Digitaler Maoismus (Blog 112)

So ist ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Freitag (16.06.2006 Feuilleton Seite 11) überschrieben. Dort wird die deutsche Übersetzung eines Essays, den der Computerwissenschaftler Jaron Lanier (ich gestehe: Bis dato war er mir unbekannt) im Onlineforum www.edge.org veröffentlicht hat. Lanier schildert, dass er im Onlinelexikon Wikipedia als Filmregisseur geführt wird. Dabei habe er nur einen einzigen Experimentalfilm gedreht – und das vor 15 Jahren. „Jedes Mal wenn mein Wikipedia-Eintrag korrigiert wird. verwandele ich mich allerdings in kürzester Zeit wieder in einen Filmregisseur. In den vergangenen Wochen haben mich gleich zwei Reporter zu meiner Karriere als Filmemacher befragt.“

Lanier hat Schwierigkeiten damit „wie wichtig und ernst Wikipedia nach kurzer Zeit genommen wurde. Das ist ein Beleg für den Siegeszug eines Online- Kollektivismus, der nichts anderes bedeutet, als die Wiederauferstehung der Idee, dass das Kollektiv über eine allwissende Weisheit verfügt, die man zentral bündeln und lenken muss. Dies ist das Gegenteil von Demokratie…Wenn die extreme Rechte oder die extreme Linke in der Vergangenheit versucht hat, uns diese Idee aufzuzwingen, hatte das jedes mal grausame Konsequenzen. Dass uns heute prominente Technologen und Futuristen diese Idee nahebringen wollen, macht sie nicht ungefährlicher.“

Nun gehöre ich zu denen, die Wikipedia fast täglich nutzen, freiwillig dafür zahlen und froh sind, dieses Online-Lexikon zur Verfügung zu haben. Mein erste Eindruck war der, das diese Kritik masslos ist. Aber vielleicht bin ich auch zu unkritisch. Unabhängig von Laniers Essay habe ich kürzlich festgestellt, das Wikipedia Schwächen hat. Ich will ein Beispiel aus einem Bereich nennen, mit dem ich mich intensiv befasse und deshalb Kenntnisse habe: Evangelische Theologie.

Ich habe die Eintäge über zwei protestantische Theologen aufgerufen: Zeitgenossen, beide überwiegend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkend. Rudolf Bultmann (1884 – 1976) gilt wie bei Wikipedia nachzulesen ist als einer der einflussreichsten evangelischen Theologen des
zwanzigsten Jahrhundert. Ich kann an dieser Stelle nicht detailliert auf sein Wirken eingehen, aber ich glaube man kann sagen, das es ihm und seinen Schülern im wesentlichen zu verdanken ist, das der deutsche Protestantismus in den vergangenen Jahrzehnten nicht – wie in Amerika – in den Fundamentalismus abgeglitten ist. Er wird in einem knappen Artikel gewürdigt der seiner Bedeutung nicht gerecht wird.

Und dann gibt es da einen Eintrag über den württembergischen Theologen Karl Heim (1874 -1958),
dessen Wirken – ohne ihm nahetreten zu wollen – nicht so wichtig für die theologische Entwicklung des Protestantismus war, dessen Eintrag aber ungefähr den zehnfachen Umfang des Bultmann-Eintrags hat. (Über ihn und sein Werk gibt es offenbar auch mehr zu berichten als über Bertrand Russell oder James Joyce). Wer sich nun nicht mit der Thematik befasst muss fast zwangsläufig zu dem Schluss kommen, Heim sei der bedeutendere Theologe. Dabei hat er in diesem Fall nur den grösseren Fan. Oder andere Möglichkeit: Die „Karl-Heim-Gesellschaft…“ ist sich der Möglichkeiten und der Wichtigkeit des Internets bewusster als die „Rudolf – Bultmann – Gesellschaft…“ (Beide gibt es).

Insofern hat Lanier recht. Wir sollten Wikipedia künftig weniger euphorisch sehen und die Einträge einer kritischeren Würdigung unterziehen.