GESTERN HATTE ER GEBURTSTAG (BLOG 348)

Den 260. übrigens. Es war eine schwere Geburt die sich über drei Tage hinzog; ohne Arzt, mit einer ungeschickten Hebamme. Blau und leblos war das Kind. Es wurde geschüttelt, die Herzgube mit Wein eingerieben. Das half.

Von Johann Wolfgang Goethe ist die Rede dessen Leben in eine Zeit des Umbruchs fiel. Er wurde in einer mittelalterlich geprägten Stadt groß, erlebte im Laufe seines Lebens die französische Revolution, den Zusammenbruch Deutschlands in den napoleonischen Kriegen, den Aufbruch der Naturwissenschaften und die beginnende Industriealisierung. Dies alles nahm er bewußt wahr, beschrieb und wertete es, nahm im Rahmen seiner Möglichkeiten auch teil am Geschehen.

Goethe war auf Ewigkeit aus. Seine Popularität gefiel ihm. Sie sollte nach seinem Tod erhalten bleiben. Deshalb schrieb er Tagebücher, beschäftigte Sekretäre, empfing Besucher. Das 177 Jahre nach seinem Tod ein Text wie dieser veröffentlicht wird – er würde es mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen.

Zeitlebens brauchte er sich keine finanziellen Sorgen zu machen. Es wird geschätzt das der Vater ein Drittel des (beträchtlichen) Familienvermögens allein für das Studium des Sohnes (das mit einem fragwürdigen Abschluß endete) verwandte. Er fand einen Arbeitgeber der als er erfuhr das sein leitender Angestellter sich spontan und ohne Vorankündigung entschlossen hatte sich zwecks Auseinandersetzung mit einer Lebenskrise auf unbestimmte Zeit (Es wurden 21 Monate) einen Italienurlaub zu gönnen einen Brief schrieb in dem er sinngemäß mitteilte das Gehalt werde weiter gezahlt.

Die dunkle Seite: Goethe war ein Mensch, der Menschen verbrauchte. Beziehungen ohne erkennbaren Grund abbrach, Freunde nicht mehr sehen wollte, sich bedroht fühlte, von Ängsten geplagt wurde.

Aber eben auch ein Mensch der viele Möglichkeiten hatte und viele davon nutzte. Dem die Chance, ein exemplarisches Leben zu führen bewußt war und sie ergriff.

Ich möchte nachträglich per Video eines seiner späten Gedichte zu Gehör bringen – wenn man so will: Ein Gedicht zum Geburtstag aufsagen. Der Text erschließt sich nicht leicht. Hier ist er:

Im ernsten Beinhaus wars, wo ich beschaute,
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih geklemmt, die sonst sich haßten,
Und derbe Knochen die sich tötlich schlugen
Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten.
Entrenkte Schulterblätter! Was sie trugen,
Fragt niemand mehr, und zierlich tätge Glieder,
Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.
Ihr Müden also lagt vergebens nieder,
Nicht Ruh im Grabe ließ man euch, vertrieben
Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder,
Und niemand kann die dürre Schale lieben,
welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.
Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,
Die heilgen Sinn nicht jedem offenbarte ,
Als ich inmitten solcher starren Menge
Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte,
Daß in des Raumes Moderkält und Enge
Ich frei und wärmefühlend mich erquickte,
Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.
Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!
Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!
Ein Blick der mich an jenes Meer entrückte ,
Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.
Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten?
Dich holden Schatz aus Moder fromm entwendend
Und in die freie Luft, zu freiem Sinnen,
Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als das sich Gott -Natur ihm offenbare ?
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

Wer sich bis jetzt nicht hat abschrecken lassen und mehr wissen möchte sei auf eine Interpretation des Gedichtes hingewiesen:

http://tinyurl.com/n84v45_

Und nun bitte ich um wohlwollende Nachsicht mit dem „Sprecher“. Es werden zwei Möglichkeiten angeboten, sich das Video anzuschauen einmal diese:

http://www.blog.de/media/video/goethe_beinhaus/3835874

Und da dies erfahrungsgemäß nicht immer klappt hier noch eine Alternative:

http://de.sevenload.com/videos/Bsydq7z-Goethe-Beinhaus

Zuletzt möchte ich noch auf meine wesentliche Quelle verweisen. Richard Friedenthals Buch: „Goethe sein Leben und seine Zeit ist – obwohl bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben – immer noch die verständlichste und detailreichste Lektüre wenn man einen Zugang zu Goethe sucht.