Schillers Schädel (Blog 274)

Schillers Schädel (Blog xxx)

Auf keinen der beiden Schädel von denen man bisher annahm, sie könnten zu den Überresten des Körpers von Friedrich Schiller gehören trifft diese zu. Das weiß man nun – Dank einer DNA–Analyse.

Mich hat diese Geschichte befremdet. Wer hat eigentlich ein Interesse an solcher „wissenschaftlichen“ Tätigkeit? Was hat man nun mit dieser „Gewissheit“ gewonnen – oder doch verloren? Ich muß zugeben, zeitlebens Schillers Werk vernachlässigt zu haben. Mit seinem „Freund“ Goethe habe ich mich dagegen zeitlebens intensiv beschäftigt. Zuerst mit der Begeisterung die ein guter Deutschlehrer bei einem jungen Menschen wecken kann, inzwischen fast widerwillig weil er mir als Mensch – je mehr ich von ihm erfahre immer fremder und unsympathischer wird – aber er lässt mich nicht los.
Vielleicht liegt es an Geschichten wie dieser:

http://www.schiller.ard.de/entdecken/episode.php?id=43

Goethe der wie man spätestens seit Richard Friedenthals Biographie weiß, ein schlechter Freund war, einer der Menschen (wie den armen Eckermann) „verbrauchte“ , der von heute auf morgen langjährige Beziehungen abbrechen konnte, der Freunde nicht empfing wenn sich nach Jahrzehnten die Gelegenheit des Wiedersehens bot (Klinger), der die eigene Frau sterben ließ, ohne bei ihr zu sein – dieser Goethe läßt sich den – wie man seit dem vergangenen Wochenende weiß „vermeintlichen“ Schädel des vor mehr als 20 Jahren gestorbenen Friedrich Schiller bringen und schreibt als 78jähriger dieses Gedicht, das mich als ich vor drei Jahrzehnten eher zufällig darauf stieß, sofort gefangen nahm, das ich sofort auswendig lernen musste und mich seither begleitet:

Im ernsten Beinhaus war’s, wo ich beschaute,
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih‘ geklemmt, die sonst sich haßten,
Und derbe Knochen, die sich tödlich schlugen,
Sie liegen kreuzweis zahm allhier zu rasten.
Entrenkte Schulterblätter! was sie trugen,
Fragt niemand mehr, und zierlich-tät’ge Glieder,
Die Hand, der Fuß, zerstreut aus Lebensfugen.
Ihr Müden also lagt vergebens nieder,
Nicht Ruh‘ im Grabe ließ man euch, vertrieben
Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder,
Und niemand kann die dürre Schale lieben,
Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahrte.
Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,
Die heil’gen Sinn nicht jedem offenbarte,
Als ich inmitten solcher starren Menge
Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte,
Daß in des Raumes Moderkält‘ und Eng
Ich frei und wärmefühlend mich erquickte,
Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.
Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!
Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!
Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,
Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.
Geheim Gefäß! Orakelsprüche spendend,
Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten,
Dich höchsten Schatz aus Moder fromm entwendend
Und in die freie Luft zu freiem Sinnen,
Zum Sonnenlicht andächtig hin mich wendend.
Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare?
Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen,
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

Das „Geisterzeugte“ – das ist was zählt. Nicht Überreste des Körpers. Das was wir gesagt, gesungen, geschrieben haben ist unsere Chance auf so etwas wie ein ewiges Leben. Das kann – mit Glück natürlich – Jahrhunderte, sogar Jahrtausende fortwirken.

Und in aller Unbescheidenheit: Das gilt natürlich auch für uns Blogger. Unsere Texte, Fotografien, Viedeos – das ist unsere persönliche Chance auf die Ewigkeit. Nehmt sie wahr!