Das ist „unser“ China ! (Blog 271)

Man übertreibt nicht wenn man behauptet, dass über China in den letzten Wochen und Monaten ausschließlich Kritisches bis Negatives zu lesen und zu hören war. Das Verhalten der chinesischen Regierung im Tibet-Konflikt das ich – um das gleich klarzustellen – keinesfalls beschönigen oder verteidigen will hat dazu geführt, das der Ruf Chinas zumindest in den westlichen Demokratien, auf lange Zeit ruiniert sein dürfte. Vielleicht zurecht.

Auch in der Zeit vor den Geschehnissen in Tibet hörte man wenig Gutes über die Chinesen: Chinesen schlachten und essen Hunde, sind auch sonst grausam zu Tieren, China verhängt grausame Strafen, hat einen Spitzenplatz bei den vollstreckten Todesurteilen, schlachtet die Körper der Hingerichteten aus und verkauft deren Organe. Weil inzwischen zu Wohlstand gekommene Chinesen ihre Essgewohnheiten ändern werden bei uns Milch und Getreide teurer. Chinesen kaufen unser Holz und unser Altpapier auf und treiben damit auch diese Preise in die Höhe. China überschwemmt uns mit billigen Produkten und liefert verunreinigtes Heparin das bei uns die Kassenpatienten nach Operationen sterben lässt. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Gehen wir einmal davon aus, all dieses wäre wirklich so. Dann ergäbe sich als nächstes die Frage: Wieso bleibt die Kritik des Westens so wirkungslos bei den Kritisierten ? Und dies wiederum führt zur Frage nicht nach der Legitimation der Kritik sondern die der westlichen Kritiker, allen voran die der für ihre „klaren Haltung“ gegenüber China gern gelobten Bundeskanzlerin. Da sieht es übel aus.

Gehen wir zurück in das Jahr 1900. Der deutsche Kaiser Wilhelm II verabschiedet in Kiel deutsche Marineeinheiten, die in China zusammen mit anderen europäischen „Eingreiftruppen“ einen Aufstand niederschlagen sollen. Er hält eine Rede, die als „Hunnenrede“ in die Geschichte eingeht. Der entscheidende Absatz lautet:

„Ihr sollt fechten gegen eine gut bewaffnete Macht, aber Ihr sollt auch rächen, nicht nur den Tod des Gesandten, sondern auch vieler Deutscher und Europäer. Kommt Ihr vor den Feind, so wird er geschlagen, Pardon wird nicht gegeben; Gefangene nicht gemacht. Wer euch in die Hände fällt, sei in Eurer Hand. Wie vor tausend Jahren die Hunnenunter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutschland in China in einer solchen Weise bestätigt werden, daß niemals wieder ein Chinese es wagt, etwa einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.“

Es würde den Rahmen dieses Eintrages sprengen, ausführliches über die Gründe dieses ersten auch damals schon zusammen mit verbündeten europäischen Truppen erfolgten Militäreinsatzes deutscher Soldaten in Asien zu schildern. Da muss der interessierte Leser sich schon selber bemühen. Nur soviel: Auch damals wurde das Völkerrecht missbräuchlich dazu verwendet den europäischen Einfluss in China wirtschaftlich und politisch auszuweiten. Auch Deutschland war damals Kolonialmacht in China. In der Stadt Tsingtao (heute: Qingdao) wurde beispielsweise die „Germania – Brauerei“ errichtet, deren Tsingtao – Bier noch heute jedem China – Restaurant – Besucher vertraut sein dürfte. Der deutsche Einfluß
in China endete mit dem 1. Weltkrieg. Die auch nach heutigen Maßstäben freiheitlichen Demokratien Großbritannien und Frankreich fuhren fort, China wirtschaftlich auszubeuten und politisch zu destabilisieren. Die USA und Japan standen dabei nicht abseits. China hat keine guten Erfahrungen mit westlichen Demokratien und der Umgang mit geldgierigen Sportfunktionären und Sponsoren wird sie in ihrem Misstrauen und ihrer Ablehnung bestärkt haben. Das gilt auch für westliche Regierungschefs, die bei ihren Besuchen rudelweise Vertreter der jeweiligen nationalen Wirtschaft im Gefolge haben und sich öffentlich damit brüsten, diesen die „Türen“ geöffnet zu haben.

Wenn die westlichen Staaten heute den Chinesen gegenüber demokratische Reformen und Einhaltung der Menschenrechte einfordern ist das vergleichbar mit dem Verhalten eines ehemals prügelnden Vaters der seinen Sohn auffordert, die eigenen Kinder gut zu behandeln. Er mag sich geändert haben, er mag recht haben – aber er kann kein glaubwürdiger Mahner sein. Er wird zurecht nicht ernst genommen.

Nun zurück zur verzerrten Wahrnehmung Chinas durch uns. Da gibt es jede Menge Klarstellungsbedarf. Man erinnere sich an das „Russen – Trauma“ unserer Großeltern die uns lehrten, Russland mit der „Sowjetunion“ gleichzusetzen. Auch im Geschichtsunterricht vermittelte man uns das Bild einer starken zu keinem Kompromiss bereite Weltmacht, unüberwindbar und natürlich böse. Wie vielschichtig dieses Staatsgebilde war wurde erst klar, als es zusammenbrach. Wer wusste vorher von Tschetschenen, Georgieren, Usbeken, Ukrainern, Armeniern und all den anderen Völkern? Mit „China“ scheint es sich ähnlich zu verhalten. Ich jedenfalls habe in den letzten Wochen zum ersten Mal wahrgenommen, dass eine nicht unerhebliche Zahl Tibeter wohl auch in anderen chinesischen Provinzen lebt. Wann werden die Mongolen aufbegehren, wann die moslemischen Völker ? Kann sein, das China ein ähnliches Schicksal droht wie der Sowjetunion.

Es kann auch sein, daß das heutige China das größte aller Globalisierungsopfer wird. Schon im September 2006 habe ich unter Bezugnahme auf Veröffentlichungen von Thomas Fricke in der Financial Times Deutschland darauf aufmerksam gemacht, dass die Lohnkosten in China schnell steigen (Siehe Quellenangaben unten). Im März war unter dem Titel „China verliert seinen Kostenvorteil“ ein aufschlussreicher Artikel von Janis Vougioukas in der „Süddeutschen Zeitung“ zu lesen. Er befaßt sich unter anderem mit den Zuständen in der ehemaligen deutschen Kolonialstadt Qingdao. Hier haben sich in den vergangenen Jahren über 5000 südkoreanische Unternehmen angesiedelt. Die Zahl der südkoreanischen Einwohner beträgt über 100.000 . Im Dezember 2006 stellte dort ein koreanischer Lederwarenhersteller über Nacht die Produktion ein. 30 Manager verschwanden über Nacht, 542 unbezahlte Arbeiter und Außenstände in Höhe von umgerechnet 9,2 Millionen Euro blieben zurück. Das war nur der Anfang. Inzwischen werden in Qingdao jede Woche vier bis fünf koreanische Geschäftsleute entführt – wohl im Auftrag von chinesischen Gläubigern die um ihr Geld fürchten und sie als Geisel nehmen.

Die chinesische Wirtschaft hat ähnliche Probleme wie wir: Gestiegene Rohstoffkosten können nicht weitergegeben werden, die Inflationsrate steigt und auch die billige genügsame chinesische Arbeitskraft ist (Gott sei Dank!) wohl eher eine Wunschphantasie provinzieller deutscher Mittelständler: „Bei ausländischen Managern in Shanghai gilt inzwischen die Faustregel, dass Büroangestellte jedes Jahr eine Gehaltserhöhung von 10% erwarten und sonst das Unternehmen verlassen.“

Wir sollten weniger Angst vor einem vermeintlich starken, homogenen China haben als vor einem China, das auseinanderfällt, das mit seinen sicher kommenden zukünftigen Wirtschaftskrisen nicht fertig wird und dessen autoritäre Führung nicht in der Lage ist , politische Reformen durchzusetzen. Nicht nur die Europäer haben hier eine aus der Vergangenheit herrührende Verantwortung. Wir sollten nach Wegen suchen, diese glaubwürdig wahrzunehmen. Drohungen, Forderungen oder das demonstrative Bestehen auf eine vermeintliche moralische Überlegenheit sind nicht der richtige Weg.

Quellen:

Zur Hunnenrede: http://de.wikipedia.org/wiki/Hunnenrede

http://manulan.blog.de/2006/09/29/wie_sich_globalisierung_entwickelt_blog~1173218

http://de.wikipedia.org/wiki/Qingdao

http://de.wikipedia.org/wiki/Tsingtao_%28Bier%29

„China verliert seinen Kostenvorteil“ von Janis Vougioukas Süddeutsche Zeitung vom 07.03.2008

"Die Physiker….. (Blog 250)

Die Physiker

…..eine „Komödie in zwei Akten“ des Schweizer Dramatikers Friedrich Dürrenmatt wurde 1962 – aus heutiger Sicht gesehen auf dem Höhepunkt des „Kalten Kriege“ – uraufgeführt. Ich lernte sie in den frühen 70er Jahren als Schullektüre kennen. Der Inhalt sei hier stark verkürzt wiedergegeben:

Der Physiker Johann Wilhelm Möbius hat „das System aller möglichen Erfindungen“ entdeckt – heute würden wir es wohl „Weltformel“ nennen. Ihm ist bewusst, das dieses Wissen demjenigen, der es nutzen kann die Weltherrschaft sichert. Da Möbius glaubt, die Welt sei nicht in der Lage mit diesem Wissen umzugehen, verlässt er seine Familie und behauptet, der König Salomo sei ihm erschienen woraufhin er in Irrenhaus eingeliefert wird, – was seine Absicht war: „Da ziehe ich mein Irrenhaus vor. Es gibt mir wenigstens die Sicherheit, von Politikern nicht ausgenützt zu werden.“

Er glaubt, verantwortlich zu handeln: „Es gibt Risiken, die man nie eingehen darf: Der Untergang der Menschheit ist ein solches. Was die Welt mit den Waffen anrichtet, die sie schon besitzt, wissen wir, was sie mit jenen anrichten würde, die ich ermögliche, können wir uns denken. Dieser Einsicht habe ich mein Handeln untergeordnet…..Auf der Universität winkte Ruhm, in der Industrie Geld. Beide Wege waren zu gefährlich. Ich hätte meine Arbeiten veröffentlichen müssen, der Umsturz unserer Wissenschaft und das Zusammenbrechen des wirtschaftlichen Gefüges wären die Folgen gewesen. Die Verantwortung zwang mir einen anderen Weg auf.“

Doch die beiden ungenannten, aber leicht als USA und UdSSR zu identifizierenden damaligen Weltmächte sind ihm auf der Spur. Sie schleusen zwei Agenten in das Sanatorium ein – auch Physiker, die sich als Irre tarnen. Der eine behauptet er sei Newton, der andere gibt sich als Albert Einstein aus. Sie sollen Möbius überreden, sein Wissen den jeweiligen Auftraggebern zur Verfügung zu stellen was sie versuchen. Möbius überzeugt sie jedoch davon, dass auch sie als Wissenschaftler verantwortlich handeln müssen. Alle drei beschließen „um der kleinen Chance willen, die nun die Welt noch besitzt“ den Rest ihres Lebens im Irrenhaus zu verbringen.

Der grausige Schluss: Es stellt sich heraus, dass die Leiterin des Sanatoriums, „Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd“ selber geisteskrank ist. Auch ihr ist der König Salomo erschienen: „Er befahl mir, Möbius abzusetzen und an seiner Stelle zu herrschen. Ich gehorchte dem Befehl. Ich war Ärztin und Möbius mein Patient Ich konnte mit ihm tun, was ich wollte. Ich betäubte ihn, jahrelang, immer wieder, und photokopierte die Aufzeichnungen des goldenen Königs, bis ich auch die letzte Seite besaß.“

Sie hat schon einige Erfindungen wirtschaftlich ausgewertet und schickt sich nun an, die Weltherrschaft zu übernehmen. Die Physiker resignieren. „Die Welt ist in die Hände einer verrückten Irrenärztin gefallen“. Ihr Opfer ist umsonst. Möbius muss erkennen: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“

Weshalb dieser Rückgriff auf ein Theaterstück, dass seinerzeit große Resonanz fand, aus heutiger Sicht jedoch eine vergangene Epoche widerspiegelt? Politiker aller Coleur beklagen seit etlichen Jahren, dass die Naturwissenschaften auf Desinteresse stieße und viel zu wenige Abiturienten Ingenieurwissenschaften studieren wollten. Unausgesprochen steht dahinter die Behauptung: Die jungen Leute sind bequem, widmen sich lieber ihren Träumen anstatt hart zu arbeiten und bahnbrechende Erfindungen zu machen. Ist das nur belangloses Gerede oder steckt in diesen Behauptungen ein wahrer Kern?

Die kolektive Erfahrung der Menschen in den europäischen und nordamerikanischen Ländern seit den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war die, dass Politiker mit Hilfe naturwissenschaftlicher Erkenntnisse – namentlich auf dem Gebiet der Kernspaltung – versuchten, die Welt zu beherrschen. Zwei völlig gegensätzliche politische Systeme standen sich unversöhnlich gegenüber und versuchten durch Hochrüstung die Oberhand zu gewinnen. Sie nutzten die Erkenntnisse von Naturwissenschaftlern, die seit der Veröffentlichung der Relativitätstheorie einen kaum vorstellbaren Wissensschub „erarbeitet“ hatten, jedoch in ihrer grossen Mehrheit weder Willens noch fähig waren der Restmenschheit ihre Erkenntnisse zu vermitteln und die auch – wie sich bald herausstellte – selber die möglichen Folgen ihrer Arbeit nicht richtig einschätzten. Wer die Argumente naturwissenschaftlich gebildeter Befürworter der Atomenergie in den 60er und 70er Jahren heute nachliest kann oft nur den Kopf schütteln.

Hier dürften die Gründe für die Abneigung und Geringschätzung vieler Menschen gegenüber den Naturwissenschaften bis zum heutigen Tag liegen: Man weiss nicht so recht worum es eigentlich geht. Die Wissenden wollen und/oder können nicht vermitteln. Skrupellose, sich legitimiert glaubende Nichtwissende die über wirtschaftlichlichen und politischen Einfluss verfügen neigen – ob leichtfertig oder aus Bosheit – zum Mißbrauch naturwissenschaftlicher Erkenntnisse.

Angesichts dieser Situation, die sich seit 1962 nicht wesentlich geändert sondern durch das Streben weiterer Staaten nach der Verfügungsmacht über Atomwaffen eher noch an Brisanz gewonnen hat, resignierte Friedrich Dürrenmatt schon damals. Dürfen wir noch hoffen? Ja. Die Erkenntnis, das naturwissenschaftliche Arbeit die Welt nicht nur gefährden, sondern sie auch retten kann indem sie nach Lösungen für die globalen Probleme im Bereich der Umwelt , der Ernährung und der Gesundheit sucht beginnt sich durchzusetzen. Auch die Bemühungen, Naturwissenschaften verständlicher zu machen werden zahlreicher

Dafür zwei Beispiele: hadis kürzlich in einem Blogeintrag:
http://hadis42.blog.de/2007/12/19/bist_du_dir_sicher~3468059
auf ein Video hingewiesen, dass sich auf fast vergnügliche Art und Weise mit der Quantenphysik befasst und in einer der letzten Ausgaben des Magazins der Süddeutschen Zeitung schrieb
Hans Magnus Enzensberger eine Reportage über die Kernfusion :
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/index.php?id=110&tx_ttnews[tt_news]=4290&tx_ttnews[backPid]=109&tx_ttnews[showUid]=372&tx_ttnews[catSelection]=6
So ein Text wäre vor kurzem in einer Wochenendbeilage kaum denkbar gewesen.

Man darf also auf ein Ende der Srachlosigkeit und des Desinteresses hoffen und wer möchte, kann auch „Die Physiker“ lesen. 79 Seiten die sich an maximal zwei Abenden vor dem Einschlafen leicht bewältigen lassen. Die Frage ist allerdings, ob man danach noch schlafen kann.

Die Grenzen der Freiheit (Blog 107)

Freiheit – Eigenverantwortung – Leistung – Guido Westerwelle wird nicht müde, seine FDP als Hüterin dieser „Werte“ darzustellen. So wie die politisch organisierten Liberalen sich gebärden, muss man vermuten, dass ihre Mitglieder lauter risikofreudige, erfolgreiche Selbständige sind.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ein erheblicher Teil der Mitglieder ist in sogenannten „freien Berufen tätig“, die eher geschlossenen Gesellschaften gleichen, die sich gerne abschotten. Auch höhere Beamte finden sich häufig – und Funktionäre der Handels- und Handwerkskammern.
Sobald die Interessen dieser Gruppen betroffen sind, spielt die „Freiheit“ keine Rolle mehr.

Das zeigte sich in der letzten Legislaturperiode während der Verhandlungen zur Gesundheitsreform als es dem ansonsten kaum bekannten Bundestagsabgeordneten Dieter Thomae gelang, die Privilegien der Apotheker weitgehend zu erhalten und die geplante Öffnung des Marktes für die Internet – Apotheken zu hintertreiben. Handwerklich gesehen ein politisches Meisterstück – aber eben auch Verhinderung einer Liberalisierung.

Das zeigte sich wieder auf dem FDP-Parteitag am vergangenen Wochenende. Angelockt durch Westerwelles marktradikale Rhetorik hatten sich in den vergangenen Jahren etliche kleine und mittelständische Unternehmer in die FDP verirrt. Im Irrglauben, hier habe man für ihre Anliegen Verständnis forderten sie die Aufhebung der Zwangsmitgliedschaft in Handels- und Handwerkskammern – was ich verstehen kann. Die Kammern sind teuer. Kleinere und mittlere Betriebe können ihre Leistungen kaum nutzen,. Außer einer Mitgliederzeitschrift erhalten sie keinen Gegenwer für ihre Beiträge. Das die Kammern ineffizient arbeiten und drigend einer Reform bedürfen bestreiten nicht einmal ihre Befürworter.

Was aber passierte auf dem FDP-Parteitag? Die Forderung nach Aufhebung der Zwangsmitgliedschaft und einer Neuorganisation der Kammern als Vereine wurde schon im Vorfeld mit 26 gegen 8 Stimmen vom FDP-Vorstand abgelehnt. Der Parteitag folgte brav und wieder einmal liess man Burkhard Hirsch, dessen Reputation man bei passender Gelegenheit gern in Anspruch nimmt, im Regen stehen.

Das könnte böse Folgen für die F’DP haben. Wenn man bedenkt, das sie ihren beachtlichen Zuwachs bei der Bundestagswahl wohl überwiegend CDU-Anhängern verdankt, die sie – in Verkennung der Realität – wählten, um ganz sicher zu gehen, dass die harten Reformen auch wirklich kommen (und die diesen Fehler kein zweites Mal machen werden), wenn man davon ausgeht, dass die inzwischen eingetretenen kleinen und mittleren Unternehmer aufgrund dieser Parteitagsentscheidung erkennen, dass den Führungsgremien der FDP ihre Probleme herzlich egal sind, dass sie nur die nützlichen Idioten für eine priviligierte, obere Mittelschicht abgeben sollten, dann könnte es sehr eng werden bei den nächsten Wahlen.

Christliche Werte (Blog 99)

Vergangenen Freitag stand es in den Zeitungen: Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen strebt gemeinsam mit den christlichen Kirchen ein „Bündnis für Erziehung“ an. „Auf christlichen Werten basiert unsere gesamte Kultur“ wird sie zitiert. Tugenden wie „Respekt, Verlässlichkeit, Vertrauen und Aufrichtigkeit“ werden als solche von Ihr benannt.

Nun ja, diese Auswahl befremdet mich schon. Nach christlichen Tugenden befragt fallen mir spontan Gottvertrauen, Nächstenliebe und Demut ein. Die von Frau von der Leyen genannten Tugenden sind meiner Meinung nach nicht explizit christlicher Natur. Ich möchte sie keinem gutwilligem Menschen, welcher Religion er auch immer anhängen mag, absprechen.

Aber bleiben wir einmal beim Fachgebiet der Ministerin. Ist „Familie“ eigentlich ein Begriff, der in der christlichen Wertvorstellung eine wichtige Rolle spielt? Um diese Frage beantworten zu können, greife ich als Protestant naturgemäss auf die einzige, für mich massgebliche Quelle zurück: Das neue Testament. Um Einwänden zuvorzukommen: Mir ist schon klar, das die im Folgenden von mir zitierten Texte zu verschiedenen Zeiten verfasst wurden und die Verfasser verschiedene Intentionen hatten. Ich halte es trotzdem für legitim, so zu verfahren zumal sich trotz dieser Unterschiede ein eindeutiges Bild ergibt. Fragen wir uns: Wie hielt es Jesus Christus mit der Familie ?

Der historische Jesus war ein charismatischer Wanderprediger der das baldige Ende der Welt in ihren damaligen Strukturen erwartete und auf eine in Kürze anbrechende, göttliche Herrschaft auf dieser Erde hoffte. Familie scheint ein Thema gewesen zu sein, dass ihn nicht sonderlich wichtig war. Im Gegenteil: Immer wieder fordert er Anhänger auf, ihre Familien zu verlassen: „Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und gingen mit Jesus“ heisst es bei Lukas (Kapitel 5 Vers 11). Das diese Männer verheiratet waren, höchstwahrscheinlich Kinder hatten und in einen Familienbetrieb eingebunden waren, scheint Jesus nicht gestört zu haben. Auch die folgendende Aussage ist eindeutig:

„Ich bin gekommen, um die Söhne mit ihren Vätern zu entzweien, die Töchter mit ihren Müttern und die Schwiegertöchter mit ihren Schwiegermüttern. Die nächsten Verwandten werden zu Feinden werden. Wer seinen Vater oder seine Mutter mehr liebt als mich, verdient nicht, mein Jünger zu sein.“ (Matthäus 10 Vers 35-37). Da ist es nur folgerichtig, das als ein Anhänger Jesus bittet, noch seinen Vater beerdigen zu dürfen, bevor er ihm folgende Antwort erhält: „Geh mit mir! Überlass es den Toten, ihre Toten zu begraben!“ (Matthäus 8 Vers 22)

Als ihm während einer „Veranstaltung“ mitgeteilt wird: „Deine Mutter und Deine Brüder stehen draussen und wollen Dich sprechen“ fragt Jesus rhetorisch: „Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? Dann zeigt er auf seine Jünger und antwortet selbst: „Hier sind meine Mutter und meine Brüder!“ (Matthäus 12 Vers 46-50). Alle überlieferten Äußerungen Jesu deuten daraufhin, dass er Familie als etwas Negatives ansah, dass sein Verhätnis zur eigenen Familie gestört war. Familie hinderte die Menschen an der Nachfolge.

Ähnlich sieht es einige Jahrzehnte später der Apostel Paulus. Im 1. Korintherbrief (Kapitel 7) äußert er sich eher widerwillig zur Ehe („sonst verführt euch der Satan weil der Trieb in euch zu mächtig ist“). Ausdrücklich heisst es am Ende: „Das ist keine bindende Vorschrift, sondern ein Zugeständnis. Viel lieber wäre es mir, wenn alle ehelos lebten, wie ich.“ Im Mönchswesen und im katholischen Priestertum leben diese menschenfeindlichen Traditionen des Christentums fort.

Ja, Frau von der Leyen, auch das sind „Christliche Werte“. Wollen sie diese Vorstellungen zur Grundlage ihrer Erziehungspolitik machen? Ich habe nicht den Eindruck. Ihr Familienbild scheint mir weniger christliche als archaische Züge zu tragen. Sie verwechseln das was. Zu ihrer Information: Die kulturelle Entwicklung in Europa hat seit dem frühen Mittelalter Fortschritte gemacht: Da gab es die Reformation, die Aufklärung, die französiche Revolution und jede Menge natur- und geselschaftswissenschaftliche Erkenntnisse. Die Welt ist grösser als Nnedersachsen und Berlin. Machen Sie sich kundig. Sie werden jede Menge Anregungen finden.

Profalla gegen Ausstieg aus dem Bergbau…… (Blog 93)

……so wars heute morgen in der WAZ zu lesen. Der CDU-Generalsekretär sprach auf einer Betriebsrätekonferenz der DSK (Deutsche Steinkohle AG) . „Immer wieder begleiteten die Betriebsräte seine Ausführungen mit starkem Beifall“. Angesichts der wachsenden Abhängigkeit von Energieimporten wäre es „fatal, den deutschen Steinkohlenbergbau auslaufen zu lassen“.

So argumentieren SPD und Gewerkschaften seit Jahrzehnten, eigentlich bereits seit der Ölkrise in der ersten Hälfte der 70er-Jahre. Aber seit der Preisetwicklung des Rohöls im vergangenen Jahr, dem Mangel an Koks und dem damit verbundenen Preisanstieg auch für dieses Produkt hat diese Argumentation an Gewicht gewonnen. Noch in den 90er Jahren demontierten Chinesen im Ruhrgebiet „unrentable“ Kokereien und bauten sie in China wieder auf.
Jetzt fehlen sie der boomenden Stahlindustrie als Zulieferbetriebe.

Einsicht kommt nie zu spät könnte man in diesem Fall sagen. Aber Profalla, der zwar aus Nordrheinwestfalen stammt, jedoch Bundespolitiker ist, wird erst einmal seine hiesigen Parteifreunde überzeugen müssen. Hier gibt es nämlich seit dem vergangenen Jahr eine schwarz-gelbe Koalition. Im Koalitionsvertrag ist auf Druck der FDP der Ausstieg aus der Kohleförderung als Ziel dieser Landesregierung festgeschrieben worden. Die Liberalen argumentieren in diesem Fall nicht sachlich, sondern marktideologisch. In der nordrheinwestfälischen CDU – so mein Eindruck – geben die Provinzler aus den Randgebieten wie der ältliche Mittelständler Helmut Linssen den Ton an, die nichts Besseres zu tun haben, als sich am Ruhrgebiet durch Mittelkürzungen für die langjährige Behinderung der eigenen Karriere zu rächen.

Natürlich stimmt es auch, das die Kohle-Lobby nach wie vor ein völlig unangemessenes Selbstbewusstsein an den Tag legt und dass sie seit den 60er Jahren den schon damals erkennbar nötigen Strukturwandel behindert hat, wo sie konnte. Man hatte damals allen Ernstes Angst, es würden sich für die Zechen nicht mehr genug Arbeitskräfte finden, wenn es im Ruhrgebiet Alternativen am Arbeitsmarkt gebe. Auch das der Schröder-Paladin Werner Müller jetzt die ursprünglich von der ersten grossen Koalition als Auffangbecken für die kränkelnde Kohleindustrie gegründete RAG durch die Gründung einer Aktiengesellschaft entschulden und das Risiko für die Altlasten (Bergschäden etc.) dem Staat aufhalsen will, ist eine Frechheit, die in der Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit ihresgleichen sucht.

Profalla hat angekündigt, es werde noch in diesem Jahr verbindliche Regelungen, die Zukunft des Bergbaus betreffend, geben. Man kann nur hoffen, das diese nicht durch ideologische Vorbehalte und kleinliches Kirchtumdenken verhindert werden.

Über Johannes Rau Teil 2 (Blog 88)

Zehn Jahre später wurde Johannes Rau Kanzlerkandidat der SPD. Nicht ganz freiwillig. Er hatte gezögert, die Kandidatur anzunehmen – aber ihm blieb keine Wahl. Zwischenzeitlich hatte er zwei mal mit absoluter Mehrheit die Landtagswahl im grössten Bundesland gewonnen, er polarisierte nicht und seine Sympathiewerte in den Umfragen waren hoch. Es schien keinen besseren Kandidaten für die SPD zu geben.
Aber wofür stand er eigentlich ? Welche Pläne hatte er ? Wie sollte es mit der Bundesrepublik weitergehen? Befragt, mit welchem Partner er regieren wolle, wich er aus. Er beharrte darauf, er strebe eine „eigene Mehrheit“ an. Das konnte nur bedeuten, das er auf eine absolute Mehrheit der SPD setzte. Ein solches Ergebnis traute ihm aber niemand zu. Es hat bis heute in dedr Geschichte der Bundesrepublik nur einmal (Ende der 50er Jahre) eine absolute Mehrheit gegeben. Die SPD hatte bei der vorherigen Bundestagswahl 38,2% der Stimmen gewonnen. Sollte der Traum von der „eigenen Mehrheit“ Wirklichkeit werden hätte er deutlich mehr als 10% hinzugewinnen müssen. Auch dies ein Ding der Unmöglichkeit. Eine Koalition mit den Grünen kam für Johannes Rau ebenfalls nicht in Frage.
Zweifel wurden laut. Auch bei den eigenen Leuten. Wie konnte man so wirklichkeitsfremd sein ? Wie sollte man mit so einer Aussage Wahlkampf machen ? Man machte sich vor den Leuten lächerlich wenn man man angesichts der damaligen Lage behauptete, man rechne mit einer absoluten Mehrheit. In dieser Situation fiel die Äußerung Willy Brandts, die sinngemäss besagte ein Ergebnis von mehr als 40% sei ja schliesslich auch ein Erfolg. Damit falle der Parteivorsitzende dem eigenen Kandidaten in den Rücken hiess es damals. Es war aber wohl eher der Versuch einer Schadensbegrenzung, wenn auch ein misslungener. Rau schaffte nicht eeinmal 40%. Er verlor sogar noch Stimmen. Am Ende waren es 37%.
Nun war Rau ja eher Realist als Träumer. Wie konnte er sich ein derart unrealistisches, unglaubwürdiges Ziel setzen ? Es lag wohl daran, dass er seit 10 Jahren nur Wahlen gewonnen hatte. Ich bin überzeugt davon, dass die Erfahrung, die er bei der Auseinandersetzung mit Friedhelm Farthmann gemacht hatte (siehe Blog 87) eine Rolle gespielt hat. Die Erfahrung, etwas unmöglich Scheinendes möglich gemacht zu haben, einen Sieg errungen zu haben an den keiner vorher geglaubt hatte, hat ihm den Blick auf die Realität verstellt. Er glaubte wirklich, die Bundestagswahl allein gewinnen zu können.
Ja der Glaube! Johannes Rau stammte aus einem protestantisch-fundamentalistischen Millieu. Ich bin in einem ähnlichen Umfeld gross geworden, habe darunter gelitten (Blog 28 + 29). Deshalb wage ich diesen Versuch, das Geschehene zu deuten:
Wir Protestanten sind im Grunde davon überzeugt, das Gott immer auf unserer Seite steht , das unser Gaube „Berge versetzten“ kann. Das kann eine grosse Hilfe im Leben sein. Es kann aber auch zu Realitätsverlust und Selbstgerechtigkeit führen (George Bush ist ein typisches Beispiel). Es lässt uns manchmal vergessen, das wir demütig bleiben und uns und unsere Ziele immer wieder in Frage stellen müssen.
Vielleicht hat Johannes Rau das damals vergessen. Er glaubte, die Realität ignorieren zu können weil er „höhere Mächte“ auf seiner Seite wähnte. Sein Scheitern ist ein mahnendes Beispiel aus dem jeder für sein eigenes Leben Schlüsse ziehen kann – wenn er es denn will.

Über Johannes Rau (Blog 87)

1977 habe ich Johannes Rau „live“ auf einem Parteitag erlebt. Ich war damals bei den Jungsozialisten Am Vorabend des Landesparteitages hatten wir gefeiert. Unser damaliger Vorsitzender – der auch Parteitagsdelegierter war, hatte derartig viel getrunken, dass er am Morgen danach nicht in der Lage war, selber zum Parteitag zu fahren. „Du musst mich da hin bringen“ sagte er zu mir und so kam es , das ich Gelegenheit hatte, diese Veranstlatung als Gast zu beobachten.
Es ging um den Landesvorsitz Nordrhein-westfälischen SPD. Aber nur vordergründig. Das war nämlich kein Amt von grosser Bedeutung. Den weitaus grösseren Einfluss hatten damals die mächtigen Bezirksvorsitzenden. Trotzdem kandidierten zwei Schwergewichte wie Friedhelm Farthmann und Johannes Rau. Eigentlich ging es um die Nachfolge des damaligen Ministerpräsidenten Heinz Kühn und allen war klar: Wer diese „Vorwahl“ verlor, brauchte garnicht erst anzutreten, wenn es um dessen Amt ging.
Friedhelm Farthmann war haushoher Favorit. Er hatte die Gewerkschaften hinter sich, er war bei der „Basis“ beliebt, in der Presse, unter anderem in der „Zeit“, waren schon Wochen zuvor wohlwollende Portraits über den neuen „starken Mann“ der SPD in Nordrhein-Westfalen erschienen.
Beide Kandidaten hatten eine Viertelstunde Zeit für eine Vorstellungsrede. Farthmann begann. Er brauchte keine zehn Minuten. Sinngemäss sagte er: Ihr wisst, wer ich bin. Ihr wisst, was ich vorhabe. Lasst uns nicht viele Worte machen und beginnen. Er redete wie jemand, der schon gewonnen hatte. Er nahm die Delegierten nicht ernst. Das war ein Fehler.
Johannes Rau schöpfte seine Redezeit voll aus. Es gelang ihm, mit wenigen Worten alle wesentlichen Aspekte der Landespolitik anzusprechen, mögliche Problemlösungen aufzuzeigen und den Delegierten das Gefühl zu geben, das er um Ihre Stimmen kämpfte. Bis zum heutigen Tag habe ich keine so gute viertelstündige Rede mehr gehört.
Dann wurde gewählt. Während das Ergebnis ausgezählt wurde, hatte ich Gelegenheit, auf dem Flur mit einigen Delegierten zu sprechen. Alle, die ich sprach äußerten sich in dem Sinne, das Johannes Rau vielleicht doch der bessere Kandidat sei, aber das letztlich wohl Fahrtmann vorn liegen werde. Farthmann lag nach der Abstimmung auch vorn, aber mit einem so knappen Vorsprung, dass ein zweiter Wahlgang notwendig wurde. Als offenbar wurde, wie unerwartet eng die Kandidaten beieinander lagen, kippte die Stimmung endgültig. Im nächsten Wahlgang hatte Johannes Rau mehr Stimmen als Farthmann
Vielleicht war dies der wichtigste Moment in seiner politischen Karriere. Hätte er diese Wahl nicht gewonnen, wäre er ein relativ unbedeutender Landesminister geblieben, wäre weder Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen noch Bundespräsident geworden. Aber jeder Sieg trägt auch den Keim einer künftigen Niederlage in sich. Ich möchte die These aufstellen, dass das Scheitern von Johannes Rau als Kanzlerkandidat zehn Jahre später auch etwas mit den Geschehnissen dieses Tages zu tun hatte. Die Begründung erfolgt in meinem nächsten Blogeintrag.