In Bus und Bahn unterwegs : Fussballfans (Blog 334)

 


Ich hatte mich also schon früh von der Messe verabschiedet (Siehe Eintrag 333) und träumte von einer Heimfahrt in einem fast leeren Regionalexpress. Lektüre war reichlich vorhanden und Zuhause angelangt würde meine Frau mir Spargel zubereiten. Ich war einverstanden mit der Welt und mir.

Ein erstes Warnzeichen war der wider Erwarten volle Bahnsteig mit vielen Menschen in gelb-schwarzen Trikots. Unverkennbar Fans von Borussia Dortmund. Wo kamen die hier im Rheinland her? Hatten die nicht an ihrem 1.FC Köln genug ? Es ist mir jetzt noch ein Rätsel. Der Zug war bereits voll. Keine Chance auf einen Sitzplatz. Stattdessen wurde ich gegen den Rücken eines übelriechenden biertrinkenden Glatzkopfs gedrückt der zu allem Überfluß noch ein T-Shirt mit der Rückenaufshrift „110% Anti-GE“ trug. Einige Dortmund-Fans haben wohl Schwierigkeiten mit der Mathematik.

Konnte es noch schlimmer kommen ? Ja! In Leverkusen stieg eine nicht unerhebliche Zahl Bayer 04 Fans hinzu. Mir fiel ein, das das Leverkusener Stadion zur Zeit umgebaut wird und Leverkusen die Heimspiele im Düsseldorfer Rheinstadion austrägt. Panik stieg in mir hoch. Die Qualität der Luft ließ mit jedem Atemzug nach.

In Düsseldorf stiegen nicht nur die Leverkusener sondern auch ein Teil der Fahrgäste aus die andere Gründe als Fußball für ihre Anreise hatten. So gelang es mir mich in das obere Abteil der ersten Klasse vorzukämpfen das zu meiner Verwunderung nur spärlich besetzt war – bis auf ein halbes Dutzend Dortmunder Fans die unten keinen Platz mehr gefunden hatten und ihr Bier tranken.

Niemand sagte etwas bis einer der Dortmunder sich eine Zigarette anzündete. Da sprang ein „Herr“ -braunbeiger Nadelstreifenanzug , langes weisses Haar, gepflegter Bart – auf. „Hören Sie sofort auf zu rauchen oder ich rufe die Polizei“ – er zog sein Mobiltelephon aus der Tasche. Die Fussballfans zeigten keine Reaktion. „Wenn sie schon hier in der ersten Klasse sitzen können Sie sich wenigstens benehmen. Ich kann die Polizei holen“. Er hielt das Mobiltelephon in die Höhe, wurde weiter ignoriert, ließ die Hand sinken und zog sich auf seinen Platz zurück. Nun allerdings fanden seine Kontrahenten Worte: „Geht es dir jetzt besser – Hast du abgespritzt – Wir haben auch bezahlt“ und dergleichen Häme mehr ergoss sich über ihn.

Als ich in Essen einen weiteren Pulk gelb-schwarz gekleideter Menschen auf dem Bahnsteig sah, sieg ich vorzeitig aus und wartete auf den nächsten Bummelzug nach Gelsenkirchen. Mein Bedarf an Nähe und Kommunikation waren zumindest für diesen Tag gedeckt.

Später trank ich etwas mehr Weißwein als sonst zum Spargel.

Und doch trotz oder gerade wegen solcher Erlebnisse ziehe ich das Reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln der Fahrt im Auto vor. Man ist dem Leben näher, wird mit Menschen ausserhalb des eigenen in meinem Fall wohl kleinbürgerlichen Umfelds konfrontiert und muß sich eigenen Vorurteilen, eigener Sprachlosikeit, manchmal auch eigenem Versagen stellen. In der Bahn kann man manchmal den Mitmenschen nicht ausweichen die einem fremd sind. Man lernt „ertragen“ statt auszuweichen und das kann uns ein Stück weiterbringen.

In Bus und Bahn unterwegs (Blog 317)

Gestern morgen kurz vor 7.00 Uhr an der Haltestelle Duisburg Hauptbahnhof. Einige giggelnde Schülerinen haben einen Heidenspaß bei meinem Anblick: Ein Mann mit Hut! „Sie sehen aus wie unser Lehrer“ ruft eine von Ihnen mir zu. Welch ein Kompliment! Vor einem Jahrfünft hätte ich mir auch noch nicht vorstellen können jemals eine Kopfbedeckung zu tragen weil jede irgendwie lächerlich aussah. Doch die Haare wurden immer dünner und im Winter fror ich am Kopf. Kangool-Mützen bewährten sich nicht; sie zerstörten jede Frisur und ich vergaß sie häufig in Gaststätten oder auf Besuchen. Dann also doch lieber Hüte – und den Spott gelassen ertragen.
Wieso waren diese Gören eigentlich so früh schon so munter? In diesem Alter hat man gefälligst bis weit nach Mitternacht aufzubleiben, Rap oder Techno zu hören und früh am Morgen muffig und schlecht gelaunt zu sein.

Leben ohne Auto (Blog 295)

 

Im Juni habe ich in Blog 281 verlauten lassen, dass meine Frau und ich versuchen wollten künftig ohne Auto auszukommen. Ich selber habe das meine schon 1994 verkauft, ließ mich aber morgens gern zum Essener Hauptbahnhof mitnehmen und natürlich nutzten wir es gemeinsam wenn es um Einkäufe und Ausflüge ging. Das war nicht mehr möglich nachdem wir unseren 12 Jahre alten Wagen dann tatsächlich nach mehr als 170.000 Kilometern abmeldeten.


Das Experiment verlief von Anfang an nicht durchgängig positiv. Die finanziellen Einsparungen waren für unsere Verhältnisse zwar erheblich; die bisherige Hauptnutzung : Hin- und Rückfahrt zum Arbeitsplatz – ließ sich mühelos organisieren – aber der Teufel steckte im Detail. Einiges hatten wir nicht bedacht:


Beginnen wir damit das ich – von Neigung und Talent her ein Mittelstreckenläufer – nun auf meine alten Tage am frühen Morgen zum Sprinter wurde. Ich stieg eben nicht wie bisher erst in Essen in den Zug ein sondern fuhr in Gelsenkirchen mit der S-Bahn los. Die S-Bahn traf um 6.28 Uhr auf dem Essener Hauptbahnhof ein, der Regionalexpress nach Duisburg startete um 6.32 Uhr in Essen. Dazwischen liegen vier Minuten. Das ist zu schaffen, wenn der Fahrplan exakt eingehalten wird. Aufgrund einer Baustelle im Recklinghauser Raum ist noch für einen längeren Zeitraum aber fast immer mit einigen Minuten Verspätung zu rechnen. Ich musste also darauf hoffen, dass sich auch der Regionalexpress um einige Minuten verspätet. Die Chancen standen 50:50, mal schaffte ich es, mal sah ich nur noch die Schlussleuchten des ausfahrenden Zuges. In beiden Fällen hatte ich zwei mal ca. 50m Sprint auf Bahnsteigen und zwei vielstufige Treppen hinter mir. Das Versäumen des Zuges war eigentlich nicht so tragisch. Bereits eine Viertelstunde später fährt der nächste. Ich kam in jedem Fall pünktlich zur Arbeit. Aber gerade diese Viertelstunde die es mir ermöglicht als erster im Büro zu sein, den Kaffee, dessen Zubereitung ich ungern anderen überlasse, selbst aufzusetzen und die anfallenden Aufträge in Ruhe durchzusehen fehlte mir und ihren Verlust empfand ich als erhebliche Einbuße an Lebensqualität.


Ein weiteres Problem das wir unterschätzt hatten: Unsere über 80-jährigen Mütter die beide noch in eigenen Wohnungen leben. Nicht allzuweit entfernt aber – wie wir bald feststellten – mit dem Auto wesentlich schneller und eben auch mal kurzfristig spontan zu erreichen. So kam es, das unsere Besuche neben den festgelegten „Besuchszeiten“ (Sehr wichtig! Alte Leute sind wie Kinder und brauchen feste Termine zur Orientierung) seltener wurden was ihren Unmut weckte – und den bekamen wir zu spüren. Unverhohlen wurde gemutmaßt, es ginge den Kindern finanziell schlecht („Könnt ihr euch eigentlich kein Auto mehr leisten?“) . Kosten- oder gar Umweltargumente trafen auf unverhohlenen, nicht selten beissenden Spott.


Aber auch meine Frau hatte Probleme mit der neuen Situation. Einmal fiel die Abgabe des Autos mit dem wirksam werden eines neuen Tarifvertrages zusammen der eine halbstündige Verlängerung der Wochenarbeitszeit vorsah. Was auf den ersten Blick nicht bedeutsam schien aber zusammen mit den Wartezeiten auf den Bahnhöfen dazu führte, dass sie mindestens eine Stunde später als vorher zu Hause war. Dies brachte ihren „Einkaufsplan“ durcheinander. Sie musste nun in fussläufig zu erreichenden Märkten einkaufen. Jeder der Lebensmittel einkaufen muß weiß, das man einen Einkaufsmarkt nicht ohne weiteres durch einen anderen ersetzen kann. Selbst bei denselben „Ketten“ können die einzelnen Preise und Sortimente stark differieren und sei es nur, das ein bestimmtes Deo nicht verfügbar ist oder das eine andere Sorte fettarmen Speisequarks geführt wird. Es war für sie auch nicht mehr möglich, durch Ausnutzen der Gleitzeitregelung Freitags bereits am frühen Nachmittag die Arbeit zu beenden. Das ist deshalb wichtig weil – wie ich jetzt weiß – in keinem „Frischemarkt“ Freitags um 16.00 Uhr noch passables Obst und Gemüse zu bekommen ist. Man findet nur noch halbleere Regale vor deren Inhalt höchstens noch als Kaninchenfutter taugt.


All diese und einige weitere ungeschilderte Erlebnisse führten schließlich dazu, das wir übereinkamen, das Experiment „Leben ohne Auto“ zu beenden. Ich empfinde das als Niederlage, muss aber zugeben das auch ich nicht bereit war, die Folgen auf Dauer zu tragen. Noch sind wir vom Automobil abhängiger als ich dachte. Seit einer Woche haben wir wieder eins.


In Bus und Bahn unterwegs: Himbeer und Orange (Blog 292)

 

In Essen steige ich um 6.35 Uhr in den geringfügig verspäteten Regionalexpress. 242 Sekunden sind es genau. Die Verkündung dieser Zahl per Lautsprecherdurchsage führt selbst bei den um diese Zeit in der Regel müden und nicht gerade gut gelaunten Fahrgästen zu wagonweit hörbaren Heiterkeitsausbrüchen. Sekundengenaue Verspätungsmitteilungen – das gibt es wohl noch nicht so lange; habe ich jedenfalls bisher noch nicht gehört. Spricht man dann bei einstündiger Verspätung von 3600 Sekunden ?


Der Zug ist wie am Freitag üblich nur mäßig besetzt. Lesen mag ich gerade nicht. Zeit also, einen Blick auf die Mitreisenden zu werfen. Mir gegenüber sitzt eine Frau , die ihren Unterkörper einschließlich der Füße mit einer himbeerfarbenen Tagesdecke verhüllt hat. Konkret: Die Schuhe (so sie welche tragen sollte ) stehen auf der Decke. Auf dem Schoß liegt eine himbeerfarbene Tasche mit floralen Motiven; die Brille hat eine himbeerfarbene Fassung. Nur das violettfarbene Buch beißt sich furchtbar mit den anderen Accesoires. Leider kann ich den Titel nicht erkennen aber der Farbe nach könnte es sich um Vladimir Nabokovs „Ada oder Das Verlangen“ handeln. Ein Buch in dem es um eine lebenslange Liebe geht.


(EINSCHUB: Sollte sich jemand mit dem Gedanken tragen einen der großen russischen Exilanten zu lesen: Nicht lange mit Dostojewski oder Solschenizyn aufhalten. Gleich Nabokov lesen. Ein Zwangsglobalisierter der sein Schicksal annahm und Romane in russischer, deutscher und englischer Sprache verfasste.)


Einen Moment bin ich versucht, sie auf diese Disharmonie hinzuweisen. Lasse es aber und schaue lieber, wer sonst noch mitfährt. Ich sehe einen Mann, wenig älter als ich, gebräunte Haut graue halblange Haare, Miniply-Locken (sah ich seit den 80erJahren nicht mehr) ; er trägt ein orangenes T-Shirt mit hellblauen Rändern an Ärmeln und Rundhals. Auf dem Bustteil ist die Aufschrift GURU in unübersehbarer Größe angebracht. Könnte Selbstironie sein aber den Angehörigen dieser Generation die nach einer Jahreszahl benannt ist und die sich permanent (dieses Jahr aus gegebenem Anlass noch intensiver) selber feiert ist solch ein Wesenszug fremd. Ich tippe eher auf eitlen Sportlehrer.


Nun muß ich mich wirklich beherrschen. Ich überlege, ob ich den Guru nicht zu uns herüberbitten,
ihn gegenüber der Himbeerfrau plazieren und die beiden fragen soll, ob sie sich nichts zu sagen hätten. Wäre doch schön: Einer, dem der Wetterumschlag entgangen ist und eine, die sich am Fuße des Himalaya wähnt. Altersmäßig würde es passen. Ich täte es zu gerne.


Aber es ist noch zu früh. Unsere rudimentär bürgerliche Gesellschaft ist noch nicht reif für solche Formen fortschrittlich-fürsorglicher Kommunikationsvermittlung und so würde mir statt (sicher angebrachter) Dankbarkeit nur Befremden entgegenschlagen, vielleicht Schlimmeres und für eine rasche Flucht wäre ich so früh noch nicht wach und schnell genug.


PS: Für diesen Eintrag mache ich die Veltins-Brauerei mitverantwortlich. Morgen soll es in de Getränke-Markt gehen und so war ich gezwungen, dem Gerstensaft mehr als üblich zuzusprechen um den Kasten leerzubekommen. Die Reue folgt morgen…..

In Bus und Bahn unterwegs: Im Hybridbus (Blog 285)

Hybridbus 1

Wären die verantwortlichen Manager der europäischen und amerikanischen Autoindustrie zu reflexivem Denken fähig, sie müssten hinsichtlich ihres Umgangs mit der Hybridtechnologie in den vergangenen Jahrzehnten in tiefe Scham versinken.

Eigentlich so entnehme ich meinen Quellen – ist der Hybrid – Antrieb nichts Neues. Schon 1899 wurde in Barcelona ein Fahrzeug mit Elektromotor und zusätzlichem 5 PS Verbrennungsmotor vorgestellt. Angesichts der Umweltbelastung amerikanischer Städte durch Autoabgase rüstete Victor Wouk schon 1972 – also noch vor der ersten Ölkrise 1973 – einen von General Motors zur Vefügung gestellten Buick in ein Hybridfahrzeug um. Daimler Benz beschäftigte sich seit 1982 mit Hybrid – Prototypen aus denen jedoch nie Serienfahrzeuge wurden.

An dieser Stelle kann ich der Versuchung nicht widerstehen vom Thema abzuweichen und darauf hinzuweisen, dass in den 80er Jahren Jaguar die Produktion von Modellen mit 12-Zylindermotoren einstellte während zunächst BMW seine 7er Modelle mit solchen nicht gerade sparsamen Motoren ausstattete und Daimler-Benz natürlich mit einem noch gigantischerem 12-Zylindermotor für die S-Klasse nachzog. Ein schon damals erkennbar verantwortungsloses Verhalten. Man ist versucht zu bedauern, dass sich einerseits serbische Generäle ( zurecht!) heute für ihre in den 90er Jahren begannen Kriegsverbrechen verantworten müssen während Verbrechen die die Umwelt und damit die Lebensgrundlagen aller Menschen betreffen mangels international anerkannter Rechtsgrundlage ungesühnt bleiben und die damals Verantwortlichen inzwischen möglicherweise uneinsichtig und unbehelligt ihre Pensionen verzehren.

Kehren wir zurück zum Hybrid-Antrieb. Während die Japaner längst erfolgreich Serienfahrzeuge bauen überwiegt in Europa immer noch die Skepsis. Ich war erstaunt darüber wie detailliert in den fachbezogenen Medien die Schwierigkeiten dieser Technik ( beispielsweise in Bezug auf die Batterien) beschrieben werden während die Chancen kaum der Erwähnung wert scheinen. Und Versuche den Hybrid – Antrieb weitere Gebiete zu erschließen geraten halbherzig bis marginal. So zum Beispiel wenn ein öffentliches Nahverkehrsunternehmen mit 255 Bussen versuchsweise einen (!) Hybrid – Bus einsetzt. Die Rede ist konkret von der Bochum – Gelsenkirchener – Straßenbahn AG :

www.bogestra.de siehe unter „Pressecenter“

Es fügt sich, das dieses Fahrzeug nun auch auf der Linie 383 mit der ich alltäglich vom Hauptbahnhof in den Stadtteil Ückendorf fahre verkehrt. Kürzlich hatte ich das Glück diesen Bus als Fahrgast nutzen zu können. Erster Eindruck: Es gibt ein Platzproblem. Grund dafür dürfte sein, das Teile des Antriebes in den Innenraum hineinreichen. Das sieht dann direkt hinter dem Fahrersitz so aus:

Hybridbus 2

Trotz der Verkleidung ist es erheblich lauter als in einem Bus mit konventionellem Antrieb. Ich glaube nicht, das dies sein muß. Eine entsprechende Dämmung dürfte kein Problem darstellen.. Die große Bucht für Kinderwagen und Rolatoren die sich im „Normalbus“ gegenüber dem mittleren Einstieg befindet ist verschwunden. Sie findet sich nun wesentlich verkleinert rechts von der Einstiegtür. Für mehr als einen Kinderwagen ist da kein Platz mehr. Die Falttüren des mittleren Einstieges sind durch auf Schienen laufende selbsttätig öffnenende Türen ersetzt worden. Das spart etwas Raum und ist weniger gefährlich. Ansonsten sind außer dem nur von außen sichtbaren etwas höheren Dachaufbau keine Unterschiede zum „Normalbus“ erkennbar.

Abgesehen von den sicher deutlich höheren Anschaffungskosten scheint der Nachteil dieses Busses darin zu liegen, das er weniger Raum und Komfort für die Menschen bietet, denen es schon jetzt schwerfällt den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen: Mütter mit Kinderwagen und alte Menschen die auf Rolatoren angewiesen sind. Würde man ihnen das gleiche Platzangebot wie bisher einräumen, böte der Bus noch weniger Plätze als und wäre noch unwirtschaftlicher zu betreiben.

Aber vielleicht löst sich dieses Problem auf andere Art und Weise. Die Nahverkehrsunternehmen im Ruhrgebiet melden steigende Fahrgastzahlen die wohl darauf zurückzuführen sind, dass viele Menschen denen das Auto zu teuer geworden ist auf Bus und Bahn umsteigen. Wenn diese Entwicklung anhält wird man auch wieder in kürzeren Abständen fahren können, ja müssen. Das Auto als individuelles Nahverkehrsmittel dürfte seine Zukunft jedenfalls hinter sich haben. Nicht zuletzt deswegen, weil deutsche Hersteller in den 80er-Jahren lieber 12-Zylindermotoren als Hybridfahrzeuge entwickelten.

In Bus und Bahn unterwegs: Homeward Bound und ein kleines Jubiläum (Blog 276)

Hat sich gelohnt gestern Abend noch das Angebot zu schreiben und zu posten. Der Auftrag kam heute Vormittag. Immerhin 1.300 € – Wieviel davon übrig bleibt verrät der Kaufmann natürlich nicht. Heute keine Überstunden. Dafür steht plötzlich eine Straßenbahn auf der Strecke. Schon nach 20 Minuten geht es mit einem Ersatzbus weiter – aber den Zug erreiche ich nicht mehr. Dafür bleibt nun etwas Zeit. Ich kaufe in einer dieser neumodischen Kaffee – Bars einen geeisten Late Machiato und steige damit hoch zu den Bahnsteigen 1 und 2. Kurz darauf passiert es: Ohne große Vorwarnung prasselt ergiebiger Regen in die Schwüle – und nicht nur das: Reisender – kommst du nach Duisburg – rechne damit, dass es an den ersten Bahnsteigen durch die Abdeckung regnet – jedenfalls seit ich hier meine Arbeitstage verbringe (und das sind nun schon drei Jahre). Das heißt: Den Laptop sofort einpacken, die Bank verlassen und sich einen der wenigen trockenen Stehplätze suchen.

Als ich in Gelsenkirchen den Zug verlasse ist es zunächst wieder trocken. Ich beschließe, die Regenjacke nicht aus der Tiefe des Rucksacks hervorzuziehen – falsche Entscheidung! Schon auf der Bahnhofstraße beginnt es wieder zu regnen und als ich den Tokyo Tea Room erreiche, gleiche ich einer nassen Katze. Muss aber sein, denn dieses Etablissement wird heute 5 Jahre alt in denen ich nicht wenige, ungezählte Stunden hier verbracht habe. Siehe: http://manulan.blog.de/2007/07/21/tokyo_tea_room_blog~2678165 Da die Wirtsleute klassische Musik zu schätzen wissen bekommen sie als Jubiläumsgeschenk auch die im gestrigen Beitrag erwähnte CD. Und dann sitze ich dort bei Talisker und bitterer Schokolade , schreibe diesen Beitrag auf dem Laptop während draussen der Regen rauscht. Schön, einfach schön.

In Bus und Bahn unterwegs: Der Herr Michalski lebt noch (Blog 240)

Ich habe ihn wohl im Gedächtnis behalten, weil er eine auffällige Erscheinung war: Groß, hager, dunkelbrauner Kunstledermantel, zu eng geschnallter Gürtel. Die Krönung war ein kurzkrempiger Lederhut in einer Tönung, die mit dem Mantel harmonierte. Sein Alter war nicht einfach zu schätzen. Irgendwo zwischen dreißig und sechzig. Er war einer der ersten Kunden, den ich als Lehrling bediente. „Den nehmen Sie“ sagte der Ausbilder, als wir ihn durchs Fenster auf das Büro des Verkaufs zuschreiten sahen. Es war nicht einfach.

Er wolle sein Wohnzimmer „mit Holz ausschlagen“ erklärte er. Es solle etwas Solides sein, das ein Leben lang halte – und dann nach einer Pause sagte er mit – wie ich fand – unangemessenem Gleichmut: „Wobei zu bedenken ist, dass mein Arzt gesagt hat, ich würde vielleicht nicht mehr lange leben“.

Was soll man da empfehlen? Ich verkaufte ihm Profilbretter aus Fichte. Solide – und nicht teuer. In den 70er Jahren neigte man dazu, Wände und Decken mit Profilbrettern oder Paneelen zu verkleiden. Man wollte „einmal Ruhe haben“, „nie wieder tapezieren“ müssen und gedachte den Rest seines Lebens in holzgetäfelten Wohn- und Schlafzimmernn zu verbringen. So wohl auch der Herr Michalski.

Schon in den 80ern änderte sich diese Sichtweise. Die Einrichtung wurde der jeweiligen Nutzung angepasst – und die wechselte zunehmend häufiger. Da störte ein starres Element wie eine Wandverkleidung nur und so entfernte bereits die nächste Generation die nun als scheußlich oder spießig empfundenen Vertäfelungen aus Fichte oder Eiche. Mit Tapeten oder Wandfarben konnte man „flexibler gestalten“ sich öfter „neu erfinden“.

Dem Herrn Michalski begegnete ich nicht wieder, vergaß ihn fast – bis ich ihn vor einigen Wochen im Bus der Linie 383 wiedersah. Den Ledermantel trug er nicht mehr, wohl aber einen kurzkrempigen Hut. Vielleicht denselben wie bei unserer ersten Begegnung? Zunächst hatte ich Zweifel ob er es wirklich sei. Nicht wegen zu geringer- , sondern zu großer Ähnlichkeit mit dem Menschen, den ich zuletzt vor drei Jahrzehnten gesehen hatte und natürlich weil ich ihn aufgrund seiner damaligen Bemerkung eigentlich nicht mehr unter den Lebenden vermutete. Sein Alter war ach wie vor schwer zu schätzen: Irgendwo zwischen dreißig und sechzig. Ich war versucht, Ihn anzusprechen. Er stieg aber bereits an der nächsten Haltestelle aus. Die Art und Weise wie er aufstand und wie er sich bewegte ließ dann doch vermuten, dass er so jung nicht mehr sein könne und als ich ihn die Hauptstraße überqueren und auf die Almastraße zugehen sah schwanden die letzten Zweifel. Dorthin hatten wir seinerzeit die Profilbretter geliefert. Er war es. Er lebte noch. Ob wohl die Profilbretter immer noch die Wohnzimmerwand verzieren ?

Anmerkung: Der Herr Michalski heißt natürlich nicht Michalski. Er hat einen lustig klingenden Namen der sich gut merken lässt. Aber dann wäre er erkennbar – und das dürfte nicht in seinem Sinne sein.

In Bus und Bahn unterwegs: Die Gans (Blog 219)

Diese Woche habe ich das weblog bisher vernachlässigen müssen. Man merkt, das die Ferien zu Ende gehen. Ich habe deutlich mehr zu tun und hadere mit meinem alten Dilemma: Zu schreiben wüsste ich schon was , aber ich finde die Zeit nicht.

Trotzdem heute ein kurzer Text mit Bild. Auf der Rückfahrt von der Arbeit traf ich heute in der Straßenbahn die Gans „Elsa“. Zunächst vermutete ich, sie gehöre zu der jungen Frau mit dem Kopftuch und mutmaßte weiter, sie werde zum Schlachten gebracht. Dann merkte ich, dass sie zu der sitzenden Dame ohne Migrationshintergrund gehörte, die sie auch beim Namen nannte und sich mit ihr unterhielt. Das Tier war ruhig und fühlte sich im Kinderwagen offenbar wohl. Auch die unterirdischen Teile der Fahrt beunruhigten sie nicht. Ich wünsche ihr ein langes schönes Gänseleben:

Gans

In Bus und Bahn unterwegs: …..just another manic monday (Blog 211)

Der Zug war pünktlich. Das hat mich überrascht da am Abend vorher in den Medien davon die Rede war, Dortmund sei einer der Streikschwerpunkte – und die Züge die ich benutzen kann kommen alle aus Dortmund. Eigentlich bin ich nur in den Bahnhof gegangen um mich zu vergewissern, dass nichts läuft und dann alternativ mit der Strassenbahn durch drei Städte (Essen, Mülheim, Duisburg) zur Arbeit zu fahren. Das blieb mir dann doch erspart.

Der Tag selber verlief sehr ruhig. Die Urlaubszeit machte sich bemerkbar. Halbwegs entspannt stieg ich nach der Arbeit in die Strassenbahn um zum Duisburger Hauptbahnhof zu gelangen. Dann wurde es anstrengend. Es fing damit an, das die Strassenbahn viel mehr Fahrgäste hatte als gewöhnlich. Irgendwelche Kostenoptimierer haben die Zahl der Fahrten in der Ferienzeit zusammengestrichen. Zwei Haltestellen vor dem Hauptbahnhof entfernt standen dann Kontroleure auf dem Bahnsteig die zunächst die Fahrausweise der Aussteiger kontrolierten und anschliessend in der Bahn die nicht weiterfuhr diese Tätigkeit fortsetzten. Die Bahn war wie schon erwähnt übervoll. Unruhe machte sich breit, da einige wohl durch den ungeplanten Halt ihre Anschlusszüge zu verpassen drohten.

Ein Mann in meinem Alter beschipfte die Kontroleure in sächsischer Mundart. Von Stasi-Methoden war die Rede. Dann begann er, aus Reden Erich Honeckers zu zitieren, geriet mit dem neben ihm auf zwei Krücken stehenden Mann in Streit, der ihn anbrüllte. Inzwischen war der Wagen so voll, dass man kaum eine Gelegenheit fand, sich festzuhalten.

Konnte es noch schlimmer kommen? Ja! Später im Regionalexpress setzten sich zwei junge Männer zu mir, gefüllte Döner-Taschen in den Händen die sie laut schmatzend verzehrten. In mir stieg Mordlust auf. Nur gut, dass ich unter fast allen Umständen lesen und mich durch Lektüre ablenken kann.

Und dann fand ich einen schönen, zur Situation passenden Text, der mich wieder aufrichtete. Er handelte von Menschen, die sich in öffentlichen Räumen bewegen und einander begegnen:

„Wir möchten so wenig wie möglich mit den anderen zu tun haben – zumindest mit neuen anderen. Denn wir haben genug damit zu tun, diejenigen Kontakte zu pflegen, die schon eingerichtet sind und die wir zugleich als gefährdet erleben. Um mit Fremden Kontakt aufzunehmen, muss man neugierig sein. Neugier jedoch erfordert eine Einstellung auf Ungewissheit,und; altertümlich formuliert, interessenloses Wohlgefallen am Gegenüber“.

Das war es: „Interessenloses Wohlgefallen am Gegenüber“ Ich kämpfe darum, das mir das nicht verloren geht. Deshalb fahre ich lieber Bahn als Auto. Deshalb blogge ich. Deshalb lächelte ich die dönerfressenden Ungeheuer nun wohlwollend an…..

Quelle: Zitat aus: brandeins Juni 2007, Artikel: Ein Land im Praktikum Seite123. Das Zitat stammt von Tilmann Allert.

In Bus und Bahn unterwegs: Mann will seine Ruhe (Blog 177)

Es gibt nichts was es nicht gibt und so wurde ich heute Zeuge der körperlichen Belästigung eines Mannes durch eine Frau:

Die Zwei waren wohl nur durch widrige Umstände in die zweite Klasse des Regionalexpresses geraten. Sie fielen sofort auf: Beide trugen Hüte und lange kamelhaarfarbige Mäntel die sie auszogen und mit grosser Mühe in die Ablage über den Sitzen verstauten. Ich fragte mich, ob es vielleicht einen „Spiel mir das Lied vom Tod – Fanclub gäbe, der in Essen einen Kongress veranstaltete. Man weiss ja nie. Sie war gut einen Kopf grösser als er, die Haare lang und brünett. Eine schöne Frau. Er sah aus wie Heinz Rudolf Kunze und blickte eher grimmig um sich. Irgendwie passten sie nicht zusammen. Mir kamen fielen Gespräche mit „alten“ Freunden ein. Wie man nach dem dritten Bier anfing, sich über der Verbleib der Frauen zu unterhalten mit denen man die letzten Jahre zusammen zur Schule gegangen war. Wie man fassungslos zur Kenntnis nahm, dass diese „Christiane“ (Ulrike, Petra…) unverständlicherweise diesen bornierte Idioten aus der Parallelklasse geheiratet hatte. Das hatte man ihr nun doch nicht gewünscht obwohl als man sie damals ansprach…….- lassen wir das ! Zurück zum Thema: Die Beiden zogen Bücher aus den Taschen und begannen zu lesen. Ich hätte sehr gerne gewusst, was sie lasen, es war aber kein Buchtitel zu erkennen.

Nach einer Weile legte sie ohne die Lektüre des Buches zu unterbrechen ihre Hand auf seinen Oberarm – keine Reaktion. Wiederum etwas später wanderten ihre Finger weiter nach oben, umfassten die Schulter – er gab ein leises Brummen von sich, das unwirsch klang. Dann kraulte sie sein Ohr – stummes heftiges Kopfschütteln war seine Reaktion darauf. Sie wich mit der Hand zurück, liess sie aber auf seiner Schulter liegen um kurz danach noch einmal einen Versuch zu wagen. Sie umfasste seinen Hals und begann ihn zu massieren. Wieder gab er einen undefinierbaren Laut von sich und drehte den Körper weg von ihr zum Mittelgang hin. Dann las er weiter.

Auch sie drehte ihm nun den Rücken zu, liess das Buch sinken, schaute aus dem Fenster auf die graue Schneeluft…..

Manchmal verhalten sich Männer wie Idioten.