Aus dem Urlaubstagebuch 1 (Blog 208)

Selbst auf der Toilette verschont uns die Werbung nicht mehr. „Vorher daran denken“ lautet die auf dem Kondomautomaten angebrachte Mahnung und über den einzelnen Urinalen sind in Augenhöhe Wechselrahmen befestigt in denen sich Werbung für Kamine und Kachelöfen befindet. Wie kommen Werbetreibende eigentlich auf die Idee, daß man just im Moment des Wasserlassens den Gedanken fassen könne, einen Kachelofen zu erwerben? Wie gelingt es Ihnen einen Hersteller davon zu überzeugen, dass eine solche Werbung sinnvoll sein könne ? Wahrscheinlich eines jener nicht fassbaren Geheimnisse der Marktwirtschaft die wir gezwungen sind als gegeben hinzunehmen.

Ich verlasse die Herrentoilette der Autobahnraststätte Oyten (kurz hinter Bremen gelegen). Es ist ein kleiner Rasthof, 50er-Jahre-Backstein und im Gastraum helle Buchentische die deutliche Gebrauchsspuren aufweisen. Das könnten sie sein, die Tische, an denen ich schon vor mehr als dreißig Jahren gesessen habe. Heute bin ich unterwegs in den Urlaub, damals war ich mit mehreren Leidensgenossen auf dem Weg zur Kaserne in Stade. Das viel zu kurze Wochenende war vorbei und bevor es zurück in die Sklaverei ging, machten wir halt in dieser Raststätte, aßen Schinkenbrote mit Spiegeleiern, ließen die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren um danach schweren Herzens zu fünft in den VW-Käfer zu steige und das letzte Stück des Weges hinter uns zu bringen.

Ich habe hier angehalten um diesen Ort noch einmal zu sehen der von Oktober bis Dezember 1974 in meinem Leben eine Rolle gespielt hat. Da stehe ich unter Zwang. Ich bin den Orten treu an denen ich mich einmal aufgehalten habe. Ich kann nicht zwei Tage in derselben Stadt sein, ohne mir einen Plan zu kaufen, etwas über ihre Geschichte erfahren zu wollen, mir Menschen, Gebäude, Gerüche einzuprägen und es mag lange dauern, aber irgendwann kehre ich an diesen Ort zurück.

Das gilt auch für unseren Urlaubsort. Es handelt sich um die 17.000 Einwohner zählende Kleinstadt Eutin in Schleswig-Holstein. 1965 bin ich dort eher zufällig zum ersten Mal gewesen. Als ich erfuhr, das meiner Frau diese Gegend auch nicht fremd war verbrachten wir hier 1995 unseren ersten gemeinsamen Urlaub. 1999 waren wir noch einmal dort. Dann folgten die Jahre in denen es mir gesundheitlich und durch die zeitweilige Arbeitslosigkeit bedingt auch finanziell nicht so gut ging. Irgendwann in dieser Zeit fragte meine Frau: „Ob wir wohl noch einmal nach Eutin kommen werden?“ Das hat mich angespornt. Dieses Ziel lag mir vor Augen. Ich wollte noch einmal mit meiner Frau in Eutin Urlaub machen. Eine gute Stunde noch, dann ist es geschafft.

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Von dem gemieteten Haus sind wir angenehm überrascht. Große Küche, neue Möbel, keine durchgelegenen Matratzen. Häufig bringen die Vermieter in den Ferienwohnungen
die Möbel unter, in denen sie selber die letzten beiden vorausgegangenen Jahrzehnte gewohnt haben. Unsere Vermieterin scheitert daran, uns die Bedienung des Fernsehgerätes (Satellitenschüssel, zwei Fernbedienungen) zu erklären. Früher habe sie das gekonnt, aber der letzte Gast, ein katholischer Pfarrer nebst Haushälterin, habe da wohl etwas verstellt. Sie habe bereits 14 € für einen Mechaniker zahlen müssen, wir sollten es selber mal versuchen. Machen wir, klappt auch reibungslos.

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Am Abend des ersten Urlaubstages gehen wir in ein Restaurant. Das hat Tradition. Wir erinnern uns, daß es vor acht Jahren gegenüber dem Bahnhof ein kleines Steakhaus mit einer opulent ausgestatteten Salatbar gegeben hat. Das existiert leider nicht mehr. Da wir müde von der Fahrt sind und nicht lange suchen wollen gehen wir in die ehemalige Bahnhofgaststätte die den wenig verheissungsvollen Namen „Köpi-Stuben“ trägt. Am ersten Urlaubsabend eine Gaststätte besuchen die nach einem Bier benannt ist, das in der Stadt gebraut wird in der ich arbeite – das gefällt mir nicht. Die Bedenken erweisen sich jedoch als unbegründet. Es gibt Weizenbier vom Fass und das Essen ist auch passabel. Wir sind glücklich und müde.