In Bus und Bahn unterwegs (Blog 139)

Die zur Zeit von der Bochum-Gelsenkirchener Strassenbahn AG verwendeten Busse haben direkt gegenüber dem Mitteleingang eine – nennen wir sie „Parkucht“ – in der zwei Kinderwagen Platz haben. Sicher sinnvoll und gut gedacht. Aber wie ich heute wieder einmal feststellen musste nicht ausreichend. Allen destruktiven Phantasien des Herrn Schirmacher zum Trotz scheint zumindest die Zahl der mit dem Kinderwagen transportablen Kinder zu steigen.
Konkurrenz naht auch vom anderen Ende des demographischen Spektrums und so stritten sich heute 3 Mütter mit Kinderwagen und zwei ältere Damen mit Rollatoren lautstark um den Platz in der Mitte. Die Bogestra sollte sich Gedanken über eine neue Raumaufteilung in den Bussen machen.

Nachmittags auf dem Bahnsteig des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs: Zwei jüngere Männer offenbar unfähig zu gehen, beide auf einem dieser lenkbaren Elektrowagen sitzend geraten miteinander in Streit. Zunächst nur mit Worten, dann gebrauchen sie ihre Fahrzeuge als Waffen.
Fahren aufeinander zu, versuchen sich gegenseitig abzudrängen, einer rammt den anderen – alles einen halben Meter von der Bahnsteigkante entfernt. Ich habe nicht gewusst, wie ich mich verhalten sollte. Manchmal ist man hilflos.

In Bus und Bahn unterwegs: Bänke oder „doch kein Foto“ (Blog 118)

Seit einigen Monaten gibt es auf den Bahnsteigen neue Sitzbänke (Zumindest auf den Bahnhöfen des Ruhrgebiets). Edelstahl kombiniert mit Oregon Pine. Sehen gut aus – und man sitzt auch nicht schlecht darauf. Es sind meist zwei Bänke nebeneinander gestellt worden. Eine bietet bequem Platz für sechs Personen.

Als ich heute wie jeden Morgen Bahnsteig 1 des Essener Hauptbahnhofs betrete bietet sich mir ein unschönes Bild: Zwei Männer belegen zwei Bänke – also sechs Sitzplätze. Keine Obdachlosen die sich hingelegt hätten. Der eine sitzt in der Bankmitte, breitbeinig, die Zeitung weit aufgefaltet. Der andere (junger Mann , Anzugträger) hat sein mobiles Büro eingerichtet: Pilotenkoffer, Aktenordner und ein Laptop umgeben ihn. Beide signalisieren ihrer Umwelt unmissverständlich: Diese Bank gehört uns.

Mein erster Gedanke: Das ist ein wunderbares Fotomtiv. Du lichtest diese beiden jetzt ab und schreibst dazu einen passenden Blogeintrag über Rücksichtslosigkeit im Alltag. Aber: Während ich noch im Rucksack nach der Kamera suche kommt ein dritter Mann: massig, muskulös und noch einen Kopf grösser als ich raschen Schrittes auf die Bänke zu. Der Zeitungsleser springt nach links weg, der Anzugträger komprimiert binnen Sekunden sein Büro. Der Riese setzt sich – und verdirbt mir mein Motiv.

Und leider bestätigt sich wieder einmal eine Erfahrung, die ich schon öfter machen musste: Rücksichtslose Menschen muss man direkt und massiv angehen, um sich gegen sie durchzusetzen.
In der Regel weichen Sie dann zurück. Furchtbar ist das……

In Bus und Bahn unterwegs: Zu Gast bei Freunden (Blog 113)

Gelsenkirchen ist WM-Stadt. Morgen spielt hier Portugal gegen Mexico. Man kommt nicht umhin, es zu registrieren. In meinem Stadtteil gibt es schon seit Jahrzehnten einen relativ hohen Anteil portugiesischer Einwohner. Ich bin lange zu einem portugiesischen Frisör gegangen. Es gibt portugiesische Gaststätten und Lebensmittelläden. Die haben alle entsprechend geflaggt. Fahren hupend durch die Strassen, wenn sie ein Spiel gewonnen haben.

Aber auch Mexikaner nimmt man wahr. Gestern Abend zogen drei durch die S-Bahn. Einer spielte Trompete, einer Akkordeon, der dritte sammelte Geld. Heute morgen fielen mir im Bahnhof etliche gefüllte Schlafsäcke in der Nähe mexikanischer Fahnen auf und heute Nachmittag auf der Rückfahrt von Duisburg kamen zwei Mexikanerinen (trugen mexikanische Trikots, sahen auch so aus) in den Zug. Setzten sich natürlich nicht zu dem 52-jährigen Buchleser sondern zu dem jungen Mann mit der sehr kurzen Frisur und dem Lonsdale -Shirt. Die beiden sprachen ganz gut Englisch, erzählten ihm, dass sie nach Gelsenkirchen zum Fan-Fest wollten und morgen Abend zum Spiel der Mexicaner. Wo denn Deutschland heute spiele fragten sie ihn. Und was antwortet der Idiot ? „ I have no Interest in football“. Schöne Freunde.

Ich habe die beiden dann noch auf dem Bahnhof davor bewahrt, in die falsche Richtung zu gehen. Zeigte Ihnen den Weg zur Strassenbahn. Dort waren schon etliche Mexikaner versammelt. Ich hoffe, sie haben schöne Tage hier.

In Bus und Bahn unterwegs: Abends in der S – Bahn (Blog 105)

In Bus und Bahn unterwegs: Abends in der S – Bahn (Blog 105)

Mittwoch kurz vor 20.00 Uhr. Das Telefon schellt. Eine von mir betreute 92 Jahre alte Frau ist ins Krankenhaus eingeliefert worden. Man braucht meine Unterschrift, um einen chirurgischen Eingriff vornehmen zu können. Ich habe gerade zu Abend gegessen und danach einen Averna getrunken. Also kann ich das Auto meiner Frau nicht nehmen. Die 20 km in den Essener Norden werde ich mit dem Öffentlichen Nahverkehr zurücklegen. Schliesslich lebe ich in einem urbanen Umfeld, die Bushaltestelle vor der Haustür. Mit dem Bus dann zum Gelsenkirchener Hauptbahnhof, von dort zum Essen Hauptbahnhof, da noch einmal umsteigen. Geht alles glatt. Im Krankenhaus gibt es auch keine Schwierigkeiten. Schon bald bin ich wieder auf dem Rückweg.

Es ist kurz vor 22.00 Uhr als ich wieder auf dem Essener Hauptbahnhof eintreffe. Die S-Bahn fährt um 22.07 weiter. Sie wartet schon. Ich steige ein. Zunächst bin ich alleine. Dann kommt ein Mann mittleren Alters: Korrekt gekleidet, Blazer, Kawatte, gepflegter Schnurrbart, dunkle Hornbrile. Was nicht dazu passt ist die grosse, uralte neonfarbene Sporttasche, die er mit sich trägt. Vielleicht hat er mich übersehen. Jedenfalls beginnt er lautstark mit heller,manchmal überschnappender Stimme ein Telefongespräch zu führen. Er hat einen süddeutschen Akzent, eher schwäbisch als bairisch: „Hallo Schatz, rate wo ich bin?…..Ich bin in Düsseldorf (Entweder ist er schlecht in Geographie oder ein Lügner. Er ist in Essen und wird in wenigen Minuten Richtung Dortmund weiterfahren.)…..Ich mache hier Urlaub…..Nein, bezahlten Urlaub…..Ich bin doch nicht bettlägerig…..Nein, am Wochenende bin ich wieder zurück. Ich wollte Dich besuchen……keine Zeit?!…..Aber Du wolltest doch…..Nein?…..Ja. Ich wünsch Dir ein „guts Nächtle“.

Zwei Afrikaner steigen zu. Eine Frau, die ein anthrazitfarbenes Kostüm und schwarze Stiefel trägt. Sieht ein bisschen aus wie Condoleezza Rice aus. Trägt eine goldfarbene Metallbrille. Der Mann ist eher der Typ „Schwergewichtsboxer“. Trägt Turnschuhe, Jeans, Sportjacke und eine hellblaue Schirmmütze. Beide sprechen Englisch. Sie reden miteinander – oder vielmehr aneinander vorbei.
Sie versucht ihn zu bekehren, hat das ganze protestantisch-fundamentalistische Repetoire abrufbereit ( „You need Jesus“). Er ist ganz offenkundig mehr an der Frau als solcher interessiert, geht scheinbar auf sie ein ( „I know there are some things wrong in my life“), versucht ständig, das Thema zu wechseln.

Eine Frau mit Kinderwagen betritt den Zug. Der Kinderwagen ist echt, kein Spielzeug. Aber in ihm liegt kein Kind, sondern stattdessen eine Plastikttüte. Die Frau hält eine Bierflasche in der Hand. Sie setzt sich mir gegenüber hin. Auch sie greift nach dem Mobiltelephon. Sie versucht, jemanden anzurufen. Wohl vergeblich. „Der Scheisskerl“ Sie nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. „Wie kann er mir das antun!? Weshalb sind Männer so?“ Die Frage ist wohl an mich gerichtet. Sie trifft mich unvorbereitet. Ich lächele sie hilflos an. Eigentlich sieht sie gut aus. Blonde Haare (echt oder sehr gut gefärbt) halblange Haare, stufig geschnitten (war bestimmt nicht billig). Wenn sie lächelt kann man erahnen, wie schön sie einmal gewesen sein muss. Aber da sind auch andere Spuren in ihrem Gesicht, die von einem Leben zeugen, dass nicht glücklich verläuft. Sie sagt etwas. Lallt aber mehr als das ssie spricht. Ich kann kaum etwas verstehen.

Inzwischen fährt der Zug. Condoleezza und ihr Boxer reden weiter aneinander vorbei, werden dabei immer lauter, übertönen mühelos den Schwaben, der sich mit seiner Abfuhr nicht abfinden will und ein zweites mal telefoniert. Als der Satz „God is love“ fällt. steht meine Nachbarin auf, geht zu der Frau mit der Goldrandbrille, brüllt sie an: „Where is your God? Where is he, if we need him? I need his help? Where is he?“ Condoleezza blickt sie ungerührt an. „God is in my heart“ sagt sie sehr bestimmt. Die Frau mit der Bierflasche wendet sich ab. Geht zu ihrem Kinderwagen. Löst die Bremse. In Essen-Kray steigt sie aus, wendet sich aber vorher noch einmal um und brüllt in Richtung der beiden Afrikaner „I fuck your God“ .

Nächste Station: Gesenkirchen Hauptbahnhof. Ich will aussteigen. Geht aber nicht. Da ich einer von schätzungsweise 5 bis 7 Gelsenkirchenern bin, die nicht immer wissen, wann Schalke spielt, habe ich nicht bedacht, das heute Abend ein Bundesligaspiel stattgeunden hat. Nun wollen die Fans nach Hause und sind nicht gewillt, die alte zivilisatorische Regel zu berücksichtigen, dass man die Zuginsassen erst aussteigen lässt, bevor man selber den Zug betritt. Das macht mich wütend. Aber: Wozu wiege ich zwei Zentner? Wozu bin ich 189cm gross? Wozu trainiere ich jede Woche in der Holzhalle mit 80 bis 150 kg schweren Buchen- , Eichen- und Ahornbohlen? Ich halte dagegen, setze mich gegen drei dreissigährige Bierbäuche durch – und stehe auf dem Bahnsteig.

Um den Bahnhof herum ist noch sehr viel los. Blau-Weiss angezogene Fussballfans, wie bei jedem Bundesligaspiel viel Polizei und die üblichen Nachtschwärmer. Ein Libanese, der neue hochlänzende Schuhe, keine Strümpfe und einem braunen Nadelstreifenanzug trägt, fragt mich nach einem Euro, später kommt er noch einmal und fragt – diemal vergeblich – nach einer Zigarette. Der Bus kommt. Auch hier sind die Mehrzahl der Fahrgäste Fussballfans. Sie sind unzufrieden. Schalke hat zwar 3:1 gegen Bielefeld gewonnen, aber Bremen hat auch gewonnen. Es wird also nichts mehr mit dem 3. Platz. Keine Chance auf die Champignons-League mehr.

Nur ein Mann in meinem Alter, trotzdem blau-weiss gewandet, ist zufrieden: „Vor 21 Jahren bin ich weg hier.Wohne seitdem in Frankfurt“ erzählt er. Er will heute Abend bei seiner Mutter übernachten und morgen ganz früh zurückfahren. „Mach ich immer so. In all den Jahren habe ich nur zwei Heimspiele verpasst. Bin immer hier hochgefahren. Hat sich auch immer gelohnt…..“

In Bus und Bahn unterwegs: Kein Kontakt (Blog 102)

Es gibt zwei Möglichkeiten mit dem Zug von Gelsenkirchen nach Duisburg (dort arbeite ich zur Zeit) zu gelangen: Den Regionalexpress (ist schneller, hält zwischendurch nur in Mülheim und Essen) und die Regionalbahn (hält in Oberhausen, Dellwig, Bergeborbeck, Altenessen und Katernberg-Süd). Die Regionalbahn ist die interessantere Strecke, fährt auf den Gleisen der Köln-Mindener-Eisenbahn, der ersten Eisenbahnstrecke die durch das Ruhrgebiet führte. Diese Streckenführung kam damals für die schon etablierten Städte Bochum und Essen überraschend – und hatte Folgen: Der Stahlindustrielle Friedrich Krupp musste erst mit der Kutsche von Essen nach Oberhausen fahren, wenn er mal in Berlin zu tun hatte und die Dörfer längs der neuen Bahn (Gelsenkirchen, Wanne, Herne) wurden binnen weniger Jahrzehnte durch Erschliessung der Kohlevorkommen zu Städten mit sechsstelligen Einwohnerzahlen. Noch heute sind die Industrieleichen (ich vermeide bewusst das Wort „Denkmäler“) jener Zeit während der Fahrt zu sehen.

In Oberhausen stiegen sie Freitag Nachmittag ein: Eine Frau und ihr Sohn, schätzungsweise sechs oder sieben Jahre alt. Der Junge beginnt sofort mit einem Game Boy zu spielen. Hinter Altenessen versucht die Mutter ihn dazu zu bewegen, einen Anorack anzuziehen. Er will nicht, beachtet sie kaum. Sie küsst ihn. Am Haltepunkt Katernberg-Süd steigt sie aus.Während ich noch irritiert darüber bin, das der Junge sitzen bleibt, steigen ein jüngerer Mann und eine ältere Frau zu. Der Mann begrüsst den Jungen, streicht ihm übers Haar. Die Mutter steht draussen, blickt in den Zug.
Der Mann winkt ihr zu. Sie wendet das Gesicht ab. Kurz bevor der Zug anfährt kommt sie näher ans Fenster, versucht Blickkontakt mit dem Jungen aufzuehmen. Der nimmt das alles nicht wahr, er spielt mit dem Game Boy.

Was ist hier passiert? Ich kann nur mutmassen, dass die Eltern des Jungen getrennt leben, das er dieses Wochenende beim Vater verbringt, die ältere Frau wohl die Grossmutter ist. Aber diese Art der Übergabe ohne ein Wort, ohne einen Blick zu wechseln? War der Junge wirklich so in sein Spiel vertieft oder wollte er von all dem nichts mitbekommen? Weshalb hören Menschen, die sich doch irgendwann einmal sehr gemocht haben müssen, auf miteinander zu reden. Weshalb finden sie keinen Weg, miteinander auszukommen und weshalb müssen ihre Kinder darunter leiden?

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Im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom Freitag ist auf Seite 38 eine Kolumne über Blogger zu lesen. Nicht uninteressant. Text unter: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/ Braunbeiges Quadrat unter: Das Prinzip

In Bus und Bahn: Ulysses (Blog 95)

Ort: Duisburg Hauptbahnhof. Bahnsteig 8. Zeit: Freitag nachmittag, viertel vor fünf (16.45 Uhr). Die Sklavenarbeit ist überstanden – wenigstens für den Rest dieser Woche. Endlich Wochende!
Mein Zug fährt erst in einer Viertelstunde. Da könnte man sich in den Warteraum setzen und noch zwei bis drei Seiten im Ulysses lesen. Der Raum ist leer – bis auf ein Paar in meinem Alter (Anfang 50) . Er im olivgrünen Parka, Haare fettig – sieht aus, als sei er in den frühen 70er Jahren auf dem Schulhof stehen geblieben. Sie im hellbraunen Kunstledermantel und mit kunstblonden Haaren. Sie unterhalten sich leise miteinander.

Als ich mich gerade gesetzt und das Buch aufgeschlagen habe, schwillt das Gemurmel an, wird zunehmend störender und dann explodiert es. Er wird zuerst laut: „ Ach Linda! Mach mir keine Vorhaltungen! Ich ertrag das nicht!“ Aber sie kann es auch ganz gut: „Immer wenn man Dir was Unangenehmes sagt, fängst Du an zu bellen!“ und so geht es weiter…..

Das wars wohl für heute mit dem Ulysses. Heute komme ich der Erfüllung meines Vorsatzes (Siehe Blog 83: 31.12.05) nicht näher. Da lob ich mir doch ein Dutzend dumpfer Jugendlicher, deren Ohren mit den Stöpseln ihrer MP3-Player versiegelt sind und deshalb nicht lautstark miteinander kommunizieren. Die stören wenigstens bei der Lektüre nicht.

Es wird nun die eine Zweiflerin oder den anderen Zweifler geben, die befremdet die Stirn runzeln.
Ein Buch wie den Ulysses im Zug oder in der Wartehalle lesen geht das überhaupt ? Muss man sich da nicht konzentrieren, braucht man nicht ein ruhiges Umfeld und einige Nachschlagewerke in Griffweite? Antwort: Eigentlich ja, aber es geht auch anderes. Ich bin normalerweise froh, wenn ich nach der Arbeit kurzfristig ins Dublin des frühen 20. Jahrhunderts abtauchen kann. Ich freue mich, diese Möglichkeit zu haben. Andere zanken mit ihrer Frau oder zerstören allmählich ihr Hörvermögen – ich habe den Ulysses.

In Bus und Bahn: Reichsprogromnacht (Blog 72)

Wer wie ich täglich mit dem „Öffentlichen Nahverkehr“ unterwegs ist weiss es: Er wird überwiegend von jungen- und alten Menschen genutzt. Die Mitte fehlt. Sitzt – meist allein und isoliert – im „eigenen“ Auto. Häufig im Stau.
Mit Nahverkehrszug, Bus und Straßenbahn fahren ist weitaus interessanter. Man erlebt mehr. Ich habe mein eigenes Auto bereits 1994 abgeschafft. Nicht weil wirtschaftliche Zwänge es erforderten. Ich hatte keine Lust mehr zu fahren. Dazu kam die glückliche Fügung, dass meine Frau mich morgens zur Arbeit mitnehmen konnte. Meine Frau fährt gerne – und weitaus besser als ich.
Abends ging es damals schon zurück mit der Bahn.
Wie schon gesagt: Man erlebt mehr, wenn man mit Anderen gemeinsam eines der öffentlichen Verkehrsmittel benutzt. Meine Erlebnisse werde ich künftig bei passender ‚Gelegenheit unter dem Titel „In Bus und Bahn“ als Blogeintrag veröffenntlichen. Heute beginne ich damit:

Heute nach 18.00 Uhr im Bus, Linie 383. Nur noch eine Viertelstunde bis nach Hause. An der Kreuzung Ringstrasse – Hiberniastrasse geht es nicht weiter. Die Polizei hat sie abgesperrt. Einige Hundert Menschen überqueren die Strasse. „Was ist da los“ fragt die alte Frau neben mir den Busfahrer. Keine Antwort. Ich erinnere mich an meine morgendliche Zeitungslektüre. „Das ist die Demonstration zum Gedenken an die Progromnacht“ teile ich ihr mit. Weiterhin fragender Blick.
Ich erläutere: „1938 . Die Zerstörung der jüdischen Geschäfte. Wurde früher „Reichskristallnacht“ genannt“. Jetzt fälllt der Groschen. Die Frau wird sofort agressiv. Mit Blick auf die überwiegend jungen Demonstranten sagt sie: „ Die wissen nichts! Die waren doch garnicht dabei! Man sollte denen in der Schule das richtige lernen!“ Es wird unruhig unter den Älteren im Bus. Ein Mann ruft laut: „Als die Kriegsverbrecher weg waren kamen sofort die Friedensverbrecher. Die waren schlimmer!“ Es folgt ein Bericht über Leid und Mißhandlung deutscher Kriegsgefangener. „In Remagen haben die Amerikaner die Frauen mit Maschinenpistolen daran gehindert, den Kriegsgefangenen Butterbrote zu bringen“ weiss eine Frau zu berichten. „Ich war nicht dabei. Ich bin erst 47. Aber ich stimme ihnen zu!“ äußert sich ein weiterer Mann.

Ich war auch nicht dabei. Ich will das Verhalten der noch lebenden Zeitzeugen auch nicht moralisch bewerten. Was mir auffällt: Diese Generation ist in ihrer überwiegenden Mehrheit nicht in der Lage, sich mit den damaligen Geschehnissen auseinanderzusetzen. Wenn sie mit dem von Deutschen begannenen Unrecht konfrontiert wird, gibt es zwei – häufig aufeinanderfolge Reaktionen: Den Kritikern wird sofort die Kompetenz abgesprochen („Ihr habt das ja nicht miterlebt“) und darauf folgt meist etwas im Sinne von: „Wir waren ja schließlich auch Opfer; wir haben auch viel gelitten.“ Mitleid mit den Opfern ist selten. „Die Juden waren ja auch nicht gannz unschuldig“ ist ein Satz der in diesem Zusammenhang oft fällt.

Ich schäme mich für dieses Verhalten. Für die Weigerung, Schuld anzunehmen, mit der Schuld zu leben und aus den furchtbaren Geschehnissen zu lernen. Ich muss allerdings zugestehen, dass meine Generation und die noch Jüngeren sich nicht viel anders verhalten. „Was habe ich damit zu tun?“ fragen die nachfolgenden Generationen. Ich will in meinem nächsten Blogeintrag versuchen, eine Antwort zu geben.