Versuchung nicht widerstehen kann, ein bißchen „Gott“ zu spielen.

In seiner Autobiographie „Eine Art Leben“ schildert Graham Greene, wie er nach Anfangserfolgen fast 10 Jahre lang nicht mehr in der Lage war, ein gutes Buch zu schreiben. Möglich, dass Nick Hornby eine ähnliche Erfahrung machen muss. Möglich aber auch, das er ähnlich wie Greene noch ein überragender Autor werden kann. Die Würfel sind noch nicht gefallen. Alles ist offen. Ich wünsche ihm, dass er künftig in der Lage sein wird, seine Chancen zu nutzen.

Dies und das (Blog 229)

HERBST

Gestern war es soweit. Zum ersten Mal seit Mai holte ich ein langärmeliges Baumwollhemd aus den Tiefen des Kleiderschrankes hervor. Ergiebige Regenfälle, eine Temperatur die bei 8 Grad im Schatten liegt. Die T-Shirts dürften für dieses Jahr ausgedient haben.

WORTSCHÖPFUNGEN

Die Deutsche Sprache bietet viele Möglichkeiten kreativ zu werden. Nachdem meine Blogfreundin ?zuagroast? vor kurzem eher beiläufig den BLONDIERMEISTER kreiert hatte (siehe ihren Blogeintrag vom ) und ich bei einem Arztbesuch Bekanntschaft mit der ÄRZTEROLLE machen durfte (Das ist keine gymnastische Übung für Ärzte sondern…..ratet mal) flatterte mir nun das Schreiben eines hiesigen Schuhgeschäft ins Haus in welchem darauf hingewiesen wird, dass sich an einem bestimmten, nicht mehr allzufernen Tag die BEQUEMSCHUHBERATERIN der Firma XXX einfinden werde um „Fragen rund um das bequeme Gehen“ zu beantworten.

Das wäre ein Beruf für mich. Den Frauen die Pumps und Stilletos ausreden und sie für Mephisto oder Finn Comfort Schuhe gewinnen ? dieser Aufgabe würde ich mich gern stellen. Wenn die Buddhisten – was ich nicht hoffe – recht mit ihrer Vorstellung von einer Wiedergeburt haben sollten würde ich in einem künftigen Leben gern Bequemschuhberater sein wollen. Da aber alle mir bekannten Religionen Ironie hassen , Rachsucht aber schätzen würden wohl allein die letzten Sätze zur Folge haben, dass ich dieses künftige Leben als eine Art Al Bundy verbringen müsste.

BIER TRINKEN

„Alkohol lernte ich in der harmlosen Form von Bitterbier schätzen: Lubbock, mein Reitlehrer , war der erste, der mir Bier anbot, als ich ihn an einem Sommerabend besuchte. Es schmeckte abscheulich, und ich trank es herunter in dem Bemühen, meine Männlichkeit zu beweisen, doch einige Tage später, auf einem langen Spaziergang querfeldein… spürte ich den Geschmack auf der Zunge, wie zum Hohn, denn ich war sehr durstig. Wir kehrten in ein Gasthaus ein, aßen Brot und Käse, und ich trank zu zweitenmal Bitterbier, daß mir köstlich mundete und das bis heute nie aufgehört hat, herrlich zu schmecken …“

Das las ich vorgestern Abend in meiner momentanen Bettlektüre: ?Eine Art Leben?. Das ist die Autobiographie des englischen Schriftstellers Graham Greene (Der graphodino ist schuld, das ich dieses Buch hervorholte, aber das ist eine andere Geschichte). Von ganz geringen, zu vernachlässigenden Details abgesehen ist es mir genau so ergangen. De javu! De javu! Es zeigt sich: So unterschiedlich sind unsere Leben nicht. Das Individuum als solches wird vielleicht überschätzt. Aber es gibt den einen oder anderen Menschen, der eine Erfahrung die viele machen allgemein gültig beschreiben kann. Dessen Leben dadurch exemplarisch wird. Ist das vielleicht der eigentliche Grund weshalb wir ein weblog schreiben ? Ist es das, was wir wollen ?